MKL1888:Altenburg

[416] Altenburg, Haupt- und Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Altenburg, unweit der Pleiße, liegt 38 km südlich von Leipzig, in sehr fruchtbarer Gegend,

Wappen von Altenburg.

aber auf unebenem und hügeligem Boden, an den Linien Leipzig-Hof und A.-Zeitz der Sächsischen Staatsbahn. Auf einem mächtigen, senkrecht abstürzenden Porphyrfelsen liegt das weithin sichtbare herzogliche Schloß, in seinen Grundmauern wohl noch ein Baudenkmal des 10. und 13. Jahrh., aber im 18. Jahrh. durch beträchtlichen Anbau vergrößert. Der eine Flügel desselben wurde 24. Aug. 1865 ein Raub der Flammen; ein zweiter großer Brand legte 30. Sept. 1868 einen Teil des Schlosses in Asche Geschichtlich merkwürdig ist dasselbe durch die Entführung der Prinzen Ernst und Albert 1455 (s. Sächsischer Prinzenraub). Die Schloßkirche war 1413–1533 ein Stift regulierter Chorherren. Unter den übrigen Baulichkeiten der Stadt verdienen Erwähnung die St. Bartholomäikirche (1089 gegründet) und die Brüderkirche, ferner die sogen. Roten Spitzen (zwei verbundene Türme, die als Aufbewahrungsort des Staatsarchivs dienen, ein Rest der im 17. Jahrh. verfallenen Kirche des 1172 von Kaiser Friedrich I. gegründeten Augustinerklosters), das neue Museum (1877 erbaut) im Schloßgarten mit der Lindenauschen Gemäldegalerie und andern Sammlungen, das Theater, das Hospital, der Bahnhof, die 1840 im gotischen Stil erbaute Fürstengruft u. a. Die Zahl der Einwohner war 1880: 26,241, davon 406 Katholiken. Wichtig ist der Handel mit wollenen Garnen, nächstdem mit Kolonialwaren und Landesprodukten (besonders Getreide) und in Speditionsgeschäften. Die Industrie besteht vornehmlich in Fabrikation von Zigarren, Rauch- und Schnupftabak, Wollgarn, Handschuhen, Hüten, Metallwaren, Feuerspritzen, Goldwaren, Dosen, mathematischen und physikalischen Instrumenten, Glas, Maschinen, Bürsten und in Bierbrauerei und Steinschleiferei; auch ist daselbst eine Gasleitung. Der Buchhandel war lange Zeit besonders belebt durch das Pierersche Verlagsgeschäft. Von Bildungsanstalten hat die Stadt ein Gymnasium, eine höhere Bürgerschule (Real-), ein Schullehrerseminar, eine höhere Töchterschule (Karolinenstift), eine landwirtschaftliche Schule; von Wohlthätigkeitsanstalten das freiadlige Magdalenenstift (eine 1705 von Herzog Friedrich II. gegründete Erziehungsanstalt für lutherische Fräulein), ein Krankenhaus, ein Hospital für arme Bürger. Auch mehrere wissenschaftliche Vereine sind in A. thätig, so eine Naturforschende und eine Geschichts- und altertumsforschende Gesellschaft des Osterlandes etc. A. ist Sitz der Landesbehörden und eines Landgerichts (für die sechs Amtsgerichte zu A., Eisenberg, Kahla, Roda, Ronneburg und Schmölln), der herzoglichen Landesbank, eines Verwaltungsamts für den Altenburger Ostkreis und eines Hauptsteueramts; die Garnison besteht aus dem Stab und einem Bataillon Nr. 96. – A. scheint schon zu Ende des 10. Jahrh. bestanden zu haben und damals an das Bistum Naumburg gekommen zu sein; jedoch im 12. Jahrh. gehörte es unmittelbar zum Reich und erwarb die Rechte einer Reichsstadt. Auf der dortigen Burg hatte ein Burggraf seinen Sitz. Otto IV. hielt daselbst 1209 einen Reichstag ab. Kaiser Friedrich II. verpfändete A. an Albrecht den Entarteten von Meißen, König Adolf 1292 an Böhmen, dessen König Johann als Reichsvikar 1311 A. wieder an Meißen als Pfand überließ. Nach dem Aussterben der Burggrafen von A. erneute Kaiser Ludwig 1329 die Verpfändung, und somit ging A. seiner Reichsfreiheit verlustig und blieb bei Meißen. Durch die Hussiten wurde A. 1430 niedergebrannt. Im J. 1445 kam es an Kursachsen. Die Reformation wurde ohne Schwierigkeit in A. eingeführt, besonders seit Spalatins Anstellung als Pfarrer und Superintendent. Vom 20. Okt. 1568 bis 9. März 1569 war hier das berühmte Kolloquium zwischen den sächsischen Theologen wegen Beilegung der majoristischen, synergistischen und adiaphoristischen Streitigkeiten. Von 1603 bis 1672 war A. Residenz der sogen. Altenburger Linie des ernestinischen Hauses; dann ward es wieder Residenz 1826 durch den Umzug des Herzogs Friedrich von Hildburghausen. Vgl. Huth, Geschichte der Stadt A. zur Zeit ihrer Reichsunmittelbarkeit (Altenb. 1829); Braun, Die Stadt A. in den Jahren 1350–1525 (das. 1872); Derselbe, Erinnerungsblätter aus der Geschichte Altenburgs 1525–1826 (das. 1876).


[24] Altenburg, (1885) 29,110 Einw.