MKL1888:Handelspflanzen
[95] Handelspflanzen, landwirtschaftliche Kulturpflanzen, welche in ihren wertvollern Bestandteilen von dem Landwirt im eignen Betrieb nicht verwendet, sondern entweder direkt verkauft, oder zu technischer Verarbeitung bestimmt werden und in der Regel auch nur wenige für Wirtschaftszwecke verwendbare Bestandteile liefern. Man baut dieselben also lediglich zu dem Zweck an, eine Verkaufsware zu produzieren, und schließt Getreide und Futterpflanzen von diesem Begriff aus, wenn schon unter Umständen auch diese nur zum Verkauf angebaut werden können. Zu den H. gehören zahlreiche Gewürz-, Fabrik-, Gespinst-, Öl-, Farbe- und Arzneipflanzen. Der Bau der H. kennzeichnet die intensive Landwirtschaft, die Emanzipation von der Anschauung, daß der landwirtschaftliche Betrieb sich aus sich selbst erhalten müsse; er ist daher auch an die Bedingungen der intensiven Wirtschaft gebunden und kann in einiger Ausdehnung nur da betrieben werden, wo diese vereinigt zusammentreffen. Die Mehrzahl der H. liefert nur wenig zu Düngungszwecken geeignete Rückstände; ihr Anbau setzt daher, da sie fast alle reiches, dungkräftiges Land verlangen, einen starken Viehstand und lebhaften Düngerhandel voraus. Fast sämtliche in ihnen enthaltene Pflanzennährstoffe werden mit dem Ernteprodukt auf dem Markt verkauft, der Ersatz muß also anderweitig beschafft werden. Sie setzen ferner gutes, wohl melioriertes und sorgfältig bearbeitetes Land voraus und verlangen während ihres Wachstums sorgsame Pflege und unausgesetzte Bearbeitung. Durch ihren Anbau wird allerdings dem Getreidebau ein Teil des Areals entzogen, deshalb aber nicht dessen Produktion verringert. Die reichliche Düngung und vorzügliche Bearbeitung des Bodens, welche sie vollauf lohnen, machen den Boden in hohem Grad produktionsfähig, so daß da, wo ausgedehnter Anbau von H. sich findet und dieser rationell betrieben wird, auf kleinerer Fläche mehr Getreide als vorher geerntet wird und dieses die besten Bedingungen des Wachstums findet. Je teurer (seltener) das Land wird und je (relativ) billiger das Getreide durch auswärtige Zufuhren im Preise sich stellt, um so mehr muß der Landwirt den Bau der H. forcieren. Letzterer verlangt aber eine größere Fülle von Kenntnissen, mehr Geschicklichkeit und Umsicht, unausgesetzte Thätigkeit, reichlich vorhandene Arbeitskräfte und erhöhte Brauchbarkeit der Arbeiter, sichern Absatz, genügendes Kapital und leichten Bezug von Dungmitteln aller Art. Manche H. setzen außerdem noch das Vorhandensein oder die Einrichtung von technischen Etablissements zur Verarbeitung voraus. Am ausgedehntesten ist ihr Anbau in Baden, der Pfalz, den Rheinprovinzen, in Belgien und vielen Teilen von Frankreich. Nur selten ist demselben jedoch mehr als 15 Proz. des landwirtschaftlich benutzten Bodens eingeräumt; im Nordosten von Deutschland, Rußland und anderwärts erreicht er kaum einige Prozente. Vgl. Löbe, Anleitung zum rationellen Anbau der Handelsgewächse (Stuttg. 1868–70, 7 Tle.); Langethal, Landwirtschaftliche Pflanzenkunde, Bd. 3 (5. Aufl., Berl. 1874).