Die Haupttÿpen des Sprachbaus
Copyright 1909 by B. G. Teubner in Leipzig
Die folgende Darstellung beruht auf Vorlesungen oder, wenn ich an Stelle des offiziellen Ausdrucks den fachgemäßen setzen darf, auf Vorträgen, die ich schon vor mehr als einem Jahrzehnt an der Marburger und später wiederholt in immer veränderter und, wie ich glaube, auch verbesserter Form an der Berliner Universität gehalten habe. Anfänglich nur von dem verhältnismäßig bescheidenen Willen beseelt, eine mit manchen Schwierigkeiten verknüpfte, von Wilhelm von Humboldt ins Leben gerufene, dann namentlich von H. Steinthal, aber auch von Franz Misteli, James Byrne und Heinrich Winkler weiter ausgestaltete Sprachbetrachtung den werdenden Linguisten zu vermitteln, bin ich dabei im Laufe der Zeit fast wider meinen Willen zu immer größerer Selbständigkeit gelangt. Mit dem Bewußtsein dieser meiner Selbständigkeit ist natürlich auch die Überzeugung in mir gereist, daß es wohl berechtigt wäre, meine Anschauungen auch einem größeren Kreise vorzutragen. Und doch würde ich dieses Buch kaum veröffentlicht haben, wenn mich nicht eine Aufforderung des Herrn Verlegers dazu angeregt hätte. Das Werk, das ich mir schon vor Jahren zu schaffen vorgenommen, sollte etwas Großes sein, im ungünstigsten Falle bedeutend mehr, als ich in diesem kleinen Buche geleistet habe. Zur Ausführung dieses Werkes fühlte ich mich aber noch nicht hinlänglich vorbereitet, und so würde ich die Arbeit wohl noch auf eine ziemlich fernliegende Zeit hinausgeschoben haben. Jetzt, wo ich die nun einmal übernommene kleinere Arbeit zum Abschluß gebracht habe, bin ich aber doch zufrieden damit, daß sie nicht durch meine sich vielleicht etwas weit versteigende Sehnsucht oder, wenn man will, durch meinen vielleicht übertriebenen Ehrgeiz verhindert worden ist. Denn wenn ich auch, zum Teil durch den zugewiesenen Raum beengt, zum Teil duch mancherlei störende Verhältnisse zu einer gewissen Halt gedrängt, nicht alles so habe darlegen können, wie ich es wohl, sei’s von mir, sei’s von einem anderen, dargelegt sehen möchte, so glaube ich doch durch die vorliegende Arbeit einem weiten Kreise einen Einblick in die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus ermöglicht zu haben, den wenigstens jetzt wohl sonst niemand hätte verschaffen können. Daß in nicht allzuferner Zeit mehr als einer eine größere Befähigung dazu aufweise, das wünscht kein anderer mehr als ich. Ich erachte es aber für eine Art Pflicht, das, was ich für einen Teil des schätzenswertesten Gewinnes der Sprachforschung halte, nicht allzulange anderen vorzuenthalten; und ich habe auch schon einmal die Erfahrung gemacht, daß es zuweilen besser ist, etwas nur Halb- oder noch nicht einmal Halbvollendetes zu bieten als nur die Vorfreude an in Aussicht gestelltem Vollendeten zu erwecken. Ich denke an meine vor gerade zehn Jahren veröffentlichten Vorträge über den deutschen Sprachbau als Ausdruck deutscher Weltanschauung, eine richtige Gelegenheitsschrift, die neben einigen Vorzügen einer solchen auch alle damit verbundenen Mängel aufwies, auch von der Mehrzahl der Fachgenossen gewissermaßen gar nicht ernst genommen wurde, die aber trotz alledem auf manchen eine von mir nicht im entferntesten geahnte Wirkung ausgeübt und für die Sache, für die ich streite, wie wenig andere Bücher