MKL1888:Geldmarkt und Börse
[361] Geldmarkt und Börse (bis Herbst 1891).[WS 1] Die Börse befindet sich in einer Krisis, und zwar in einer solchen, welche sich langsam entwickelt und fortschreitet und eine rasche Ausscheidung aller unsoliden Elemente daher nicht gestattet. In den Wirkungen kommt diese Krisis aber jeder andern gleich. Wir müssen, um das Wesen derselben kennen zu lernen, auf die 1890 und früher stattgehabten Erscheinungen zurückgreifen. Der Kapitalzins war in einem ununterbrochenen Rückgange geblieben; er war allmählich von 41/2 auf 31/2 Proz. für erste Sicherheiten gesunken, aber nicht allein durch das Übergewicht des Kapitalangebots, sondern auch durch die Wechselwirkung der Verhältnisse. Noch vor wenigen Jahren mußten einige nicht voll kreditwürdige Staaten für ihre Anleihen Zinsen von einer Höhe zahlen, welche der Finanzlage und andern maßgebenden Verhältnissen entsprach. Österreich-Ungarn und Rußland waren die ersten Staaten, deren Finanzen eine so durchgreifende, günstigere Gestaltung erfuhr, daß die Defizits im Staatshaushalt verschwanden. Insbesondere hat in Rußland die Zunahme der Ausfuhr wesentlich zu dieser Umgestaltung beigetragen. Durch die Konvertierung der Anleihen allein schon konnte in diesem Lande eine Ersparnis von vielen Millionen Rubel erzielt werden. Das Publikum trug dieser Umgestaltung Rechnung und betrachtete österreichisch-ungarische und russische Staatspapiere als vollständige Sicherheit. Die Rente aus denselben ging in höherm Grade zurück als die der deutschen, bez. preußischen Anleihen, welche bis jetzt nur vorübergehend an den deutschen Börsen zu Spekulationszwecken gedient hatten. Die Konvertierungen wurden im allgemeinen unter Bedingungen durchgeführt, welche die Kapitalisten annehmbar fanden. Zwar soll die Höhe des Zinsfußes sich nach der Güte des betreffenden Papieres richten; doch war die Vertrauensseligkeit des Publikums so groß, daß der Kurs bei vielen Papieren über den Satz hinaus stieg, welcher einer schärfern wirtschaftlichen Bemessung entsprochen hätte. Hierbei war vorzüglich das Bestreben wirksam, die durch die Konvertierungen erlittenen Verluste wieder einzubringen, welches auch die Nachfrage nach Papieren von zweifelhafter Sicherheit erhöhte. Die betreffenden, besonders die südamerikanischen Staaten wußten diese Vertrauensseligkeit nach Kräften auszunutzen, bis endlich die Krisis zum Ausbruch kam.
Die äußere Veranlassung lag in den Engagements des Hauses Baring Brothers in London. Dieselben waren so bedeutend, daß ein vollständiger Zusammenbruch dieses Hauses hätte erfolgen müssen, wenn nicht die englische Bank helfend eingetreten wäre. Die letztere stützte sich dabei auf eine Garantie für die Deckung der Verpflichtungen seitens erster Londoner Firmen. Diese Hilfeleistung wurde später mittelbar die Ursache der mißlichen Lage, in welche fast alle europäischen Börsen gerieten. Zwar wurde der Fall des Hauses Baring verhindert, aber trotzdem konnten die vollständig verfahrenen argentinischen Verhältnisse nicht zur Ausgleichung gebracht werden; die Folge hiervon war, daß sich Argentinien bankrott erklären mußte. Staat und Private hatten sich eine Schuldenlast aufgeladen, deren Zinsen sie nicht aufzubringen vermochten. Die Hypothekenbanken gaben Cedulas in solchen Mengen aus, daß eine Überflutung entstand und das Aufgeld auf Gold bis über 300 Proz. stieg. Die Goldschulden hatten sich also vervierfacht. Andre südamerikanische Staaten folgten in demselben Fahrwasser, aber in weniger großer Ausdehnung.
Auch die Finanzverwaltung einiger europäischer Staaten war nicht günstig gewesen, infolge davon entwickelte sich ein allgemeiner Kurssturz um viele Prozente, von welchem besonders portugiesische, spanische und griechische Papiere betroffen wurden. Dem Übermaß an Vertrauen folgte nun eine Periode der Vertrauenslosigkeit, welche schließlich auch Wertpapiere traf, die als solide gelten mußten.
