MKL1888:Akklimatisation

[254] Akklimatisation, die Gewöhnung lebender Wesen an die klimatischen Einflüsse eines ihnen fremden Landes. Es bedarf von seiten des Menschen oft nur der absichtlichen oder zufälligen Übertragung von Pflanzen und Tieren, um solche dort heimisch werden zu sehen, wo sie früher nicht existierten. So ist z. B. in einer frühern Epoche der Erdgeschichte, wie die Versteinerungen beweisen, das Pferd in Amerika verbreitet gewesen, in vorhistorischen Zeiten jedoch völlig ausgestorben und erst im Mittelalter mit solchem Erfolg wieder eingeführt worden, daß es in großen Herden verwildert dort lebt. In ähnlicher Art sind nordamerikanische Pflanzen zu uns und europäische nach Australien gekommen und haben sich so energisch verbreitet, daß stellenweise selbst die heimische Flora vor den Fremdlingen zurückweichen mußte. Der Mensch gewöhnt sich im allgemeinen leichter an ein kälteres als an ein heißeres Klima, doch üben auch Rasse, Geschlecht, Alter und Konstitution einen bedeutenden Einfluß aus. Neger akklimatisieren [255] sich leichter als Malaien, Mongolen leichter als Neger; ein geringes Akklimatisationsvermögen besitzt die amerikanische Rasse, das größte die europäische. Allmählicher Übergang von einem Klima ins andre wird natürlich leichter ertragen als schroffer Wechsel; sehr häufig jedoch erzeugt auch ersterer eine Reihe mehr oder minder lästiger und gefährlicher Akklimatisationskrankheiten, welche in der Regel den Charakter der klimatischen Krankheiten an sich tragen. Bewohner nördlicher Zonen bekommen in den Tropen gelbes Fieber, Leberentzündungen, Gallenruhren etc., Südländer dagegen in nördlichen Gegenden Skrofeln, Lungensucht etc. Als Schutz dagegen ist allmähliche Gewöhnung an die Lebensweise des Landes sowie namentlich Mäßigkeit in körperlichen Genüssen anzuraten.

Viel bedeutender erscheinen die Akklimatisationserfolge bei den Pflanzen; doch darf man nicht übersehen, daß unsre Nutzpflanzen zum bei weitem größten Teil solche sind, welche im Winter als Samen oder Knollen ruhen und zwar gleichfalls unter künstlichen Verhältnissen. Die Zahl der vollständig akklimatisierten Pflanzen ist nicht sehr groß; zu ihnen gehören mehrere Obstbäume, viele Holzgewächse, in den Mittelmeerländern die Agave etc. Für die landwirtschaftliche Praxis kommt indes diese vollständige A. wenig in Betracht; ihr genügt es, fremde Tiere und Pflanzen so zu züchten, daß daraus erhebliche Vorteile für den Menschen entstehen. Dies Bestreben, neue Produkte in die Kultur ihrer Länder einzuführen, zeigt sich schon bei den Griechen, mehr noch bei den Römern, und seit der Auffindung des Seewegs nach Ostindien und der Entdeckung Amerikas sind zahlreiche neue Erwerbungen nach Europa gelangt: Reis, Zuckerrohr, Roßkastanie, Baumwolle, Kartoffel, Mais, Tabak, Topinambour, Batate, Agave, Opuntie; Truthahn, Bisamente, Meerschweinchen, Kochenille, Kanarienvogel, Lachtaube, Seidenhase, Goldfisch etc. Die neuern Bestrebungen beginnen mit dem Auftreten der Kartoffelkrankheit, doch ist über Erfolge, wenigstens für unsre Breiten, fast nichts zu berichten. Viel glücklicher ist man in Australien gewesen, wo eine große Reihe europäischer Kulturpflanzen mit Erfolg angebaut worden sind. Die Akklimatisationsvereine, welche es sich zur Aufgabe gemacht haben, neue Pflanzen und Tiere einzuführen, lieferten bis jetzt meist nur interessante naturwissenschaftliche Ergebnisse. Es sind große Hoffnungen geweckt und mit vielem Eifer ist an zahlreichen Orten gearbeitet worden, aber die praktischen Resultate sind sehr gering. Am aussichtsvollsten waren die Züchtungsversuche mit dem Dauw, Renntier, Zebu, Alpako, der Kaschmirziege, der Trappe und dem Fausthuhn; wirklich wertvoll war die Einführung der italienischen und ägyptischen Biene, während die Versuche mit den neuen Seidenspinnern noch immer zweifelhaft blieben. Auch die Einführung ausländischer Stubenvögel ist erwähnenswert, weil dieselbe zur Schonung der heimischen Sänger sehr erheblich beiträgt. Von allen Akklimatisationsvereinen ist die Société d’acclimatation in Paris mit ihren Filialen in Algerien, Nancy, Grenoble, unterstützt durch die Marine und die Kolonien und begünstigt durch das schöne Klima Frankreichs, die am besten situierte; sie eröffnete 1860 auf einem Terrain von 20 Hektar einen Akklimatisationsgarten und publiziert ihre Ergebnisse im „Bullétin de la société d’acclimatation“. Dieses Beispiel fand vielfach Nachahmung, und es entstanden ähnliche Vereine in den Niederlanden, in Palermo, Berlin, Moskau, in Nordamerika und Australien. Im Mittelalter haben sich die Mönche große Verdienste um die A. erworben, und für Spanien haben in ähnlicher Weise die Araber gewirkt. Vgl. Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere (4. Aufl., Berl. 1882).


