MKL1888:Beer

[602] Beer, 1) Wilhelm, Selenograph, Bruder des Komponisten Meyerbeer (Jakob B.), geb. 4. Jan. 1797 zu Berlin, kämpfte 1813–15 in den Reihen der Freiwilligen und widmete sich dann dem Handelsstand, um die Leitung der bedeutenden Fabrik- und sonstigen Geschäfte seines Vaters zu übernehmen. Mit den Elementen der höhern Mathematik und Astronomie vertraut, legte er sich auf seiner Villa im Tiergarten eine kleine Sternwarte an und beobachtete mit Mädler den Mars in seinen Oppositionen. Als Resultat derselben erschienen „Physische Beobachtungen des Mars in der Erdnähe“ (Berl. 1830). Wichtiger und umfangreicher waren die wiederum mit Mädler angestellten Aufnahmen der Mondoberfläche, welche die erste vollständige und genaue Generalkarte des sichtbaren Teils der Mondscheibe lieferten. Sie erschien unter dem Titel: „Mappa selenographica“ (Berl. 1834–36, 4 Blätter) und ward von der französischen Akademie mit dem Lalandeschen Preis gekrönt. Später erschienen von B. und Mädler noch einzelne Abhandlungen über verschiedene Körper des Sonnensystems und „Der Mond nach seinen kosmischen und individuellen Verhältnissen, oder allgemeine vergleichende Selenographie“ (Berl. 1837, 2 Bde. mit Karte). B. starb 27. März 1850 in Berlin.

2) Michael, dramat. Dichter, Bruder des vorigen, geb. 19. Aug. 1800 zu Berlin, betrieb auf der Universität daselbst und zu Bonn philologische und historische sowie philosophische und naturwissenschaftliche Studien und wurde im Verkehr mit Gelehrten und Künstlern frühzeitig zu dichterischen Versuchen angeregt. Schon als 19jähriger Jüngling trat er mit seiner Tragödie „Klytämnestra“ hervor, welche auf dem Berliner Hoftheater zur Aufführung kam. Ihr folgte das Trauerspiel „Die Bräute von Aragonien“, worin er jedoch in eine übertriebene Romantik verfiel. Wirklich poetischen Wert hat erst sein „Paria“, ein einaktiges Trauerspiel (Leipz. 1823), weil nicht nur seine Sprache schwungvoll und kernhaft, sondern seine Idee groß und bedeutend ist: es ist die ideal gehaltene Tragik des Proletariats, dessen Darstellung schon durch die Verlegung in weite Ferne gleichsam verklärt wird. Beers glückliche äußere Verhältnisse waren der Entwickelung seines Dichtertalents höchst günstig; er besuchte Italien und Frankreich und nahm dann seinen Aufenthalt abwechselnd in München, Bonn, Düsseldorf und Paris; nur zuweilen und auf kurze Zeit kehrte er in seine Vaterstadt zurück. Auf seiner dritten [603] italienischen Reise 1826 dichtete er die „Elegien aus Genua“, die ausgezeichnetsten unter seinen lyrischen Poesien. Das Jahr 1827 verlebte er größtenteils in München, wo er seine Tragödie „Struensee“ (Stuttg. 1827; neue Ausg., Leipz. 1871), seine formell vollendetste dramatische Arbeit, verfaßte, zu der sein Bruder Jakob (der bekannte Komponist Meyerbeer) eine vorzügliche Musik schrieb. Die Tragödie steht in der Mitte zwischen den Iambentrauerspielen der 20er Jahre und den spätern charakteristisch-realistischen dramatischen Anläufen, enthält auch einzelne große Momente und Züge, vermag aber für den Helden nicht zu gewinnen. Beers letzte Tragödie: „Schwert und Hand“ (1831), ist in Bezug auf Charakterzeichnung und dramatisches Interesse weit schwächer und fand so wenig Beifall wie sein Lustspiel „Nenner und Zähler“. B. starb 22. März 1833 in München. Seine „Sämtlichen Werke“ gab Eduard v. Schenk mit einer Biographie heraus (Leipz. 1835). Von dem bescheiden-liebenswürdigen Wesen des Dichters zeugt sein „Briefwechsel mit Immermann und Schenk“ (hrsg. von letzterm, Leipz. 1837).

