MKL1888:Handelskrisis

[87] Handelskrisis, jede tief eingreifende Erkrankung des volkswirtschaftlichen Organismus, welche eine intensive Störung des Gleichgewichts zwischen Produktion und Konsumtion mit gewissen im Verkehr und Handel hervortretenden Folgeerscheinungen hervorruft. Die Bezeichnung dieser Zustände als Krisen ist zwar allgemein üblich, aber durchaus fehlerhaft. Die Störung trifft nicht allein oder zuerst das Gebiet des Handels, sondern vorzugsweise dasjenige der Produktion und Konsumtion; man sollte also vielmehr von „Wirtschaftskrisen“ als von „Handelskrisen“ sprechen, und in diesem Sinn wäre der Ausdruck „Absatzkrisen“ (s. d.), der gewöhnlich nur zur Bezeichnung einer Teilerscheinung dient, noch zutreffender. Aber auch das Wort Krisis ist falsch angewendet, denn unter Krisis versteht man in der Medizin nur ein gewisses Stadium der Krankheit und zwar im Sinn der alten Ärzte solche Wendungen derselben, welche durch wirkliche Abscheidung krankhafter Stoffe und deren Entfernung aus dem Körper herbeigeführt werden, im Sinn der neuern Heilkunde aber „Entscheidungen, welche eine rasche Besserung mit sich bringen“. Keins von beiden paßt auf die wirtschaftlichen Krisen. Der Zustand einer vollkommenen Gesundheit wäre derjenige, in welchem Produktion und Konsumtion sich vollkommen das Gleichgewicht halten, der Fortschritt in beiden Richtungen sich stetig, ohne Unterbrechung und ohne Überstürzung, vollzieht. Ein solcher idealer Zustand ist erfahrungsgemäß nie vorhanden und kann auch nicht bestehen. Einzelne Zweige der menschlichen Thätigkeit, einzelne Gegenden sind wenigstens jederzeit irgend einem Leiden ausgesetzt. Aber nur da, wo diese Leiden in einer gewissen Verbreitung und mit einer gewissen Heftigkeit auftreten, spricht man von einer Krise.

Eine exakte Theorie der Handelskrisen ist nicht aufzustellen, da jede Krise von der andern in ihren Ursachen, ihrem Verlauf und ihren Nachwirkungen irgendwie spezifisch abweicht. Indessen lassen sich doch gewisse gemeinsame Merkmale der Entstehung und des Verlaufs der Krisen ableiten. Die Krisis kann in erster Linie durch ein weitverbreitetes Mißverhältnis zwischen Erzeugung und Verbrauch oder durch große Veränderungen in den Verkehrs- und Marktzuständen mit Einschluß des Geldumlaufs oder endlich durch allzu rasche Kapitalfixierungen veranlaßt werden. Das Mißverhältnis zwischen Erzeugung und Verbrauch, welches im weitern Verlauf jeder Krise wahrnehmbar wird, kann als erste Ursache in doppelter Hinsicht auftreten: entweder die Konsumtion wird plötzlich in starkem Maß eingeschränkt aus Gründen, die dem wirtschaftlichen Leben fern liegen, z. B. infolge eines Kriegs oder einer Epidemie, ohne daß die Produktion Gelegenheit hatte, sich einzuschränken; oder die Produktion nimmt infolge neuer Erfindungen sehr rasch zu, so daß der normale Bedarf diesem Angebot nicht mehr die entsprechende Nachfrage entgegenstellen kann. Dann ist eine Überproduktion vorhanden; in beiden Fällen spricht man von Absatzkrisen. Es können aber auch Ereignisse von wirtschaftlichem Charakter eintreten, die mehr oder weniger tief eingreifende Abänderungen im Umsatz zum Gefolge haben. Hierher gehören die Einrichtung neuer Verkehrsstraßen, die Aufschließung neuer Absatzwege durch Eröffnung bisher unzugänglicher Länder, umgekehrt die Verschließung der bisherigen Wege durch handelspolitische Maßregeln; ferner gewisse umfassendere Veränderungen im Geld- und Umlaufswesen durch Vermehrung oder Verminderung des Edelmetalls, Papiergeldes, der Krediteinrichtungen etc. In solchen Fällen hat man es mit Handelskrisen im engern Sinn, Geld- und Kreditkrisen, zu thun. Oder endlich kann der erste Anlaß darin liegen, daß ein starkes Spekulationsfieber eintritt, welches zur raschen Entstehung großer Anlagen in Industrien, Eisenbahnen, Banken etc. lenkt, das Betriebskapital aufsaugt, zu einer Erhöhung der Produktionskosten und gleichzeitig auch zu einer Überproduktion [88] führt, und dann spricht man von Spekulationskrisen im eigentlichen Sinn. Derartige Erscheinungen pflegen stets an einen besondern Anlaß anzuknüpfen, an Änderungen der Gesetzgebung, neue Verkehrsmittel etc. Wie der Krieg die Absatzkrisen, so ruft sehr häufig die glückliche Beendigung eines Kriegs die Spekulationskrisen wach.

In der Mehrzahl der Fälle sind die Ursachen so verwickelt, und es treten so allseitige Wechselwirkungen auf, daß man kaum mehr die Unterscheidungsmerkmale festhalten kann. Bisweilen allerdings sind ganz bestimmte örtliche Veranlassungen vorhanden, welche die Art der Krisen kennzeichnen. Gewöhnlich aber ist der Verlauf einer Krisis in folgender Weise zu denken.

Nach einer längern Periode eines im allgemeinen normalen Verkehrs haben sich Arbeitskräfte und Kapitalien bedeutend vermehrt. Es werden neue Unternehmungen und zwar leicht im Übermaß geschaffen, was ein starkes Sinken der Preise zur Folge hat. In der Periode der Überproduktion jagen die Produzenten einander die günstig gelegenen Grundstücke, Arbeiter und Kapitalien ab und steigern so die Preise, Arbeitslöhne und Diskontsätze. Um sich bei dem Beginn der rückgängigen Konjunktur möglichst zu halten, nehmen sie den Kredit übermäßig in Anspruch, verteuern sich denselben, bis endlich das Kartenhaus zusammenbricht, Güterpreise und Löhne fallen und ein allgemeines krankhaftes Mißtrauen die seitherige Leichtgläubigkeit ablöst. Wenn diese Vorgänge auf einzelne Gebiete der Wirtschaft beschränkt bleiben, so rufen sie örtliche und partielle Krisen hervor, die verhältnismäßig leicht überwunden werden. Gelingt aber die Lokalisierung nicht, sondern wird die Störung von einem Unternehmen auf die andern, etwa von der Eisenindustrie auf die Hütten- und Kohlenwerke überhaupt oder von der Spinnerei auf die ganze Gruppe der Textilindustrien, übertragen, so geht gewissermaßen der Krankheitsstoff in den ganzen volkswirtschaftlichen Körper über, und die allgemeinen, zuerst akuten, später chronischen Erscheinungen nehmen nun unaufhaltsam ihren Verlauf. Die Ursache der raschen und weiten Ausbreitung von Krisen in neuerer Zeit und die zunehmende Schwierigkeit ihrer örtlichen Begrenzung hängen mit der Entwickelung des ganzen Verkehrswesens und der großartigen Rolle des Kredits zusammen.

