MKL1888:Mendelssohn-Bartholdy
[462] Mendelssohn-Bartholdy, 1) Felix, Komponist, geb. 3. Febr. 1809 zu Hamburg als Sohn des Bankiers Abraham Mendelssohn und Enkel des Philosophen Moses Mendelssohn, verriet schon in frühster Jugend seine eminente musikalische Begabung. In Berlin, wohin die Familie einige Jahre nach seiner Geburt übersiedelte, erhielt er Unterricht von Louis Berger im Klavierspiel und von Zelter in der Komposition und machte so schnelle Fortschritte, daß er bereits im neunten Jahr als Virtuose auftrat und ihn drei Jahre später Zelter für seinen besten Schüler erklären konnte. Als solchen stellte er ihn seinem Freund Goethe in Weimar vor, dessen Interesse die Leistungen des Wunderknaben mächtig erregten (vgl. Karl M. [sein Sohn], Goethe und Felix M., Leipz. 1871). Auch zu I. Moscheles (s. d.) trat die Familie in enge Beziehung, als derselbe 1824 in Berlin konzertierte und während seines dortigen Aufenthalts M. unterrichtete. Nachdem endlich auch Cherubini in Paris, dem M. 1825 zur Prüfung vorgeführt ward, in befriedigendster Weise sein Urteil über ihn abgegeben, stellte der Vater dem Vorhaben des Sohns, die Musik als Beruf zu wählen, kein Hindernis mehr entgegen. M. widmete sich demselben nun mit regstem Eifer, ohne dabei die schon früher betriebenen wissenschaftlichen Studien zu vernachlässigen. Mit den alten Sprachen machte er sich so vertraut, daß er beispielsweise eine deutsche Bearbeitung der „Andria“ des Terenz veröffentlichen konnte, welche die Anerkennung selbst der Gelehrten fand. Desgleichen eignete er sich eine bedeutende Fertigkeit in den neuern Sprachen an. Mit dem Zeugnis der Reife bezog er 1827 die Berliner Universität, wo er zwei Jahre hindurch eifrig Philosophie studierte. Nach dieser Zeit, von 1829 an, trat aber die Neigung zum Komponieren derart in den Vordergrund, daß er beschloß, nun öffentlich als Fachmusiker aufzutreten. Bis 1829 hatte er schon vier Opern geschrieben, von welchen die „Hochzeit des Gamacho“ 1827 in Berlin nicht ohne Erfolg zur Aufführung gelangte; ferner drei Quartette für Klavier und Streichinstrumente, ein Streichquartett, Symphonien und Sonaten, Lieder, kürzere Klavierstücke sowie die beiden Ouvertüren zum „Sommernachtstraum“ und „Meeresstille und glückliche Fahrt“, ohne der vielen Arbeiten aus jener Zeit zu gedenken, welche erst in spätern Jahren durch den Druck an die Öffentlichkeit gelangten. Anfang 1829 vollbrachte er in Berlin noch ein verdienstvolles Werk, indem er die „Matthäuspassion“ von Seb. Bach, welche fast 70 Jahre im Staub der Vergessenheit geschlummert hatte, trotz des Abratens seines Lehrers Zelter zur Aufführung brachte und dadurch die Teilnahme aller Musikkreise Deutschlands dem Altmeister wieder zuwendete. Dann begab er sich nach London, wo ihn Moscheles sogleich in die Philharmonische Gesellschaft einführte und die 8. Mai 1829 erfolgte Aufführung der Sommernachtstraum-Ouvertüre vorbereitete. Der Erfolg war sehr groß und steigerte sich bei der Wiederholung des Werkes in einem Konzert der Sängerin Henriette Sontag 13. Juli 1829 zu einem wahren Triumph für den Komponisten. Auf einer danach unternommenen Reise durch Schottland konzipierte M. die „Hebriden-Ouvertüre“, nachdem er bereits drei Phantasien oder Kapricen für Klavier (Op. 16), die Phantasie über The last rose (Op. 15), die schottische Sonate oder Phantasie (Op. 28) und das reizvolle Singspiel „Die Heimkehr aus der Fremde“ teilweise komponiert hatte.