[16] Akklimatisation. Die mehrfach behauptete absolute Akklimatisationsfähigkeit des Menschen ist durch keine Thatsache erwiesen. Gegenüber der Hypothese vom einheitlichen Ursprung des Menschengeschlechts, welches sich von Einem Punkte der Erde über deren ganze Oberfläche verbreitet haben soll, stehen die Erfahrungen, daß das körperliche Befinden und noch mehr die Leistungsfähigkeit des Menschen sich am günstigsten gestalten in demjenigen Klima, in welchem das Individuum erzeugt oder geboren worden ist. Alle Völkerwanderungen aus historischer Zeit betreffen nur eine sogen. kleine A., d. h. eine Ansiedelung in einem Lande, dessen Klima dem der Heimat der Auswanderer ähnlich ist. Anderseits haben die Erfahrungen bei Auswanderern in tropische Gegenden, besonders Afrikas, gelehrt, daß der Europäer unter günstigen Verhältnissen und bei genügender Vorsicht zwar eine Zeitlang dort aushalten kann, daß aber von einer wirklichen A. keine Rede ist. Selbst für subtropische Gebiete ist der Beweis einer vollen A. des Nordländers noch nicht erbracht. Der Deutsche gedeiht in Algerien so gut wie irgendwo in der Olivenregion, und doch überwiegt selbst in den kühlern Gebieten die Zahl der Todesfälle die der Geburten bedeutend. Betrachtet man das Schicksal der dritten Generation als entscheidend, so ist zu bemerken, daß es selbst in Ägypten nicht gelang, ein paar südeuropäische Familien von längerer Dauer aufzufinden. Die seit 1821 in Chile eingewanderten Familen sind, soweit sie sich unvermischt erhalten haben, fast sämtlich ausgestorben. Diese Thatsache kann erklären, warum Vandalen, Ost- und Westgoten so schnell zu Grunde gingen, nachdem sie sich in der Olivenregion angesiedelt, warum die Langobarden nur nördlich des Apennin dauerten, und warum von der Normannenaristokratie in beiden Sizilien nach so kurzer Zeit jede Spur verschwunden ist. – Der Haupteinfluß, welchen das Klima auf den Organismus auszuüben pflegt, wird gebildet durch die Höhe der Temperatur in Verbindung mit dem Feuchtigkeitsgehalt der Luft. Trockne Hitze beschleunigt Atmung und Puls, sie regt die Hautthätigkeit zu den höchsten Leistungen an, vermindert das Bedürfnis nach stoffersetzenden [17] Nahrungsmitteln, während sie gleichzeitig Durst und Gallenabsonderung erhöht. Die Muskelenergie setzt sie ebenso herab wie die geistige Schaffensthätigkeit, steigert dagegen die empfindenden Funktionen bis zur Überempfindlichkeit und führt endlich durch Überreizung zur Apathie. Feuchte Hitze verhindert Kohlensäure- und Wasserabgabe, erschwert das Atmen bei erhöhter Zahl der Atemzüge, beschleunigt den Puls, vermindert den Appetit, macht träge zu jeder Arbeit und setzt die Nervenerregbarkeit herab. Trockne Kälte macht die Atemzüge seltener und tiefer, den Herzschlag bei verminderter Häufigkeit kräftiger, sie macht die Haut zusammenschrumpfen und beschränkt die Abgabe von Wärme und Wasser durch dieselbe. Gleichzeitig erhöht sie bei Steigerung der sonstigen Wasserabgabe das Bedürfnis nach substantieller Nahrung, regt die Blutbildung bei verminderter Gallenabsonderung stark an und begünstigt die volle Entfaltung der Muskelkräfte. Feuchte Kälte erleichtert zwar die Sauerstoffeinfuhr und die Ausscheidung der Kohlensäure, wirkt aber durch Behinderung der Wasserausscheidung aus den Lungen wie durch die Haut ungünstig auf die Herzthätigkeit. Da hierbei der Wassergehalt des Bluts unvermeidlich gesteigert wird, werden auch die Aufnahme der Nahrungsstoffe, die Energie der Muskeln und des Nervenlebens ungünstig beeinflußt. Bei Verminderung des Luftdrucks, also mit steigender Höhe, nimmt der Pulsschlag zu, wächst die Wasserausscheidung durch Haut und Lungen, während die anderweite Wasserabgabe sich vermindert. In großen Höhen kommt es zu stärkster Füllung der oberflächlichen Blutgefäße, selbst zur Berstung derselben, Kopfschmerz, Übelkeit, Schwere und Schläfrigkeit treten bei fortdauernder Bewegung ein. Beim Steigen und bei freier Transpiration sinkt die Körpertemperatur, es entstehen Unbehagen und Brustbeklemmung, während bei Nahrungsaufnahme auf kurze Zeit Linderung erfolgt. Winde wirken hauptsächlich Wärme entziehend, namentlich vermehren trockne, heiße Winde die Wasserausscheidung durch die Haut und die Lungen. – Am einfachsten liegen die Verhältnisse gegenüber dem Kälteeinfluß, bei welchem die Wärmeproduktion des Organismus vor allem in Betracht kommt. Individuen mit guter Verdauung und leicht beweglicher Konstitution gewöhnen sich am leichtesten an ungewohnte Kälte, viel schwerer Kinder, Greise, schwächliche Frauen und an substantielle Nahrung nicht gewöhnte Südländer, die ungemein leicht und nachhaltig erkranken. Eine kräftige Unterstützung erhält die A. an kalte Klimate durch die Möglichkeit, den Schutz durch die Kleidung sehr erheblich erhöhen zu können. Viel schwieriger gestaltet sich die A. an heiße Klimate. Anfangs scheint der Einwanderer in keiner Weise belästigt zu werden, sein Aussehen und