Hierzu kam die Änderung in der Lage des Edelmetallmarktes, welche besonders durch die Umgestaltung in der Münzgesetzgebung der Vereinigten Staaten von Nordamerika bedingt wurde, aus welchem Lande nun Gold in großem Umfange abfloß, bis in neuester Zeit infolge der Ernteverhältnisse sich eine entgegengesetzte Strömung entwickelte.
Mittels mannigfacher Operationen sind sehr bedeutende Posten Gold aus den Vereinigten Staaten nach Europa ausgeführt worden; Deutschland, Frankreich und Großbritannien haben einen großen Teil erhalten. Die deutsche Reichsbank gibt leider in ihren Übersichten Gold und Silber nicht getrennt an, es ist deshalb nicht möglich, den Anteil des Goldes an ihrem Barvorrat genau mitzuteilen. Es ist aber bemerkenswert, daß im Verkehr jedermann die deutsche Reichsbanknote als den Repräsentanten der vollen Summe Gold anerkennt. Der Metallvorrat der deutschen Reichsbank stellte sich 15. Aug. 1891 auf 931,617,000 Mark. Die Bank von Frankreich, deren Goldvorrat unter die Höhe des Silbervorrates gefallen war, hat den erstern in solcher Weise vermehrt, daß er nun auf mehr als 52 Proz. des gesamten Metallvorrates gestiegen ist. Der Goldvorrat der englischen Bank hat sich am 1. Juli auf 28 Mill. Pfd. Sterl., und zwar gegen den 6. Mai um 7 Mill. Pfd. erhöht. Dies verdankt die Bank in erster Linie den Vereinigten Staaten und dem Ansatz höherer Kaufpreise für Gold seitens der englischen Bank.
Der Metallvorrat der deutschen Reichsbank war 15. Aug. 1891 um 106 Mill. Mk. größer als im Vorjahr. Dieses Plus besteht ganz und gar aus Gold, weil es sich aus den Zuflüssen aus fremden Ländern, besonders aus London und den Vereinigten Staaten, gebildet hat. Das Verhältnis des Goldes zum Silber hat sich also, weil der Vorrat an Thalerstücken sich gleich geblieben ist, günstiger gestaltet. Wird der Vorrat in Thalerstücken auf 250 Mill. Mk. geschätzt, dann waren 15. Aug. rund 575 Mill. Mk. oder 69,69 Proz. des gesamten Metallvorrates, 61,09 Proz. des Notenumlaufs und 44,85 Proz. aller täglich fälligen Verpflichtungen mit Gold bedeckt. Das sind jedenfalls sehr günstige Zahlen.
[362] Die ganze Goldbewegung hat sich in Abhängigkeit von Rußland entwickelt. Rußland hatte an den europäischen Börsenplätzen bedeutende Guthaben, welche in Gold gedeckt werden müssen. Solche Guthaben liegen auch in England. Die englische Bank muß jeden Augenblick auf Entziehung derselben vorbereitet sein. Im Juli 1891 wurden von Rußland 11/2 Mill. Pfd. Sterl. durch das Haus Rothschild in Anspruch genommen, sie sind aber sofort wieder in die Bank zurückgekehrt, weil Rußland seinen Goldbedarf bereits anderweit gedeckt hatte.
Der Zweck der Ansammlung großer Posten Gold in den Händen Rußlands ist bis jetzt nicht bekannt. Die Absicht, die Goldwährung herzustellen, von welcher viel gesprochen wurde, wird durch die Thatsachen nicht bestätigt. Auch würden die augenblicklichen wirtschaftlichen Zustände für die Durchführung der Goldwährung nicht günstige sein. Denn der Kurs der russischen Valuta ist von dem Ertrag der Ernte, bez. der Ausfuhrfähigkeit abhängig; diese wechselt aber so bedeutend, daß für 1891 sogar eine Mißernte vorausgesetzt werden muß. Die Goldparität berechnet sich auf 324,98 Mk. = 100 Rubel, und von dieser ist der Kurs sehr weit entfernt. Wahrscheinlich soll die Anhäufung großer Goldmassen dazu dienen, die Konvertierungs-Operationen im großen Umfang durchzuführen, um die in Betracht kommenden Anleihen event. zurückzahlen zu können.