Nach Berlin zurückgekehrt, beendigte er die begonnenen Arbeiten und schickte sich dann zu einer Reise nach Italien an, welche er im Mai 1830 über Weimar und München antrat. Am längsten verweilte er in Rom, wo er nicht nur die Kunstschätze mit regstem Interesse studierte, sondern auch die „Walpurgisnacht“, das erste Heft der „Lieder ohne Worte“, drei Motetten für die Nonnen auf Trinità de’ Monti und den 115. Psalm entwarf. Zugleich fand er in Giuseppe Baini (s. d.), dem Kapellmeister der Sixtinischen Kapelle, einen äußerst unterrichteten und gefälligen Kollegen, welcher ebenso wie Abbate Santini dem jungen Meister die Schätze altitalienischer Musik in den reichen Bibliotheken zum Studium überließ. Nachdem M. noch Neapel besucht hatte, trat er die Rückreise an, welche ihn wiederum nach München führte, wo er sein Klavierkonzert in G moll bei Hof spielte und den Auftrag erhielt, eine Oper für München zu schreiben. Infolgedessen ging er nach Düsseldorf, um dort mit Immermann wegen eines Textes zu konferieren. Doch blieben diese Verhandlungen erfolglos, ebenso wie seine spätern Versuche in Paris, wo er vom Dezember 1831 bis April 1832 verweilte, einen passenden Text zu finden, obgleich er mit den französischen Dichtercelebritäten viel verkehrte. Im Mai 1832, nachdem er kurz vorher in London mit seiner Hebriden-Ouvertüre und seinem G moll-Konzert wieder die größten Triumphe gefeiert hatte, bewarb er sich in Berlin um die durch Zelters Tod erledigte Dirigentenstelle der Singakademie, sah sich aber durch Rungenhagen verdrängt. Mißmutig kehrte er Berlin den Rücken, unternahm 1833 seine dritte Reise nach London und dirigierte hier seine A dur-Symphonie. Zur Direktion des Düsseldorfer Musikfestes eingeladen (1833), leitete er die Aufführungen desselben und nahm dann, nachdem er zum viertenmal in einem philharmonischen Konzert zu London mit eignen Werken aufgetreten war, ein dreijähriges Engagement als städtischer Musikdirektor zu Düsseldorf an, wo er den Gesangverein und die Kirchenmusiken in den katholischen Kirchen zu dirigieren hatte. Mit Immermann im engen Bündnis, veranstaltete er mit diesem im dortigen Theater Musteraufführungen der Opern „Don Juan“, „Wasserträger“ etc.; auch komponierte er die Musik zu Calderons „Standhaftem Prinzen“. Dennoch gingen die Theatergeschäfte schlecht und veranlaßten M., von der ihm übertragenen Intendantur für die Oper abzusehen und die Theaterdirigentenstelle seinem Freund J. Rietz zu übertragen. Er vollendete hierauf den größten Teil seines „Paulus“, schrieb zahlreiche „Lieder ohne Worte“ und die Musik zu den drei Heineschen Volksliedern (für gemischten Chor). Im Frühjahr 1835 dirigierte er noch das Musikfest in Köln, folgte jedoch dann einer Einladung nach Leipzig zur Leitung der Gewandhauskonzerte. Seine Aufnahme im ersten derselben 4. Okt. 1835 war eine enthusiastische, und sein ferneres Wirken in Leipzig darf als [463] eine ununterbrochene Kette von Triumphen angesehen werden, welche er als Komponist, Virtuose, Dirigent und geistreicher, allgemein geliebter Mensch feierte. Er schuf in Leipzig ein neues musikalisches Leben, gewann für dasselbe seinen Freund Rietz, den Theoretiker Hauptmann und den Konzertmeister David und legte durch seine Thätigkeit, namentlich auch als Mitgründer des Konservatoriums (1843) und eifriger Lehrer an demselben, den Grund zu Leipzigs Weltbedeutung in der Tonkunst. 