MKL1888:Luther

[1021] Luther, Martin, der Reformator Deutschlands, aus dessen reichem Herzen noch heute eine Fülle des Segens strömt, weil er „dem gemeinsamen Grund aller deutschen Bekenntnisse, unsrer tapfern, frommen, ehrlichen Innerlichkeit, so gewaltigen Ausdruck gegeben hat“. Seine Vorfahren gehörten dem freien Bauernstand an. Die Sitte der Erbteilung trieb seinen Vater Hans L. (gest. 1530) von Möhra bei Eisenach in das Mansfeldische, wo er dem Bergbau oblag. Am 10. Nov. 1483 ward L. zu Eisleben geboren und dem Heiligen des Tags zu Ehren Martin genannt. In Mansfeld verlebte L. seine Jugend, von Vater und Mutter (Margarete Ziegler, gest. 1531) fromm und streng, ja hart erzogen. 1497 wurde er nach Magdeburg, 1499 nach Eisenach zur Schule geschickt, an beiden Orten darauf angewiesen, sein Brot durch Kurrendesingen zu erwerben, bis er im Haus der trefflichen Frau Ursula Cotta (gest. 1511) eine Unterkunft fand. Seine Gaben entfalteten sich jetzt kräftig, und als er 1501 die Universität Erfurt bezog, unterstützte ihn auch sein Vater, nach dessen Wünschen er Rechtsgelehrter werden sollte, „vom Segen seines löblichen Bergguts“. Nach damaliger Sitte begann L., ehe er sich der Brotwissenschaft zuwandte, mit Studien allgemeiner Art, eignete sich rasch die nötigen Bedingungen der Disputierkunst an, Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit, behielt jedoch auch für alle Zeit einen Hang zur Rechthaberei. Zugleich lernte er die lateinischen Klassiker kennen und trat in nahe Beziehungen zu den Vertretern des in Erfurt blühenden Humanismus, wie Crotus Rubianus und Johannes Lang. Er erwarb sich 1502 das Bakkalaureat, 1505 die Magisterwürde; aber zu einer ernsten Beschäftigung mit der Bibel, die er damals zuerst auf der Universitätsbibliothek kennen lernte, kam es noch nicht.

Ein „Schrecken vom Himmel“, der ihn bei Gelegenheit eines Gewitters 2. Juli 1505 überfiel, brachte einen keimenden Entschluß zur Reife. Er trat, nachdem er noch einmal seine Freunde bei Saitenspiel und Becherklang um sich gehabt, zu deren größter Überraschung 17. Juli 1505 in das Augustinerkloster zu Erfurt, legte das Gelübde ab und empfing 2. Mai 1507 die Priesterweihe. Erst bei dieser Gelegenheit sah er seinen Vater wieder. Nur allmählich und widerstrebend fand sich der alte Luther in den Schritt, den sein Sohn gethan. Dieser hatte einstweilen im Kloster Gelegenheit gehabt, recht „fromm“ zu werden, wonach schon längst sein Sinn gestanden. Aber die ersehnte Ruhe stellte sich nicht bei ihm ein, geschweige denn das Bewußtsein eines hohen Verdienstes. Zwar warf er sich in der Angst vor dem Zorn Gottes mit leidenschaftlicher Hingebung in ein Leben voll Entsagung, Pein und Buße, und anfangs ist ihm auch kein niederer Dienst erspart geblieben, da man seine gleichzeitig mit dem entschlossensten Eifer aufgenommenen Studien zu beschränken suchte. In der Einsamkeit seiner Zelle aber durchlebte L. Momente tiefer Schwermut und Verzweiflung. Den Faden, der ihn endlich zum Licht empor leitete, legte ihm ein alter Klosterbruder in die Hand, der ihn einfach auf den Artikel von der Sündenvergebung verwies. Auch der Ordensprovinzial Staupitz (s. d.) half dem erwachenden Bewußtsein von der Gnade nach. Dazu kam, daß das Studium der Schrift allmählich über die scholastische Theologie, die L. in ihrer nominalistischen Gestalt erfaßt hatte, den Sieg davontrug. Sein ganzes späteres Sein und Wirken ruht auf diesem innern Prozeß, in dem sich sein Verhältnis zu Gott festgestellt hat, und was er so errungen, sollte er auch nicht lange für sich allein besitzen. Es war Staupitz, der ihn 1508 an die neue Universität nach Wittenberg brachte. Hier las er zuerst über Aristoteles, ward dann 1509 biblischer Bakkalaureus und im Oktober 1512 Doktor der Theologie, nachdem er wahrscheinlich vom Herbst 1509 bis Ostern 1511 wieder in Erfurt gewirkt und im Spätjahr 1511 im Auftrag des Augustinerordens eine Reise nach Rom gemacht hatte. Entsetzen flößten ihm zwar hier die tiefe Korruption des Volkes und die Verweltlichung des Klerus ein. Aber nicht regte sich, wie in Hutten, in ihm der Gedanke, Rom zu bekämpfen. Er kam als treuer Sohn der Kirche nach Deutschland zurück und bewahrte die Verehrung für die Kirche, den Glauben an ihre unbedingte Autorität noch lange, als er bereits sachlich in Widerspruch mit derselben getreten war. Fortgesetzte Studien in den Paulinischen Briefen, über welche er jetzt als Doktor der Theologie auch Vorlesungen hielt, außerdem aber auch in den Schriften Augustins und des Johannes Tauler hatten schon um 1515 seinem theologischen Bewußtsein jenes eigentümliche, ausschließlich auf die nur dem Glauben sich darbietende unverdiente Gnade Gottes in Christus konzentrierte Gepräge gegeben, welches ihm alle Prämissen zu seiner [1022] reformatorischen Wirksamkeit lieferte. Schon jetzt predigte er nicht bloß in der Klosterkirche, sondern auch in der städtischen Pfarrkirche in dieser Richtung, die er zugleich während der Abwesenheit seines Gönners Staupitz, der ihn zu seinem Stellvertreter ernannt hatte, seinem Orden mitzuteilen suchte, daher der letztere auch im Streit mit Tezel alsbald auf seine Seite trat.

