Die Lerche (Beurteilung)

[305]
Beurtheilungen
einiger Fabeln aus den Belustigungen.

Damit diejenigen Leser, die meine Fabeln in den Belustigungen immer noch für gut halten, prüfen können, ob ich Recht habe, wenn ich nicht ihrer Meynung bin: so will ich drey derselben, die noch gar nicht die schlechtesten sind, wählen, und sie beurtheilen. Ich hoffe, zu gleicher Zeit Anfängern in der Poesie einen Dienst zu thun, und sie an meinem Exempel zu lehren, wie sie ihre eignen, oder ihrer Freunde Versuche beurtheilen, und sich nicht so fort mit den Gedanken schmeicheln sollen, daß sie für die Welt schreiben können, weil sie schreiben können.

Die erste Fabel, die ich wählen will, um die Fehler, die darinne begangen sind, um das Müßige, Undeutliche, Weitläuftige, und Gereimte zu zeigen, soll die Lerche seyn, weil ich dieses Stück zu der Zeit, da ich es verfertiget, mit einer besondern Autorliebe betrachtet habe.

Die Lerche.

I.

Bey manches Morgens hellem Schimmer
Sang Damons Lerche froh bemüht,
Mit Schmettern durch das ganze Zimmer,
Dem lieben Wirth ein Morgenlied,

5
Und ruhte nicht, bis daß ihr Klang

Das ganze Haus erfüllt durchdrang.

[306]
2.

     Einst lehnt ihr Damon zum Vergnügen
Das Thürchen nicht beym Füttern an,
So, daß sie aus dem Bauer fliegen

10
Und in der Stube flattern kann.

Sie fliegt; und sang sie vormals sehr,
So sang sie itzt noch dreymal mehr.

3.

     Auch Vögeln ist die Freyheit lieber,
Als Kerker, welche Gold umzieht.

15
Sie sitzt so, daß sie gegenüber

In Damons großen Spiegel sieht.
Sie sieht sich selbst, und meynt dabey,
Daß dieses Bild die Schwester sey.

4.

     Sie stutzt und regt die kleinen Schwingen,

20
Bald will sie fort, bald bleibt sie hier;

Dann fängt sie schmetternd an zu singen.
Drauf öffnet Damon bald die Thür.
Da dringt der Schall im Augenblick
Aus dem gewölbten Saal zurück.

5.

25
     Sie läßt sich zwo Minuten stören;

Die Ehrfucht martert ihren Geist.
Sie meynt die Schwester selbst zu hören,
Die ihr der falsche Spiegel weist.
Drauf läßt sie sich mit sich allein

30
Betrogen in den Wettstreit ein.
[307]
6.

     Sie singt aus ehrsuchtsvollem Grimme;
Sie zieht, sie trillert, mengt und paart
Der hellen Kehle starke Stimme
Auf hundert und auf tausend Art.

35
Umsonst ist ihre ganze Müh;

Stets singt das Echo so, wie sie.

7.

     Noch läßt sie sich nicht kraftlos finden,
Sie singt, und will zu ihrer Pein
Eh sterben, als nicht überwinden,

40
Eh siegen, als am Leben seyn.

Sie singt; allein zu ihrer Schmach:
Das Echo wacht, und thut es nach.

8.

     Drauf schießt sie bey dem letzten Zuge,
Die so bethörte Sängerinn,

45
Mit aufgebrachtem schnellen Fluge

Nach der verhaßten Freundinn hin,
Und stößt sich in der Raserey
Am Spiegel Kopf und Hirn entzwey.

9.

     Hier trägt sie Damon aus der Stube,

50
O! spricht er, da er nachgedacht,

O! kämen die in eine Grube,
Die Ehr und Schatten umgebracht:
So würdest du wohl manchem Held,
Und manchem Weisen beygesellt.

[308] Zuerst will ich die Handlung ausziehen. Eine Lerche singt oft ihrem lieben Wirthe, dem Damon, früh ihr Morgenlied. Einst macht er ihr bey dem Füttern aus Gefälligkeit den Bauer nicht wieder zu, damit sie herausfliegen kann; und nun singt sie noch stärker, setzt sich gegen den Spiegel über, und sieht ihr eignes Bild für einen Nebenbuhler an. Sie singt. Damon öffnet darauf die Thüre, und das Echo dringt aus dem gewölbten Saale in die Stube. Die Lerche glaubt also ihren Nebenbuhler im Spiegel zu hören, und läßt sich mit ihm in einen Wettstreit ein, bis sie endlich, da sie ihn nicht überwinden kann, in der Hitze nach dem Spiegel fliegt, und sich den Kopf zerstößt.