1836 wurde er Ehrendoktor der Leipziger Universität; 1837 verheiratete er sich mit Cäcilie Jeanrenaud, der Tochter eines reformierten Predigers in Frankfurt a. M.; 1841 erhielt er vom König von Sachsen den Kapellmeistertitel. Neben seiner Direktionsthätigkeit entfaltete er eine außerordentliche Produktionskraft, so daß er bis zum letztgenannten Jahr unter anderm das Klavierkonzert in D moll, den 42. und 114. Psalm, das Streichquartett in E moll, Serenade und Allegro giojoso, die Ouvertüre zu „Ruy Blas“, das Klaviertrio in D moll und den „Lobgesang“ vollendet hatte. Ebenfalls 1841 erhielt er von Friedrich Wilhelm IV. den Auftrag, die Musik zu Sophokleischen Tragödien zu schreiben, und brachte infolgedessen in Potsdam seine Komposition der „Antigone“ zur Aufführung. Die ihm bei dieser Gelegenheit gemachten Anträge, nach Berlin überzusiedeln, vermochten indessen nicht, ihn mit dieser Stadt auszusöhnen, sowenig wie seine 1843 erfolgte Ernennung zum preußischen Generalmusikdirektor. Er fuhr vielmehr fort, seine Thätigkeit auf Leipzig zu konzentrieren, daneben wiederholte Besuche in England und bei den rheinischen Musikfesten abstattend. Das letzte Mal, daß das englische Publikum seinen Liebling festlich begrüßen konnte, war 1846 beim Musikfest in Birmingham, wo M. sein soeben beendetes Oratorium „Elias“ mit unbeschreiblichem Erfolg zur Aufführung brachte. Seit seiner Rückkehr nach Leipzig litt er an nervöser Reizbarkeit, und bald traf ihn überdies durch die Nachricht vom plötzlichen Tod seiner Schwester Fanny Hensel (s. d.) ein fast vernichtender Schlag, von dem er sich nur einigermaßen zu Interlaken erholte, wo er durch den Genuß der Alpenluft zu neuer Thätigkeit erfrischt wurde. Das Oratorium „Christus“, die Fragmente der Oper „Lorelei“ (Text von Geibel) stammen aus jener Zeit. Aber ein Besuch in Berlin rief die nervöse Reizbarkeit von neuem hervor, welche er auch in Leipzig nicht mehr verlor. Nachdem er schon 28. Okt. von einem heftigen Nervenschlag befallen worden, starb er 4. Nov. 1847 in Leipzig. Eine würdige Totenfeier fand hier 7. Nov. statt, worauf die Leiche nach Berlin übergeführt wurde.
Durch seine Beanlagung vorwiegend auf das Gebiet der Lyrik, d. h. den Ausdruck subjektiven Fühlens und Empfindens, gewiesen, konnte M. seine künstlerische Individualität besonders in solchen Kompositionsgattungen zur Geltung bringen, welche die Seelenstimmungen am unmittelbarsten kundgeben, also im Lied und den sich demselben anschließenden Formen der Instrumentalmusik. Und wenn seine außerordentliche formale Gestaltungskraft sowie die Fülle und der Adel seiner Erfindung ihn befähigten, auch die größern Vokal- und Instrumentalformen mit souveräner Meisterschaft zu beherrschen, so sind doch seine ein- und mehrstimmigen Lieder und die unter dem Namen „Lieder ohne Worte“ durch ihn eingeführte Gattung von Klavierstücken kleiner Form als der reinste Ausfluß seiner Künstlerpersönlichkeit zu bezeichnen. Ein heilsames Gegengewicht des hier zu Tage tretenden und ihn überhaupt beherrschenden Subjektivismus fand er in dem Studium der Werke alter Meister, namentlich Bachs und Händels, deren Vorbilder ihn zu seinen größten und vollendetsten Werken, den Oratorien: „Paulus“ (1835) und „Elias“ (1846), begeisterten. In dieser aus lyrischen, epischen und dramatischen Elementen gemischten Kunstgattung vermochte er sich zu einer bedeutenden Höhe aufzuschwingen, wogegen für das rein Dramatische seine Kräfte nicht ausreichten; und diese Lücke in seiner musikalischen Organisation war es auch, die ihm den Zugang zur Bühne verschloß, nicht etwa der Mangel an einem geeigneten Operntext, wie unter anderm die Thatsache beweist, daß der für ihn von Eduard Devrient gedichtete Text zu „Hans Heiling“, dessen Brauchbarkeit und Kunstwert sich später durch Marschners Musik glänzend bewährte, von ihm als zur Komposition ungeeignet zurückgewiesen wurde. – Mit seinen großen geistlichen Chorwerken auf gleicher Höhe stehen die weltlichen, meist romantischen Inhalts, darunter obenan die Musik zum „Sommernachtstraum“, zu