Gebaren bilden einen auffallenden Gegensatz zu der äußern Erscheinung der schon lange an dem tropischen Wohnort weilenden Landsleute. Aber allmählich, nach Wochen oder oder Monaten, sinken die Leistungsfähigkeit und die Kräfte, es tritt Abspannung ein, die Funktionen der Haut und der Leber steigern sich, während Ernährung und Blutbereitung an Energie verlieren. Sehr günstig wirkt eine zeitweise Unterbrechung der A., sei es durch Eintritt kühlerer Jahreszeit, durch eine Seereise oder durch Aufenthalt an hoch gelegenen Punkten. Tritt solche Unterbrechung nicht ein, so steigern sich die angedeuteten Störungen, und es treten wahre Krankheitszustände ein. Unter günstigen hygienischen und individuellen Verhältnissen machen sich erheblichere Gesundheitsstörungen wohl erst nach mehrjährigem Aufenthalt bemerkbar, oder sie bilden Übergänge zur Gewinnung einer neuen, etwas verschobenen Gleichgewichtslage des individuellen Gesundheitszustandes, womit die A. erreicht ist.

Bei der Beurteilung aller dieser Vorgänge muß man die Bedeutung des klimatischen Moments als Krankheitsursache in gemäßigten Himmelsstrichen in Betracht ziehen. Der Frühling wird wohl durch allzu schnelle Steigerung der Blutfülle, der Sommer durch Verminderung der Eßlust, der Herbst durch relativen Blutmangel und der Winter durch große Anforderungen an die Atmungswerkzeuge und an die Organe des Blutumlaufs kränklichen oder schadhaften Körperkonstitutionen gefährlich; indes gibt es doch nur wenige Krankheiten, die thatsächlich als Witterungskrankheiten aufzufassen sind, und namentlich erzeugen auch die extremsten Wetterschwankungen niemals Epidemien in der seßhaften und ihrem Klima angepaßten Bevölkerung. Ist aber die Bewohnerschaft größerer oder kleinerer Bezirke noch anderweitigen gemeinsamen krankmachenden Lebensbedingungen unterworfen, so zeigt sich die Einwirkung der Witterungsschwankung oft mit enormer Heftigkeit. So widersteht der Soldat am Anfang des Feldzugs, solange Entbehrungen, Strapazen etc. noch nicht die Blutmischung und Zirkulation, die Widerstandsfähigkeit der sonstigen Körperorgane verändert haben, den Schwankungen und Unbilden des Wetters vortrefflich, während selbst kleine atmosphärische Schwankungen die Entstehung zahlreicher Krankheiten veranlassen, sobald das Gleichgewicht der Ernährung wirklich gestört ist. Dann treten auch nicht mehr leichte Katarrhe und Rheumatismen, sondern heftige Lungen- und Herzbeutelentzündungen, schwere epidemische Dysenterien, massenhafte Typhen, tödliche Hirnhautentzündungen auf, die nach einem einzigen Nachtfrost, einem starken Regenguß ausbrechen und eine vorher jedem Wetter Trotz bietende Truppe dezimieren können. Die Beurteilung der Akklimatisationsprozesse ist noch eine sehr unsichere und hat mit dem Wechsel der pathologischen Anschauungen geschwankt. In allen Tropenklimaten und bei jedem dort lebenden Europäer tritt aber eine Verminderung der Blutbildung mit ihren Folgen hervor, und diese nach einem, sicher nach einigen Jahren sich zeigende Anämie ist um so ausgebildeter, je mehr positive Schädlichkeiten (Überarbeitung, schlechte Pflege, ernste Krankheiten, besonders Ruhr) vorhanden sind. Fahle, wachsartige Blässe, Hervortreten der Knochen, Verlust jeder lebhaften rosigen Färbung, allmähliches Eintrocknen des Fettpolsters unter der Haut findet man auch bei Personen, welche gar nicht von wirklichen Krankheiten heimgesucht wurden. Während aber diese Erscheinungen nur die Folge eines Rückganges der Blutbereitung mit gleichzeitiger Herabsetzung des Wassergehalts im Blut und entsprechender Entlastung des Herzens und des Lungenkreislaufs sind, gibt es auch anämische Zustände, hinter denen als Wesen der Krankheit eine wirklich fehlerhafte Blutmischung steht, die unaufhaltsam[WS 1] zur tiefen Zerrüttung und zum Zerfall des Körpers führt. Geht die Bildung derartiger Anämien noch mit direkten Blutverlusten einher (wie bei der Ruhr), so tritt bald direkte Lebensgefahr ein. Hier handelt es sich aber um tropische Krankheiten und nicht um eine um den Preis derselben gewonnene A., da von einer Steigerung der Widerstandsfähigkeit nordeuropäischer Einwanderer in die Tropen gegen deren spezifische Krankheiten, in erster Reihe Malaria und Ruhr, nicht entfernt die Rede sein kann, im Gegenteil [18] die Geneigtheit zu Erkrankungen sich mit dem Aufenthalt in den Tropen steigert. A. kann stets nur erreicht werden als Erfolg einer schützenden, die Lebenskraft voll erhaltenden Lebensweise, und in diesem Sinn ist die A. eine erworbene Fähigkeit, welche auf die Kinder des akklimatisierten Fremden übertragbar ist. Ausschließlich die regelmäßige Erzeugung und die Aufziehung von Kindern unter den Einflüssen des neuen Klimas sind die Beweise, daß eine A. im eigentlichen Sinn geglückt ist. Ansiedelungsversuche, welche mit dem Rückzug eines Restes Kranker und Invalider nach der Heimat ihren Abschluß finden, kommen für das Studium der A. nicht in Betracht.