Es war der von Tezel (s. d.) auf die Spitze getriebene Mißbrauch des Ablasses (s. d.), welcher L. auf das Kampffeld rief. Während der Ablaßkrämer in unmittelbarer Nähe Wittenbergs, in Jüterbog, seine Bude aufgeschlagen hatte, feierte man 1. Nov. 1517 die Kirchweihe der Schloßkirche zu Wittenberg. Es war Sitte, solche Tage auch durch Publikationen zu verherrlichen, die an der Kirchthür angeschlagen wurden. So that am Vorabend des Festes L. Der einfache Inhalt seiner 95 Thesen läuft hinaus auf die Unterscheidung des Begriffs der Buße im biblischen Sinn als eines innern, sittlichen Vorganges von dem kirchlichen System der Leistungen und Garantien. Der Erfolg der Thesen überraschte ihn selbst. „Dieselben liefen schier in 14 Tagen durch ganz Deutschland, denn alle Welt klagte über den Ablaß.“ Schon mit Beginn des Jahrs 1518 ruft der Zensor aller im römischen Gebiet erscheinenden Bücher, Silvester Prierias, die unbedingte Autorität des Papstes gegen Luthers Sätze ins Feld. Jetzt richtete sich L. auf die bisher ungeahnte Eventualität ein, zum Ketzer gestempelt zu werden. Am 26. April verteidigte er in Heidelberg, wohin ihn ein Augustinerkonvent geführt hatte, die Hauptsätze des Augustinismus. Im August erfolgte die Citation nach Rom. Statt dessen kam es aber nur 13.–15. Okt. zu einem Gespräch mit dem päpstlichen Legaten Cajetan (s. d.) in Augsburg, wobei L. den von ihm geforderten einfachen Widerruf verweigerte, dafür aber sich berief „vom übel berichteten Papst auf den besser zu berichtenden“. Eine Appellation an ein Konzil folgte im November von Wittenberg aus nach. Gleichwohl vermochte ihn im Januar 1519 der päpstliche Kammerherr Karl v. Miltitz in Altenburg zu einer Art von Waffenstillstand zu bewegen. Diesen hat zuerst der päpstliche Theolog Johannes Eck (s. d.) gebrochen, welcher schon seit einem Jahr in einer litterarischen Fehde mit Karlstadt (s. d.) begriffen war. So wurde nun vom 27. Juni bis 16. Juli zu Leipzig disputiert, zwischen Eck und Karlstadt über die Lehre vom freien Willen, zwischen Eck und L. über den Primat des Papstes, und erst aus diesem scholastischen Streit ist der volle Gegensatz der kirchlichen Prinzipien erwachsen. L. nahm in Leipzig die ihm von Eck aufgedrängte Solidarität mit der Sache von Johann Huß wenigstens teilweise an und behauptete, daß selbst ein großes Konzil wie das Konstanzer irren könne. Damit war der Bruch mit dem katholischen Kirchenwesen im Grundsatz erfolgt; kühn schritt nun L. fort zur Lehre vom Priestertum aller Gläubigen, von der christlichen Freiheit, vom Rechte der christlichen Subjektivität. Eine ungemein fruchtbare schriftstellerische Thätigkeit hatte er schon im Jahr zuvor begonnen und setzte sie unermüdlich fort. Unter den neuen Forderungen erscheint jetzt auch das Abendmahl unter beiderlei Gestalt für die Laien. Daß die Kirche notwendig ein irdisches Haupt haben müsse, ward in der Schrift „Von dem Papsttum zu Rom“ 1520 geleugnet, während L. gleichzeitig auch mit so entschiedenen Feinden Roms wie Hutten in