Diese Operationen haben jedoch eine Unterbrechung erfahren, weil eine zu diesen Zwecken aufzunehmende russische Anleihe von 500 Mill. Frank im letzten Augenblick aufgegeben werden mußte. Der Hauptunternehmer für die Anleihe war Rothschild, welcher fand, daß der Geldmarkt und die wirtschaftliche Lage des Landes ein Gelingen der Anleihe nicht erwarten ließen.
Die in Rußland ergangenen Ausfuhrverbote veranlaßten eine Steigerung der Preise für Roggen, Weizen etc. und beeinflußten auch den Berliner Börsenverkehr in hohem Grade. Hierdurch hat eine bedeutende Kursbewegung der russischen Valuta abwärts stattgefunden. Doch haben hierbei noch ganz besonders Leerverkäufe mitgewirkt.
Der Notstand in Rußland hat eine sehr bedeutende Ausdehnung erreicht. Rußland war genötigt, einen Teil seiner Guthaben aus dem Auslande zurückzuziehen und zu Unterstützungen zu verwenden. Anderseits hat diese Verwendung und die Wirkung derselben auf alle wirtschaftlichen Verhältnisse Rußlands dessen Kredit im Auslande so bedeutend geschwächt, daß die geplanten neuen Anleihen im Auslande nicht realisiert werden konnten. Vgl. den besondern Art. „Russisches Reich“ (Finanzen).
Einem stärkern Kursdruck unterlagen die inländischen Fonds, besonders 3proz. Anleihen. Am 20. Febr. wurden 200 Mill. 3proz. deutsche Reichs-Anleihe und 250 Mill. Mk. 3proz. konsolidierte preußische Staatsanleihe zum Kurse von 84,40 Proz. zur Zeichnung aufgelegt. Der Kurs der Scrips (nicht vollgezahlte Stücke) ging bis auf 82,60 und der 31/2proz. Anleihe bis auf 96,60 Proz. Diese Kurse bestanden zwar nur vorübergehend, haben aber den Beweis geliefert, daß die Ausgabe von 450 Mill. Mk. 3proz. Anleihen ein Fehler war. Die leitenden Minister glaubten, die Spekulation für diese zum erstenmal mit 3 Proz. verzinslich ausgegebenen Anleihen dauernd zu interessieren. Die starke Zeichnung und die steigende Kursrichtung unmittelbar nach der Zeichnung bestätigte die Teilnahme der Spekulation, aber es fehlte derselben die Dauer, weil sich im August starke Verkäufe entwickelten und einen Kursdruck veranlaßten. Hätten die leitenden Kreise auf eine möglichst beschleunigte Teilnahme des Kapitals hingestrebt, dann mußte diese durch die Ausgabe einer 4proz. Anleihe veranlaßt werden. Der Kapitalzins war schon im Februar zur Zeit der Emission im Steigen begriffen. Deutsche Staatspapiere sind keine geeigneten Spekulationsobjekte, während auf eine Beteiligung der Spekulation an 3proz. Papieren für eine längere Dauer nicht zu rechnen war. Die neue 3proz. Anleihe trug zum Emissionskurs 3,56 Proz. Der Unterschied dieses Prozentsatzes gegen 4 Proz. macht allerdings bei 450 Mill. einen erheblichen Gewinn aus. Ob derselbe aber die ungünstige Wirkung des Kursdruckes bis auf 82,60 Proz., also um 1,80 Proz. unter dem Emissionskurs deckt, bleibt zu bezweifeln. Bedeutende Verkäufe wurden auch infolge der Gestaltung der Verhältnisse am Geldmarkt vollzogen. Die Einzahlung auf die neue 3proz. Anleihe hatte am 5. März begonnen und dauerte in weitern fünf Raten bis 1.–6. Nov. Es haben zwar bedeutende Vollzahlungen stattgefunden, aber das hinderte nicht, daß jede Einzahlung einen neuen Druck veranlaßte, weil wegen der Teilnahmlosigkeit der Spekulation noch viel Material flottant war.
