MKL1888:Ansteckung
[618] Ansteckung (lat. Infectio), die Übertragung eines eigentümlichen, nach Art eines Giftes wirkenden Stoffs von außen her auf den tierischen Organismus, ist die Ursache zahlreicher, überaus wichtiger Erkrankungen, welche im allgemeinen mit dem Namen der Infektionskrankheiten belegt werden. Die A. geschieht entweder von Person zu Person, durch Kontagium, oder sie erfolgt ohne direkte Berührung mit Kranken vom Boden oder der Luft her, Miasma, oder es findet bei einer und derselben Krankheit bald die eine, bald die andre Art der Aufnahme oder beide zusammen statt, also eine kontagiös-miasmatische A.
[619] Ein besonderer Wert kommt indessen dieser Einteilung nicht zu. Kein Kapitel aus der ganzen Medizin hat in neuester Zeit so viele Bearbeitung und Änderung erfahren wie die Lehre von der A. und den ansteckenden Krankheiten; jeder Versuch einer Gesamtübersicht kann nur Geltung beanspruchen für den Tag, an dem er niedergeschrieben ist. Es ist daher im folgenden darauf zu achten, was als feststehend, was als wahrscheinlich und was als möglich bezeichnet ist; die wesentlichen Fragen beziehen sich 1) auf die Natur des Ansteckungsstoffs, 2) auf die Art, wie derselbe wirkt, und 3) auf die Krankheitserscheinungen, welche er als Reaktion des tierischen Organismus hervorruft. Rechnen wir im Anschluß an die geschichtliche Entwickelung unsrer Kenntnisse jegliche Art von Infektion oder Miasma (Verunreinigung) hierher, so kennen wir den Ansteckungsstoff am besten bei der Krätze, Räude, der Trichinen- und andern Wurmkrankheiten. Bei ihnen ist 1) kein Zweifel über das Wesen des Ansteckungsstoffs, es sind in allen Fällen lebende niedere Tiere oder Larvenzustände derselben; 2) läßt sich der Weg, auf dem sie in den Körper eindringen, verfolgen, ihre Wirkung meist als rein mechanische feststellen; 3) kennen wir genau diejenigen Krankheits- und Heilungsvorgänge, mittels deren sich der Tierkörper gegen die Eindringlinge zu wehren vermag. Nächstdem kennen wir am besten die Vermittler einiger Hautkrankheiten, des Erbgrindes (Favus), der ansteckenden Flechten (Herpes tonsurans) und der Pityriasis versicolor. Es sind dies Fadenpilze, welche in Aussehen und Fruchtbildung dem Milchschimmel nahestehen, wahrscheinlich Abkömmlinge desselben sind; sie gelangen durch direkte „Kontagion“ oder mittelbare Übertragung auf die Haut von Tieren und Menschen, keimen daselbst und rufen dadurch oberflächliche Entzündungen hervor, die selten tiefer in die Lederhaut vordringen. Hier ist es schon zweifelhaft, ob die Wirkung rein mechanisch ist, oder ob etwa gebildete chemische Stoffe den Reiz auslösen; es ist auch fraglich, weshalb nicht jede Tierart oder jeder Mensch für diese A. empfänglich ist, so daß man den nicht eben klaren Begriff einer besondern Anlage (Prädisposition) zu Hilfe nehmen muß. Noch viel verwickelter aber werden die Probleme bei den mit Fieber verbundenen Infektionskrankheiten im engern Sinn. Beim Milzbrand, der Tuberkulose, dem Pockenlymphegift (Vaccina), dem größern Teil der Wundkrankheiten (Pyämie), dem Hospitalbrand und Kindbettfieber, dem Rotz, Tripper wissen wir, daß sie durch niederste pflanzliche Keime (Bakterien) hervorgebracht werden, sobald diese in lebensfähigem Zustand direkt in die Blutbahn hineingelangen. Wir wissen ferner, daß diese Keime sich teils in den Geweben, in den Wundrändern, ja selbst im Blut vermehren, daß sie später absterben und mit dem Harn ausgeschieden werden; aber über das Zustandekommen der fieberhaften Erscheinungen, der nervösen Störungen und endlich des Todes sind wir noch äußerst mangelhaft unterrichtet. Bei einer andern Gruppe von Krankheiten, welche durch A. vermittelt werden, beim Rückfalltyphus, dem Unterleibstyphus, dem Aussatz, den Pocken, dem