Verbindung trat. Da erschien die päpstliche Bannbulle vom 16. Juni. Gleichzeitig hatte aber auch L. die gesamte Tragweite der neuen Ideen, die ihn erfüllten, entwickelt und alle Folgerungen aus dem neuen Prinzip öffentlich vorgetragen in den schon im Sommer erschienenen großen reformatorischen Schriften: „An den christlichen Adel deutscher Nation, von des christlichen Standes Besserung“ und „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“. Dazu kam jetzt noch der Traktat „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ als Gegengabe auf die Bannbulle, welche er 10. Dez. nebst den päpstlichen Dekretalen einem vor dem Elsterthor zu Wittenberg angezündeten Feuer übergab. Von jenen drei Hauptschriften (hrsg. von Lemme: „Luthers drei große Reformationsschriften“, Gotha 1875) aber ruft die erste die Christenheit zum Kampf wider die Anmaßungen des Papstes und des Standes, welcher allein für den geistlichen gehalten sein will; die zweite zerstört die geistlichen Bande, womit jener Stand mit seinen Gnadenmitteln die Seelen knechtet; die dritte geht auf die letzten Grundfragen der Religion ein und weist in dem unmittelbaren Verhältnis, in welchem der an Christus Gläubige zu Gott steht, den tiefsten Grund der Ruhe und Seligkeit nach. Eine Schrift: „Wider die Bulle des Endchrists“, schließt die schriftstellerische Wirksamkeit für dieses Entscheidungsjahr ab, und eine ausführliche Widerlegung der Bulle leitet die Ereignisse von 1521 ein: die Vorladung vor Kaiser und Reich, die Abreise von Wittenberg 2. April, Ankunft in Worms 16. April, sein zweimaliges Erscheinen vor dem Reichstag, 17. und 18. April, endigend mit mutiger Ablehnung des geforderten Widerrufs. „Gott helf’ mir!“ rief er noch im Reichstag; „ich bin hindurch!“, als er wieder in der Herberge ankam. Am 26. April verließ er Worms; 4. Mai wurde er auf Veranstalten seines bisherigen Beschützers, des Kurfürsten Friedrich des Weisen von Sachsen, von verkappten Reitern überfallen und auf die Wartburg geführt, wo er, für die Welt nicht mehr existierend, als „Junker Georg“ bis 3. März 1522 lebte. Die Reichsacht war 26. Mai 1521 über ihn ausgesprochen worden. Er aber überraschte von seinem unbekannten „Patmos“ aus die Welt mit neuen Flugschriften, belehrte über das Wesen der Beichte, eiferte gegen Privatmessen, geistliche und Klostergelübde, schrieb seine „Deutsche Postille“ und begann im Dezember 1521 die deutsche Bibelübersetzung. Einstweilen war in Wittenberg Karlstadt als praktischer Reformator aufgetreten; wie er gegen das Cölibat, so eiferten reformfreundliche Ordensgenossen Luthers, nachdem sie das Augustinerkloster verlassen hatten, Gabriel Didymus an der Spitze, gegen das Meßopfer. Der Dezember brachte mit andern Neuerungen auch das Abendmahl unter beiderlei Gestalt, ganz zuletzt aber auch die Zwickauer Propheten; Karlstadt wurde zuerst mit fortgerissen, Melanchthon, seit August 1518 Luthers Kollege, schwankte; dem Kurfürsten wuchsen die Dinge über den Kopf. Im Februar 1522 kam es zum Bildersturm.