Im Zusammenhang mit den Ursachen kann man von Symptomen in dem Sinn sprechen, daß sich aus dem Eintreten gewisser äußerlicher Erscheinungen auf das Herannahen einer Krise schließen läßt. Die Erfahrung bezeichnet als die wesentlichsten Symptome: 1) große Unternehmungslust und Kühnheit der Spekulation; 2) rasche Bereicherungen einzelner Gruppen durch leicht realisierbare Gewinne bei allgemeiner Leichtgläubigkeit des großen Publikums; 3) Verwegenheit der Agiotage und Übergreifen der Spielsucht in solche Kreise der Gesellschaft, welche kein geschäftliches Verständnis besitzen; 4) bedeutendes und rasches Steigen der Warenpreise, Arbeitslöhne, Realitätenwerte, Kapitalzinsen und Diskontsätze; 5) zahlreiche Überführung von Einzelunternehmungen in Aktienunternehmungen. Beim Zusammentreffen dieser Symptome ist der Ausbruch von Krisen mit größter Wahrscheinlichkeit vorauszusehen. Als Wirkungen und Folgen schwerer Handelskrisen sind zunächst große Verschiebungen in den Preisen der verschiedenen Warenarten, dann rasches Sinken von Lohn und Zins (Diskontsätze) und Lahmlegung oder auch völliger Verlust großer Kapitalsummen zu beobachten. Es folgen Zahlungseinstellungen und Bankrotte, an Stelle des kritiklosen Vertrauens tritt dann eine ebensolche Entmutigung ein, jeder sammelt Kassenbestände, und es läßt sich eine förmliche Entkräftung des wirtschaftlichen Organismus beobachten. Die am meisten in die Augen fallenden und empfindlichsten Folgen sind natürlich, daß zahlreiche Vermögensverluste eintreten und meist die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden. In sozialer Hinsicht bedeutsam ist es, daß starke Handelskrisen in der Regel den Unterschied zwischen Reichtum und Armut sowie die Abhängigkeit der letztern noch schroffer gestalten. Anderseits darf man nicht verkennen, daß große Krisen „die großen Weltmarktsgewitter“ sind und einen Reinigungsprozeß bedeuten.

Geschichte der Krisen.

Krisen kommen in allen Zeitaltern vor; so brach nach Livius vor mehr als 2000 Jahren eine H. im Lager des ältern Scipio vor Karthago aus, weil die Kaufleute zu viele Waren herbeigeschleppt hatten, und durch die große Florentiner Krisis von 1345, wo die Gesellschaften der Scali, Peruzzi und Bardi fallierten, wurde der ganze Staat erschüttert. Mit bestimmtem Charakter treten sie jedoch erst im 17. und 18. Jahrh. auf, und man führt hier als die beiden ersten eigentlichen Handelskrisen jene von Lübeck im J. 1603 und die holländische Tulpenmanie 1634–1637 an; letztere ist dadurch merkwürdig, daß sie sich nicht an Gegenstände des gemeinen Gebrauchs heftete, sondern an einen Artikel (Haarlemer Tulpenzwiebeln), dem ein übermäßig hoher Wert beigelegt wurde; dieser folgte bald die englische Geldkrisis von 1696, hervorgerufen durch eine Veränderung im englischen Münzwesen und den dadurch vorübergehend eingetretenen Mangel an Zahlungsmitteln. Ungleich tiefer gehend waren die Wirkungen des „Systems“, welches John Law (s. d.) in Frankreich eingeführt hatte, und durch welches zuerst der Irrtum Gestalt gewann, daß man durch Vermehrung der papierenen Umlaufsmittel das Gleichgewicht der Güterpreise aufrecht erhalten und das Kapital eines Landes steigern könne. Dasselbe erfüllt den Zeitraum von 1716 bis 1720; es charakterisiert sich durch das erste Auftreten großartiger Gründungen, einer förmlich organisierten Agiotage mit allen Ausschreitungen wilder Spekulationslust und durch den darauf folgenden Zusammenbruch mit vollständiger Vermögensverschiebung. Etwa gleichzeitig (1711–20) fand der Südseeschwindel in England statt, zu welchem einerseits der Aufschwung des Verkehrs mit den transatlantischen Ländern, anderseits die mißbräuchliche Anwendung der Form der Aktiengesellschaften auf schwindelhafte Projekte den Anstoß gab, und welcher in den als Bubbles (Seifenblasen) bezeichneten Aktien und andern Effekten des Gründungsschwindels sein eigentliches Objekt besaß. Schon in dieser ersten Zeit zeigt sich, daß die Krisen nur in hoch entwickelten Volkswirtschaften zur Entstehung gelangen. Dasselbe gilt von den Hamburger Handelskrisen der Jahre 1763 und 1799, deren erstere durch die Beendigung des Siebenjährigen Kriegs, deren letztere durch die Umwälzungen im Gefolge der großen französischen Revolution und des Seekriegs der Franzosen mit den Engländern, durch die Überfüllung des westindischen Marktes mit europäischen Waren und die Ansammlung unabsetzbarer angehäufter Vorräte in Hamburg verursacht war. Endlich darf im 18. Jahrh. in gewissem Sinn jene Reihe von Folgeerscheinungen zu den Krisen gerechnet werden, welche die französische Assignatenwirtschaft von 1790 [89] bis 1796, die stärkste Anwendung von Zwangspapiergeld, die je in einem Kulturstaat stattgefunden hat, mit sich brachte.