Die Moral. Wenn alle diejenigen, die der Ehrgeiz und ein Schatten umgebracht, sagt Damon, in eine Grube kämen, so müßtest du bey manchem Helden und Weisen liegen.

Die Handlung, an und für sich betrachtet, scheint das Anziehende zu haben, in so weit sie selten, unerwartet, und doch wahrscheinlich, und endlich ein sinnliches Bild des menschlichen Ehrgeizes ist; betrachtet mit der Moral, scheint sie gewisse Züge, oder Theile zu haben, davon man die Deutung nicht wohl einsehen kann. Die Lerche sieht sich selbst im Spiegel, und hält sich für eine fremde Lerche. Recht gut! Sie hört das Echo ihrer Stimme, und hält es für die Stimme ihres Nebenbuhlers. Auch gut! Die Lerche kann beides in der Fabel thun, weil sie [309] es außer der Fabel zu thun scheint. Ich setze nunmehr einen ehrgeizigen Menschen an die Stelle der Lerche. Er sey ein Auror, ein Held, ein Staatsmann. Er glaubt, durch die Einbildung betrogen, daß er Nebenbuhler habe; diese zu übertreffen, strengt er seinen Ehrgeiz so lange an, bis er darunter erliegt. Ist alles richtig in dieser Vergleichung? Glaubt der Ehrgeizige nur Nebenbuhler zu haben, oder hat er sie nicht wirklich? Er hat sie; und wie der Thor immer noch einen größern Thoren findet, der seinen Werth bewundert: so findet der Ehrsüchtige immer einen noch Ehrsüchtigern, der mit kleinern oder grössern Kräften ihn zu übertreffen sucht. Also harmonirt die Fabel nicht genug mit der Moral; oder sie scheint ein Körper zu seyn, der seiner Seele, der Moral, nicht genug angemessen ist. Was ist das Echo, das die Lerche für ihre eigne Stimme hält, in Ansehung des Ehrgeizigen? Das weis ich itzt eben so wenig, als ich es damals mag gewußt haben, da ich die Fabel entworfen. Wir wollen nunmehr die Stellungen der Handlung, oder die einzelnen Theile bestrachten, aus denen sie zusammengesetzt ist. Ist alles, was vorgeht, so beschaffen, daß der Erfolg ohne dasselbe nicht wohl hätte geschehen können, oder daß die Erdichtung weniger anziehend geworden wäre? Es ist offenbar, daß theils müßige Theile vorhanden, theils die nothwendigen mit Zierrathen beschweret sind, welche sie nicht heben, sondern nur belästigen.

Warum muß die Lerche erst im Bauer seyn? Warum muß ihr Damon zum Vergnügen die Thüre [310] offen lassen? Das erste deswegen, damit sie Damon heraus lassen kann; und das andre deswegen, damit sie in dem Zimmer frey sitzen, und sich im Spiegel sehen kann. War das nöthig in Ansehung des Erfolgs? Nein, sie durfte nur gleich frey im Zimmer seyn, und dem Spiegel gegen über sitzen. Dieses ist also der Punkt, wo die Handlung hätte anfangen sollen, damit sie die Kürze, die nöthige Tugend der Erzählung, erhielte. Folglich sind beynahe die drey ersten Strophen müßig. Die andern Theile sind zwar nothwendig, aber mit verschiednen kleinen Umständen beladen, welche das Stück nur erweitern, ohne es zu verschönern. Hieher gehört insbesondere die siebente Strophe.

Aus diesen Critiken lassen sich die übrigen von der Art zu erzählen größten Theils schließen. Sie ist weitschweifig, und eben deswegen matt. Sie will sich durch eingeschaltete Beschreibungen beleben; aber diese Beschreibungen sind zu leer, und ermüden. Sie enthalten nichts, als das ewige Gesinge der Lerche, das eben nicht schön beschrieben ist.

