MKL1888:Denudation
[222] ✽ Denudation (lat., Entblößung), im geologischen Sinn die Abtragung der durch die Verwitterung gelockerten festen Bestandteile der Erdoberfläche und ihr Fortschaffen von höher gelegenen Orten nach tiefern. Als mechanisches Agens können dabei außer der Schwerkraft das fließende Wasser im flüssigen und festen Aggregatzustand sowie die bewegte Luft dienen. Unter den denudierenden Kräften steht in erster Linie das Wasser. Die Arbeit, welche dasselbe leistet, hängt einerseits von dem Gefälle und der Wassermasse ab, anderseits ist der Einfluß je nach der Beschaffenheit und Lagerung des Verwitterungsschuttes sowie dem verschiedenen Grade der Bedeckung mit Vegetation ein andrer. Steiles Gehänge und dünne Pflanzendecke befördern das Fortspülen des mechanisch gelockerten Erdreichs. Zu dem, was auf rein mechanischem Weg vom Wasser zerstört und fortgeführt wird, kommt noch die Masse der chemisch gelösten Stoffe. Im Vergleich mit diesen Mengen ist der Betrag dessen, was vom Eis der Gletscher in der Gestalt von Oberflächenmoräne transportiert oder als Schleifpulver vom Boden durch den Gletscherbach entfernt wird, ein geringer zu nennen, selbst wenn man die Abräumung eines schuttbedeckten ebenen Landes und die Ausräumung von flachen Seebecken dazu nimmt. Viel wirksamer erweist sich dagegen die Entfernung staubartiger Massen vermittelst der mechanischen Kraft des Windes. Am bedeutendsten tritt diese äolische D. in regenlosen Gebieten auf, wo eine Vegetationsdecke fast ganz fehlt. Das Endziel des Denudationsprozesses ist die Bloßlegung der nackten Felsunterlage, wodurch den Atmosphärilien wieder neue Angriffspunkte geliefert werden. Betrachtet man die Erdoberfläche vom Standpunkt der Wirkung der denudierenden Kräfte, so kann man Regionen der fluviatilen, glazialen und äolischen D. unterscheiden, die sich in Bezug auf ihre Oberflächengestalt wesentlich voneinander abheben. Den ungefähren Betrag der D. berechnet man in der Weise, daß man bei einigen Flüssen die Menge des Wassers mißt, die sie jährlich dem Meer zuführen, und die Masse der chemisch gelösten und mechanisch suspendierten Stoffe zu bestimmen sucht. Aus beiden Faktoren läßt sich dann entnehmen, wieviel Material der Fluß jährlich seinem Entwässerungsgebiet entzieht, und aus der Ausdehnung dieses Gebiets ergibt sich, um wieviel das letztere jährlich durch D. verliert. So hat man gefunden, daß in ungefähr 3000 Jahren die ganze Kontinentalfläche der Erde im Mittel um 30 cm erniedrigt wird. Vgl. v. Richthofen, Führer für Forschungsreisende (Berl. 1886); Neumayr, Erdgeschichte, Bd. 1 (Leipz. 1885).
[176] Denudation (Landabtragung), das Produkt der an der Erdoberfläche wirksamen meteorologischen Kräfte. Je nach dem Klima des betreffenden Erdstriches sind die Faktoren, welche für den Denudationsprozeß in erster Linie in Betracht kommen, von ganz verschiedener Art. In regenreichen Ländern ist es vor allem das Wasser in flüssigem oder festem Aggregatzustand, als rinnendes und fließendes Wasser oder als Schnee und Eis, das gleichzeitig als erodierendes wie transportierendes Agens wirkt. Ganz anders liegen die Verhältnisse in den regenarmen Wüstengebieten der Erde. Regelmäßige Niederschläge fehlen in der Wüste, allein die seltenen Strichregen stürzen mit großer Gewalt hernieder und sind im stande, eine größere mechanische Wirkung in kurzer Zeit auszuüben, als wenn dieselbe Regenmenge sich auf eine Reihe von Regentagen verteilte. Die erodierende und transportierende Leistung vereinzelter Gewittergüsse in der Wüste wird dadurch wesentlich gesteigert, daß aller Gehängeschutt aus locker übereinander liegenden Steinen besteht, ohne durch Schlamm miteinander verkittet zu sein. Eine größere denudierende Wirkung üben die Temperaturunterschiede in der Wüste aus. Die Trockenheit der Atmosphäre, der Mangel von Humus, die Abwesenheit einer zusammenhängenden Pflanzendecke lassen die Temperaturunterschiede ungeschwächt auf den nackten Felsboden wirken. Eine gewöhnliche