Das klassische Zeitalter der Krisen ist aber das 19. Jahrh., seit unter den Segnungen des Friedens die wirtschaftliche Entwickelung von Westeuropa mit Riesenschritten vor sich ging. Da sind zuerst zu nennen: die englischen Handelskrisen von 1815 und 1825. Die Anwendung der Dampfkraft in der Woll- und Baumwollindustrie, der Aufschwung der Kohlen- und Eisenindustrie und die rasche Ausbreitung der Kolonial- und Handelsmacht Großbritanniens hatten schon Ende des 18. Jahrh. eine ungeahnte Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte veranlaßt; selbst die Kontinentalsperre Napoleons trieb England nur noch mehr an, durch Pflege des Verkehrs mit den transatlantischen Ländern den Grund zu seiner Handelsblüte zu legen. Dadurch wurde nicht allein eine große Anzahl von industriellen Projekten, die teilweise einen schwindelhaften Charakter trugen, wachgerufen, sondern auch die Spekulation in Waren, namentlich in Baumwolle, geweckt und die Produktion in kurzer Zeit vervielfältigt. Als der Pariser Friede wieder normale Verkehrszustände herstellte, hatte man auf neues Aufblühen der Geschäfte übertriebene Hoffnungen gebaut, und durch das Zusammenwirken von Überproduktion, schlechten Ernten, beengtem Geldstand brach eine partielle Krisis aus, die während drei Jahren die schwersten Mißstände hervorrief. Viel tiefer als die Krisis von 1815 griff aber jene von 1825 in alle Kreise des geschäftlichen Lebens; nach einer wilden Gründungs- und Spekulationsepoche, an welcher die ganze Gesellschaft beteiligt war, und welche, wie zu Laws Zeiten, die unsinnigsten Unternehmungen aufnahmsfähig machte, erfolgte im Herbst 1825 der Zusammenbruch. Unzählige Fallimente von Banken, industriellen und kaufmännischen Firmen, eine vollständige Börsenderoute und Stockung alles Verkehrs waren die Folgen; die Verarmung griff tief in den ganzen Mittelstand, Arbeiterentlassungen und -Aufstände, Massenauswanderungen waren die letzten Wirkungen. Diese traurigen Erfahrungen hinderten nicht, daß sowohl in Großbritannien selbst als in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ähnliche Katastrophen sich rasch wiederholten. So finden wir, daß das unsolide Gebaren der amerikanischen Zettelbanken dort in den Jahren 1814, 1830, 1837 und 1839 Katastrophen hervorrief, welche besonders das Bankwesen trafen, und daß sich auch in England die Überspekulation bald wieder auf das Gebiet des Zettelbankwesens warf und in den Jahren 1836 und 1839 Krisen veranlaßte, deren Wiederholung man durch den Erlaß der Peelschen Bankakte entgegenzutreten versuchte. Da in den 30er Jahren die Anwendung der Dampfkraft auf Verkehrsmittel schon zu einer gewissen technischen Vollkommenheit gelangt war, so wurde bald eine Überzahl von Eisenbahnprojekten entworfen, mit deren Ausführung man 1844 begann. Als aber in den beiden folgenden Jahren Kartoffelfäulnis, Mißwachs des Getreides, Fehlernte in Baumwolle eintraten, die Steigerung des Wohlstandes ausblieb und an eine Rentabilität der Eisenbahnen nicht zu denken war, folgte 1847 wieder eine größere H., die auch auf den Kontinent u. namentlich auf Süddeutschland ihre Rückwirkungen in empfindlicherm Grad äußerte als irgend eine frühere. Bei dieser Krisis begann sich schon die heutige Eigenart solcher Erscheinungen insofern vorzubereiten, als sie einen mehr generellen und universellen Charakter an sich trug; aber erst die große Krisis des Jahrs 1857 trat ganz allgemein auf.

Die Bewegungen des Jahrs 1848 hatten den Unternehmungsgeist eingeschüchtert. Auf dem Kontinent machte sich das Bestreben geltend, das Gold womöglich nach London oder Amerika zu schicken. Die heimische Konsumtion schränkte sich ein, und nur die exportierenden Industrien gediehen. So wurde ein starker Rückfluß des Goldes vorbereitet, der, als er eintrat, noch dadurch verstärkt wurde, daß inzwischen die Goldlager in Australien und Kalifornien entdeckt waren. Als nun im J. 1851 die kommerziellen Zustände in England und Nordamerika unsicher zu werden begannen, infolge des Überflusses an Edelmetall die Überspekulation sich regte und die kontinentalen Kapitalisten ihre dortigen Anlagen zurückzogen, regte sich auf dem Kontinent der Unternehmungsgeist, zumal der Staatsstreich in Frankreich ruhigere Zustände verbürgte. Das Kaiserreich hatte einen wirtschaftlichen Aufschwung verheißen; als sein Gehilfe führte Mirès das Prinzip der Aktienunternehmungen in größerm Maßstab in Frankreich ein. Bald entstand auch der Crédit mobilier. Seine Thätigkeit und die zur Durchführung gemeinnütziger Staatsunternehmungen aufgelegten Nationalsubskriptionen verbreiteten in weiten Kreisen die Lust am Börsenspiel. Österreich, welches am dringendsten darauf hingewiesen war, die wirtschaftliche Thätigkeit seines Volkes zu beleben, beeilte sich, dem französischen Beispiel zu folgen, und auch die deutschen Mittelstaaten teilten Zettelbankprivilegien mit vollen Händen aus; selbst in Preußen, wo die Regierung sich ablehnend dagegen verhielt, ähnliche Projekte zu fördern, wurde in der von der Diskontogesellschaft zuerst angewandten Form der Kommanditgesellschaft das Mittel gefunden, den Konzessionszwang zu umgehen. Im August und September 1856 trat ein Umschwung ein, die Banken nahmen Diskonterhöhungen vor; doch noch einmal flackerte die Hausse auf. Die Spekulation warf sich auf den Warenmarkt: Kaffee, Zucker, Baumwolle stiegen enorm im Preis, bis dann in der zweiten Hälfte des Jahrs 1857 ein Zusammensturz erfolgte, der sich über Amerika, England, Frankreich, Österreich und Deutschland ausdehnte und von den deutschen Plätzen Hamburg am härtesten traf. So darf man die 1857er H. als die erste bezeichnen, an welcher sich die innerste Natur und das Wesen der seither mit einer gewissen Regelmäßigkeit sich wiederholenden Erschütterungen der gesamten Weltwirtschaft verfolgen lassen. Wir erwähnen nur kurz die Geldklemmen in Frankreich 1863 und 1864, die Londoner Krisis vom Jahr 1866, welche zwar lokalisiert war, aber eine große Panik brachte und bedeutende Verluste nach sich zog, und die Katastrophe in New York 1869 (mit dem black friday vom 23. Sept.), verursacht durch die verkehrte Politik der Regierung, welche es unterließ, Staatspapiergeld einzuziehen, und wenden uns nun der Darstellung der letzten Krisis zu.

Die Krisis vom Jahr 1873.