3) Adolf, österreich. Geschichtschreiber, geb. 27. Febr. 1831 zu Proßnitz in Mähren, studierte 1849–51 zu Berlin, dann zu Heidelberg, Prag und Wien, war 1853–57 Gymnasiallehrer in Czernowitz, Wien und Prag, 1857 Professor der österreichischen Geschichte an der Rechtsakademie zu Großwardein, 1858–68 Professor an der Handelsakademie zu Wien und ist seit 1868 ordentlicher Professor an der technischen Hochschule in Wien. Bei den organisatorischen Arbeiten im Unterrichtsrat, bei dem Volksschulgesetz vom Jahr 1869, der Reorganisation der Realschulen beteiligt, trat B. als Hofrat unter Hasner und Stremayr ins Unterrichtsministerium, legte diese Stelle aber nach dem Sturz des Bürgerministeriums 1870 nieder und ließ sich 1873 zum Mitglied des Abgeordnetenhauses des Reichsrats wählen, in dem er der Verfassungspartei angehört. Seit Mai 1873 ist B. korrespondierendes Mitglied der Wiener, seit 1871 auswärtiges Mitglied der Leidener Akademie. Ausgebreitete Reisen durch die Hauptländer Europas dienten historischen Studien und der Kenntnisnahme des Unterrichtswesens. Als Geschichtschreiber hat sich B. namentlich um die Zeit Maria Theresias und Josephs II. verdient gemacht. Außer mehreren Abhandlungen in dem „Archiv für österreichische Geschichte“ und in Sybels „Historischer Zeitschrift“ veröffentlichte B.: „Geschichte des Welthandels“ (Wien 1860–84, 3 Abtlgn. in 4 Bdn.); „Die Fortschritte des Unterrichtswesens in den Kulturstaaten Europas“ (mit Hochegger, das. 1867–68, 2 Bde.); „Aufzeichnungen des Grafen W. Bentinck über Maria Theresia“ (das. 1871); „Die erste Teilung Polens“ (das. 1873, 3 Bde.); „Joseph II., Leopold II. und Kaunitz; ihre Briefwechsel etc.“ (das. 1873); „Friedrich II. und van Swieten“ (Leipz. 1873); „Leopold II., Franz II. und Katharina von Rußland. Ihre Korrespondenz etc.“ (das. 1873); „Die Finanzen Österreichs im 19. Jahrhundert“ (Prag 1877); „Zehn Jahre österreichischer Politik 1801–1810“ (Leipz. 1877); „Der Staatshaushalt Österreich-Ungarns seit 1868“ (Prag 1881); „Die orientalische Politik Österreichs seit 1774“ (das. 1883).

4) August, Mathematiker und Physiker, geb. 31. Juli 1825 zu Trier, studierte in Bonn, habilitierte sich 1850, wurde 1855 außerordentlicher und 1857 ordentlicher Professor der Mathematik in Bonn und starb 18. Nov. 1863. Beers Hauptthätigkeit war der Theorie des Lichts gewidmet, welche er in seinem damals epochemachenden Werk „Einleitung in die höhere Optik“ (Braunschw. 1853; 2. Aufl., bearbeitet von V. v. Lang, 1882) im Zusammenhang darlegte. Er schrieb noch: „Einleitung in die Elektrostatik, die Lehre vom Magnetismus und der Elektrodynamik“ (Braunschw. 1865); „Einleitung in die mathematische Theorie der Elastizität und Kapillarität“ (Leipz. 1869).


[105]  Beer, 5) Max Joseph, Komponist, geb. 1851 zu Wien, Schüler von Dessoff in Wien, wo er als Komponist lebt. Er schrieb viele lyrische Klavierstücke zu 2 und 4 Händen („Eichendorffiana“, „Spielmannsweisen“, „Abendfeier“, „Heidebilder“, „Was sich der Wald erzählt“) und Lieder, auch eine Suite für Klavier (Op. 9): „Der wilde Jäger“ (Soli, Chor und Orchester), eine parodistische Operette: „Das Stelldichein auf der Pfahlbrücke“ (preisgekrönt und gedruckt), und im Manuskript die Opern: „Otto der Schütz“ und „Der Pfeiferkönig“.