Folge der unbehinderten Insolation besteht in dem schaligen Abblättern der Gesteine. Diese eigentümliche Art des Verfalls der Steine findet sich sowohl bei gewissen homogenen Kalken als beim Granit. Dagegen spielt die chemische Verwitterung in der Wüste nur eine geringe Rolle und wirkt nur im Laufe langer Zeiten. Da die Verwitterung von der Anwesenheit von Wasser abhängig ist, letzteres aber infolge der trocknen Luft und der großen Wärme schnell wieder verdunstet, so kann dieselbe nur dort stattfinden, wo Gesteinsflächen beschattet sind und deshalb die Feuchtigkeit länger wirken kann, als auf besonnten Flächen. Zu einer Verwitterung auf größern Flächen kommt es in der Wüste nicht, sie bildet immer nur eine lokale Erscheinung. Die Oberflächenformen, welche durch die Verwitterung in der Wüste erzeugt werden, sind oft sehr sonderbarer Art. Felsen [177] verwittern an der untern Fläche, so daß sie oft die Form eines Hutpilzes annehmen. Eine überragende Felskante veranlaßt im Gebiete ihres Schattenstreifens chemische Verwitterung, wodurch sich unterhalb der Felsbank eine Hohlkehle bildet. In regenreichen Ländern ist das fließende und gefrorne Wasser das wichtigste Transportmittel. In der Wüste tritt an die Stelle des Wassers der Wind nicht bloß als transportierendes, sondern auch als denudierendes Agens. Die Wirkung des Windes äußert sich in der Wüste in doppelter Weise. Erstens entführt der Wind überall alles, was durch Verwitterung und Insolation gelockert ist, und verhindert dadurch, daß sich die Denudationsprodukte kumulativ anhäufen. Ferner scheuert der mit Sand beladene Wind die Felsen und denudiert dadurch deren Oberfläche. So häufig man auch in der Wüste Spuren des Sandschliffes trifft, so tritt diese Thätigkeit des sandbeladenen Windes doch gegenüber der rein abtragenden Wirkung des Windes in den Hintergrund. Diese letztere, die man wohl als Deflation bezeichnet, ist der wichtigste Denudationsprozeß in der Wüste; man versteht darunter nicht sowohl die Zerstörung der Felsoberfläche, als vielmehr die Abhebung und Fortführung der durch die vier zerstörenden Kräfte, die Insolation, die Erosion, das Sandgebläse und die chemische Verwitterung, gelockerten Gesteinsfragmente. Die denudierende Wirkung des Windes ist im Vergleich mit derjenigen des Wassers deswegen bedeutend mächtiger, weil letzteres in seiner Thätigkeit an Niveauunterschiede gebunden ist, während der Wind selbst auf einer vollkommen ebenen Fläche denudiert, sobald er nur zersetztes Material vorfindet. Ordnet man die in der Wüste thätigen meteorologischen Kräfte der Intensität ihrer Wirkung und ihrer Bedeutung nach, so steht in erster Linie der Wind, der die wesentlichen Charaktere der Deflationslandschaften bestimmt. Ohne die Deflation würde die D. in der Wüste bald stillstehen, da alle Zerstörung der Gesteine nur oberflächlich ist. Aber der durch keine Pflanzendecke gehinderte Wind trägt alles gelockerte Gesteinsmaterial sofort weg und liefert somit den zerstörenden Kräften neue Angriffspunkte. Minder wirksam ist das Sandgebläse, das stets mit der Deflation zugleich auftritt. Insolation und Verwitterung haben eine vorbereitende Thätigkeit und liefern das Material für die Deflation. Die erodierende und transportierende Thätigkeit des Wassers tritt zwar nur selten ein, dafür aber im gegebenen Falle um so intensiver. Das Endziel aller D. auf Erden geht dahin, die durch Dislokationen oder vulkanische Vorgänge hervorgerufenen Höhenunterschiede einzuebnen und eine Denudationsfläche zu bilden, auf welcher die Denudationsprodukte sich ablagern. Die Denudationsvorgänge sind je nach den klimatischen Bedingungen verschieden, anders in den Tropenländern als in polaren Gebieten und wieder anders in Erosionslandschaften oder am Meeresstrand. Für die Deflation ist Ebenflächigkeit der Denudationsebene ein wesentlicher Charakterzug, und jene ebenen Wüsten, die man als Sserîr, Hamada oder Sebcha bezeichnet, sind Denudationsflächen, hervorgegangen aus Deflation (s. Wüste).