In der Schreibart selbst fehlt das Leichte, Freywillige und Muntre. Braucht man noch zu fragen, warum die Fabel nichts taugt, wenn auch ihr Innhalt noch so gut wäre? Ist es nicht Fehler genug, ängstlich, und gezwungen zu erzählen? Sie ist, wie viele andre aus den Belustigungen, in dem Versmaaße der Ode erzählet. Ich will gern zugeben, daß diese Versart zuweilen von dem Innhalte, zumal [311] von einem ernsthaften, oder dem man das Ansehen des Ernstes geben will, verlanget werden kann; und wir haben gute Exempel von dieser Art. Allein in den meisten Fällen verträgt sich der Zwang der Strophen, der sich immer gleichen Zeilen, der bestimmten Ruhepunkte in den Strophen, nicht mit den Tugenden der Erzählung. Man darf, um sich davon zu überzeugen, nur einen Versuch mit einer guten Fabel, die in freyen Versen erzählt ist, machen, und sie in das Versmaaß der Ode übertragen; wie bald wird man sehen, daß die besten Stellen verloren gehen; daß dieser Gedanke in einer längern Zeile gesagt seyn will; daß er oft, wenn er nur ein Wort verliert, nicht mehr so natürlich, oder scherzhaft klingt; daß selbst die Länge und Kürze der Zeilen bald den Nachdruck, bald die Anmuth im Erzählen befördert! Und wo ist in der Strophe der Platz zu den Nebenbetrachtungen, zu einer kleinen, im Vorbeygehen angebrachten Spötterey, zu gewissen Wiederholungen und andern kleinen Schönheiten der Erzählung?

Ich will den Beweis von den Fehlern der Schreibart nunmehr im Kleinen geben.

Erste Strophe. Bey manches Morgens; sehr hart und rauh. Hellem Schimmer; hell, ein überflüßiges Beywort. „Die Lerche sang bey manches Morgens hellem Schimmer froh bemüht dem lieben Wirth ein Morgenlied.“ Was heißt froh bemüht? Mit einer Mühe, die ihr zum Vergnügen [312] ward? Es ist gezwungen, undeutlich, und dem Reime zum Besten gesagt. Eben dieses gilt auch von dem Schimmer des Morgens, der seine Existenz hier dem Zimmer zu danken hat. Das Morgenlied scheint mir hier auch nicht schön zu seyn, ob es gleich gewiß ist, daß die Lerchen des Morgens am stärksten singen; man denkt dabey an das Abendlied. „Und ruhte nicht, bis daß ihr Klang das ganze Haus erfüllt durchdrang.“ Klang; unnatürlich. Es sollte Gesang heißen. Was bedeutet hier erfüllt? Heißt es der Klang, der das ganze Haus erfüllt hatte, oder mit dem das ganze Haus war erfüllt worden? Setzt man das Participium in dem einen oder in dem andern Falle, nach dem Sprachgebrauche, so wie es hier steht? Niemals. Also ist es undeutlich, oder wider die Grammatik; und sollte erfüllend heißen, wenn ja ein Participium gebraucht werden mußte. Und wenn es beides nicht wäre: so ist es doch überflüßig, weil in dem Worte durchdringen das Erfüllen schon enthalten ist.

Zweyte Strophe. „Einst lehnt ihr Damon zum Vergnügen das Thürchen nicht beym Füttern an.“ Anlehnen ist nicht der rechte Ausdruck, oder es sollte heißen: er lehnte es nicht wieder an; besser: er ließ die Thüre offen. Aber so hätte der folgende Reim, kann, nicht bestehen können. „So, daß sie aus dem Bauer fliegen und in der Stube flattern kann.“ Das so, daß, ist sehr demonstriret, ist zu gezwungen, oder doch prosaisch. Wenn [313] sie aus dem Bauer fliegt, so weis ich schon, daß sie in der Stube flattern kann; und wenn sie das Letzte thut, muß das Erste geschehen seyn. Ein Umstand ist überflüßig. In der Stube flattern, sagt man auch nicht, sondern lieber herumflattern. Flattern soll hier ein lachender Ausdruck seyn, thut aber keine gute Wirkung. „Und sang sie vormals sehr: so singt sie itzt noch dreymal mehr.“ Mehr, harmonirt mit dem sehr nicht, sondern mit dem Reime. Es sollte heißen: noch dreymal stärker. Die ganze Strophe ist prosaisch und gedehnt.

Dritte Strophe. „Auch Vögeln ist die Freyheit lieber, als Kerker, welche Gold umzieht.“ Diese Sentenz steht nicht an ihrem Orte. Kerker paßt zur Freyheit nicht gut. Es sollte Sklaverey heißen. Sie sitzt so, daß; prosaisch. Damons großer Spiegel. Wozu Damons? Kann der Spiegel jemanden anders gehören? Es wäre besser, der Spiegel hätte gar kein Beywort. „Sie sieht sich selbst, und meynt dabey, daß dieses Bild die Schwester sey.“ Meynt dabey; gezwungen und gereimt. Dieses Bild; was für ein Bild? Es ist ja noch keines da gewesen, auf welches dieses gehen könnte. Also ihr eignes Bild, oder das sie itzt sieht. Die Schwester. Warum Schwester? War es eine Sie? und war die singende Lerche auch eine Sie? Ueberhaupt ist der Familienname Schwester hier nichts artiges, denke ich.

