Graf Eberstein

[234]
Graf Eberstein.

In Speyer im Saale, da hebt sich ein Klingen,
Mit Fackeln und Kerzen, ein Tanzen und Springen:
     Graf Eberstein
     Führet den Reih’n

5
Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein.


Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen,
Da flüstert sie leise, sie kann’s nicht verschweigen:
     „Graf Eberstein,
     Hüte dich fein!

10
Heut Nacht wird dein Schlößlein gefährdet seyn.“


Ei! – denket der Graf, – Euer Kaiserlich Gnaden,
So habt ihr mich darum zum Tanze geladen? –
     Er sucht sein Roß,
     Läßt seinen Troß,

15
Und jagt nach seinem gefährdeten Schloß. –


Um Ebersteins Veste, da wimmelts von Streitern,
Sie schleichen im Nebel mit Hacken und Leitern.
     Graf Eberstein
     Grüßt sie fein:

20
Er wirft sie vom Wall in die Gräben hinein.


Als nun der Herr Kaiser am Morgen gekommen.
Da meint er, es seye die Burg schon genommen.
     Doch auf dem Wall
     Tanzen mit Schall

25
Der Graf und seine Gewappneten all’.
[235]

„Herr Kaiser, beschleicht Ihr ein andermal Schlösser,
Thut’s Noth, Ihr verstehet aufs Tanzen Euch besser!
     Eu’r Töchterlein
     Tanzet so fein,

25
Dem soll meine Veste geöffnet seyn!“ –


Im Schlosse des Grafen, da hebt sich ein Klingen,
Mit Fackeln und Kerzen, ein Tanzen und Springen.
     Graf Eberstein
     Führet den Reih’n

30
Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein;


Und als er sie schwingt nun im bräutlichen Reigen,
Da flüstert er leise, nicht kann er’s verschweigen;
     „Schön Jungfräulein,
     Hüte dich fein!

35
Heut Nacht wird ein Schlößchen gefährdet seyn!“
Ludwig Uhland.