Wechselfieber, einigen Herzklappenentzündungen, haben wir zwar einige Kenntnis über die Formen und die gleichfalls pflanzliche Natur des Krankheit erregenden Stoffs; aber wir kennen nicht die Wege, auf denen die kleinen Organismen in die Blutbahn gelangen, wir wissen nichts über ihre chemische Wirkungsweise und noch weniger, weshalb sie sich immer in ganz bestimmten Organen ansiedeln, und weshalb die Gewebe stets in derselben „spezifischen“ Weise durch ganz typische, anderweit nicht vorkommende Reaktionen darauf antworten. Es bleibt dann endlich eine ansehnliche Zahl von wichtigen Krankheiten übrig, bei denen wir Sicheres weder über die Pilznatur des Ansteckungsstoffs noch über seine Verschleppung oder über seine Wirkung, geschweige denn über seine Beziehungen zu den Geweben beibringen können; es gehören hierher die Ruhr, der Flecktyphus, das gelbe Fieber, die Pest, Masern, Scharlach, Grippe, Tollwut, Syphilis u. a. Alle diese haben nun in ihrer Verbreitung, in dem Verlauf und dem Erlöschen der Epidemien so mancherlei Übereinstimmung mit den besser gekannten Arten der A., daß die frühere Annahme eines gasförmigen Infektionsstoffs jetzt allgemein aufgegeben und durch die Vermutung eines parasitischen Wesens ersetzt ist. Allen insgesamt ist das Vorkommen eines sogen. Vorläufer-, Prodromal-, Inkubations- oder Latenzstadiums eigen d. h. einer freien Zeit, welche zwischen A. und dem Ausbruch der Krankheit liegt; alle verlaufen mit Störungen, welche auf eine Veränderung der gesamten Blutmasse schließen lassen; die meisten befallen dasselbe Individuum nur einmal, bei mehreren derselben gewährt eine Impfung oder Durchseuchung einen Schutz gegen spätere A. der gleichen oder ähnlichen Krankheit. Es ist daher wahrscheinlich, daß man in Zukunft auch bei dieser großen Anzahl von Ansteckungen pflanzliche Keime als eigentliche Erreger auffinden und ihre Rolle durch Versuche über allen Zweifel stellen wird. Daß wir über die Wege, auf denen Ansteckungskeime in den Körper gelangen, so wenig orientiert sind, liegt an der außerordentlichen Kleinheit der parasitären Wesen, dann aber daran, daß die einzigen Pilze, welche man bisher in größerer Menge rein darstellen kann (bösartige Schimmelpilze, Milzbrand-, Tuberkulose-, Rotz- und Fäulnisbakterien), nur bei direkter Impfung ins Blut ihre schädlichen Wirkungen entfalten, dagegen die unverletzten Oberflächen der Haut, des Darms und der Lungen nicht anzugreifen vermögen. Die Dauerhaftigkeit des Ansteckungsstoffs ist äußerst verschieden, etwas Genaueres ist nur über die Stäbchenbakterien des Milzbrandes bekannt, welche sehr bald bei eintretender Fäulnis ihre Keimkraft verlieren, aber von außerordentlicher, Jahre und Jahrzehnte überdauernder Zähigkeit sind, sobald sich in ihnen sogen. Dauersporen gebildet haben, ein Vorgang, der bei höherer Temperatur 1–2 Tage nach dem Tod eines milzbrandkranken Tiers einzutreten pflegt.
Außerordentliche Fortschritte hat die Lehre über die A. dadurch gemacht, daß die nur mikroskopisch erkennbaren kleinsten Pilze, Monaden und Bakterien auf künstlichem Nährboden rein gezüchtet und dann verimpft wurden. Versuche dieser Art haben ein unzweifelhaftes Resultat geliefert beim Milzbrand, einigen Wundkrankheiten, bei gewissen Verschimmelungen durch Aspergillus glaucus, bei der Tuberkulose, dem Rotz und der Hühnercholera, und es ist vornehmlich mittels vervollkommter Methoden eine Reihe der wichtigsten Entdeckungen auf diesem Gebiet von Koch gemacht worden. Die Forderung, welche diesen Forschungen zu Grunde liegt, ist: 1) Aufsuchen der pflanzlichen Keime in Blut und Organen des kranken Menschen, 2) Reindarstellung in dem Kulturapparat, 3) Hervorbringen der gleichen Krankheit durch Impfung der kultivierten Pilze beim Tier.