Vierte Strophe. „Sie stutzt und regt, vermuthlich bewegt, die kleinen Schwingen.“ Klein, ist hier [314] ein sehr überflüßiges Beywort. Bald will sie fort; Wohin? Bald bleibt sie hier. Es sollte wohl heißen: Bald will sie auffliegen, bald hält sie sich wieder zurück. Drauf öffnet Damon bald; bald ist geflickt. Die Thür, statt der Thüre, da die folgende Zeile sich mit keinem Vocale anfängt, wie hart! „Da dringt der Schall im Augenblick aus dem gewölbten Saal zurück.“ Da, ist hier prosaisch. Im Augenblick, scheint gereimt zu seyn. Aus dem gewölbten Saal; Ist dieser Saal ein Vorsaal? Vermuthlich. Und warum öffnet Damon die Thüre zum Saale? Die Lerche hätte ja davon fliegen können?

Fünfte Strophe. „Sie läßt sich zwo Minuten stören.“ Aber warum nicht mehr, nicht weniger Minuten? Ist zu arithmetisch bestimmt. „Die Ehrfucht martert ihren Geist.“ Der Geist der Lerche, vielleicht auch das Martern ist sehr poetisch und gezwungen. „Sie meynt die Schwester selbst zu hören.“ Die Schwester; weg damit! Selbst ist überflüßig und nur des Versmaaßes wegen da. „Die ihr der falsche Spiegel weist.“ Der falsche Spiegel, weil er die Einbildung der Lerche betrog, kann poetisch richtig seyn; allein ein falscher Spiegel heißt auch so viel, als ein Spiegel, der den Gegenstand nicht getreu darstellt. „Drauf läßt sie sich mit sich allein betrogen in den Wettstreit ein.“ Drauf ist kurz vorher da gewesen. Betrogen; dieses Participium sieht hier an keinem guten Orte, [315] und verursacht eine Dunkelheit. In den Wettstreit; nicht den, sondern einen; ist wider die Sprache.

Sechste Strophe. „Sie singt aus ehrsuchtsvollem Grimme.“ Grimm scheint zu viel für das Singen einer Lerche zu seyn. Vor Grimme nach dem Spiegel fliegen, dieses würde man eher sagen. „Sie zieht, sie trillert, mengt und paart der hellen Kehle starke Stimme auf hundert und auf tausend Art.“ Diese drey Verse betrügen auf den ersten Anblick, und scheinen harmonisch zu seyn. Sie zieht und trillert; gehen diese Worte auch auf die Stimme? Sie zieht und trillert die Stimme; das kann wohl nicht seyn. Aber sie stehen doch so, und also sind es ambigue dicta. Sie mengt die Stimme der Kehle, und paart sie. Wie kann ich eine Stimme mengen? Töne möchten wohl gemenget werden können; und doch wollen mir die gemengten und gepaarten Töne auf hundert und tausend Art gar nicht gefallen. Man sagt auf hunderttausend oder tausenderley Art im gemeinen Leben; und wenn dieses richtig ist, so ist es doch ganz prosaisch. Der Poet muß sich von der Prosa zu entfernen wissen, auch da, wenn er den niedrigsten Styl redet.

Le Stile le moins noble a pourtant sa noblesse.

Siebente Strophe. Noch läßt sie sich nicht kraftlos finden; ist gezwungen gesagt. Es soll heißen: dennoch fährt sie herzhaft fort. Sie singt und will zu ihrer Pein eh sterben, als nicht überwinden, eh siegen, als am Leben seyn. Sehr heroisch von der Lerche. Aber worauf geht das zu ihrer Pein? [316] Auf das Sterben? Sie will also zu ihrer Pein sterben? Sehr fremd geredt. Dem einzelnen Worte, singen, sollte nicht die Redensart entgegen gesetzt stehen, am Leben seyn, sondern leben. Es ist natürlicher und verhältnißmäßiger. Wer sieht nicht, daß die Reime Pein und seyn wider das Natürliche dieser Stelle sich empört haben? Aber der Reim ist der Sklave, und der Poet der Herr.

La Rime est une esclave, & ne doit qu’obéïr.

„Sie singt; allein zu ihrer Schmach.“ Schmach ist nicht das richtige Wort; Schande, Verdruß, Schimpf, oder so etwas. „Das Echo wacht;“ wacht ist unnatürlich. „Und thut es nach:“ thut, ist platt; warum nicht, spricht, singt u. d. gl.?