Bahn gebrochen hat. In einer Beziehung befindet sich das vorliegende Buch der erwähnten Schrift gegenüber nun freilich sehr im Nachteil. Was ich damals mit einiger Kühnheit versuchte, die Eigentümlichkeiten der Sprachen aus der geistigen Eigenart der Völker zu erklären, davon habe ich hier abgesehen, nicht als wenn ich an der Möglichkeit einer solchen Erklärung heute zweifelte oder sie auch nur für wenigstens vorläufig ausgeschlossen hielte, sondern aus dem einfachen Grunde, weil der Raum dazu im vorliegenden Falle nicht ausreichte. Diese mir im Grunde des Herzens unerwünschte Beschränkung hat aber den Vorteil gehabt, daß ich nun mit etwas größerer Ausführlichkeit auf die Schilderung der einzelnen Typen eingehen und eine Gemeinverständlichkeit erreichen konnte, die man mindestens nicht all meinen Büchern nachrühmt. Ich hoffe sogar in bezug auf die Gemeinverständlichkeit dieses Mal mehr als meine Vorgänger geleistet zu haben, wenn ich auch die mit der Sache nun einmal notgedrungen verbundene Schwierigkeit einer schnellen Einarbeitung in zum Teil recht fremdartige Anschauungen natürlich nicht ganz habe beseitigen können. Ein anschauliches Bild von acht Sprachen zu geben, von denen den meisten Lesern vermutlich keine bekannt ist, die zudem sehr verschieden voneinander sind, ist eben schwer. Ich hoffe die Einlebung in die verschiedenen Typen aber durch das sehr einfache Hilfsmittel doch schon ziemlich gefördert zu haben, daß jeder Skizze ein zusammenhängender Text mit einer sich Wort für Wort anschließenden und außerdem noch mit einer freieren Übersetzung beigegeben worden ist. Und ich hoffe dadurch auch noch jedem Leser die mir sehr wichtig scheinende Möglichkeit verschafft zu haben, sich ein eigenes Urteil zu bilden und die Lücken der zum Teil nur skizzenhaften Schilderungen auszufüllen. Die acht Sprachen, die in diesem Buche geschildert werden, kommen nicht um ihrer selbst willen zur Darstellung, sondern als typische Vertreterinnen von acht Gruppen, auf die sich nach meiner Überzeugung sämtliche Idiome der Erde ohne allzugroße Gewalttätigkeit verteilen lassen. Eine Auszählung all der Sprachen, die jedem einzelnen Typus anzureihen sind, habe ich aber in diesem Buche nicht vornehmen können, da in dieser Beziehung noch zu vieles der Aufhellung bedarf, als daß ich jetzt schon viel mehr als einen Bericht über ziemlich unbestimmte Eindrücke, die ich gewonnen, geben könnte. Um etwaigen Mißverständnissen entgegenzutreten, möchte ich aber wenigstens darauf aufmerksam machen, daß die Unordnung nach Sprachstämmen wie einem indogermanischen, hamito-semitischen, ural-altaischen und anderen nur zum Teil mit der Gruppierung um die geschilderten acht Typen zusammenfällt und prinzipiell ganz von ihr zu scheiden ist. Wer sich über diese genealogische Verwandtschaft der Sprachen zu unterrichten wünscht, mag meine ebenfalls in dieser Sammlung erschienene Schrift über die Sprachen des Erdkreises zu Rate ziehen.
| Seite | ||
| I. | Einleitung | 1 |
| II. | Die chinesische Sprache | 12 |
| III. | Die grönländische Sprache | 31 |
| IV. | Die Ssubijasprache | 46 |
| V. | Die türkische Sprache | 74 |
| VI. | Die samoanische Sprache | 84 |
| VII. | Die arabische Sprache | 96 |
| VIII. | Die griechische Sprache | 116 |
| IX. | Die georgische Sprache | 132 |
| X. | Rückblick | 150 |