MKL1888:Bleivergiftung

[24] Bleivergiftung (Bleikrankheit, Saturnismus) entsteht durch die Aufnahme von Blei in gasförmigem, staubförmigem oder aufgelöstem Zustand in den Körper. Man unterscheidet die akute B., bei welcher große Mengen löslicher Bleisalze, namentlich Bleizucker oder Bleiessig, in den Magen gelangen und von da aus in die Körpersäfte übergehen. Die Erscheinungen der akuten B. bestehen in heftigem Magenkatarrh, Übelkeit, Erbrechen, großer Schmerzhaftigkeit des Leibes, später Lähmungen und bei üblem Ausgang Tod in wenigen Stunden. Diese B. ist sehr selten, da sowohl bei selbstmörderischer als bei anderweit verbrecherischer Absicht die schärfer wirkenden Gifte bevorzugt werden und daher nur aus Verwechselung einmal heftige Grade der B. eintreten können. Sehr gewöhnlich dagegen ist die chronische B., die eigentliche Bleikrankheit der Gewerbtreibenden. Vor allem werden von der B. ergriffen die Arbeiter, welche mit der Fabrikation der Bleipräparate, namentlich des Bleiweißes, beschäftigt sind; dann solche, welche mit Bleifarben umzugehen haben, wie Farbenreiber, Anstreicher etc., weiterhin solche, welche mit schmelzendem Blei arbeiten, wie Schriftgießer, Blei- und Silberhüttenleute etc. Auch die mit festem metallischen Blei umgehenden Arbeiter, wie Schriftsetzer, Schriftschneider, erkranken nicht selten an B. Ferner ist die B. beobachtet worden bei Menschen, welche das durch bleihaltige Röhren fließende Wasser oder mit Bleizucker verfälschte Weine getrunken hatten. Unter solchen Umständen kann die B. sogar endemisch auftreten. Auch durch den Genuß bleihaltigen Mehls (wenn die Vertiefungen der Mühlsteine mit Blei ausgefüllt werden), durch das Schnupfen des in bleihaltiger Zinnfolie verpackten Schnupftabaks ist die B. erzeugt worden. Das Blei wird also meistens in Dampf- und Staubform eingeatmet und gelangt so in die Luftwege, oder es wird mit dem Speichel, beziehentlich mit der Nahrung und den Getränken hinabgeschluckt und gelangt in den Magen. Individuen jeden Alters sind für die B. fast gleich empfänglich. Wer die Krankheit einmal überstanden hat, bekommt sie sehr leicht wieder, sobald er sich mit Blei etc. zu schaffen macht. Die B. äußert sich zunächst dadurch, daß das Zahnfleisch schieferfarbig wird und einen bläulichen Saum um die bräunlich oder schwärzlich gefärbten Zähne bildet. Diese blaue Farbe verbreitet sich später diffus oder fleckig über die Mundschleimhaut. Der Mund wird trocken, der Appetit vermindert, der Durst gesteigert. Der Kranke hat einen süßlich schrumpfenden Geschmack im Mund, sein Atem ist eigentümlich übelriechend. Es treten allerhand Verdauungsstörungen ein: Gefühl von Vollsein im [25] Magen, Übelkeit, Aufstoßen etc. Die äußere Haut wird blaß und fahl, die Bindehaut des Auges erscheint schmutzig gefärbt, das Gesicht ist mager und eingefallen. Der Puls ist klein, härtlich und selten, der Stuhlgang verzögert, trocken und hart, der Harn wird in geringer Menge abgeschieden. Zu diesen mehr allgemeinen Symptomen gesellen sich die charakteristischen Störungen des Nervensystems bei Bleikranken. Von ihnen tritt die sogen. Bleikolik (Malerkolik) am häufigsten und frühsten ein. Sie äußert sich durch Schmerzen im Unterleib, welche anfangs leise und herumschweifend, später heftig und auf gewisse Stellen beschränkt sind, dann anfallsweise auftreten oder zeitweilig, namentlich des Nachts, besonders