Die Krisis von 1873 ist nach allen Merkmalen die größte Weltwirtschaftskrisis geworden. Keine frühere hat eine so bedeutende territoriale Ausdehnung erfahren wie diese; von der Wiener Börse ausgehend, hat sie der Zeitfolge nach sich noch im J. 1873 über Italien, Rußland, Nordamerika, Deutschland, England, Holland, Belgien, einzelne Staaten von Südamerika und Australien ausgebreitet und in den folgenden Jahren die übrigen europäischen Länder und Ostasien mit in ihren Wirkungskreis gezogen. Ebenso charakterisiert sich dieselbe dadurch, daß sie fast alle großen Welthandels- und Industriezweige [90] erfaßt hat, zuerst Eisen und Kohle, dann die großen Textilindustrien, chemischen Industrien, die Fabrikation von Genuß- und Nahrungsmitteln, deren Zufuhr, die Eisenbahnen, den Schiffbau. Endlich hat noch keine Krisis so nachhaltige Wirkungen hervorgerufen wie die 1873er, denn die nachteiligen Einflüsse derselben machten sich bis zum Jahr 1879 geltend, und auch die im J. 1880 eingetretene Besserung zeigte durch ihre kurze Dauer, wie sehr die ganze Weltwirtschaft ins Mark erschüttert ist. War auch Wien derjenige Punkt, von welchem die Krisis ausging, so sind doch die tiefer liegenden Veranlassungen derselben im Deutschen Reich zu suchen. Die „Gründungsperiode“ der Jahre 1871 und 1872 war für Deutschland fast eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Die politische Spannung, in welcher Deutschland seit zwei Jahrzehnten gelebt, die Ahnung bevorstehender wichtiger Ereignisse lähmten die industrielle Thätigkeit. Das Vertrauen auf eine ruhige Zukunft war verschwunden; man arbeitete nur für die Gegenwart und ließ die gesparten Kapitalien unbenutzt liegen. Diese wirtschaftliche Ruhe endete mit der Niederwerfung Frankreichs, mit welcher die Aussicht auf einen langen Frieden gegeben war. Deutschland empfand nun das Bedürfnis, die langjährigen Versäumnisse in Handel und Industrie durch verstärkte Thätigkeit wieder einzuholen, um auch nach dieser Richtung hin den andern vorausgeeilten Nationen ebenbürtig zu sein. Es blieb kein Zweig des geschäftlichen Lebens übrig, dessen sich nicht der Unternehmungsgeist bemächtigte. Die Gründungssucht nahm bald einen chronisch-epidemischen Charakter an. Unter den Auspizien des Aktiengesetzes vom 11. Juni 1870, das den Konzessionszwang beseitigte und so dem „wirtschaftlichen Aufschwung“ die Wege ebnete, unter dem Taumel der Illusion, daß die zu zahlenden Milliarden Frankreichs sofort den deutschen Verkehr befruchten würden, schossen Bankinstitute zu verschiedenen Zwecken, Industriegesellschaften mit den buntesten Namen hervor, wurden Brauereien gegründet, Eisen- und Kohlenwerke erworben und in Betrieb gesetzt und Eisenbahnprojekte in großer Anzahl entworfen. So waren denn seit Mitte 1870 bis Ende 1872 in Deutschland 762 Aktiengesellschaften entstanden, von welchen 503 allein in das Jahr 1872 fallen, und noch die erste Hälfte des Jahrs 1873 sah 196 Gesellschaften entstehen. Das gesamte Aktienkapital berechnete sich auf mehr als 3600 Mill. Mk. Die Interessen der Börse waren mit den Schöpfungen der Gründungsära so eng verknüpft, daß die Lebensfähigkeit jeder einzelnen Gründung lediglich von der Willigkeit derselben abhing, sich mit ihr zu beschäftigen und sie zu patronisieren. Die Spekulation bemächtigte sich der Unzahl geschaffener Werte und brachte sie mit Erfolg auf den Markt. Mit dem Streben, die schaffende Kraft des erwachten Associationsgeistes für die Agiotage auszubeuten, fachte sie ihn zu immer neuen Anstrengungen an, um mit stets neuen Erzeugnissen von Werten das Gebiet des Börsenspiels zu erweitern. Die Größe der Gründergewinne verteuerte die Unternehmungen und stellte die Rentabilität von vornherein in Frage. Man entzog den bestehenden soliden Geschäften, dem Handel Kapitalien und legte sie fest, ohne die Möglichkeit einer Reproduktion in den nächsten Jahren voraussetzen zu können. Die Ausdehnung des Betriebs erheischte mehr Arbeitskräfte und schraubte die Löhne zu einer Höhe, daß die Konkurrenz mit dem Ausland geschwächt wurde. Für die Börse gab es überhaupt nur einen Maßstab, die Würdigkeit eines Papiers, seine „Marktfähigkeit“, zu beurteilen: dies war ein hoher Kurs. Die Höhe des Kurses aber ward nicht durch Nachfrage und Angebot bestimmt, sondern hing davon ab, ob eine geeignete Stimmung für ein Papier gemacht und erhalten werden konnte. Die Bank- und Industriepapiere konnten nur so lange ihren Kurs behaupten, als sie nicht realisiert wurden; die Spekulation griff nun, um die Masse des ihr zuströmenden Kapitals zu bewältigen und „flottant“ zu erhalten, zu dem Mittel der Krediterweiterung, das sie in ein ausgebildetes System brachte. Es entstanden Banken nur zu dem Zweck, sich eine Klientel zu schaffen, dieser mit unbegrenztem Kredit unter die Arme zu greifen und sie so zur Teilnahme an den Börsenoperationen zu befähigen und anzuregen. Diese Klientel konnte unter Hinterlegung einer gewissen Summe von Effekten auf Grund dieses „bedeckten Kredits“ das Vielfache auf Kredit kaufen. Das Jahr 1873 übernahm mit dem reichen Inventar des Vorgängers auch eine große Zahl von Verpflichtungen, die es erfüllen mußte. In der ersten Epoche, welche bis zum Ausbruch der Krisis in Wien reicht, traten zu diesen Verpflichtungen neue Ansprüche, welche die beabsichtigten Erweiterungen des Betriebs vieler Gesellschaften und neue Gründungen an den Kapitalmarkt stellten. Im ersten Quartal betrugen die Emissionen 348 Mill. Mk. Nun wurde die Rückzahlung der französischen Kriegskontribution beschleunigt, und Frankreich mußte seine Zuflucht zum Kredit nehmen, den ihm Europa und namentlich England in reichem Maß gewährte. Dieser Kredit gab zu Wechseloperationen, zu „Wechselreitereien“, Anlaß, zu denen deutsche und englische Häuser die Hand boten. Die Termine der Kontributionszahlungen fielen mit der Einlösung dieser Wechsel zusammen und nahmen jedesmal den Geldmarkt so stark in Anspruch, daß derselbe in Zuckungen verfiel. Dazu kam, daß die deutsche Regierung zur Prägung von Münzen große Summen Goldes brauchte, und so entstanden Schwankungen und Störungen auf dem Geldmarkt. Allmählich bildete sich ein Widerstand gegen die Aufnahme neuer Effekten und Emissionen heraus; man begann dieselben einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Die Jahresabschlüsse der Banken gaben der Reaktion die Waffen zum Angriff gegen diese Institute in die Hand. Die Bilanzen ermangelten der Klarheit und Durchsichtigkeit; die Erträgnisse setzten sich zu 22–25 Proz. durchschnittlich aus Gewinnen aus dem Effektenkonto und aus Konsortialbeteiligungen zusammen; der große Effektenbestand und die hohen Summen, welche die Schuldner repräsentierten, bargen Gefahren, welche durch die starke Konkurrenz noch vermehrt werden mußten. Alle diese Umstände gaben dem Zweifel an der Rentabilität und an der Sicherheit der Grundlagen, auf welchen die Institute errichtet waren, Nahrung und der Reaktion eine Gelegenheit, die bereits bestandene Abneigung gegen die Bankdevisen zu steigern und auch gegen Industriepapiere zu lenken.

