Im Kampf des Lenzes

[260]
Im Kampf des Lenzes.
Ein Osterlied von Emil Rittershaus.
(Mit Abbildung S. 261.)


Nun weht der Wind aus Westen
So weich und wundermild,
Und an der Bäume Aesten
Die braune Knospe schwillt,

5
Und in den kahlen Zweigen,

Da flüstert’s heimlich sacht:
Aus winterlichem Schweigen
Ist jetzt der Wald erwacht.

O horch, mit hellen Klängen

10
Ein Ruf zum Wasserspiel!

Den Winter zu verdrängen,
Macht nun der Lenz mobil.
Fanfaren hat geblasen
Der Lenztrompeter Fink;

15
Da schwingt sich auf vom Rasen

Die muntre Lerche flink.

Sie jauchzt – und durch die Lande
Klingt’s wonneweckend hin –:
„O, komm, im Goldgewande,

20
Du Sonnenkönigin!“

Der Fink mit frohem Muthe,
Er mahnet: „Dran und drauf!“
Da steckt die Haselruthe
Den rothen Helmbusch auf.

25
Es fliegt aus blauen Räumen

Der Strahlen Lichtgeschoß.
Des Stromes Wogen schäumen,
Die lang’ das Eis umschloß.
Da springt von Hügelkronen

30
In’s Thal hinab der Quell;

Da nahen die Schwadronen
Der Wandervögel schnell.

Da macht mit grünen Lanzen
Die junge Saat sich Raum;

35
Aus finstren Felsenschanzen

Wagt sich der Winter kaum.
Vergeblich all sein Ringen!
Es zieht im Sonnenschein
Auf weißen Wolkenschwingen

40
Der stolze Sieger ein.


Mit Primeln und Ranunkeln
Begrüß’ ihn, Wies’ und Feld!
In Schönheit sollst du funkeln,
Du neuverjüngte Welt –

45
Und Sorgen, die dich pressen,

Und alles, alles Leid
Sollst du, o Herz, vergessen
In Frühlingsseligkeit. –

[261]

Ostermorgen. Von R. Beyschlag. Nach einem Kupferstiche im Verlage von J. Aumüller in München.