MKL1888:Immermann
[900] Immermann, Karl Leberecht, Dichter der Neuzeit, zu den hervorragendsten Talenten der Übergangsepoche zwischen 1815 und 1840 gehörend, geb. 24. April 1796 zu Magdeburg, wo sein Vater als Kriegs- und Domänenrat angestellt war, besuchte bis 1813 das Gymnasium seiner Vaterstadt, welche damals zum Königreich Westfalen geschlagen war, und bezog, um Rechtswissenschaft zu studieren, im Frühling des großen deutschen Erhebungsjahrs die Universität Halle, welche indessen unmittelbar danach aufgelöst ward. Nur ein Nervenfieber verhinderte ihn, schon jetzt in die Reihen des preußischen Heers einzutreten. Nach dem Friedensschluß von 1814 zu den Studien zurückgekehrt, wurde er durch Napoleons Wiederkunft von Elba 1815 in der That zu den Waffen gerufen. Er nahm an den Schlachten von Ligny und Waterloo teil, zog mit Blüchers Heer in Paris ein, wurde als Offizier entlassen und kam mit einer reichen, nachhaltigen Lebenserinnerung zur Hochschule zurück. Seine neugewonnene Selbständigkeit bethätigte er 1817, als die Burschenschafter zu Halle einen armen Studenten, welcher nicht zu ihnen halten wollte, brutal mißhandelten. I. wandte sich in einer Immediateingabe an den König und schrieb die (beim Wartburgfest mit verbrannte) Schrift „Über die Streitigkeiten der Studierenden zu Halle“ (Leipz. 1817). Im J. 1817 trat er in den preußischen Staatsdienst, arbeitete bis 1819 als Referendar zu Aschersleben und wurde darauf als Auditeur nach Münster versetzt, wo er die Gräfin Elisa v. Ahlefeldt, die Gemahlin des Freischarenführers v. Lützow, kennen lernte. Die Beziehungen zu dieser geistvollen Frau wurden für den Dichter verhängnisvoll; sein Leben heftete sich an das ihre, ohne daß Elisa, die bald nach ihrer Bekanntschaft mit I. von ihrem Gatten geschieden wurde, das Verhältnis in einer Ehe den Abschluß finden ließ. I. trat während der Münsterschen Zeit zuerst mit dem Lustspiel „Die Prinzen von Syrakus“ (1821) hervor, dem eine Sammlung „Gedichte“ (Hamm 1822) und die Trauerspiele: „Petrarca“ (1822), „König Periander und sein Haus“ (Elberf. 1823) u. a. folgten, Werke, in denen er durchaus die Wege der Romantiker wandelte. 1824 als Kriminalrichter an das Oberlandesgericht seiner Vaterstadt berufen, wohin ihm die Gräfin folgte, übersetzte er daselbst Walter Scotts „Ivanhoe“ (1826), schrieb die ästhetische Abhandlung „Über den rasenden Ajax des Sophokles“ (Magdeb. 1826) und veröffentlichte [901] neue Dramen, wie das Lustspiel „Das Auge der Liebe“ (Hamm 1824), die seltsame Tragödie „Cardenio und Celinde“ (Berl. 1826), die das Interesse litterarischer Kreise auf ihn lenkten. Als er 1827 als Landgerichtsrat nach Düsseldorf versetzt ward, folgte ihm die Gräfin Ahlefeldt auch dahin nach. Düsseldorf hatte eben damals einen geistigen Aufschwung genommen; die Akademie und die Düsseldorfer Malerschule erlangten ihre eigentümliche Bedeutung. I., sein Freund v. Üchtritz u. a. brachten das litterarische Element in die Kunstkreise. Allseitig gehoben, angeregt, gespornt, schuf I. die ersten Werke, welche ihm Anspruch auf den Namen eines selbständigen Dichters gaben. Bald nacheinander entstanden die Tragödien: „Das Trauerspiel in Tirol“ (Hamb. 1827) und „Kaiser Friedrich II.“ (das. 1828), das reizende komische Heldengedicht „Tulifäntchen“ (das. 1827; neue Ausg., Berl. 1862), die Lustspiele: „Die Verkleidungen“ (Hamb. 1828) und „Die Schule der Frommen“ (Stuttg. 1829), das phantastische und tiefsinnige Mysterium „Merlin“ (Düsseld. 