MKL1888:Ödĭpus
[329] Ödĭpus, König von Theben, einer der Haupthelden griechischer Dichtung und Sage, war der Sohn des Königs Laios und der Iokaste (bei Homer Epikaste). Infolge eines Orakelspruchs, wonach er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten würde, ward er als Kind auf dem Berge Kithäron ausgesetzt, aber gerettet und von einem Hirten des korinthischen Königs Polybos aufgezogen. Zum schönen Jüngling herangewachsen, wanderte er nach Theben, erschlug auf dem Weg seinen Vater, ohne ihn zu kennen, löste in Theben das Rätsel der schrecklichen Sphinx (s. d.) und erhielt zum Lohn die Hand der Königin, seiner Mutter, mit der er den Eteokles und Polyneikes, die Antigone und Ismene zeugte. Als später eine Pest Theben heimsuchte und der König wegen eines Rettungsmittels nach Delphi schickte, befahl das Orakel, den Mörder des Laios aus Theben zu entfernen. Infolge der Nachforschungen nach demselben kam es denn an den Tag, daß Ö. selbst seines Vaters Mörder und zugleich der Gatte seiner Mutter sei, worauf er sich in der Verzweiflung, nachdem sich Iokaste erhängt hatte, das Augenlicht zerstörte. Aus seiner Vaterstadt vertrieben, durchzog er in Begleitung seiner Tochter Antigone als Bettler das Land und ging schließlich nach Athen, wo er im Hain der Eumeniden Ruhe fand und starb. Die Sage findet sich in ihren Hauptzügen schon bei Homer, Hesiod und den Kyklikern; von den Dramatikern wurde sie in der Folge vielfach erweitert und umgestaltet. Sophokles behandelte sie in seinen drei noch erhaltenen Meistertragödien: „König Ö.“, „Ö. auf Kolonos“ und „Antigone“, und auch Äschylos und Euripides haben sie als Gegenstand von Tragödien gewählt. Vgl. Fr. Hermann, Quaestionum Oedipodearum capita tria (Marb. 1837); Schneidewin, Die Sage vom Ö. (Götting. 1852); Comparetti, Edipo (Pisa 1867); Bréal, Le mythe d’Oedipe (in „Mélanges de mythologie“, Par. 1878).