Da brach L., jeglichem Radikalismus feind, eigenmächtig von der Wartburg auf, traf 7. März in Wittenberg ein und beschwor den Sturm, acht Tage lang predigend, von der Kanzel aus. Seitdem war er unbedingt Herr der Lage, die Fanatiker räumten das Feld. Neuerdings wurde die Sache der Reformation durch die Erhebung Sickingens und der Reichsritterschaft gefährdet, die, obwohl sie in ihrer eignen Sache das Schwert zogen, sich doch den Schein gaben, als wollten sie „dem Evangelio eine Öffnung machen“. L. hatte sich aber dem ihm sonst befreundeten Sickingen, der 1523 den Tod fand, nicht angeschlossen. Er entwickelte jetzt jene mit der innern Freiheit beginnende, [1023] nach außen nur allmählich, aber sicher fortschreitende reformatorische Thätigkeit, welche im Lauf der 20er Jahre zuerst Gottesdienst, Kirchenlied und Sakramentsfeier, bald auch Schule und Kirchenverfassung umfaßte und so bezeichnend ist für seine Weise im Gegensatz zu der Reformation in der Schweiz. Hierher gehören seine Schriften: „Von Ordnung des Gottesdienstes in der Gemeinde“ (1523); „Formula missae“ (1523); „Greuel der Stillmesse“ (1524); der „Aufruf an die Bürgermeister und Ratsherren der Städte in deutschen Landen“ (1524) und das erste „Deutsche Gesangbuch“ (1524). Die wertvollste Gabe an das Volk aber war und blieb die deutsche Bibel: das Neue Testament war schon 1522, das Alte 1534 vollendet. Sein Streit mit den Papisten, der ihm 1522 auch zu einer groben Schrift gegen Heinrich VIII. von England Veranlassung gegeben, trug ihm schließlich die Feindschaft des Erasmus (s. d.) ein, gegen dessen Schrift „De libero arbitrio“ (1524) L. im Sinn strengster Prädestination sein Werk „De servo arbitrio“ im Dezember 1525 verfaßte. Dasselbe Jahr 1525 brachte mit dem Bauernkrieg auch gänzlichen Bruch mit Karlstadt, der Partei Münzers und der Wiedertäufer. Im Januar erschien die Schrift „Wider die himmlischen Propheten“, konservativ in Sachen der Bilderfrage und des Abendmahldogmas, hinsichtlich dessen schon damals der Gegensatz zwischen ihm einerseits, Karlstadt und den Schweizern anderseits zu Tage trat. Dem Bauernaufstand hat er im Thüringischen die eigne Person, aber auch zwei Schriften entgegengestellt: „Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel“ und, als dies nichts half, „Wider die räuberischen und mörderischen Bauern“. Nachdem er schon 1523 die Mönchskutte abgelegt, trat er 13. Juni 1525 in die Ehe mit der ehemaligen Nonne Katharina v. Bora (s. d.).

In den nächsten Jahren gestaltete sich nun unter Luthers unmittelbarem Einfluß in fester und dauerhafter Weise die Organisation der neuen Kirche in Sachsen: zunächst der Kultus durch seine „Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdienstes“ (1526); dann war er vom Oktober 1528 bis Januar 1530 persönlich bei dem Werk der Kirchenvisitation thätig, durch welche die neue Kirche erst recht in die Erscheinung trat; zwischen hinein erschienen im Januar 1529 der „Große“ und einige Monate später der „Kleine Katechismus“, ein Werk, welches im Verein mit Luthers Liedern („Ein’ feste Burg“ etc.) die Grundlage der protestantischen Volkserziehung für Jahrhunderte geworden ist. Dasselbe Jahr brachte auch den definitiven Bruch mit den Schweizern. Nicht bloß die bekannte Differenz bezüglich des Abendmahls, dessen Bedeutung und Wert sich L. nur mit Hilfe von aus der katholischen Scholastik überkommenen Vorstellungsformen gegenständlich machen konnte, trieb dazu; L. betrachtete auch voller Mißtrauen den umfassenden Plan, welchen Zwingli und der Landgraf von Hessen zur Vernichtung des Papsttums und des katholischen Kaisertums vermittelst einer gemeinsamen Aktion aller reformatorischen Kräfte entworfen hatten. Gleichzeitig verwarf er die Idee des bewaffneten Widerstandes und vollzog auf dem Religionsgespräch zu Marburg (1.–4. Okt.) mit eigner Hand den verhängnisvollen Riß zwischen der sächsischen und der süddeutsch-schweizerischen Reformation. „Es sind keine Leute auf dem Erdreich, mit denen ich lieber wollte Eins sein, denn mit den Wittenbergern“, sagte Zwingli. „Ihr habt einen andern Geist als wir“, entgegnete L., indem er dem reformatorischen Rivalen nur diejenige Liebe zu gewähren sich herbeiließ, die man auch den Feinden schuldig sei. Vgl. hierüber Erichsons Abhandlungen in der „Zeitschrift für Kirchengeschichte“ (Bd. 4 u. 5).

