Edgar an Psyche

[107]
Edgar an Psyche.


Welch ein Leben, kleine Psyche,
Wenn ich Nachtigallen gliche?
     O ich lokte dich
Flötend zu willkommnen Thränen,

5
Klagte dir in Silbertönen,

     Und du liebtest mich!

Welch ein Leben, fromme Psyche,
Wenn ich Turteltäubchen gliche?
     Ich umhüpfte dich,

10
Spielte dir im Schoos mit Freuden,

Girrte schmachtend Zärtlichkeiten,
     Und du liebtest mich.

[108]

Welch ein Leben, schöne Psyche,
Wenn ich Frühlingsrosen gliche?

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     Ich umgöse dich,

Rings mit Wohlgerüchen, blühte
Froh in deines Busens Mitte:
     Und du liebtest mich.

Welch ein Leben, sanfte Psyche,

20
Wenn ich leisen Zephirn gliche?

     Ich umwehte dich,
Tränke deines Athems Schwüle,
Hauchte dir ins Antliz Kühle:
     Und du liebtest mich.

25
Welch ein Leben, holde Psyche,

Wenn dein Edgar allen gliche?
     Ich umschwebe dich,
Opfre Blumen alle Tage,
Girre, singe, flöte, klage:

30
     Und du fliehest mich?
[109]

Psyche bleib! – Warum denn Rosen
Nachtigallen Täubchen kosen?
     Mehr o mehr kann ich!
Lieben kann ich, fühlen, küssen,

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Heiß umarmen, Nächte süssen! –

     Psyche liebe mich!

Ha.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Sowohl Eduard Boas als auch Edmund Goetze vermuten hinter der Chiffre Ha. den Autor Johann Christoph Friedrich Haug. Goetze schreibt ihm des Weiteren auch die Chiffren U. und G. zu, womit sich schließlich der Name "Haug" bilden lässt.
    Genaueres in:
    • Edmund Goetze: Grundrisz zur Geschichte der deutschen Dichtung aus den Quellen von Karl Goedeke. Zweite ganz neu bearbeitete Auflage. Fünfter Band - Vom siebenjährigen bis zum Weltkriege. Zweite Abteilung. Dresden: Verlag von L. Ehlermann, 1893, Seite 165f.
    • Eduard Boas; Wendelin von Maltzahn (Hrsg.): Schiller’s Jugendjahre. – Zweiter Band. Hannover: Carl Rümpler, 1856. Seite 204 f.