MKL1888:Angelus Silesius
[573] Angelus Silesius, eigentlich Johann Scheffler, Mystiker und geistlicher Liederdichter, geb. 1624 zu Breslau von protestantischen Eltern, studierte seit 1643 die Heilkunde in Straßburg, dann in Leiden und Padua, war 1649–52 Leibarzt des Herzogs von Öls, trat 1653 in Breslau zur katholischen Kirche über und wurde 1654 zum kaiserlichen Hofmedikus ernannt. Im J. 1661 trat er in den Minoritenorden und empfing die Priesterweihe, wurde 1664 geistlicher Rat des Fürstbischofs zu Breslau, Sebastian von Rostock, und starb 9. Juli 1677 daselbst im Matthiasstift. Schefflers ursprüngliche Anlage zur Beschaulichkeit war durch das Studium der Mystiker (von Tauler bis auf Jak. Böhme) mächtig gefördert und entwickelt worden. Die Mystik führte ihn zum Pantheismus, dieser zum Katholizismus. In seinen geistlichen Liedern, gesammelt in „Heilige Seelenlust, oder geistliche Hirtenlieder der in ihren Jesum verliebten Psyche“ (Bresl. 1657), bildet die unaussprechliche Sehnsucht nach dem Heiland und Gott den Grundzug. Sie sind zum Teil tief und ohne fremdartigen Beigeschmack, mehrere derselben (z. B. „Mir nach, spricht Christus, unser Held“) sind in protestantische Gesangbücher übergegangen. Andre sind durch jenen spielenden, tändelnden Ton entstellt, zu denen das Vorbild der italienischen Lyrik viele deutsche, namentlich die katholischen Dichter des 17. Jahrh. verleitete. Sein zweites Hauptwerk, die „Geistreichen Sinn- und Schlußreime“ (Wien 1657), in der folgenden Ausgabe „Cherubinischer Wandersmann“ (Glatz 1675 u. öfter) betitelt, enthält eine Sammlung meist zweizeiliger Sprüche in Alexandrinern, welche einen überschwenglichen Pantheismus atmen, daneben aber auch die lauterste Moral in echt christlichem Sinn verkünden. Beide Gedichtsammlungen haben sich bis auf die Gegenwart lebendig erhalten; dagegen sind die zahlreichen Streitschriften des Dichters mit Recht vergessen. Eine Gesamtausgabe der poetischen Werke Schefflers lieferte Rosenthal (Regensb. 1862, 2 Bde.). Vgl. Schrader, A. und seine Mystik (Halle 1853); Kahlert, A. (Berl. 1853); Kern, Joh. Schefflers „Cherubinischer Wandersmann“ (Leipz. 1866); Lindemann, A., Bild eines Konvertiten, Dichters und Streittheologen (Freiburg 1876); Treblin, A. S. (Bresl. 1877).