Andre zinstragende Papiere folgten der Bewegung, aber der Kursdruck derselben war weniger stark als derjenige der Scrips. Es wurden notiert (in Millionen Mark):
| Nominal-Kapital | Wert Ende 1889 | Wert Ende 1890 | Unterschied | |
| Montanaktien | 625,0 | 1062,0 | 836,0 | 226,0 |
| Bankaktien | 1361,4 | 2049,7 | 1891,5 | 158,2 |
| Baugesellschaften | 98,7 | 119,6 | 103,3 | 16,3 |
| Brauereigesellschaften | 82,0 | 128,2 | 111,3 | 16,9 |
| Chemische Gesellschaften | 20,4 | 30,4 | 259,1 | 4,5 |
| Gas- und Wasser-Gesellschaften | 30,4 | 47,0 | 454,5 | 1,5 |
| Maschinen- und Eisenbahnmaterial-Gesellschaften | 110,2 | 175,5 | 155,2 | 20,2 |
| Transportwerte | 146,3 | 241,8 | 220,5 | 21,3 |
| Zuckerfabriken | 18,0 | 22,9 | 18,7 | 4,2 |
| Papierfabriken | 12,7 | 13,2 | 11,8 | 1,4 |
| Gummifabriken | 10,1 | 19,6 | 19,2 | 0,4 |
| Verschiedene industrielle Gesellschaften | 355,8 | 569,5 | 489,3 | 80,2 |
| Zusammen: | 2870,9 | 4479,1 | 3928,0 | 551,1 |
Aus vorstehender Aufstellung ist ersichtlich, in wie hohem Maße sich die Kurse vom Schluß des Jahres 1889 bis Ende 1890 verändert haben, und welche großen Verluste allein auf dem Bank-, Industrie und Bergwerksaktienmarkt erlitten worden sind. Es muß berücksichtigt werden, daß dies keineswegs effektive Verluste sind, denn es wurde nur ein Teil der Aktien zu den angegebenen Kursen gekauft, bez. verkauft.
Auf dem Geldmarkt spielten deutsche, resp. preußische Anleihen eine hervorragende Rolle. Die Einzahlungen auf die neuen 3proz. Anleihen waren der deutschen Reichsbank zugeflossen. Letztere hat aber der durch Anschwellung der Staatsguthaben entstandenen Unsicherheit dadurch ein Gegengewicht geboten, daß sie starke Goldankäufe im Ausland vollzog und ihren Metallvorrat bis auf 948,97 Mill. Mk. 22. Aug. vermehren konnte. Derselbe überschritt den Notenumlauf um 34,05 Mill. Mk. und begründete eine steuerfreie Notenreserve von 359,15 Mill. Mk., welche den Septemberbedarf sehr reichlich deckte. Am 30. Sept. betrug die steuerfreie Notenreserve 123,70 [363] Mill. Mk., während in 1890 die steuerfreie Grenze um 26,25 Mill. Mk. überschritten wurde. Die Reichsbank konnte diese glänzende Lage nicht mit einer Diskontoherabsetzung anerkennen, weil sie fürchten mußte, die Wechselkurse ungünstig zu beeinflussen.
Thatsächlich war Geld knapper als im Vorjahr. Die großen Banken haben bekanntlich ihr Aktienkapital bedeutend vermehrt und haben sich trotz dessen zum Teil in einer Geldknappheit befunden. Dieselbe wurde wohl dadurch hervorgerufen, daß das Publikum mehr ausländische Werte aufgenommen hatte, als es festzuhalten vermochte. Dann wirkten auch die Gründungen und Erweiterungen bestehender industrieller Gesellschaften erheblich mit. Der Bedarf der Börsenspekulation hat sich allerdings bedeutend vermindert, doch bietet diese Verminderung keinen genügenden Ersatz für die anderweitige stärkere Inanspruchnahme des Geldmarktes, welche noch dadurch unterstützt wurde, daß der Lombardverkehr der Reichsbank sich auf mehr als 100 Mill. Mk. gehoben hatte. Die Beleihung von Provinzial-, Stadt- und andern inländischen Anleihen durch die Reichsbank hat an dem Plus des Lombardverkehrs jedenfalls einen bedeutenden Anteil.
