MKL1888:Armenkolonien
[838] Armenkolonien, organisierte Ansiedelungen Verarmter, welchen dort die Möglichkeit geboten werden soll, durch Arbeitsamkeit, Ordnung und Sparsamkeit sich in eine günstigere Lage zu versetzen. Die Unternehmer solcher Anstalten überlassen den Ansiedlern einen bestimmten Landanteil, reichen ihnen die zur Bodenkultur unentbehrlichen Erfordernisse dar, schießen ihnen Lebensbedarf bis zur Ernte vor, binden die Art des Anbaues an gewisse Vorschriften, führen über Arbeit und Fleiß strenge Aufsicht und geben jedem durch die Aussicht auf den Genuß der Früchte seiner Mühe einen Reiz zur Arbeit. Versuche dieser Art wurden im kleinen gemacht von dem Freiherrn v. Voght in Flottbeck bei Hamburg und vom Herzog von Larochefoucauld in Liancourt (Frankreich); im großen hauptsächlich in Holland zu Frederiksoord (1818) und später in andern Gegenden des Landes durch den General van den Bosch. Von dort aus fand die Idee Nachahmung in Belgien (Wortel, Mexplus, Rezkevoorsel), in Holstein zu Frederiksgabe, in Bayern auf dem Moos in der Nähe von München sowie in England etc. Die meisten dieser Versuche mißglückten jedoch vollständig oder hatten wenigstens keine zur weitern Nachahmung anreizenden Erfolge. Die Kosten der A. waren hoch (Erwerb ausgedehnter, in bereits kultivierten Ländern teurer Grundstücke, Gestellung von Wohnung, Stallung etc.); dann fehlte es an brauchbaren Kolonisten. Erwerbsunfähige Personen konnten nicht berücksichtigt werden, erwerbsfähige und tüchtige Arbeiter aber blieben den Kolonien fern, oder sie waren für den Ackerbau wenig geeignet. Es gelang nirgends, die Kolonisten auf eine solche Stufe zu heben, daß man sie mehr sich selbst hätte überlassen können, sondern man mußte Beaufsichtigung und Bevormundung verschärfen, statt daß man sie hätte mindern können, was die Unlust der Kolonisten erhöhte, die Kosten steigerte und das wirtschaftliche Gedeihen hinderte. Der Hauptzweck, allmählicher Erwerb der Grundstücke zu freiem Eigentum der Kolonisten, konnte infolgedessen nicht erreicht werden. Eine neue Anwendung der A. begründete 1881 der Pastor v. Bodelschwingh in Wilhelmsdorf bei Bielefeld, indem er in ländlicher Niederlassung arbeitswillige Wanderbettler beschäftigte, um der Landstreicherei entgegenzuwirken (vgl. seine Schrift „Die Ackerbaukolonie Wilhelmsdorf“, Bielef. 1883). Der Zweck dieser Beschäftigung besteht jedoch nicht in dauernder Ansiedelung, so daß Wilhelmsdorf eine Mittelstufe zwischen den A. und den Asylen darstellt. Die Erfolge sind bisher so günstige gewesen, daß preußische Provinzialstände (z. B. in Hannover, Schleswig-Holstein) mehrfach über Nachbildungen verhandelten. Einen andern Zweck als die A. haben die bisweilen Ackerbaukolonien genannten Waisen- und Rettungsanstalten, welche den Landbau für pädagogische Endziele verwerten. Vgl. Buol-Bernburg, Die holländischen A. etc. (Wien 1853); Emminghaus, Das Armenwesen und die Armengesetzgebung in europäischen Staaten (Berl. 1870).