So kam es, daß schon auf dem Augsburger Reichstag 1530 die sächsischen und die oberdeutschen Stände mit getrenntem Bekenntnis auftraten. L. selbst durfte als Geächteter dort nicht erscheinen, sondern brachte die Zeit auf der Feste Koburg zu, wo er nicht bloß eine wunderbare schriftstellerische Thätigkeit entfaltete, sondern auch selbst durch Rat und Trost aller Art in den mühseligen Gang der Verhandlungen zu Augsburg eingriff. Aber die leitende Rolle teilte er in den endlosen theologischen, kirchlichen und politischen Verhandlungen der noch folgenden 15 Jahre seines Lebens nicht bloß mit den Fürsten und Staatsmännern, welche sich der neuen Kirche zugewandt hatten, sondern auch mit Theologen, wie Melanchthon (s. d.). Wenn letzterer sich den Reformierten gegenüber durch thunlichste Ermäßigung der Zumutungen, die L. an sie stellte, wirkliche Verdienste erwarb, so war es doch wieder L., der manche üble Folgen dieser Nachgiebigkeit, wo Melanchthon sie auch den römischen Versuchen gegenüber bewies, abwehrte und den Fortbestand der evangelischen Freiheit wahrte. In diesem Geist schrieb L. 1537 die Schmalkaldischen Artikel, lehnte 1541 die Vermittelungsvorschläge von Regensburg und 1545 die Teilnahme am Tridentiner Konzil ab. Schweren Verdruß verursachte ihm die Doppelehe des Landgrafen Philipp von Hessen, die er aber selbst in einem geheimen Beichtrat als das geringere Übel im Vergleich zur Hurerei gestattet hatte (1539). In diesem Handel zeigt sich L. von seiner schwächsten Seite. Nicht genug, daß er auf der Eisenacher Konferenz (1540) dem Landgrafen, der sich weigert, um die Doppelehe geheim zu halten, „stark zu lugen“, raten ließ: „ein geringe lugen zu thun, wer besser dan sovil mortgeschrei auf sich zu laden“, denn „ein notlugen, ein nutzlugen, hilflugen zu thun, wer nicht widder Gott“, sondern er erklärte sich auch in einem Brief an den Landgrafen bereit, sich selbst der Notlüge in dieser Angelegenheit bedienen zu wollen, indem er sich auf das Beispiel Christi, der da gesagt habe: der Sohn weiß von dem Tage nichts, und auf seine Stellung als Beichtvater berief, die ihm verbiete, das, was ihm gebeichtet, bekannt zu machen.

Abgesehen von kleinen Reisen, die ihn namentlich öfters an den Hof des Kurfürsten nach Torgau brachten, 1539 auch nach Leipzig, wo Herzog Heinrich die Reformation einführte, verblieb er jetzt meist in Wittenberg, beraten und aufgesucht von Tausenden. Dazu lebte er in unermüdlicher Sorge um seine Gemeinde, war ein eifriger und beliebter Prediger, offener und warmer Freund, mit der Welt meist auf gutem Fuße stehend und übersprudelnd von Scherz und heiterer Laune. Furcht war ihm gänzlich unbekannt. Er konnte nicht bloß ruhig das Martyrium an sich herantreten sehen, es war sogar eine gewisse Sehnsucht danach in ihm vorhanden. Der Kampf war ihm willkommen, und zwar stand er nicht bloß Menschen gegenüber, sondern überwand auch die Angst und Pein der Hölle, die geschäftig arbeitete, seine Vernunft zu verdüstern. Wenn es so im eignen Herzen unsicher wurde, so kamen über ihn unsäglich bittere Stunden, wie er denn oft und viel über harte Anfechtung klagt. Dazu traten leibliche Übel, fortgesetzt ihn quälende Beschwerden, Kongestionen, Dysenterie, Steinschmerzen. Gleichwohl blieb seine Arbeitskraft ungeschmälert. Er pflegte seine Predigten, Traktate, Bekenntnisse in Einem Guß zu [1024] geben; es entstand immer ein Ganzes, wenn er zur Feder griff. So ist er der größte populäre Schriftsteller der Deutschen geworden. Mit ihm beginnt eine neue Periode in der Geschichte der deutschen Sprache, die er merkwürdig in der Gewalt hatte. Energie des Stils, Kraft der Dialektik, Pathos der Überzeugung vereinigen sich in seinen Schriften. Der durchdringende, helle Verstand, der überall spricht, der warme Ton, der über alles ausgegossen ist, die hellen Lichter, die seine bewegliche Phantasie aufsetzt, die dunkeln Schlagschatten: alles zeigt, wie er mit seinem Herzblut schreibt und arbeitet bei heiterer und trüber Laune. Ja, gerade seine Streitschriften sprudeln von seinem ureigensten Geist, von einem unvergleichlichen Humor. In seiner Polemik gegen Heinrich VIII. von England und später gegen Heinrich von Braunschweig hat er wohl das Größtmögliche in Derbheit geleistet, und die mehr als bescheidene Abbitte, zu der er sich herbeiließ, sobald Aussichten vorhanden waren, den erstern für