Die Katastrophe aber ging von Wien aus, wo der Gründungsschwindel noch ärgere Orgien gefeiert hatte. Hier waren bereits in den Jahren 1863 und 1864 eine Anzahl von Banken neu geschaffen worden, die der Agiotage dienten; seit 1867 aber war das Gründungswesen zur Blüte gelangt. Der Umstand, daß sich Österreich von den Nachwirkungen des Kriegs schnell erholte, zeugte für dessen Lebenskraft und regte die Spekulation an. Die stürmische Hausseperiode hielt sechs Jahre an und wurde nur zweimal, durch die Erkrankung Napoleons und durch den Ausbruch des französischen Kriegs, unterbrochen. Ihren ersten Höhepunkt erreichte diese Schwindelperiode im [91] J. 1869, zu einer Zeit, wo sich im übrigen Europa der Verkehr in ziemlich ruhigen Bahnen bewegte. Das Privatpublikum, vom hohen Offizier und Beamten bis herab zum Laufburschen, das weibliche Geschlecht nicht ausgeschlossen, wurde in die Börsenspekulationen in einem Maß hineingezogen, wie dies seit Law kaum der Fall gewesen war. Die Maschinerie des Gründungswesens: der Humbug der Prospekte, der Haussekonsortien, der „Einführungs“-Manipulationen, ward zur höchsten Vollkommenheit ausgebildet. Nachdem der Krieg eine kurze Unterbrechung herbeigeführt hatte, wurde schon 17. Dez. 1870 eine neue Gründung versucht, und als diese um das Hundertfache überzeichnet wurde, begann der Taumel von neuem. In der Zeit von 1867 bis zum „Krach“ wurden in Österreich 1005 Konzessionen für Aktiengesellschaften erteilt. Von diesen Gründungskonzessionen wurden 682 in den Jahren 1866–73 ausgeführt und der weitaus größte Teil in den Jahren 1871–73 durch Aktienemission auf den Markt gebracht. Auf die einzelnen Jahre verteilt, ergibt sich folgende Tabelle:

  Es wurden konzessioniert:
1867 1868 1869 1870 1871 1872 1873
Banken 6 9 28 10 23 84 15
Eisenbahnen 4 2 7 3 6 7 5
Industriegesellschaften 15 17 88 82 125 227 91
Baubanken 2 9 2 12 41 38
Versicherungsgesellschaften 1 2 5 2 8 17 4
Schiffahrtsgesellschaften 4 2 1 1
Zusammen: 26 32 141 101 175 376 154

In den sieben Jahren zusammen wurden also konzessioniert: 175 Banken, 34 Eisenbahnunternehmungen, 645 Industriegesellschaften, 104 Baubanken, 39 Versicherungsgesellschaften und 8 Schiffahrtsgesellschaften mit einem Nominalaktienkapital von 4000 Mill. Gulden. Von diesen Gesellschaften sind wirklich zu stande gekommen: 143 Banken, 29 Eisenbahnunternehmungen, 415 Industriegesellschaften, 63 Baubanken, 28 Versicherungsgesellschaften und 4 Schiffahrtsgesellschaften; zusammen 682 Aktiengesellschaften mit einem Nominalaktienkapital von 2577 Mill. Gulden. Für diese Gründungen mußten (in Gulden österreichischer Währung) aufgebracht werden im J. 1867: 731/4 Mill., 1868: 841/4 Mill., 1869: 450 Mill., 1870: 124 Mill., 1871: 3203/4 Mill., 1872: 11921/4 Mill. und 1873: 333 Mill.

Mit der Überspekulation auf dem Geld- und Effektenmarkt lief parallel eine Überstürzung auf dem Gebiet des Warenhandels, und hier wie dort hatte eine Überschätzung der natürlichen Spar- und Konsumverhältnisse Platz gegriffen. Am 31. März 1873 standen die Kurse am höchsten; sie repräsentierten damals lediglich für die in das amtliche Kursblatt aufgenommenen Papiere einen Wert von 7605 Mill. Gulden. Zwar zweifelte niemand an dem bevorstehenden Krach; doch hoffte man, das Kartenhaus werde sich bis nach Schluß der Wiener Ausstellung halten. Allein schon vier Tage vor dem auf 1. Mai festgestellten Eröffnungstermin machten sich die ersten Symptome der Ermattung geltend. Die Haussepartei räumte unter empfindlichen Verlusten das Feld, bereits traten Insolvenzen ein und kamen Exekutionen vor. Am 5. und 6. Mai machte die Entwertung der Kurse der Spekulationspapiere weitere Fortschritte. Am 7. Mai fanden Bankkonferenzen zur Vereinbarung von Rettungsmaßregeln statt. Am 8. Mai indes mehrten sich die Vorboten des Sturms, es kamen gegen 100 Insolvenzen an der Börse vor; die Kursverluste betrugen schon gegen 300 Mill. Guld., bis dann 9. Mai 1873 die Katastrophe des Zusammenbruchs mit einer Furchtbarkeit erfolgte wie nie vorher bei einer frühern Krisis. Die Fallimente überstürzten sich, die Selbstmorde erreichten eine hohe Zahl und traten in allen Ständen ein. Auf den höchsten Gipfel stieg die Verwirrung 9. Juni, also einen Monat nach Ausbruch der Krisis, durch die Zahlungseinstellung der Wechselbank, welche den Fall vieler andrer Institute nach sich zog.

