Ein Seebild

[220]
Ein Seebild.

Schwarz kochte das Wasser; anschwoll der Orkan;
Er pfiff in dem Tauwerk; er heult’ um die Raa’n
Es krachten die Planken und ächzten schwer;
Die Küste war nah’ und Nacht um uns her,

5
Ringsum zu erspähen kein warnendes Licht -

Schneenebel umhüllte uns eisig dicht,
und es peitschte der heulende Wind aus Nord
Sturzsee auf Sturzsee uns über Bord.
Mit Sturmsegeln liefen wir pfeilgeschwind -

10
Wir strebten in’s Meer entgegen dem Wind,

Doch das Schiff gehorchte dem Steuer nicht mehr,
Und der Sturm trieb höhnend uns vor sich her.
Da dröhnt’ es wie Brandung uns dumpf an das Ohr;
Da sprüht es wie ferne Schaumstreifen empor;

15
Da scholl das Commando durch’s Sturmgetos’:

„Hinunter die Anker, die Ketten los!“
Abrollten die Ketten - den Athem hielt an
An Bord der wettererprobteste Mann.
Wenn der Anker nicht faßte, die Kette zerriß

20
War eisiger Tod uns Allen gewiß;

Secunden des Wartens, ein Ruck, ein Schrei -
Die Ketten knarrten; die Brigg lag bei;
Der Anker hielt treulich fest in dem Grund:
Wir waren gerettet in letzter Stund’. -

25
Und als wir uns umsah’n im dämmernden Tag,

Das Schiff an des Hafens Barre lag;
Zwei Klafter noch weiter - wir wären zerschellt
Daheim nach der glücklichen Fahrt um die Welt.

L. B.