die Reformation zu gewinnen, gehört zu den entschiedenen Schwächen seines Lebens. Und dennoch hatte er recht, wenn er von sich selbst sagte: „Meine Schale mag hart sein, aber mein Kern ist weich und süß“. Das Familienleben des Mannes, der mit einer ganzen Welt und gar oft auch mit sich selbst im Kampf lag, der übermenschliche Anstrengungen hinter sich hatte und mit Gott und dem Teufel auf persönlichem Fuße stand, war ruhig und lieblich. Gern weilt er im Kreis der Seinen; Kinder gelten ihm als der höchste Segen und das festeste Band der Liebe. Man kann nichts Schöneres lesen als jenen Brief, den er von Koburg aus an seinen Sohn Hans schrieb, nichts Rührenderes sehen als sein Verhalten am Krankenbett seines Töchterchens Magdalene. Gern öffnete er, der in spätern Jahren zu einem gewissen Wohlstand gediehen war, sein Haus den Freunden zu frohem Verkehr und den Armen zur Zuflucht. Für das Unglück hatte er ein ungemein weiches Herz. Geben war ihm eine Seligkeit. Er selbst nahm nur schwer ein Geschenk an. „Es gebührt uns nicht, Reichtum zu haben“, sprach er und lehnte auch das oft sehr hohe Honorar, das ihm die Buchhändler boten, folgerichtig bis zuletzt ab; denn mit seinem Talent zu wuchern, erschien ihm als Sünde. Sein ganzes Hauswesen war einfach eingerichtet; das Mahl würzte heitere, oft auch derbe Scherzrede, wie die „Tischreden“ beweisen. Vor allem aber war er, wie auch die Gegner zuweilen anerkannten, eine gerade, ehrliche, fromme Natur. Dem gewaltigen Grundpathos seines Wesens, darin seine antirömische Mission begründet war, ist er bis zum letzten Hauche getreu geblieben. Von Steinschmerzen so gepeinigt, daß er zu sterben glaubte, empfahl er im Februar 1537 den Fürsten beständigen Haß gegen den Papst. Auch damals wiederholte er mitten unter Gebeten und Sterbenswünschen seinen Vers: „Pestis eram vivus, moriens ero mors tua, papa“. Er wollte nur noch bis Pfingsten leben, um den Papst in Druckschriften noch härter anzugreifen; aber er lebte noch fast ein Dezennium, und erst 1545 erschien die gedrohte Schrift „Wider das Papsttum, vom Teufel gestiftet“, während schon das Jahr zuvor sein „Kurzes Bekenntnis vom heiligen Sakrament“ bewiesen hatte, daß er auch den Reformierten gegenüber seit 20 Jahren derselbe geblieben war. Doch hat er seine Zustimmung zu der von Melanchthon 1545 verfaßten Wittenberger Reformation gegeben, welche den Katholiken das große Zugeständnis einer Wiedereinführung der bischöflichen Verfassung für den Fall machte, daß die Bischöfe selbst die evangelische Lehre bekennen und die Sakramente in rechter Weise spenden wollen. Nach Melanchthons spätern Mitteilungen soll L. auch in seinem letzten Lebensjahr erkannt haben, daß er in der Sache des Abendmahls den Zwinglianern gegenüber „zu viel gethan“. Der Aufenthalt in Wittenberg wurde ihm zuletzt durch das ungezügelte Treiben der Jugend so verleidet, daß er 1545 die Stadt in der Absicht verließ, sein Haus daselbst zu verkaufen. Er kehrte erst wieder nach Wittenberg zurück, als Universität und Magistrat das Versprechen gegeben, dem Ärgernis zu steuern. Sein letztes Werk sollte ein Werk der Versöhnung sein. Es galt der Einigung der Grafen von Mansfeld. Vom 23. Jan. bis 16. Febr. 1546 brachte er mit der Reise und dem Geschäft zu. In Eisleben kam er schon krank in die Herberge, und es überkam ihn eine Ahnung, daß er hier, wo er geboren sei, auch sterben werde. Dennoch predigte er viermal. Am 17. Febr. wurde er bettlägerig. Stärkungen halfen nichts; da fragten ihn, nachdem er sich Gott befohlen hatte, Doktor Jonas und M. Coelius, ob er auf seine Lehre sterben wolle, und er gab ihnen ein festes „Ja“ zur Antwort. Bald darauf, 18. Febr. 1546, starb er. Seine Leiche wurde nach Wittenberg gebracht.

[Luthers Familie.] L. hinterließ außer seiner Gattin eine Tochter, Margarete, und drei Söhne: Johann, geb. 7. Juni 1526, Rat bei den Söhnen des Kurfürsten Johann Friedrich, dann in Diensten des Herzogs Albrecht von Preußen, gest. 28. Okt. 1575 in Königsberg; Martin, geb. 7. Nov. 1531, Theolog, gest. 3. Mai 1565; Paul, geb. 28. Jan. 1533, kursächsischer Leibarzt, gest. 8. März 1593 in Leipzig, Stammhalter der Familie. Zwei Kinder waren vor ihm gestorben. Luthers männliche Nachkommenschaft erlosch 1759 mit Martin Gottlob L., Rechtskonsulenten in Dresden. Vgl. Nobbe, Genealogisches Hausbuch der Nachkommen Luthers (Leipz. 1871).

