MKL1888:Branntwein
[329] Branntwein, durch Destillation aus gegornen Flüssigkeiten gewonnenes alkoholisches Getränk, besteht im wesentlichen aus einem Gemisch von Wasser mit 40–50 Volumprozenten Alkohol und wird aus eigens zu diesem Zweck bereiteten Maischen hergestellt, indem man einen durch Herkommen und Gewohnheit beliebten Geschmack, der wesentlich auf einen Gehalt an gewissen Fuselölen zurückzuführen ist, durch strenge Einhaltung alter Brennereimethoden zu erreichen sucht. So bereitet man in Deutschland den Kornbranntwein aus Weizen- und Gerstenmalzmaische, in Belgien den Genever aus Roggenmaische, in England den Whiskey aus Gerstenmaische und in Nordamerika, Ungarn und andern Ländern aus Maismaische. Sehr viel B. wird aus hochgradigem Spiritus durch Verdünnen mit Wasser gewonnen, und man erhält ein fuseliges Produkt bei Anwendung von 80–82proz. Spiritus, während 90–94proz. Spiritus das Material zu den feinern Branntweinen, den Likören (s. d.) etc., gibt. Neben dem B. aus stärkemehlhaltigen Rohmaterialien spielen die Branntweine aus zuckerhaltigen Früchten eine große Rolle. Man verarbeitet Äpfel und Birnen in der Normandie und in Württemberg, wo man aus diesen Obstsorten hauptsächlich Obstwein darstellt, auch auf B. Aus Wald- oder Vogelkirschen erhält man den Kirschbranntwein (Kirschgeist), der vorzüglich in Dalmatien, in der Schweiz und in den württembergischen Alpenthälern bereitet wird und von einem Zusatz zerstoßener Kirschkerne bei der Gärung einen angenehmen Geschmack nach bittern Mandeln erhält. Zwetschen und Pflaumen liefern den Zwetschen- oder Pflaumenbranntwein, auch Kätsch, in Ungarn Sliwowitza oder Slibowitz, in Slawonien Raky oder Racky genannt. Er wird in verschiedenen Gegenden Deutschlands, besonders in Franken, außerdem aber hauptsächlich in Slawonien und Ungarn gebrannt und hat einen lieblichen reinen Geruch und Geschmack. Heidelbeeren werden in manchen Jahren auf dem Schwarzwald in größerer Menge gesammelt und auf B. verarbeitet, ebenso Himbeeren, Brombeeren, Stachelbeeren, Holunderbeeren, in Böhmen Vogelbeeren, in Ungarn Wacholderbeeren und in der Provence Feigen, welche einen sehr feinen B. liefern, in Südeuropa wilde Maulbeeren, Johannisbrot, Kaktusfeigen. Wein liefert bei der Destillation Kognak, Armagnak etc., gegorner Zuckerrohrsaft Tafia, gegorne Zuckerrohrmelasse Rum und gegorne Milch Arka oder Arsa der Kirgisen.
Die Geschichte des Branntweins beginnt mit der Erfindung der Destillation, welche den Arabern zugeschrieben wird. Der arabische Arzt Abul Kasim in Cordova (gest. 1106 n. Chr.) spricht mit großer Bestimmtheit vom gebrannten Wein. Im Abendland lernt zuerst Raimund Lullus die Branntweinbereitung teils aus den Schriften der Araber, teils auch aus eigner Anschauung während seiner Reisen in Afrika kennen. Im 14. Jahrh. soll ein glückliches Weinjahr die Veranlassung größerer Branntweinmengen in Modena gewesen sein. Man trank damals den B. noch sehr selten, benutzte ihn dagegen öfters als Arznei, so besonders gegen die Pest und andre Infektionskrankheiten. Auch in Irland diente B. als Arznei, und er scheint dort auch, wie das Opium bei den Türken, zur Stärkung des Heldenmuts angewandt worden zu sein. Diese Annahme wird durch das Beispiel eines Heerführers, Namens Savage, bestätigt, welcher 1350 lebte: derselbe ließ jedem seiner Soldaten vor der Schlacht einen mächtigen Trunk B. reichen. Erst gegen das Ende des 15. Jahrh. wurde das Branntweintrinken allgemeiner. Michael Savonarola (gest. 1431) verfaßte eine ausführliche Schrift über den B. und lehrte unter anderm die Prüfung des Branntweins und Weingeistes auf den Gehalt an Alkohol mittels Papierstreifen. In Schweden war der B. zu Ende der Regierung Gustavs I. als Arzneimittel im Gebrauch, wurde aber erst zu Ende des 16. Jahrh. allgemeines Getränk. In Rußland bediente man sich des Branntweins schon Anfang des 16. Jahrh. als eines allgemeinen Getränks, in geringerm Grad als eines Arzneimittels; zu Ende desselben Jahrhunderts waren die Russen dem B. schon so ergeben wie heutzutage. Der Name Aqua vitae scheint aus Spanien und Italien zu stammen, wo der B. als Acqua vite oder Acqua di vite, Wasser der Weinrebe, bekannt war. Da die Klöster die Sitze und die Pflegestätten der Wissenschaft sowie die ersten Bereitungsstätten der Arzneien waren, so liegt es nahe, wenn man vermutet, daß dort der Ausdruck Acqua vite in das lateinische Aqua vitae übersetzt worden und daraus die später allgemeinere Bezeichnung Lebenselixir entstanden sei. Im 17. Jahrh. kamen die Branntweine aus Baumfrüchten, Beeren und Cerealien immer allgemeiner in Gebrauch, und schon 1747 beschrieb C. Skytte das Verfahren, B. aus Kartoffeln zu erzeugen. Sehr förderlich für die Ausbreitung des Branntweins in Deutschland war der [330] Dreißigjährige Krieg. Es wurden gegen den B. verschiedene Verbote erlassen, denen sämtlich die Ansicht zu Grunde lag, derselbe sei ein Gift. Gustav I. von Schweden warnte vor dem Gebrauch des Branntweins, Landgraf Philipp von Hessen verbot ihn 1524, und später geschah dasselbe in Frankfurt und Lüneburg. An manchen Orten war man dem Getreidebranntwein sehr abgeneigt, ja in Schwaben hielt man es für Sünde, aus Getreide B. zu erzeugen, weil dadurch „ein Essen in einen Trank verwandelt werde“. Keine Flüssigkeit wurde in dem Maß verdammt, gegen keine mit solchem Eifer aufgetreten wie gegen den B.; dieser galt für die Ursache der meisten Verbrechen und Laster, er war ein Trank der Hölle, eine Erfindung des Teufels; Mäßigkeitsgesellschaften, kirchliche Missionsvereine, Traktätchen, Erbauungsschriften etc. bekämpften ihn. Die Neigung, namentlich des ärmern, schlecht genährten Mannes, B. zu trinken, läßt sich aber auf ganz bestimmte physiologische Verhältnisse zurückführen (s. Alkohol), und deshalb haben alle oben genannten Bemühungen sehr wenig, der steigende Wohlstand, die daraus folgende bessere Ernährung und namentlich die immer mehr um sich greifende Gewohnheit, Bier zu trinken, außerordentlich viel zur Beseitigung des Mißbrauchs, der mit dem B. getrieben wurde, beigetragen.