Zur Erreichung der A. hat man vor allen Dingen auf Vermeidung der tropischen Malaria zu achten. Absolutes Fernhalten vom Bodenanbau mittels eigner Körperanstrengung, Errichtung der Wohnung auf fieberfreiem Baugrund, eventuell Herstellung eines solchen durch Aufhöhung und Drainage, Fernhaltung ungekochten Wassers aus der Nahrung, Ersatz desselben durch präparierte Getränke (ohne oder mit nur leichtem Alkoholgehalt), Vermeidung ungewohnter, mangelhaft gekochter Speisen, Regelmäßigkeit in der Lebensweise, große Mäßigung im Geschlechtsgenuß, prophylaktischer Gebrauch von Chinin in der Fiebersaison sind besonders ratsam. Die Kleidung hat sich in bekannter Weise den tropischen Verhältnissen anzupassen. Anfangs tritt selbst bei vollkommener Ruhe Transpiration ein, mit der Abnahme des Blutwassers aber wird die Haut der des Eingebornen ähnlicher, und selbst anhaltende körperliche Anstrengung wird nach einiger Zeit ohne übergroße Hautthätigkeit ertragen, wenn die Haut nicht dauernd verweichlicht, sondern nach und nach mehr exponiert wird. Bäder sind empfehlenswert, doch dürfen sie nicht zu häufig genommen werden, und das Gleiche gilt für Abreibungen und Übergießungen. Die Nahrung soll allmählich von der stickstoffreichern zur stickstoffarmen übergehen. Anfangs ist den heimischen Gemüsen und Früchten gegenüber Vorsicht geboten, später aber sollten sie immer mehr das Fleisch ersetzen. Starke geistige Getränke sind schädlicher als alkoholärmere. Neben geistiger Thätigkeit und geistigen Vergnügungen sind mit vorschreitender A. Körperbewegungen und selbst Körperanstrengungen im Freien in immer größerm Maß vorzunehmen. Überall verbürgt die allmähliche Steigerung den besten Erfolg, ganz verwerflich hat sich dagegen die Methode erwiesen, vor dem Betreten der Tropen zunächst mehrere Monate in subtropischen Gegenden zu verweilen. Der Effekt dieser „acclimatation par étappes“ ist nur der, daß der Ankömmling bereits durch klimatische Anforderungen erschöpft am Bestimmungsort anlangt und nun dem eigentlichen tropischen Klima um so schneller erliegt.


[8] Akklimatisation. Für die Entwickelung der Lehre von der A. bilden zwei neue Zweige der Naturwissenschaft, die vergleichende Rassenphysiologie und -Pathologie, die Grundlage. Wie aber die Pathologie in der Sorge um die Kranken der Physiologie vorauseilt, um später durch diese überholt zu werden, so hat auch die vergleichende Rassenpathologie bereits nicht unerhebliche Forschungsergebnisse aufzuweisen, während die vergleichende Rassenphysiologie noch in den allerersten Anfängen steckt. Die vergleichende Rassenpathologie hat die Aufgabe, dem Einfluß der Rasse auf das Zustandekommen, den Verlauf, den Ausgang der durch bestimmte Ursachen hervorgerufenen Krankheiten nachzuforschen, sie soll die Widerstandsfähigkeit der verschiedenen Rassen und Völker gegenüber denselben krankmachenden Einflüssen, mit Ausschluß aller andern Ungleichheiten in den Lebensbedingungen, feststellen. Das wertvollste Mittel zur Lösung dieser Aufgaben sind die Armeen der kolonialen Mächte. Diese Armeen bestehen zum Teil aus Europäern, zum Teil aus Eingebornen, durchweg aber aus kräftigen, gesunden Individuen fast desselben Alters, welche meist unter vollkommen oder nahezu gleichartigen Bedingungen leben. Gewisse Ungleichheiten ergeben sich daraus, daß der europäische Soldat durchweg unverheiratet ist und daher in der Kaserne wohnt, während der eingeborne Soldat meist verheiratet ist und mit Weib und Kind in der eignen kleinen Hütte lebt, ferner daraus, daß der Eingeborne durch religiöse Anschauungen von dem Genuß reizender Speisen und spirituöser Getränke abgehalten wird, welchem Europäer nur zu sehr ergeben sind, etc. Im allgemeinen aber gibt es für die Beurteilung der in Frage kommenden Verhältnisse doch kein besseres Material als dasjenige, welches diese Armeen liefern, und namentlich ist dasselbe geeignet zur Bemessung der Widerstandsfähigkeit des Europäers in tropischen Klimaten. Für letztere kommen namentlich zwei Faktoren in Betracht: die thermischen Verhältnisse der Tropen und die tropischen Infektionskrankheiten.