Die Wirkung der Katastrophe auf die deutschen Börsen war eine tiefgreifende, aber nicht sofort entmutigende. Auch hier hatte man den Krach vorausgesehen, aber man hoffte denselben schnell zu überwinden. Erst nach dem Fall der Wiener Wechselbank nahm die Reaktion ein beschleunigtes Tempo an und fand Unterstützung in dem wachsenden Mißtrauen des Publikums außerhalb der Börse und in der Thätigkeit der Kontermine, welche bereits zu einer geschlossenen Partei gediehen war. Das Publikum drängte sich an den Markt, um sich seines Besitzes an Effekten schnell zu entledigen. Gute und schlechte Werte wurden mit demselben Maß gemessen und verworfen, Realisationen im geringsten Umfang warfen die Kurse um 30–50 Proz.; Exekutionsverkäufe seitens der Banken, welche ihren Kunden die Depots wegen ungenügender Bedeckung gekündigt hatten, drückten den Markt und vermehrten die Verwirrung. Am 28. Juli erreichte in Berlin die Krisis ihren ersten Höhepunkt, dem noch eine ganze Reihe von weitern Täuschungen folgen sollte; denn es gelang der Haussepartei im August und September, den Markt zu beleben und die Spekulationslust wieder anzuregen. Die künstlich hoch gehaltenen Eisenpreise in England verschafften den Bergwerksaktien eine Bevorzugung. Allein die Nachrichten, daß nunmehr auch in Nordamerika eine Krisis ausgebrochen, machten diesem luftigen Bau ein Ende. In Deutschland wirkten diese Nachrichten wegen der vermuteten übeln Rückwirkung auf alle europäischen Handelsverhältnisse so erschreckend, daß in den ersten Tagen fast jede Transaktion suspendiert war und eine Geschäftspause eintrat, welche erst 20. Sept. Manipulationen Platz machte, die dem Verkehr den Stempel der Panik aufdrückten. Die eingetretene Geldknappheit, eine Diskonterhöhung in England, der Fall der Quistorpschen Vereinsbank, die Fallimentserklärung eines Hauses in Hamburg riefen eine Verstimmung hervor, welche lange anhielt. Am 28. Okt. erreichte die Baisse ihren tiefsten Punkt. Jetzt endlich, gegen Ende des Jahrs, riß das Publikum sich von der Börse los. Die Kreise außerhalb der Börse, welche die Jagd nach dem Glück mitgemacht hatten, begannen sich ihres Besitzes an neugeschaffenen Effekten zu entledigen; die Börsensäle verödeten, und die spekulativen Bewegungen innerhalb derselben arteten zu einem Hasardspiel aus, welches die bürgerliche Gesellschaft nicht mehr interessierte. Mit dem Beginn des Jahrs 1875 übertrug sich jedoch die Krisis auf Gebiete, die man dem Wandel der Konjunkturen für entrückt gehalten hatte. Die Eisenbahnaktien waren es, welche den Ansturm auszuhalten hatten. Die Verwaltungen von Eisenbahnen waren seither nicht müßig geblieben, sondern hatten ihre Eisenbahnnetze erweitert und dem Verkehr neue Gegenden erschlossen. Die Steigerung der Kilometerzahl der deutschen Eisenbahnen betrug von 1871 bis 1874: 4735; das Anlagekapital, das sich 1871 auf 4,298,359,471 Mk., Ende 1874 auf 6,149,390,760 Mk. belief, wuchs um 1,851,031,289 Mk. oder 43 Proz., und dieser Zuwachs fiel meist auf die beiden Jahre 1872 und 1873. Man [92] projektierte ins Weite, baute mit teurem Material, und es entstanden industrielle Anstalten, die lediglich auf den Eisenbahnbau berechnet waren und mit so großen Kapitalien ausgestattet wurden, als ob die Gewähr fortgesetzter Thätigkeit vorhanden sei. Trotzdem hatten die Eisenbahnen ihren Anteil an der kritischen Lage des Effektenmarktes im J. 1874 mit geringen Opfern abgetragen, und erst 18. Jan. brach die Krisis über die Eisenbahnaktien herein. Gleichzeitig offenbarte sich die schwer bedrängte Lage, in welcher sich die Kohlen- und Eisenindustrie befand. Hochöfen wurden ausgeblasen, Arbeiter entlassen, Verkäufe von Lagern zu Preisen erzwungen, welche die Produktionskosten nicht deckten. Anfang 1875 hatten die Aktien von 556 Aktiengesellschaften (darunter 105 Eisenbahnen), welche 31. Dez. 1872 zusammen ein Nominalkapital von 6,770,412,000 Mk. repräsentierten, einen Kursverlust von 2,344,784,379 Mk. aufzuweisen; ihr Durchschnittskurs war von 110,8 Proz. auf 65,6 Proz. gefallen.

Aber nicht bloß Österreich und Deutschland, sondern alle übrigen Länder der Welt sind der Reihe nach von der Krisis des Jahrs 1873 teils in akuter Form, teils durch nachfolgende chronische Erkrankungen betroffen worden. In England machte sich deren erste Wirkung an der Londoner Börse im November 1873 bemerkbar, und in den folgenden Jahren traten alle nachteiligen Konsequenzen auf den verschiedensten Gebieten hervor; in der Baumwollindustrie brach im J. 1878 eine Krisis aus, schwerer, als sie die gegenwärtige Generation je erlebt hatte; mehr als die Hälfte aller Hochöfen stand kalt, die Preise der meisten Güter und die Arbeitslöhne wurden reduziert, die Kurswerte der fremden Anlehen, der Aktienbanken und Industrieunternehmungen erlitten in kürzester Zeit Einbußen, deren Höhe annähernd auf 170 Mill. Pfd. Sterl. berechnet wurde, die Fallimente vermehrten sich von 8112 des Jahrs 1872 stetig bis auf 16,637 im J. 1879, Streiks und Arbeiterrevolten nahmen zu. Noch greller äußerten sich dieselben Erscheinungen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo eine Überspekulation, kühner und rücksichtsloser als in Europa, vorausgegangen war. Doch brach die Deroute an der New Yorker Börse 22. Sept. 1873 aus und führte zu einer Panik, welche die Schließung der Fondsbörse als Zwangsmaßregel notwendig machte; in diesen Ereignissen hatte aber doch nur ein oberflächliches Symptom gelegen, viel gefährlicher waren die Wirkungen auf dem Gebiet der Industrie und des Verkehrs. Das Eisenhüttengewerbe wurde auf ein Dritteil seiner Leistungsfähigkeit reduziert, die Revolten in den Bergwerksdistrikten von Pennsylvanien nahmen furchtbare Dimensionen an, der Baumwollverbrauch sank im J. 1874–75 auf zwei Dritteile desjenigen von 1873, ähnlich ging es in den andern Textilindustrien; im J. 1877 brach eine Eisenbahnkrisis aus, welche unter den Bediensteten zu Streiken und zu blutiger Unterdrückung derselben führte; die Fallimente, welche im Durchschnitt der Jahre 1866 bis 1872: 2889 Fälle mit 83 Mill. Doll. Passiven betragen hatten, stiegen in den Jahren 1873–78 auf 7866 mit 200 Mill. Doll. und erreichten im J. 1878 mit 10,478 Fällen und 234 Mill. Doll. Passiven ihren Höhepunkt. Die von 1873 bis 1878 eingetretene Entwertung der Eisenbahnpapiere allein wurde auf 1 Milliarde Doll. veranschlagt. Verhältnismäßig am wenigsten unter allen europäischen Staaten war Frankreich von den Folgen der 1873er Krisis betroffen, weil es in den unmittelbar vorhergehenden Jahren durch jene Entkräftung, die der verlorne Feldzug und die Milliardenzahlung hervorgerufen hatten, vor der Teilnahme an der Überspekulation bewahrt war und der wirtschaftlichen Regeneration sein ganzes Augenmerk zuwendete.

