Die Rose am Dome zu Hildesheim


[90]
Die Rose am Dome zu Hildesheim.







Als im blinden Heidenthume
     Deutschlands[WS 1] finstre Waldung lag,
Und vom Thurm zu Christus Ruhme
     Läutend keine Glocke sprach:

5
Kam der große Karolinger

     In das alte Sachsenland;
Nicht zum bloßen Volksbezwinger
     Und Verwüster hergesandt:

Nein, die kaiserliche Rechte

10
     Streute Heil und Seegen aus;

Was erkämpft sie im Gefechte,
     Baut sie auf zum Gotteshaus;
Cathedralen und Abteyen
     Hoben strahlend sich empor,

15
Und zur Andacht frommer Layen

     Sang ein geistlich frommes Chor.

Ueber alle Länder fliegen
     Ruhmes Fitt’ge solcher That;
Alle Herzen zu besiegen

20
     Senken sie sich am Euphrat.

Harun Raschid durch Gesandte
     Both ihm Gruß und Handschlag an,
Das Geschenk, das er ihm sandte,
     War das ganze Canaan.

25
Nimm, sprach der Gesandte stehend,

     Die Geschenke gnädig an:
Diese Fahne purpurn wehend
     Sey dein Brief für Canaan.
Sieh, sechs Rosen sind das Zeichen

30
     Golden sind sie eingestickt,

Jeder Saracen wird weichen,
     Wo er dieß Panier erblickt.

„Bringet Grüße dem Califen“ -
     Sprach der große Karl zurück.

35
„Sagt ihm, meine Pflichten riefen

     Mich zu meiner Völker Glück.

[91]

Helden die nur stets verheeren
     Hielt ich würdig meines Hohns, –
Kunst und Lieb wollt’ ich vermehren,

40
     Nicht die Sklaven meines Throns.“ –


Und da pflanzt’ er jene Rose
     Die noch heut am Dome blüht,
Die noch jung im grauen Moose
     Ferne Zeiten kommen sieht. –

45
Ahnungsvoll ist ihr Bedeuten;

     Hohe Geister wachen dort.
Mag Saturn den Ring durchschreiten,
     Nimmer wechselt dieser Ort.

Gran.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Deutfchlands