Der Status der Reichsbank ergab 31. Aug. (in Tausenden Mark) folgendes:
| 1891 | 1890 | 1889 | 1888 | |
| Metall | 940147 | 797561 | 858109 | 963763 |
| Notendeckung | 972702 | 826800 | 888532 | 995634 |
| Notenumlauf | 951439 | 976061 | 992150 | 939851 |
| Steuerfreie Notenreserve | 313380 | 138764 | 178467 | 331868 |
| Wechsel | 496795 | 530481 | 562974 | 337724 |
| Lombard | 92970 | 67316 | 69355 | 44344 |
| Effekten | 352 | 19230 | 11025 | 4649 |
| Sonstige Aktiva | 37073 | 27838 | 32700 | 35947 |
| Guthaben | 486051 | 336574 | 422209 | 380729 |
Der Schwerpunkt liegt in den Goldankäufen und den Guthaben, von welchen ein bedeutender Anteil auf die Staatsguthaben fällt. Dadurch, daß jede Zahlung durch die Reichsbank vollzogen werden kann, hat sich das deutsche Zahlungswesen in einer Weise entwickelt, wie sie in keinem andern Lande besteht. Alle Bankplätze sind verbunden und können durch einen Buchungsprozeß die Zahlungen miteinander vermitteln. 1890 betrug bei der Reichsbank der Gesamtumfang im Giroverkehr einschließlich der Ein- und Auszahlungen für Rechnung des Reiches und der Bundesstaaten 83,894,04 Mill. Mk.
Die durchschnittlichen Diskontosätze am Berliner offenen Markte betrugen:
| 1891 | 1890 | 1889 | 1880 | |
| Januar | 3,096 | 3,830 | 2,158 | 1,678 |
| Februar | 2,604 | 3,464 | 1,521 | 1,500 |
| März | 2,672 | 3,750 | 1,770 | 1,839 |
| April | 2,680 | 2,929 | 1,537 | 1,543 |
| Mai | 2,869 | 2,945 | 1,570 | 1,555 |
| Juni | 3,264 | 3,720 | 2,265 | 1,755 |
| Juli | 3,317 | 3,148 | 1,768 | 1,409 |
| August | 3,199 | 3,972 | 2,157 | 1,671 |
| September | 3,220 | 3,536 | 3,157 | 1,830 |
| Oktober | 3,199 | 4,772 | 4,185 | 3,250 |
| November | 3,130 | 5,135 | 4,702 | 3,153 |
| Dezember | 2,955 | 5,075 | 4,776 | 3,595 |
| Jahresdurchschnitt | 3,022 | 3,781 | 2,629 | 2,056 |
Unsre Aufstellung zeigt, daß die vier letzten Monate alljährlich eine gesteigerte Geldnachfrage und infolgedessen einen steigenden Diskontosatz bringen. Im Juli und August des Jahres 1891 überstieg der Diskontosatz am offenen Markte den 90er Satz, ungeachtet die Börse bedeutend weniger beansprucht war als im Vorjahr. Der gesteigerte Geldbedarf lag also, wie erwähnt, außerhalb der Börse, hat sich aber in den letzten Monaten sehr bedeutend vermindert.
Bei der Reichsbank fanden im Laufe des Jahres 1890 folgende Diskontoveränderungen statt: vom 1. Jan. bis 22. Febr. 5, von da bis 26. Sept. 4, bis 11. Okt. 5 und dann bis Ende des Jahres 51/2 Proz. Im J. 1891 wurde der Diskont 12. Jan. auf 4 Proz., 4. Febr. auf 31/2 Proz., 11. Febr. auf 3 Proz. herabgesetzt und 15. Mai auf 4 Proz. erhöht. Im Durchschnitt betrug der Reichsbankdiskont im J. 1891 3,776 Proz. gegen 4,517 und 3,676 Proz. in 1890 und 1889. In England fanden 1891: 12 Diskonto-Veränderungen gegen 11, bez. 8 in den beiden Vorjahren statt. Der durchschnittliche Zinssatz der Bank von England im J. 1891 betrug 3,35 gegen 4,55 und 3,56 Proz. in den beiden vorhergehenden Jahren. Bei der Bank von Frankreich berechnet sich ein durchschnittlicher Zinsfuß von 3, bez. 3 und 3,10 Proz.