heftig sind. Die Schmerzen sind außerordentlich quälend, durch Druck auf den Leib werden sie ein wenig gemildert. Der Leib ist dabei manchmal stark eingezogen, in andern Fällen dagegen aufgebläht durch Darmgase. Gleichzeitig besteht hartnäckige, mehrere Tage hindurch anhaltende und den gewöhnlichen eröffnenden Mitteln widerstehende Stuhlverstopfung. Die mühsam entleerten Kotstückchen sind kugelig, hart, gelblich oder schwarzgrau gefärbt. Sehr selten kommen Durchfälle, schleimige oder blutige Stühle vor. Bisweilen sind Harnbeschwerden, Harnverhaltung, Blasenkrampf zugegen. Öfters sind auch die Atmungsbewegungen krampfhaft gehindert (Asthma saturninum); manchmal sind Ohnmachten, Schlaflosigkeit, große Unruhe vorhanden. Mit diesen stürmischen Zufällen kontrastiert der seltene Puls, welcher nur 40–60 Schläge in der Minute macht. Fieber ist nicht vorhanden. Die Zunge ist feucht und blaß, der Durst gering. Die Bleikolik geht bei zweckmäßigem Verhalten und bei entsprechender arzneilicher Behandlung ziemlich schnell unter Abgang reichlicher Kotmassen und Feuchtwerden der Haut vorüber. Allein die Krankheit kehrt auch leicht zurück, wenn das vergiftende Blei nicht streng gemieden wird, und dann wird die Krankheit mit jedem neuen Anfall immer schwerer heilbar. Es treten dann noch andre Symptome, namentlich Gliederschmerzen (Rheumatismus saturninus), hinzu. Es sind dies lebhafte neuralgische Schmerzen in verschiedenen Gliedern, besonders in den Waden, seltener im Rumpf, in den Lenden etc., welche periodisch, namentlich in der Nachtzeit, auftreten; sie vermindern sich durch äußern Druck und Reibung, nehmen dagegen bisweilen durch Bewegung zu. Die sogen. Bleilähmungen betreffen bald die Bewegungs-, bald die Empfindungsnerven und treten in den verschiedensten Nervengebieten auf. Die eigentliche Bleilähmung befällt gewöhnlich einzelne Muskeln, besonders die Streckmuskeln der Arme, seltener der Beine, und ist mit der Zusammenziehung der Glieder oder einzelner Finger nach der Seite der Beugemuskeln verbunden, so daß die Finger gekrümmt, die Hände winkelförmig gegen die Innenfläche des Unterarms gebogen sind. Der Kranke kann das gebogene Glied nicht willkürlich strecken, aber passiv läßt es sich meist ziemlich ausgiebig bewegen. Diese Lähmung tritt nach und nach ein unter Schweregefühl, Müdigkeit, Unbehilflichkeit und leichtem Zittern des kranken Gliedes, oder sie bleibt nach einem Anfall von Bleikolik zurück. Sie führt schließlich zu völligem Schwunde der gelähmten Muskeln. Seltener kommen Lähmungen der Stimmwerkzeuge, der Brustmuskeln und andrer Teile sowie ein eigentümliches Zittern über den ganzen Körper vor (Tremor saturninus). Zu den schwereren Fällen von B. treten späterhin manchmal noch eigentümliche Gehirnaffektionen hinzu, welche teils durch fallsuchtähnliche Krämpfe, teils durch Sinnesstörungen aller Art, teils durch Betäubungszustände und verschiedenartige Seelenstörungen sich zu erkennen geben. Gewöhnlich werden diese Gehirnleiden durch anhaltenden Schwindel, Kopfweh, Trübsinn und Verstandesschwäche angekündigt; erst nach langem Bestand dieser Gehirnstörungen tritt der Tod ein. – Nach längerer Dauer der B. zeigt sich die sogen. Bleikachexie, welche durch zunehmende Abmagerung des Körpers und Wassersucht den Tod herbeiführt. – Bei der Behandlung der B. ist es die nächste Aufgabe, in akuten Fällen das Gift durch