MKL1888:Gegenbaur

[1013] Gegenbaur, 1) Joseph Anton von, Maler, geb. 1800 zu Wangen im Württembergischen, bildete sich 1815–23 unter R. v. Langer auf der Akademie zu München und malte während dieser Zeit als Altarbild für seine Vaterstadt einen heil. Sebastian und zwei Hirten nach Geßners Idyllen. Von 1823 bis 1826 und von 1829 bis 1835 setzte er seine Studien in Rom fort, wo er besonders im Kolorit Ausgezeichnetes leistete, wie seine ersten Eltern nach dem Verlust des Paradieses und Moses Wasser aus dem Felsen schlagend (im königlichen Schloß zu Stuttgart) beweisen. Nach seiner Rückkehr erhielt er vom König von Württemberg den Auftrag, mit Gutekunst das neuerbaute Schloß Rosenstein mit Fresken zu schmücken. Dieselben sind der Mythologie entnommen und ausgezeichnet durch reiche Phantasie, anmutige Gruppierung, Schönheit der Figuren und glänzendes Kolorit. Im J. 1835 zum Hofmaler ernannt, schmückte er 1836 bis 1854 fünf Säle des Erdgeschosses und des obern Stockes des Residenzschlosses zu Stuttgart mit Fresken aus der Geschichte der württembergischen Grafen Eberhard der Greiner, Eberhard der Erlauchte, Ulrich der Vielgeliebte und Eberhard im Bart. Treffliche Ölgemälde von ihm sind: eine schlafende Venus und zwei Satyrn, eine Leda, mehrere kleine Venusbilder [1014] (im Besitz des Königs) und ein großes Altarbild: Madonna mit dem Kind, in der Kirche zu Wangen. Auch schuf er mehrere treffliche Bildnisse. G. stellte am liebsten das Zarte, Anmutige und Liebliche dar, wiewohl er auch Schlachtenbilder malte. Er starb 31. Jan. 1876 in Rom.

2) Karl, Anatom, geb. 21. Aug. 1826 zu Würzburg, besuchte von 1845 an die dortige Universität, widmete sich von 1847 an dem Studium der Medizin, trat 1850 als Assistent ins Juliushospital, ging 1852 und 1853 zum Studium der niedern Seetiere nach der sizilischen Küste, habilitierte sich 1854 in Würzburg für Anatomie und folgte 1855 einem Ruf als Professor in der medizinischen Fakultät nach Jena. Er vertrat dort die Fächer der Zoologie und vergleichenden Anatomie, beschränkte sich aber seit seiner Ernennung zum ordentlichen Professor und Direktor der anatomischen Anstalt 1858 auf die anatomischen Disziplinen. 1873 ward er nach Heidelberg berufen. G. ist nächst Cuvier und Johannes Müller der bedeutendste vergleichende Anatom. Unvergleichlicher Reichtum empirischer Kenntnisse wetteifert bei ihm mit der größten Klarheit der kausalen Erkenntnis der Formerscheinungen und mit philosophischer Förderung der Erkenntnis ihrer allgemeinen Gesetze. Unter seinen zahlreichen Spezialarbeiten sind am wichtigsten diejenigen über die vergleichende Anatomie der Wirbeltiere (namentlich die Schädel- und Gliedmaßentheorie). In seinen „Grundzügen der vergleichenden Anatomie“ (2. Aufl., Leipz. 1870) ist zum erstenmal die Deszendenztheorie auf das ganze Gebiet ebenso kühn wie vorsichtig angewandt und damit helles Licht über eine große Zahl bis dahin dunkelster Phänomene ausgegossen worden. Charakteristisch für G. ist die außerordentliche Nüchternheit und Kälte seiner Betrachtungen bei aller Hoheit des Gedankenflugs; niemals wird er Enthusiast. Er schrieb noch: „Grundriß der vergleichenden Anatomie“ (2. Aufl., Leipz. 1878), „Lehrbuch der Anatomie des Menschen“ (das. 1883, 2. Aufl. 1885) und gibt seit 1875 das „Morphologische Jahrbuch, eine Zeitschrift für Anatomie u. Entwickelungsgeschichte“ (das.), heraus.