[Luthers Werke. Litteratur.] Die wichtigsten Ausgaben der Werke Luthers sind die Wittenberger Ausgabe (12 Bde. deutsche und 7 Bde. lateinische Schriften), die Jenaer (8 deutsche und 4 lateinische Bände, ergänzt von Aurifaber), die Hallesche von Walch (1740–51, 24 Bde.) und die Erlanger (von Irmischer, deutsche Schriften, 67 Bde., 1826–57; 2. Aufl. von Enders, Frankf. a. M. 1861 ff.; lateinische Schriften, 1829–86, Bd. 1–28). Eine neue Ausgabe wurde im Jahr der vierten Säkularfeier von Luthers Geburt begonnen (Weimar 1883 ff.). Luthers „Briefe, Sendschreiben und Bedenken“ wurden von De Wette (Berl. 1825–28, 5 Bde.; der 6. Bd. von Seidemann, das. 1856), der „Briefwechsel“ von Burkhardt (Leipz. 1866) und von Enders (Frankf. a. M. 1884 ff.), seine „Politischen Schriften“ von Mundt (Berl. 1844; neue Ausg., Leipz. 1868), seine „Kirchenpostille“ von Francke (das. 1844, Dresd. 1872), seine „Tischreden“ von Förstemann und Bindseil (Berl. 1846–48, 4 Tle.; Auswahl, das. 1876), seine „Geistlichen Lieder“ am besten von Ph. Wackernagel (Stuttg. 1856), Gödeke (Leipz. 1883) und A. Fischer (Gütersl. 1883) herausgegeben. Briefe und Aktenstücke zur Geschichte Luthers gab Kolde heraus („Analecta Lutherana“, Gotha 1883). Eine gute Sammlung von Luthers kleinern Schriften erschien unter dem Titel: „Martin L. als deutscher Klassiker“ (Frankf. 1871–83, 3 Bde.).

Das Leben Luthers beschrieben: sein Zeitgenosse Johann Mathesius („Leben Dr. M. Luthers in 17 Predigten“, hrsg. von Rust, Berl. 1841, neue Ausg. 1883), Ukert (Gotha 1817, 2 Bde.), Pfizer (Stuttg. 1836), Jäkel (Leipz. 1840–46), Genthe (das. 1841–45), [1025] Jürgens („Luthers Leben bis zum Ablaßstreite“, das. 1846–47, 3 Bde.), Meurer (3. Aufl., das. 1870; Volksausg., 3. Aufl., das. 1878), Heinr. Lang (Berl. 1870), Jul. Köstlin („Martin L. Sein Leben und seine Schriften“, 3. Aufl., Elberf. 1883, 2 Bde., und das populäre Werk „Luthers Leben“, 3. Aufl., Leipz. 1883), A. Baur (Tübing. 1878), Plitt und Petersen (2. Aufl., Leipz. 1883), Kolde (Gotha 1884 ff.). Vgl. Köstlin, Luthers Theologie, in ihrer geschichtlichen Entwickelung etc. (Stuttg. 1862, 2 Bde.); Th. Harnack, Luthers Theologie (Erlang. 1862–86, 2 Bde.).