Stokvis faßt alle klimatischen Momente: Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Wasserdampfspannung, Luftströmungen, Windrichtung, Besonnung, unter dem einen Gesichtspunkt zusammen, daß sie Störungen in der Wärmeregulierung des Organismus hervorrufen. Der atmosphärische Druck kommt wenig in Betracht. Im natürlichen Laufe der Dinge hat nämlich nur die Erniedrigung des Luftdruckes als ätiologisches Moment Bedeutung, eine solche Luftdruckerniedrigung aber bedeutet in den Tropen das Aufsuchen von Höhenstationen, die nicht mehr den Charakter der Tropen besitzen. Was nun die dauernde Einwirkung tropischer Wärmeverhältnisse auf die tropischen Rassen betrifft, so lehrt die vergleichende Rassenphysiologie Folgendes: Alle Individuen tropischer Rassen haben gegenüber den Bewohnern gemäßigter Zonen höhere Respirationsfrequenz, geringere vitale Kapazität, kleinern Brustumfang, weniger ausgeprägte Bauchatmung, höhere Pulsfrequenz, geringere Spannung des Pulses, größern Blutreichtum und relativ stärkere Entwickelung der Unterleibsorgane im Verhältnis zu den Brustorganen, größere Schweißsekretion bei stark herabgesetzter Harnabscheidung, eine um 0,5–0,6° gesteigerte Körpertemperatur und ein im Verhältnis zur Körperlänge zu geringes Körpergewicht. Hinsichtlich der animalen Funktionen ergaben genaue Messungen eine deutliche Herabsetzung der Tast- und der Schmerzempfindlichkeit, einen weniger fein entwickelten Gesichts-, Farben- und Gehörssinn, mindere Muskelkraft und psychische Begabtheit, dagegen eine Überlegenheit in der geschlechtlichen Sphäre.

In diesen zweifellos festgestellten Verhältnissen braucht man nun noch nicht den Ausdruck einer angebornen Rasseneigentümlichkeit zu erblicken, vielmehr erklären sich dieselben recht gut durch die Einwirkung der tropischen Temperaturen, und sie zeigen sich fast alle als vorübergehende Erscheinungen bei den Bewohnern der gemäßigten Zonen während des Sommers. Darauf gründet sich die Jahrhunderte alte Gewohnheit, in den heißen Sommermonaten nicht zu hohe Anforderungen an die körperlichen und geistigen Funktionen zu stellen, in längern oder kürzern Arbeitspausen Ruhe und Erholung zu suchen. Für den Bewohner der gemäßigten Zone bringt dann die kühlere Jahreszeit einen neuen Reiz, welcher ihn zu vermehrter Arbeit anspornt, die Körpertemperatur herabdrückt, den Stoffwechsel belebt, die Kompensationsvorrichtungen kräftiger arbeiten läßt, ihn körperlich und geistig neu belebt. In den Tropen wird der Europäer nach einer kürzern oder längern Übergangsperiode zum permanenten Sommermenschen, und er unterscheidet sich dann scheinbar durchaus nicht von dem Eingebornen. In dem Blute von Europäern, welche 2–20 Jahre im tropischen Klima gelebt hatten, fand Marestang vollkommen normalen Hämoglobingehalt und die normale Blutkörperchenzahl, so daß er die Existenz einer tropischen Anämie als Folge der veränderten meteorologischen Verhältnisse in Abrede stellt. Dieser europäische Tropenmensch besitzt von Hause aus eine große Übung seiner Temperaturregulierungszentren, und solange er letztere nicht durch zu langen Aufenthalt in den Tropen verloren hat, leistet er thatsächlich den Erkältungsursachen bessern Widerstand als der Eingeborne. In allen kolonialen Armeen bieten die eingebornen Soldaten viel größere Erkrankungs- und Sterblichkeitsfrequenz an Affektionen der Respirationsorgane als die europäischen Soldaten. Ob umgekehrt der Eingeborne der Überhitzung besser widersteht als der Europäer, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Setzt man beide einer höhern Temperatur aus als derjenigen, an welche sie gewohnt sind, oder bringt man sie unter neue meteorologische Bedingungen, welche eine Erhöhung der Eigenwärme bewirken, so zeigt sich in der Reaktion kaum ein Unterschied zu gunsten der tropischen Rasse. Der Sonnenstich trifft freilich den Europäer etwas häufiger als den Eingebornen, allein bei seiner relativen Seltenheit kommt er wenig in Betracht, und die größere Sicherheit der Eingebornen dürfte weniger auf angeborne Rasseneigentümlichkeit als auf äußere Verhältnisse, Kleidung etc., zurückzuführen sein.

