MKL1888:Kamerun
[504] Kamerun. Da für England wie für Deutschland glaubhaft nachgewiesen wurde, daß am Golf von Guinea sich kein Fluß befindet, welcher dem auf den Karten angegebenen und in dem Abkommen erwähnten Rio del Rey entspricht, so wurde als vorläufige Grenze im NW. zwischen englischem und deutschem Gebiet eine Linie vereinbart, die, vom obern Ende des Rio del Rey-Creeks ausgehend, in gerader Richtung zu dem etwa 9°8′ östl. L. gelegenen Punkte läuft, welcher auf der Karte der britischen Admiralität mit „Rapids“ bezeichnet ist. Danach berührt das deutsche Schutzgebiet den Altkalabar nicht mehr, da die Ethiopeschnellen dieses Flusses nach Johnston unter 8°50′ östl. L. v. Gr. liegen. Das Areal der Kolonie schätzt Ravenstein auf 336,700 qkm, die Bevölkerung auf 2,6 Mill. Die europäische Bevölkerung bezifferte sich Anfang 1892 auf 166 Personen, darunter 109 Deutsche, 31 Engländer, 17 Schweden. Ihrem Beruf nach waren 30 Regierungsbeamte (sämtlich Deutsche), 81 Kaufleute (38 Deutsche, 29 Engländer, 13 Schweden), 34 Missionare (27 Deutsche, 3 Schweizer, 4 Amerikaner), 7 Pflanzer (sämtlich Deutsche). Von den Eingebornen [505] schätzt man die Dualla auf 20,000, die Bakwili auf 25,000, die Bamboko auf 20,000 Seelen. Es starben 1891: 10 Europäer, es wanderten aus 46, dagegen wanderten ein 84, geboren wurde ein Europäer. Die Einfuhr betrug 1891: 4,2, die Ausfuhr 4,4 Mill. Mk. Von Tabak wurden aus K. nach Deutschland 81 kg in 1887, aber 4000 kg in 1890, in dem letzten Jahre auch 15,500 kg Kakao ausgeführt. Versuche mit der Baumwollkultur fielen bisher nicht günstig aus. Schulen unter deutschen Lehrern wurden errichtet in Bonamandone (72 Schüler in 4 Klassen) und in Bonebela (15 Schüler in 2 Klassen). Es bestehen gegenwärtig 12 Handelsfirmen mit 19 über das Land zerstreuten Faktoreien, darunter 3 deutsche Handelsfirmen mit neun Faktoreien. Von den Deutschen sind vier große Plantagen angelegt in Bimbia, Bibunda, Dibundscha und Batanga. An Stelle der in Victoria ansässig gewesenen englischen Baptisten trat die Baseler Missionsgesellschaft, welche das Eigentum der erstern für 56,000 Mk. erwarb und jetzt zehn Stationen besitzt. Doch hat die Baptistenmission, welche im Lande zahlreiche Anhänger besitzt, 1891 ihre Thätigkeit wieder aufgenommen. Amerikanische Presbyterianer besitzen eine Station zu Benita, und seit Ende 1890 hat auch die katholische Mission der Pallotiner unweit der Iddiafälle am Mbamfluß ihre Thätigkeit begonnen. Sämtliche Missionare sind Deutsche. Der Aufschwung, den die Kolonie genommen hat, spricht sich am besten darin aus, daß sie seit 1888 das Reich nicht mehr in Anspruch zu nehmen brauchte. Die Einnahmen betrugen 1891: 402,000 Mk. Die Einnahmen aus den Zöllen stiegen von 174,860 Mk. in 1888 auf 232,781 in 1889, auf 289,008 Mk. in 1890 und 339,132 Mk. in 1891. Die Zahl der Handelsfirmen vermehrte sich während des Jahres 1891 wieder um drei neue deutsche, die alten Firmen haben Faktoreien weiter ins Innere vorgeschoben, auch der Zwischenhandel der Dualla beginnt, wenn auch langsam, immer mehr durchbrochen zu werden. Die Weißen können ihre Produkte zu den bisherigen Absatzmärkten der Dualla unmittelbar bringen, und schon sind einige Händler aus dem Innern an der Küste erschienen. Der Anfang zur Heranbildung einer Schutztruppe wurde durch die Anwerbung von 60 Polizeisoldaten gemacht, das Zollnetz wurde durch Einrichtung einer Zollkontrolle an der Südgrenze des Schutzgebietes erweitert und die Einnahme durch Erhöhung der frühern Zölle und Einführung einer Gewerbesteuer erhöht. Die Expedition Zintgraff suchte nach dem unglücklichen Bandeggefecht Ordnung und Sicherheit im Baligebiet sowie im weitern Hinterland wiederherzustellen, um dem Handel den Weg nach K. zu ebnen, während die Expedition Gravenreuth die aufständische Bevölkerung des Gebirgsdorfs Buea und der Abodörfer Miang und Bonakwasi züchtigte, die Handelsstockungen von Abo beseitigte und den wilden Bakwilis des Gebirges Achtung vor der deutschen Macht beibrachte. Leider fiel Gravenreuth beim Sturm auf die Palissaden von Buea. Preuß, welcher von der Missionsstation in Buea aus den Kamerunberg wissenschaftlich bearbeitete, mußte infolge des Bueakampfes seinen Wohnsitz nach Victoria verlegen, da man zu seinem Schutz keine genügend starke Sicherheitswache stellen konnte.