Nach dem „Moniteur des intérêts matériels“, dessen Angaben allerdings nicht exakt, aber doch annäherungsweise richtig sind, stiegen und fielen die Emissionen auf den europäischen und amerikanischen Börsen in nachstehender Weise:

  Staats- und Städte­anlehen Kredit­institute Eisenbahn- und Indu­strie­unterneh­mungen Zusammen
in Millionen Mark
1870 ? ? ? 4560
1871 9360 1200 2000 12560
1872 4380 1564 4166 10110
1873 3470 1396 3856 8722
1874 1268 236 1864 3368
1875 372 350 646 1368
1876 2356 66 498 2920
1877 4618 320 1384 6322
1878 2896 126 622 3644
1879 4406 1902 1212 7520

Man sieht aus den Totalziffern die ungeheure Überspekulation in den Gründungsjahren, die tiefe Depression in den Jahren 1874–76 und die allmähliche Besserung bis 1879; aus der Bestimmung der Emissionen entnimmt man aber das Vorwiegen der solidern oder minder soliden Absicht. Ein andres interessantes Merkmal liegt in den Umsätzen des Welthandels, diese stiegen

vom Jahr 1860–65 jährlich im Durchschnitt um 0941 Mill. Mk.
1865–70 0959
1870–73 2772
1873–79 0126

sie betrugen nämlich im J. 1860 ca. 23 Milliarden, im J. 1865 ca. 27, im J. 1870: 46,3, im J. 1873, auf dem Höhepunkt der Überspekulation, 57,8 und 1879: 58,5 Milliarden; der normale, durch die Bevölkerungszunahme und die erhöhten Bedürfnisse bedingte Zuwachs wurde also in der Gründungsepoche weit überschritten, und es folgte dann der naturgemäße Rückschlag. Die Krisis des Jahrs 1873 hat nach dem an einzelnen Orten erfolgten akuten Ausbruch in den Jahren 1874–79 einen chronischen, schleppenden Verlauf genommen; nach allen statistischen Merkmalen findet man den tiefsten Stand in den Jahren 1875 und 1876, aber auch die folgenden drei Jahre zeigen noch immer alle Symptome der schweren Erkrankung. Erst in der zweiten Hälfte 1879 traten in den Vereinigten Staaten von Amerika die ersten Anzeichen der Besserung hervor und übertrugen sich von dort im J. 1880 allmählich auf die europäischen Westländer: Großbritannien, die Niederlande, Belgien, Frankreich, Deutschland, zuletzt Österreich. Die Jahre 1881–83 boten das Bild voller Wiederaufnahme der frühern Thätigkeit, so daß die Nachwirkungen der Krisis nach neun Jahren als überwunden gelten konnten. Indessen zeigte sich bald, daß tiefer liegende Krankheitskeime und vielleicht auch nebenher auftretende Störungen, welche von einigen mit der Goldknappheit und dem Währungssystem, von andern mit der noch immer bestehenden Überproduktion und der raschen Verbilligung der Transporte in Verbindung gebracht werden, die Rekonvaleszenz nicht völlig fortschreiten ließen.

Eine zu Beginn des Jahrs 1882 in Frankreich ausgebrochene Börsenkrisis, welche mit einer Anzahl Bontouxscher Gründungen, besonders der Union générale, der Banque de Lyon et de la Loire, und mit [93] einer vorausgehenden tollen Agiotage zusammenhing, hatte zwar einen mehr lokalen Charakter, erschütterte aber nicht nur die französischen, sondern auch die übrigen europäischen Geldmärkte. In Lyon begann die Deroute Mitte Januar, in Paris hatte sie in den letzten Tagen des Januars ihren Höhepunkt erreicht; zwar vollzog sich die Liquidation rascher, als man anfänglich besorgen mußte, aber das Mißtrauen des Kapitals wurde durch diese Vorfälle neuerdings wachgerufen. Seit 1884 nimmt die Nachwirkung der Krisis einen schleichenden Verlauf, dessen hauptsächliche Symptome die tiefe Senkung der meisten Güterpreise, die geringe Rentabilität der Unternehmungen, die niedrigen Diskontsätze, der Mangel jedes Impulses zu neuen wirtschaftlichen Schöpfungen und die immer sich verschlimmernden sozialen Zustände mit wachsendem Gegensatz der arbeitenden und kapitalistischen Klassen bilden.

Häufigkeit und Periodizität der Krisen. Vorbeugungs- und Heilmittel.