Da sich nun erfahrungsgemäß manche Krankheiten, wie Syphilis, Wechselfieber u. a., nicht auf Tiere [620] übertragen lassen, so sind hier wiederum der Forschung Schranken gesetzt, welche vorläufig noch nicht überwunden werden können. Das ideale Ziel des Strebens ist dann das Auffinden wirksamer Mittel, um die Entwickelung der Krankheitserreger zu vernichten, wie es bei der Wundbehandlung durch Karbol, Salicyl, Sublimat etc. geschieht, und wie es beim Wechselfieber durch innern Gebrauch von Chinin und beim Gelenkrheumatismus durch innere Gaben von Salicylsäure bereits erreicht ist (s. Impfung).
Die Frage, ob die krankmachenden Pilze ganz besondere und unveränderliche Arten sind, läßt sich bis jetzt nur sehr unvollkommen beantworten; doch steht fest, daß in gewissem Grad Umwandlungen schädlicher Organismen in unschädliche künstlich durch Kulturen möglich sind. Vgl. Griesinger, Infektionskrankheiten (2. Aufl., Erlang. 1864); Nägeli, Die niedern Pilze in ihren Beziehungen zu den Infektionskrankheiten (Münch. 1877); R. Koch, Wundinfektionskrankheiten (Berl. 1879); „Mitteilungen aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamt“ (das. 1881).
[37] Ansteckung. Die epochemachendste Entdeckung der letzten Jahre auf dem Gebiet der Kenntnis der ansteckenden Krankheiten ist die Auffindung des Erregers der asiatischen Cholera durch die im J. 1883 vom Deutschen Reich zur Erforschung der Cholera nach Ägypten und Indien entsandten Kommission. Beim Typhus ist, wie die meisten Forscher heute anerkennen, der Weg der A. der durch den Darmkanal, sei es vermittelst aufgenommenen Trinkwassers, welches den Infektionsstoff enthält, sei es bei Gelegenheit irgend welcher Nahrungsaufnahme. Bezüglich der Wege für das Eindringen der Ansteckungsstoffe weiß man jetzt durch experimentelle Untersuchungen, daß eine Übertragung des Infektionserregers des Milzbrandes nicht bloß direkt durch Einverleibung in die Blutbahn, sondern auch durch Einatmung stattfinden kann. Auch Infektionen durch Fütterung mit Milzbrandsporen haltendem Material sind da und dort sicher beobachtet sowie experimentell erwiesen. Die Dauerfähigkeit der Infektionsstoffe hängt im wesentlichen von der Fähigkeit der betreffenden Bakterien, „Dauerformen“ zu bilden, ab; doch weiß man jetzt, daß auch manche Mikrokokken und Bacillen, bei welchen niemals Sporenbildung beobachtet worden ist, monate- und jahrelang ihre Entwickelungsfähigkeit, bez. Ansteckungsfähigkeit zu bewahren vermögen. Die noch vor wenigen Jahren verteidigte Ansicht, daß die krankheitserregenden (pathogenen) Organismen durch Kultur sich in unschädliche (nicht pathogene) umwandeln lassen, ist jetzt verlassen, und man steht heute auf dem Boden der Annahme einer Beständigkeit der Art in demselben Sinn, wie wir eine solche in der ganzen Welt organisierter Wesen kennen (unbeschadet dem Darwinschen Prinzip, welches das Variieren ja auch nur im Verlauf von Jahrtausenden annimmt). Bei gewissen streng parasitisch lebenden Bakterien (z. B. Rotzbacillen) findet allerdings durch Kultur auf künstlichem Nährboden ein Verlust der pathogenen Eigenschaften statt, aber mit Erhaltung der Art, dies ist also als Degenerationsvorgang, nicht als Umzüchtung in eine andre Art aufzufassen. Vgl. „Arbeiten aus dem kaiserlichen Gesundheitsamt“, Bd. 3; Buchner in der „Münchener medizinischen Wochenschrift“; „Zeitschrift für Hygiene“, Bd 1, 4 u. 5.
[25] Ansteckung, s. Medizinischer Kongreß.