Die angeführten Folgen der Einwirkung hoher Temperaturen [9] führen ähnlich wie auch bei uns im Sommer zu Störungen bestimmter Organe und Organgruppen, besonders des Verdauungsapparats und der Haut. Man nimmt an, daß besonders Leberentzündung das Leben des Europäers gefährde, dem Eingebornen aber nur wenig schade. Nun starben von 1000 europäischen Soldaten in den beiden letzten Dezennien in Vorderindien und im Malaiischen Archipel an Leberentzündung jährlich 1–2 und erkrankten 20 bis 50, von eingebornen Soldaten starben 0,14–0,40, und es erkrankten 2–3. Wieweit hierbei Rasseneigentümlichkeit mitspricht, ist zweifelhaft, jedenfalls darf nicht vergessen werden, daß der Eingeborne den Genuß von Reizmitteln scheut, während der Europäer nur zu häufig dem Mißbrauch alkoholischer Getränke huldigt. Es ist konstatiert, daß die Häufigkeit von Leberentzündung bei den Eingebornen mit ihrer Enthaltsamkeit steigt und fällt, und ferner, daß die Sterblichkeit der Europäer an Leberentzündung seit Anfang dieses Jahrhunderts beständig abnimmt. Bemerkenswert ist auch, daß die Eingebornen, wenn sie an Leberentzündung erkranken, viel leichter sterben als die Europäer, und somit scheint auch hier die Rasseneigentümlichkeit, wenn überhaupt, nur eine ganz untergeordnete Rolle zu spielen.

Wie erwähnt, ergibt sich die Widerstandsfähigkeit des eingewanderten und zum dauernden Sommermenschen umgestalteten Europäers ganz bestimmt nicht geringer, vielmehr selbst etwas größer als die der eingebornen Rassen. Freilich hat die Anpassungsfähigkeit ihre Grenzen, und sie muß unterstützt werden durch peinlichste Vorsicht, durch die sorgfältigste Abhaltung aller das Widerstandsvermögen schwächenden Einflüsse, die konsequenteste Einhaltung und Befolgung aller hygienischen Maßregeln. Bis in die 60er Jahre lautete das Resultat aller vergleichenden Mortalitätsstatistik in den Tropen, sowohl in Südamerika als in Afrika, in Vorderindien wie auf dem Malaiischen Archipel, ungünstig für den eingewanderten Europäer. Es wurden erschreckende Zahlen angegeben und allgemein als zuverlässig angenommen, so daß der Satz von dem Unterliegen der fremden Rasse im Kampf ums Dasein als feststehend betrachtet wurde. Die neuern Zahlen der Armeestatistik haben nun aber ein durchaus abweichendes Resultat ergeben, und man muß heute annehmen, daß jene ungünstigen Zahlen nicht auf eine größere oder geringere, den Rassen zukommende Empfänglichkeit, sondern auf äußere Umstände zurückzuführen sind. Von den europäischen Soldaten der holländisch-ostindischen Armee starben 1819–28 während eines heftigen Krieges und unter dem Wüten der Cholera jährlich 170, von den Eingebornen 138 pro 1000. 1869–78 während des Atschinkriegs und schnell aufeinander folgender Cholera-Epidemien starben von europäischen Soldaten 60,4, von Eingebornen 38,7 pro 1000 und im letzten Dezennium 1879 bis 1888, obgleich Krieg und Cholera fortwüteten, von den Europäern 30,6, von den Eingebornen 40,4. Ähnliche Zahlen gibt die englische Statistik. In der Indian Army starben von europäischen Soldaten 1800 bis 1830: 84,6, 1830–56: 57,7 pro 1000, dagegen 1869–78: 19,34 und 1879–87 nur 16,27 pro 1000. Auch hier steht die Sterblichkeit der europäischen Soldaten zur Zeit hinter derjenigen der asiatischen Truppen weit zurück. Auf Jamaica starben 1820–36 nicht weniger als 121 europäische Soldaten, aber nur 30 Negersoldaten pro 1000, 1879–87 dagegen 11,02 Europäer und 11,62 Neger. Als 1864 während des amerikanischen Bürgerkriegs die Neger Louisianas, Virginias, Südcarolinas frei erklärt und der amerikanischen Armee einverleibt wurden, ergab sich die Sterblichkeit dieser den subtropischen Verhältnissen des Kriegsschauplatzes angepaßten Schwarzen im ersten Jahr fast fünfmal, 1865 fast dreimal und 1866 mehr als zweimal so groß wie die der weißen Amerikaner. Noch 1873–83, als die freien Schwarzen sich vollkommen ihren neuen sozialen Verhältnissen angepaßt hatten, übertraf ihre Sterblichkeit die der weißen Soldaten, und erst 1883–88 ist der Unterschied verschwunden.