Die Entwickelung der Wechselkurse in Berlin zeigt, daß Deutschland Gläubiger des Auslandes geworden ist. Die Wechselkurse haben einen Tiefstand erreicht, welcher das Ausland zur Goldzahlung verpflichtete. Am 15. Aug. 1891 wurden in Berlin notiert in kurzer Sicht:
| Goldparität | ||||||
| Amsterdam | 168,20 | Mark | 168,34 | für | 100 | Gulden |
| London | 20,31 | „ | 20,43 | „ | 1 | Pfd. Sterl. |
| Paris | 80,10 | „ | 81,00 | „ | 100 | Frank |
| Italien | 78,80 | „ | 81,00 | „ | 100 | Lire |
| Wien | 171,10 | „ | 202,50 | „ | 100 | Gulden |
| Petersburg | 211,25 | „ | 324,08 | „ | 100 | Rubel |
Wien und Petersburg sind mit einem bedeutenden Disagio ausgestattet. Die Kursbewegung besonders für Petersburg hängt mit spekulativen Operationen eng zusammen. Auch andre Wechselkurse ergeben ein Disagio. Es sind aus London in den ersten acht Monaten des Jahres 1891: 3,876,274 Pfd. Sterl. Gold ausgeführt worden gegen nur 585,182 Pfd. Sterl. in 1890. Frankreich empfing in derselben Zeit aus Großbritannien 5,406,044 Pfd. Sterl. gegen 677,803 Pfd. Sterl. in 1890. Dagegen haben Portugal, Australien und die Vereinigten Staaten in Großbritannien mehr eingeführt, die letztern 7,648,438 Pfd. Sterl. gegen 2,579,170 Pfd. Sterl. in 1890. Einschließlich des Veredelungsverkehrs betrug in Deutschland 1890 die Einfuhr 285,257,911 kg im Werte von 4,258,468 Mk., die Ausfuhr 196,886,157 kg im Werte von 3,460,264 Mark.
Auf die Höhe der Wechselkurse sind aber von Einfluß 1) der Saldo der Handelsbilanz, 2) des Effektenverkehrs, welcher zwischen den betreffenden Ländern besteht, 3) der etwaige Saldo der Guthaben, bez. der Verpflichtungen des einen oder des andern Landes. Die Guthaben zwischen Großbritannien und Deutschland haben hierbei immer eine bedeutende Rolle gespielt, sie sind wahrscheinlich aus London zurückgezogen worden. Auch der Effektenverkehr ergibt jedenfalls einen Saldo zu gunsten Deutschlands.
Der Rückgang der Geschäfte wird am deutlichsten durch die außerordentliche Abnahme der Neueinführungen an der Börse gekennzeichnet. Es wurde im Laufe des Jahres 1890 bei dem Berliner Börsenkommissariat für 82 Werte das Gesuch zur amtlichen Notierung für den Kurszettel gestellt gegen 135 im J. 1889, 88 in 1888, 68 in 1887 und 72 in 1886. Im J. 1891 hat sich das Emissions- und Gründungsgeschäft noch ganz bedeutend reduziert, denn bis Mitte [364] August betrug die Zahl der Gesuche nur 51; davon sind aber nur einige wenige neue Werte, während die übrigen die Gleichstellung neuer Aktien mit den alten Aktien, Konversionen weiterer Serien von bereits bestehenden Pfandbriefen etc. betreffen. Interessant ist es, daß bei den Pfandbriefen von Hypothekenbanken und Stadtanleihen der Zinssatz von 31/2 und 3 Proz. fast verschwunden ist und dieselben fast nur noch 4proz. Werte ausgeben. Während 1890 noch eine Anzahl neuer Industriewerte in den Verkehr gelangten, ist bis Ende 1891 noch kein einziges derartiges Papier an der Börse neu eingeführt worden.
Nach dem „Moniteur des Int. matériels“ betrugen die Emissionen im Durchschnitt der 5 Jahre 1871–75: 7640, 1876–80: 6060, und 1886–1890: 8078 Mill. Frank. Das Jahr 1889 weist den höchsten bis dahin erreichten Stand mit 12,644 Mill. auf. Die Gründungen in Deutschland in der ersten Hälfte des Jahres 1891 sind naturgemäß der Stille des Geschäfts und der Ungunst der Verhältnisse entsprechend wesentlich geringer als in allen Vorjahren. Es wurden 79 Gesellschaften mit 38,9 Mill. Mk. Kapital gegen 123 Gesellschaften mit 134,9 Mill. Mk. Kapital und 160 Gesellschaften mit 174,1 Mill. Mk. Kapital in den beiden Jahren vorher gegründet. Unter den 79 neuen Gesellschaften im ersten Semester 1891 befinden sich 12 Banken mit einem Kapital von 2,233,600 Mk., bei denen es sich um die Umwandlung von Genossenschaften in Aktienbanken handelt. Die 8 Bierbrauereien mit 3,713,000 Mk. Aktienkapital sind Gründungen aus bestehendem Privatbesitz.
