MKL1888:Ausdruck

[112] Ausdruck, überhaupt die äußere Darstellung einer Empfindung oder Vorstellung, sei es in Worten, Tönen, Mienen oder Gebärden. Ästhetisch ist A. die angemessene und der Idee des Schönen entsprechende Äußerung eines innern Zustandes, einer innern Stimmung, so in der Rhetorik, Musik und in den bildenden Künsten. Der rhetorische A. (elocutio) muß sich zuvörderst nach den Regeln der Grammatik und in der Sphäre des logischen Denkens bewegen. Nimmt aber die Rede einen höhern Schwung an, soll sie ein lebhaftes Gefühl, eine individuelle Gesinnung darlegen, so muß auch der rhetorische A. eine besondere Färbung gewinnen und nicht bloß grammatisch und logisch richtig, sondern schön und dabei sprechend und seelenvoll sein. Dann wird die Rede selbst ein Kunstprodukt. – In den bildenden Künsten besteht der A. darin, daß das Kunstwerk die Idee des Künstlers scharf und wahr darstellt, wobei die jeder Kunst eigentümlichen Mittel des Ausdrucks ihre Sphäre bestimmen. – In der Musik ist A. die feinere Nüancierung im Vortrag musikalischer Kunstwerke, welche die Notenschrift nicht im einzelnen auszudrücken vermag; sie umfaßt alle die kleinen Verlangsamungen und Beschleunigungen (Agogik), die dynamischen Schattierungen, Accentuationen und verschiedenen Tonfärbungen durch die Art des Anschlags (Klavier), Strichs (Violine etc.), Ansatzes (Blasinstrumente, Singstimme) etc., welche in ihrer Gesamtheit als ausdrucksvolles Spiel bezeichnet werden. In der Mathematik ist A. s. v. w. Formel.