Solche Wandlungen in der Sterblichkeit, wie sie die tropischen Armeen darbieten, können nun sicher nicht auf eine Umgestaltung der Rassen zurückgeführt werden. Man muß vielmehr annehmen, daß die Rassen dieselben geblieben sind, daß aber die äußern Verhältnisse sich geändert haben und nicht etwa durch Zufall, durch ein glückliches Geschick, sondern durch wohl überlegte hygienische Maßregeln bei der Wahl der auszusendenden Truppen, bei der Sorge für Trinkwasser, Nahrung, Kleidung, Wohnung und für die Erhaltung des harmonischen Zusammenwirkens aller Organe. Von diesen Maßregeln hat nun aber auch der allgemeine Gesundheitszustand in den Kolonien Nutzen gezogen. Es gibt tropische Länder und Städte, deren Bevölkerung, der Hauptsache nach aus Europäern und Kreolen oder aus gemischter Bevölkerung bestehend, eine allgemeine Sterblichkeit zeigt, wie sie auch in gemäßigten Zonen vorkommt. Das wegen seines mörderischen Klimas einst berüchtigte Tobago hatte 1884–88 eine mittlere jährliche Sterblichkeit von 19,1–27 pro 1000, das nicht weniger berüchtigte Jamaica eine solche von 22,2–24,2. In Holländisch-Guayana betrug die Sterblichkeit 1881–85: 27,4, auf Java und Madura, die als ungesund bekannt sind, betrug sie 1887: 32,8. Dem gegenüber betrug die Sterblichkeit in Ungarn in demselben Jahr 33,5, in Spanien 31,1. Die Mortalität Italiens ist höher als diejenige Surinams, und die Sterblichkeit Jamaicas kommt fast derjenigen Preußens gleich. Der mörderische Einfluß des Tropenklimas sinkt solchen Zahlen gegenüber zu einem Gespenst zusammen und erscheint besiegbar durch zweckmäßige hygienische Maßregeln.

Von größtem Belang ist das Verhalten des Europäers gegenüber den tropischen Infektionskrankheiten. Unter diesen steht die Malaria in erster Reihe. Während die tropischen und namentlich die schwarzen Rassen gegen dieselbe eine Art Immunität besitzen, soll sie für die Europäer eine wahre Geißel sein. Nun bieten aber in den letzten 25 Jahren die Weißen und die Farbigen der holländisch-ostindischen Armee so gut wie gar keinen Unterschied mit Bezug auf Erkrankung und Sterblichkeit an Malaria dar. In der englischen Armee Ostindiens erkranken die Eingebornen so gut an Malaria wie die Europäer, ihre Sterblichkeit ist aber unbedingt größer als die der letztern. In der Armee der Vereinigten Staaten litt und leidet der schwarze Soldat so oft und so intensiv an Malaria, daß in den amtlichen Berichten die relative Immunität der äthiopischen Rasse für Malaria durchaus abgeleugnet wird. Die Malariaepidemie auf Mauritius, welche seit etwa 1860 besteht, trifft am schlimmsten die eingeborne oder kreolische, farbige Bevölkerung, viel schwächer den eingewanderten Europäer. Die Erhebungen der portugiesischen Regierung von 1871 über die Verhältnisse auf den Kapverdischen Inseln, in Angola etc. gaben keinen Anhalt für die Lehre von der Immunität der äthiopischen Rasse. Gegenüber Typhoid steht sich der eingewanderte europäische Soldat etwas schlechter als der Eingeborne. In allen englischen Kolonien [10] findet sich Typhoid unter den weißen Truppen, am häufigsten bei dem jüngst angekommenen Militär. Die farbigen Truppen blieben bis jetzt fast vollkommen frei. Im amerikanischen Bürgerkrieg fielen aber unter den frei erklärten Schwarzen noch mehr Opfer an Typhoid als unter den weißen Soldaten. In Neukaledonien werden die Eingebornen nicht weniger als die Franzosen vom Typhoid befallen, und in den niederländischen Kolonien des Malaiischen Archipels ist Typhoid überaus selten. Es scheinen also beim Typhoid besonders lokale Verhältnisse den Ausschlag zu geben. Interessant ist es aber, daß in Vorderindien Typhoid für den Europäer, Malaria für den Asiaten die verhängnisvolle Fieberkrankheit bleibt. Das gelbe Fieber befällt vorzugsweise den eingewanderten Europäer und schont den Eingebornen, der nach einem früher überstandenen leichtern oder schwerern Anfall wie alle übrigen Rassen Immunität bereits erlangt hat, die der neu Ankommende erst durch einen Anfall erwerben muß. Die verheerendsten Infektionskrankheiten der Tropen sind Dysenterie und Cholera, und gerade hier sind durch zweckmäßige sanitäre Maßregeln große Erfolge erzielt worden. Die Herstellung artesischer Brunnen auf Java hat die Dysenterie, welche vor 50 Jahren fast jeden eingewanderten Europäer ergriff, ganz außerordentlich zurückgedrängt, und wenn im letzten Jahrzehnt die Sterblichkeit bei den europäischen Soldaten noch größer war als bei den Eingebornen, so hat sich in der englischen Armee Vorderindiens die Sache ganz zum Vorteil des Europäers verändert. Dabei ist die Sterblichkeit von 100 Krankheitsfällen im Malaiischen Archipel bei den Asiaten, in Ostindien bei den Europäern größer. Die Cholera verursachte noch 1864–1868 bei den europäischen Soldaten der holländisch-ostindischen Armee eine Sterblichkeit von 18,6, im letzten Dezennium nur eine solche von 6 auf 1000, ja in Ostindien ist sie auf 3 gesunken. Dabei sterben aber freilich noch von den europäischen Soldaten zweimal mehr als von den Eingebornen, und während im Malaiischen Archipel die Widerstandsfähigkeit der erkrankten Europäer größer ist als die der erkrankten Asiaten, gestaltet sich dies Verhältnis in Ostindien ebenfalls zu ungunsten der Europäer. In Westindien fallen stets die Neger und selbst die Mischrassen der Cholera in größerer Zahl zum Opfer als die eingewanderten Europäer, und so muß man auch hier ganz sicher vieles auf Rechnung der Lebensgewohnheiten setzen, die ja bekanntlich gerade gegenüber der Cholera von größter Bedeutung sind. Unter den asiatischen Soldaten der holländisch-ostindischen Armee hat die Beriberi kolossale Dimensionen angenommen. Man hat geglaubt, daß der Europäer dieser Krankheit gegenüber immun sei, es hat sich aber herausgestellt, daß in den letzten Jahren jährlich mehrere Tausend Europäer befallen werden, so daß 1886: 286 europäische Soldaten pro 1000 erkrankten und 7 pro 1000 starben, während die Zahlen für die asiatischen Soldaten 430 und 30 betrugen. Ähnliches wird aus Japan und Brasilien berichtet, und mithin scheint die Empfänglichkeit für Beriberi und die Verbreitung der Krankheit mehr durch Alter und Geschlecht sowie durch lokale Verhältnisse als durch die Rasse bedingt zu werden. Wie die große Sterblichkeit in der englisch-ostindischen Armee durch die Respirationskrankheiten der Asiaten verschuldet wird, so ist die große Sterblichkeit der holländisch-asiatischen Soldaten auf Beriberi zurückzuführen.