1831) und die Trilogie „Alexis“ (das. 1832). Auch „Der im Irrgarten der Metrik umhertaumelnde Kavalier“, eine gegen Graf Platen gerichtete „litterarische Tragödie“ (Hamb. 1829), die „Miscellen“ (Stuttg. 1830), eine neue Folge von „Gedichten“ (das. 1830) u. a. fallen in jene Zeit. Mit dem Roman „Die Epigonen“ (Düsseld. 1836; 2. Aufl., Berl. 1856), den er zu Anfang der 30er Jahre begann und bis 1835 vollendete, betrat I. das epische Gebiet, für welches sich seine Begabung am meisten eignete. Bedeutenden Gehalt und Schwung erhielt sein Leben durch die Leitung des Düsseldorfer Theaters zwischen 1835 und 1838. Aus zufälligen Anfängen war der Gedanke, eine Musterbühne zu errichten, emporgewachsen; I. nahm und erhielt Urlaub von seinem Amt, um sich der Leitung des Theaters ausschließlich zu widmen, und erreichte mit verhältnismäßig nur geringen Kräften Ungewöhnliches in Repertoire und Ensemble. Erwies sich auch das Prinzip, dem gewöhnlichen Publikum seine Lieblingsspeisen, der gebildeten Gesellschaft die exklusivsten litterarischen Genüsse darzubieten, als falsch, so ging Immermanns Reformbühne doch weniger an diesem innern Widerspruch als am Mangel einer regelmäßigen materiellen Subvention zu Grunde, und es war ein Fehler, daß sich keins der größern Theater Immermanns dramaturgisches Talent zu eigen zu machen wußte. Der Untergang seiner Lieblingsschöpfung verstimmte I. tief, beugte aber seinen freudigen Schaffensmut nicht. Er begann den humoristisch-idyllischen Roman „Münchhausen, eine Geschichte in Arabesken“ (Düsseld. 1839, 2. Aufl. 1841; 3. Aufl., Berl. 1854), welcher im Grund aus zwei locker verknüpften Romanen bestand und sich durch Gestaltenreichtum, Fülle realen und poetischen Lebens im idyllischen Teil („Der Oberhof“, Sonderausgabe mit Illustrationen von Vautier, das. 1865), durch eine Reihe satirischer Meisterzüge in der humoristisch-satirischen Zeitdarstellung auszeichnete. Im Herbst 1839 vermählte sich der Dichter mit Marianne, einer Enkelin des Kanzlers Niemeyer in Halle (gest. 17. Febr. 1886 in Hamburg). Im Glück seiner jungen Ehe, im Vollgefühl der mit seinem letzten Werk endlich errungenen allgemeinen Anerkennung schritt I. zur Neugestaltung des Liebesepos „Tristan u. Isolde“ (Hamb. 1842; 2. Aufl. Berl. 1854) und schrieb gleichzeitig an seinen „Memorabilien“ (Hamb. 1840–43, 3 Tle.); aber die Vollendung beider Werke war ihm nicht vergönnt. Am 25. Aug. 1840 raffte ein tückisches Nervenfieber den Dichter mitten aus seinem Schaffen hinweg. I. gehörte zu jenen spröden Talenten, die erst mit den Jahren voll erglühen und in Fluß kommen. Mit seinen „Epigonen“ und „Münchhausen“ hat er der poetischen Darstellung modernen Lebens Bahn gebrochen und seine Stellung in der Geschichte der deutschen Dichtung gesichert. Eine Gesamtausgabe seiner Schriften (in sorgfältiger Auswahl) erschien in 14 Bänden (Düsseld. und Hamb. 1835–43), eine neuere, herausgegeben von Boxberger, in 20 Bänden (Berl. 1883). Aus seinem Nachlaß veröffentlichte G. zu Putlitz seine „Theaterbriefe“ (Berl. 1851). Vgl. Freiligrath, Karl I.; Blätter der Erinnerung (Stuttg. 1842); J. D. Strauß, Kleine Schriften (Leipz. 1866); „Karl I., sein Leben und seine Werke“ (von der Witwe Immermanns; hrsg. von G. zu Putlitz, Berl. 1870, 2 Bde.); Müller (von Königswinter), Erzählungen eines rheinischen Chronisten, Bd. 1: „Karl I. und sein Kreis“ (Leipz. 1860).
[449] Immermann, Karl Leberecht, Dichter. Vgl. Fellner, Geschichte einer deutschen Musterbühne. K. Immermanns Leitung des Stadttheaters zu Düsseldorf (Stuttg. 1888).