Achte Strophe. „Drauf schießt sie bey dem letzten Zuge, die so bethörte Sängerinn, mit aufgebrachtem schnellen Fluge, nach der verhaßten Freundinn hin.“ Drauf, schon wieder! Bey dem letzten Zuge; was ist das für ein Zug? Der Zug des Athems; oder steht Zug statt Ton? Und was heißt der letzte Zug? Soll es heißen: indem sie den letzten Ton singt, schießt sie nach dem Spiegel? Wer wird so erzählen? Die bethörte Sängerinn; bethört ist kein gewähltes Wort. Mit schnellem Fluge kann man sagen, aber wohl nicht ohne Gewaltsamkeit mit aufgebrachtem schnellen Fluge. Die verhaßte Freundinn, ist langweilig, und wie das hin nicht nothwendig; und woher war sie eine Freundinn von ihr? Sie sah sie ja itzt zum erstenmale. Das Oxymoron, verhaßte Freundinn, ist also hier ein Spielwerk. [317] „Und stößt sich in der Raserey am Spiegel Kopf und Hirn entzwey.“ In der Raserey; wer wird dieß von der Lerche sagen? Sie ist ja kein Tieger. In der Hitze stößt sie sich also am Spiegel Kopf und Hirn entzwey. Erstlich Kopf; es muß nothwendig den Kopf heißen. Alsdann Hirn für Gehirn ist unerträglich. Und warum muß sich die arme Lerche den Kopf, und auch das Gehirn entzwey stoßen? Ich dächte, das erste wäre genug gewesen. Das Gehirn ist unnöthig, und erweckt einen ekelhaften Begriff. Endlich sagt man nicht, sich das Gehirn entzwey stoßen.

Neunte Strophe. „Hier trägt sie Damon aus der Stube.“ Wozu wird das Leichenbegängniß erwähnt? Um auf die Grube einen Reim zu haben? Warum trug sie Damon aus der Stube? Warum warf er sie nicht zum Fenster hinaus? Müßiger Umstand! O! spricht er, da er nachgedacht. Er muß also erst nachdenken, ehe er seinen Sittenspruch findet? Wäre es nicht natürlicher, er fiele ihm gleich ein? O! kämen die in eine Grube. Das doppelte O! scheint mir zu wichtig für diesen Fall zu seyn. Aber wem sagt er diese Betrachtung? Sich selber, oder sind Leute um ihn? Sollte Damon so figürlich mit sich selbst reden? Das ist nicht wahrscheinlich. Genug er sagt: „O kämen die in eine Grube, die Ehr und Schatten umgebracht, so würdest du wohl manchem Held und manchem Weisen beygesellt.“ Was bedeutet Schatten? Den eigentlichen Schatten in Ansehung der Lerche, und den figürlichen in Ansehung [318] des Helden und Weisen; ist also zweydeutig. Manchem Held ist wider die Grammatik; manchem Helden. Beygesellt, lieber zugesellt; wiewohl auch dieses Wort noch nicht das bequemste ist. Die ganze Betrachtung ist zwar die Hauptmoral; aber durch eine gute Wendung wollte man sie doch nur im Vorbeygehen anbringen; und dafür sollte sie natürlicher und nicht so spitzfindig gesagt seyn.

Dieses sind also die Fehler in Absicht auf die Kürze, die Deutlichkeit der Erzählung, und die nöthige Wahl der Sprache. Und wo sind denn nun die Eigenschaften der dritten Tugend der Erzählung, nämlich der Anmuth?

Ich hätte noch viel mehr sagen können, wenn ich strenger hätte critisiren wollen. Indessen wird dieses hinlänglich seyn, den Geschmack und die Beurtheilungskraft der Anfänger zu schärfen, und diejenigen Leser, welche meine Fabeln in den Belustigungen immer noch für gut, und mich für eigensinnig gehalten haben, weil ich sie nicht habe herausgeben wollen, zu belehren, daß sie zu flüchtig, und darum zu günstig von diesen Arbeiten geurtheilet. Dieses gilt auch von den folgenden beiden Fabeln. Sie können mit ihren Anmerkungen ein Beweis seyn, daß ich sie, aus Hochachtung für das Publicum und den Geschmack, nicht habe sammeln wollen. Sie waren mir zu der Zeit, da ich sie schrieb, leicht zu vergeben; und es ist ein weit größerer Fehler, daß ich sie damals habe drucken lassen, als daß ich sie nicht besser gemacht habe.