Wenn in den Tropen Malaria, Cholera und Dysenterie die vorherrschenden Krankheiten sind, so hängt dies aufs engste zusammen mit den tropisch-thermischen Verhältnissen. Die Zustände der Unterleibsorgane geraten in ein labiles Gleichgewicht, und die Infektionsstoffe finden die Möglichkeit zu zahlreicher Ansiedelung und üppiger Entwickelung. Auch in den gemäßigten Zonen halten sich die genannten Krankheiten an bestimmte und zwar die heißesten Jahreszeiten, und wenn umgekehrt Masern, Scharlach, kroupöse Pneumonie und Diphtheritis in den Tropen selten sind oder sehr gelinde verlaufen, so hängt auch dies von den thermischen Verhältnissen ab, wie denn überhaupt nach Magelssen die Disposition und die Widerstandsfähigkeit des Menschen für akute Infektionskrankheiten durch die wechselnden Temperaturverhältnisse und durch die Witterung beherrscht werden. Diesen Einflüssen gegenüber kann aber durch Vorsicht, durch strenges Einhalten hygienischer Maßregeln sehr viel gewonnen werden, und es ist von allen Ärzten, welche in den Tropen Erfahrungen sammeln konnten, konstatiert worden, daß viel mehr als das Klima selbst eigne Unkunde und Nachlässigkeit die Nachteile verschulden, welche die einwandernden Europäer betreffen.

Viele Eigenschaften, welche man als angeborne oder vererbte betrachtet hat, ergeben sich bei näherer Prüfung als individuell erworbene. Die größere Widerstandsfähigkeit gegen Erkältungsursachen, welche der Europäer in den Tropen offenbart, ist sicher zum großen Teil auf die Übung zurückzuführen, welche seine thermotaktischen Zentren in der Heimat im Kampf mit den Elementen erwarben, ebenso wie die geringere Empfindlichkeit der Unterleibsorgane des Tropenbewohners seiner längern individuellen Anpassung an die tropischen Verhältnisse zuzuschreiben ist. Aber man darf nicht vergessen, daß der weiße Mann in seiner Widerstandsfähigkeit und in seinem Kosmopolitismus nur in dem Chinesen einen Nebenbuhler findet, und daß der Neger mehr und mehr der Degeneration verfällt, so daß schon prophezeit wurde, er werde innerhalb eines Jahrhunderts von einzelnen Gegenden des Erdballes verschwunden sein. Ebenso ist in Betracht zu ziehen, daß der Verlauf mehr wie einer Krankheit bei den verschiedenen Rassen Unterschiede ergibt, die sich ebensowenig wie der Einfluß der Temperamente bei Individuen derselben Rasse durch äußere Umstände erklären lassen, und man wird deshalb die Möglichkeit nicht leugnen dürfen, daß bei der verschiedenen vitalen Potenz der verschiedenen Menschenrassen in den Tropen in untergeordneter Weise auch angeborne Eigenschaften im Spiele sind. Vgl. Simonnot, De l’acclimatement des Européens dans les pays chauds (1. internationaler medizinischer Kongreß, Par. 1867); Treille, De l’acclimatation des Européens dans les pays chauds (6. internationaler Hygienekongreß, Wien 1888); Virchow, Über Akklimatisierung (Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Straßburg 1885); Jousset, Traité de l’acclimatement et de l’acclimatation (Par. 1884); Buchner, Disposition verschiedener Menschenrassen gegenüber den Infektionskrankheiten (Hamb. 1887); Magelssen, Abhängigkeit der Krankheiten von der Witterung (deutsch, Leipz. 1890); Stokvis, Über vergleichende Rassenpathologie und die Widerstandsfähigkeit des Europäers in den Tropen (Berl. 1890).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: unaufhaltam