[Denkmäler, poetische Darstellungen, Stiftungen.] L. selbst und sein Wirken haben den bildenden Künsten und, minder glücklich, auch der Poesie vielfach zum Vorwurf gedient. Eine Erzstatue des Reformators von Schadow, aus den durch die Litterarische Gesellschaft in Mansfeld seit 1801 gesammelten Beiträgen, wurde 1821 in Wittenberg errichtet, in noch viel großartigerer Weise aber 1868 in Worms, nach dem Modell von Rietschel (s. Tafel „Bildhauerkunst IX“, Fig. 4). Andre Denkmäler befinden sich in Möhra (Bronzestatue von Ferd. Müller, 1861), in Eisleben (von Siemering, 1883), in Leipzig (Doppelstatue mit Melanchthon, von Schilling, 1883), in Dresden (Wiederholung der Lutherfigur vom Wormser Denkmal, 1885), in Magdeburg (von Hundrieser, 1886). Schon aus dem 16. Jahrh. existieren zahlreiche verherrlichende Einzeldichtungen sowie Verhöhnungen und Spottgedichte der Gegner, denen sich die viel aufgeführten Dramen von Andreas Hartmann („Curriculi vitae Lutheri“, 1600) und Martin Rinckart („Der eislebische Ritter“, 1613) und zum ersten Jubiläum der Reformation die „Tezelomania“ (1617) anschlossen. Im 18. Jahrh. versuchte der Gottschedianer Chr. Friedrich v. Derschau eine große epische „Lutheriade“ (1760–61). Zu Anfang des 19. Jahrh. dichtete Zacharias Werner sein Drama „Martin L., oder die Weihe der Kraft“ (1807), dem A. v. Klingemanns „Martin L.“ (1809) auf dem Fuß folgte. Das Lutherjubiläum von 1883 gab Anlaß zur Entstehung einer Gruppe von dramatischen Festspielen (von Hans Herrig, W. Henzen, Otto Devrient, A. Trümpelmann u. a.), die zum größern Teil nach Art der dramatischen Spiele des 16. Jahrh. von Volks- und Bürgerkreisen dargestellt wurden, und unter denen das Spiel von Herrig die weiteste Verbreitung und Geltung erlangte. Neuere Versuche zu epischer Darstellung unternahmen Rudolf Hagenbach in „L. und seine Zeit“ (1838) und Adolf Schults in „Martin L.“ (1853). Das Gesamtleben Luthers bearbeitete K. A. Wildenhahn (1851–1853) zu einem historischen Roman. Größer und mächtiger erscheint der Reformator zumeist, wo er in historischen Romanen als Episodenfigur auftritt, was von Heinrich v. Kleists „Michael Kohlhas“ (1808) bis zu G. Freytags „Marcus König“ (1876) vielfach geschehen ist. Ein ingrimmiges Zerrbild entwarf der ultramontane Konrad v. Bolanden (s. Bischoff 5) in dem Roman „Eine Brautfahrt“ (1857).

Die dritte Säkularfeier von Luthers Tod (1846) veranlaßte unter dem Namen Luther-Stiftung mehrere Stiftungen für Waisen, arme und verwahrloste Kinder, auch zur Unterstützung noch vorhandener Nachkommen aus Luthers Familie. Die vierte Säkularfeier von Luthers Geburtstag (1883) führte zur Gründung einer allgemeinen deutschen Luther-Stiftung, welche bestimmt ist, die Erziehung von Söhnen und Töchtern evangelischer Pfarrer und Lehrer zu fördern; aus dem Reste der für das Wormser Lutherdenkmal gesammelten Geldsumme wurde ein Luther-Stipendium für Theologen angelegt.

Luther, Karl Theodor Robert, Astronom, geb. 16. April 1822 zu Schweidnitz, studierte seit 1841 in Breslau und Berlin Philosophie, Mathematik und Astronomie, arbeitete gleichzeitig an der Berliner Sternwarte, erhielt 1848 eine Anstellung an derselben und ging 1851 als Direktor der Sternwarte nach Düsseldorf (Bilk). In den Jahren 1852–73 entdeckte er zahlreiche Planeten, und für 20 derselben ist ihm die Priorität geblieben. Seine Beobachtungen und Berechnungen der kleinen Planeten erschienen in den „Astronomischen Nachrichten“, den „Berliner astronomischen Jahrbüchern“ etc. Beim Zeichnen der akademischen Sternkarte hora 0 entdeckte er den veränderlichen Stern T piscium. Er wurde 1855 an der Universität Bonn zum Dr. phil. honoris causa ernannt und erhielt von der Pariser Akademie siebenmal den Lalandeschen Preis für Astronomie.


[544]  Luther, 2) Eduard, Astronom, geb. 24. Febr. 1816 zu Hamburg, studierte in Kiel und dann in Königsberg bei Jacobi, Bessel und Neumann Mathematik und Astronomie, promovierte 1847 und habilitierte sich bald darauf als Privatdozent an der Universität Königsberg, wurde 1854 an Bessels Stelle außerordentlicher und 1859 ordentlicher Professor der Astronomie und übernahm 1856 mit Wichmann, nach dessen Tod 1859 aber allein die Leitung der Königsberger Sternwarte. Er starb 17. Okt. 1887. Aus Bessels Beobachtungen hat L. die Deklinationen der 36 Maskelyneschen Fundamentalsterne abgeleitet, ferner hat er die Besselschen Zonenbeobachtungen auf konstante Fehler untersucht, eine Revision von Bessels Zonenoriginalen durchgeführt und einen Katalog von 750 Zodiakalsternen veröffentlicht. Diese und andre Arbeiten sind in den „Königsberger Beobachtungen“ enthalten, von denen L. Band 28–31 mit Wichmann, die folgenden bis Band 37 allein veröffentlichte; seine über mehr als 31 Jahre sich erstreckenden meteorologischen Beobachtungen veröffentlichte er in den Schriften der Physikalisch-Ökonomischen Gesellschaft zu Königsberg.