Brechmittel oder Magenpumpe zu entfernen, in chronischen dagegen, den Kranken der fernern Einwirkung des Bleies zu entziehen; derselbe muß sein Gewerbe aufgeben oder bei dem Betrieb desselben wenigstens die äußerste Sorgfalt und Reinlichkeit beobachten. Ferner ist für eine zweckmäßige Diät zu sorgen; der Kranke soll besonders schleimige und fettige, einhüllende Speisen und Getränke (Milch) genießen. Der Kranke (wie der Bleiarbeiter überhaupt) wasche und bade sich fleißig, wechsele oft die Wäsche, befleißige sich überhaupt der größten Reinlichkeit, er sorge für warme Kleidung oder hüte je nach den Umständen das Bett und halte sich in einer warmen und trocknen Wohnung auf. Zur Linderung der Schmerzen und Krämpfe bei der Bleikolik sind die Opiate in jeder Form und nötigen Falls in dreister Dosis anzuwenden. Gegen die B. selbst dienen teils einhüllende Mittel innerlich gegeben, wie warme Öle und Ölemulsionen (namentlich Rizinusöl), teils Abführmittel von Kalomel, Jalappe, Sennesblättern etc., teils die Gegengifte des Bleies, namentlich die verschiedenen Schwefelmittel. Von äußern Mitteln dienen besonders bei der Bleikolik ölige und reizende Klystiere sowie warme Umschläge auf den Leib. Besonders aber sind warme Vollbäder, zumal die sogen. Schwefelbäder, bei allen Formen der Bleikrankheit, vorzüglich aber bei veralteten Fällen, vom größten Nutzen. Gegen die Bleilähmungen ist die Anwendung des elektrischen Stroms von anerkannter Wirkung. Vgl. Hirt, Die Krankheiten der Arbeiter (Bresl. 1871–78); andre Litteratur unter „Gift“.


[142] Bleivergiftung. Auf epidemische, bez. endemische Bleivergiftungen, welche von bleihaltigem Leitungswasser herrühren, ist man in jüngster Zeit besonders aufmerksam geworden. Eine der interessantesten dieser Epidemien ist die 1886 in Dessau aufgetretene. Es wurden daselbst zur öffentlichen Anzeige gebracht 92 Fälle, welche in 67 Häusern von 27 verschiedenen Straßen vorkamen. Der Bleigehalt des Leitungswassers betrug bis zu 20,5 mg im Liter. Von den Leitungen pflegen nun nur die Hausleitungen, nicht aber die in den Straßen gelegten Röhren aus Blei herbestellt zu werden. Daß gleichwohl bei der regelmäßig stattfindenden Entnahme von Wasser aus den Röhren im einzelnen Fall sehr gerinne Mengen des in den Körper aufgenommenen Bleis Vergiftungen verursachen, hat seinen Grund darin, daß das Blei nicht wie andre Gifte aus dem Körper wieder ausgeschieden wird. Dasselbe bleibt im Gegenteil im Organismus zurück, häuft sich darin an und kommt erst zur Wirkung, wenn eine entsprechende Menge sich angesammelt hat. Bezüglich der zum Genuß gelangenden Menge des Wassers ist auch der in Dessau beobachtete Fall zu beachten, daß zur Bierbereitung bleihaltiges Wasser gebraucht sein kann. Es erkranken also auch Leute an B., welche niemals Wasser trinken. Hauptursache des Überganges von Blei in das Wasser ist große Weichheit (Armut an Kalksalzen) und verhältnismäßig großer Kohlensäurereichtum desselben. Die Kohlensäure löst das Blei auf, ist aber das Wasser reich an Kalk, so bindet sie sich an diesen. Da eine völlige Beseitigung der Bleirohre für die Hausleitungen nicht wohl thunlich ist, so bestehen die Mittel zur Beseitigung der Gefahr der B. zunächst in der Anwendung verzinnter Bleiröhren, ferner in Zusatz von Kalk zum Wasser im Reservoir, endlich in längerm Auslaufenlassen des Wassers aus dem Standrohr vor der Entnahme.