Die wirtschaftliche und soziale Entwickelung der neuern Zeit trägt wesentlich dazu bei, die Krisen häufiger und intensiver zu machen. Zunächst liegen die Keime derselben in der veränderten Produktionsweise; seitdem die Arbeitsteilung im größten Umfang angewendet und die Maschine an Stelle der Handarbeit gesetzt wurde, wird es immer schwieriger, die Produktion den wirklichen Bedürfnissen anzupassen; es treten sehr leicht Überschätzungen der Aufnahmsfähigkeit der Märkte ein, welche erst fühlbar werden, wenn es schon zu spät ist; jeder trachtet, die Kapitalien und Arbeiter auch dann noch zu beschäftigen, wenn er knapp an der Grenze der Rentabilität angelangt ist, und in diesem Kampf lassen sich viele sogar verleiten, zeitweilig mit Verlusten fortzuarbeiten, um ihre schwächern Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen. Notverkäufe und Schleuderpreise beschleunigen dann den Ausbruch der Krisen. Hierzu kommt weiter, daß die Vermittlerthätigkeit durch Kaufleute, Makler, Agenten etc. in neuerer Zeit sehr umfangreich ausgebildet worden ist; diese Personen haben das Interesse, den wahren Zustand des Marktes möglichst zu verschleiern; Spekulationen führen zu geheimer Aufhäufung von Vorräten oder zu ebensolcher Räumung der Lagerbestände, sie führen zu Verabredungen (Kartellen, rings), um die Marktpreise künstlich zu erhöhen oder zu erniedrigen, und rufen dadurch gewaltsame Störungen des Gleichgewichts hervor. Ein weiterer Grund der Häufigkeit liegt in der großartigen Ausbildung des Kredits, welcher neben seinem vorteilhaften Gebrauch auch den gefährlichen Mißbrauch zuläßt, zur Überspekulation auch dann noch die Mittel bietet, wenn die eigne Kraft längst fehlt, und dessen allgemeine Verbreitung es mit sich bringt, daß Krisen rasch weiter verpflanzt und auf alle Schichten der Gesellschaft in allen zivilisierten Ländern übertragen werden. Daß endlich das moderne Verkehrswesen ebenfalls zur territorialen Ausdehnung und zum intensivern Auftreten dieser wirtschaftlichen Krankheiten beiträgt, ist selbstverständlich. Es besteht unleugbar eine gewisse Periodizität in der Wiederkehr der Krisen, indem dieselben seit 1815 in je zehn- bis elfjährigen Zeitabschnitten ausbrechen oder ihren Höhepunkt erreichen. (Englische und spätere universelle Krisen von 1815, 1825, 1836, 1847, 1857, 1866, 1873, resp. Tiefpunkt der Depression 1875/76 und neuer Tiefpunkt 1885). Diese Periode trifft nahezu mit derjenigen der Häufigkeit der Sonnenflecke (s. d.) zusammen; es wurde daher von Jevons u. a. versucht, einen Zusammenhang zwischen beiden Erscheinungen in solcher Art herzustellen, daß mit dem Sonnenfleckenmaximum und -Minimum der Reichtum der Ernten in den ostasiatischen und tropischen Gebieten wechselt und dadurch die größere oder geringere Kaufkraft jener Hunderte von Millionen Bewohnern, die sich teilweise schon mit europäischen Industrieerzeugnissen versorgen, modifiziert wird. Wechselnde Absatzfähigkeit für die Weltindustrien und wechselnde Impulse im Welthandel würden die nächste Folge und zugleich die Veranlassung der Krisen sein. Diese geistreiche Hypothese ist jedoch noch keineswegs erwiesen. Man könnte sich immerhin eine gewisse Periodizität auch aus dem Verlauf der menschlichen und sozialen Strebungen und den Fluktuationen zwischen Sparsamkeit und Leichtsinn, Arbeit und Spielsucht, Genügsamkeit und Luxus erklären.

Was die Verhütung betrifft, so kann wohl nicht die Rede davon sein, daß irgend ein Verwaltungssystem im stande wäre, den Krisen ganz vorzubeugen. Man nennt als „diätetische“ Mittel: Verbreitung gediegener volkswirtschaftlicher Bildung, besonders der Kenntnisse über die Unternehmungsbedingungen, über den Kredit etc.; Einbürgerung des Selfgovernment an Stelle der polizeilichen Einmengung der Staatsverwaltung, um den Einzelnen zur Selbsthilfe und zur selbständigen Kritik anzuleiten; Beseitigung aller Einschränkung, welche den Charakter der Bevormundung oder künstlicher Unterdrückung der Konkurrenz trägt, und Einführung strenger administrativer Kontrolle; solide Grundlagen des Münz- und Geldwesens und gute Organisierung der Zettelbanken, deren rationelles Eingreifen oft Krisen im Keim ersticken kann; endlich möglichst hohe Ausbildung der Statistik von Produktion und Verkehr sowie thunlichste Veröffentlichung der umfassendsten Nachrichten über Ernten, Produktion in Gewerbe und Industrie, Verlauf des Handels, Thätigkeit der Verkehrsanstalten, um vor Überproduktion und Überspekulation zu warnen und jeden über die wahre Lage des Marktes aufzuklären. Nur das letzterwähnte Mittel scheint uns von wirklicher praktischer Bedeutung; die vorgeschrittenen Nationen streben immer mehr nach einem umfassenden, jedem leicht zugänglichen Nachrichtendienst, und diesem ist es wohl zumeist zu danken, daß die rückläufige Bewegung in den Jahren 1884 und 1885 ohne eigentliche Katastrophe eingeschlagen werden konnte.

Die Heilmittel der Krisen sind zumeist in denjenigen Veränderungen selbst gelegen, welche deren Ausbruch hervorruft. Der Sturz der Güterpreise führt zu einer allgemeinen Erniedrigung der Unterhalts- und Gestehungskosten, ermöglicht daher eine größere Konsumtion, dadurch Hebung der Nachfrage, Räumung der überfüllten Lager, Wiederkehr normaler Produktion. Die unsoliden und krankhaften Unternehmungen brechen zusammen, nach ihrer Liquidation haben die gesunden und kräftigen Erwerbszweige die Möglichkeit, sich wieder zu entfalten. Die Sparsamkeit und Ängstlichkeit bewirken die Bildung neuer Kapitalien, welche sich soliden Unternehmungen und den Überresten, die aus dem Zusammenbruch gerettet wurden, zuwenden, und diese können, nachdem gewissermaßen durch die frühern Vermögensverluste große unfreiwillige Amortisationen erfolgt sind, billiger produzieren. So kann bald nach einer Krisis sowohl die Konsumtion als die Produktion auf einem höhern Punkt stehen als vorher, freilich nicht ohne vorhergehende schwere und schmerzliche Opfer. In dem Bewußtsein des erzielbaren Fortschritts liegt nun natürlich häufig schon wieder der Anlaß, um über das Ziel hinauszuschießen und den Keim einer neuen Krisis zu legen. S. auch Börse (bes. S. 237). Vgl. M. Wirth, [94] Geschichte der Handelskrisen (3. Aufl., Frankf. a. M. 1883); Laveleye, Die Geld- und Handelskrisen (deutsch, Kassel 1865); Löhnis, Der Marasmus in Handel und Industrie (Straßb. 1877); Juglar, Des crises commerciales (Par. 1876); Öchelhäuser, Die wirtschaftliche Krisis (Berl. 1876); Neuwirth, Die Spekulationskrisis von 1873 (Leipz. 1874); Glagau, Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin und Deutschland (4. Aufl., das. 1876, 2 Tle.); Statistik der Krisis in Neumann-Spallarts „Übersichten der Weltwirtschaft“ (Stuttg. 1878–84).