Das Geschäft hat sich an der Berliner Börse fortgesetzt in außerordentlicher Weise vergrößert und die Zahl der gehandelten und offiziell notierten Werte bedeutend vermehrt. Das Jahr 1891 wird auch hierin einen Rückgang, besonders gegen die letzten Jahre zeigen. Im J. 1821 wurden an der Berliner Börse nur 11 Fondskurse notiert, im J. 1870: 309 und jetzt werden über 1200 Kurse notiert. In nachstehender Aufstellung sind nicht die besondern Notierungen, wie „große und kleine Stücke“, aufgeführt. Die Notierungen verteilen sich auf:
| 1890 | 1889 | 1888 | |
| Preußische und deutsche Fonds, landschaftliche Pfand- und Rentenbriefe, Stadtanleihen etc. | 118 | 114 | 101 |
| Inländische Hypothekenbank-Pfandbriefe | 71 | 70 | 58 |
| Inländische Eisenbahn-Prioritäten-Obligationen | 28 | 32 | 59 |
| Österreichisch-ungarische Prioritäten | 52 | 54 | 49 |
| Russische Prioritäten | 30 | 34 | 36 |
| Amerikanische Prioritäten | 24 | 22 | 16 |
| Anderweite ausländische Prioritäten | 19 | 17 | 12 |
| Ausländische Staatsanleihen, Kommunal-Papiere und Pfandbriefe | 142 | 133 | 121 |
| In- und ausländische Eisenbahn-Stammaktien und Stamm-Prioritätsaktien | 84 | 83 | 79 |
| Bankaktien | 115 | 110 | 105 |
| Industriepapiere und Bergwerksaktien | 419 | 401 | 330 |
| Obligationen industrieller Gesellschaften | 51 | 53 | 49 |
| Versicherungsaktien | 43 | 43 | 42 |
| Zusammen: | 1196 | 1166 | 1057 |
Im J. 1821, als die Korporation der Berliner Kaufmannschaft geschaffen wurde, hatte dieselbe 1070 Köpfe, im J. 1830: 1081, 1840: 1113 und 1850 schon 1270, sie ging dann im Laufe von 10 Jahren, also bis zum Jahre 1860, auf 2147 Köpfe hinauf und bis 1870 wieder bis auf 1682 zurück, um dann von Jahr zu Jahr beständig zuzunehmen. Im J. 1821 waren an der Berliner Börse 16 vereidete Fonds- und 21 Warenmakler thätig, jetzt hat sich die Zahl derselben auf 81, bez. 30 erhöht.
In dem Inkassoverkehr der Bank des Berliner Kassenvereins zeigt sich deutlich, wie sehr das Bank- und Spekulationsgeschäft der Berliner Börse zurückgegangen ist. Es betrugen die bei dem Verein eingelieferten Wechsel, Effekten, Posten und Rechnungen in Millionen Mark:
| 1890 | 1889 | |
| Januar | 1319,2 | 1310,5 |
| Februar | 1078,7 | 1212,4 |
| März | 1054,1 | 1324,8 |
| April | 893,1 | 1304,6 |
| Mai | 926,2 | 1308,5 |
| Juni | 970,0 | 1028,9 |
| Juli | 874,6 | 872,3 |
| August | 904,9 | 921,2 |
| September | 1013,0 | 1118,6 |
| Oktober | 1096,2 | 1221,4 |
| November | 873,4 | 1223,4 |
| Dezember | 860,9 | 1252,6 |
| Zusammen: | 11864,1 | 14099,2 |
Das ergibt bei 305 Geschäftstagen durchschnittlich 38,9 Mill. Mk. gegen 46,2 Mill. Mk. im J. 1889. Der höchste Betrag der Einlieferung an einem Tage betrug 31. Jan. 1890: 549 Mill. Mk. gegen 528 Mill. Mk. 31. Dez. 1889. Im J. 1891 haben sich diese Summen beträchtlich vermindert. Im ersten Vierteljahr hielten sich die Beträge noch ungefähr auf der vorjährigen Höhe, gingen dann aber von Monat zu Monat zurück.
Anmerkungen (Wikisource)
- ↑ Vgl. den vorangegangenen Artikel im 18. Band: Geldmarkt und Börse 1889/90.