welcher er die Ouvertüre als 14jähriger Knabe geschrieben, und die während seines Aufenthalts in Rom entstandene Goethesche „Walpurgisnacht“. In diesen Arbeiten hat er noch einen Schritt über die Romantik Webers und Marschners hinaus gethan, indem er die Geisterwelt von einer ganz neuen, der neckischen und humoristischen, Seite zur sinnlichen Erscheinung bringt und zwar hauptsächlich mit Hilfe der Orchesterinstrumente, deren individuelle Leistungsfähigkeit er in noch weit ausgedehnterm Maß zu verwerten wußte als seine genannten Vorgänger. Diese Seite seiner Begabung tritt auch in seinen Orchesterwerken, den Symphonien in A moll und A dur, sowie in seinen gleichsam der Natur abgelauschten Ouvertüren: „Die Hebriden“, „Meeresstille und glückliche Fahrt“ glänzend zu Tage, und die verhältnismäßige Dürftigkeit der Erfindung in seinen Streichquartetten ist vornehmlich dem Umstand zuzuschreiben, daß ihm hier die Mannigfaltigkeit des instrumentalen Klanges nicht zu Gebote stand. In seinen Kompositionen für Klavier und Orgel, auf welchen beiden Instrumenten er Virtuose war, ist dieser Mangel freilich nicht zu spüren: seine Trios in D und C moll und seine Klavierkonzerte in G und D moll, endlich seine zahlreichen Präludien, Fugen und Sonaten für Orgel sind auch hinsichts der Klangfülle und Klangschönheit zu seinen Meisterwerken zu rechnen; und hierher gehört auch sein Violinkonzert, vielleicht sein genialstes Werk, insofern er damit, ohne selbst Violinspieler zu sein, ein dem Charakter und der Technik des Instruments bis ins kleinste entsprechendes Kunstwerk geschaffen hat. Ein wesentliches Merkmal aller dieser Werke ist der Zug geistiger Vornehmheit, welche M. als Mensch wie als Künstler auszeichnete; diese Eigenschaft seiner Musik öffnete ihr die Herzen aller Gebildeten, wogegen ihr eine Popularität, wie sie beispielsweise die Webersche erlangte, aus diesem Grund versagt bleiben mußte. Selbst die weitverbreiteten Lieder: „Es ist bestimmt in Gottes Rat“ und „Wer hat dich, du schöner Wald“ können nur in beschränktem Sinn als volkstümlich gelten. Eine Gesamtausgabe der Werke Mendelssohn-Bartholdys, von Rietz redigiert, erschien 1871–77 im Verlag von Breitkopf u. Härtel in Leipzig. Einen wertvollen Beitrag zur Kunde seines künstlerischen Strebens wie der Liebenswürdigkeit und Reinheit seines Charakters liefern seine Briefe (Bd. 1: „Reisebriefe 1830–32“, Bd. 2: „Briefe 1833–47“, hrsg. von seinem Bruder Paul M.; letzte Ausg. in einem Band, Leipz. 1882). [464] Vgl. Lobes Studie über M. („Gartenlaube“ 1859); Reißmann, M., sein Leben und seine Werke (2. Aufl., Berl. 1872); E. Devrient, Meine Erinnerungen an Felix M. und seine Briefe an mich (2. Aufl., Leipz. 1872); Hiller, M., Briefe und Erinnerungen (Köln 1874); Lampadius, Felix M., ein Gesamtbild seines Lebens und Wirkens (Leipz. 1886); S. Hensel, Die Familie M. in Briefen und Tagebüchern (5. Aufl., Berl. 1886). – Aus dem Erträgnis einer Aufführung von Mendelssohns „Elias“ unter Leitung von J. Benedict wurde 1848 in London unter dem Namen Mendelssohn-Scholarship ein Fonds begründet, dessen Zinsen als Stipendium an talentvolle junge englische Komponisten vergeben werden. Der erste Mendelssohn Scholar war Arthur Sullivan (1856–60). Auch Berlin besitzt eine Mendelssohn-Stiftung, bestehend in einem Stipendium von 1500 Mk. für junge deutsche Komponisten u. ausübende Tonkünstler, die mindestens ein halbes Jahr an einem vom Staat subventionierten Musikinstitut studiert haben.
2) Karl, Historiker, Sohn des vorigen, geb. 7. Febr. 1838 zu Leipzig, machte 1863 zwei Reisen nach Griechenland, habilitierte sich 1864 als Privatdozent der Geschichte in Heidelberg, ward 1867 Professor in Freiburg i. Br.; starb 14. Aug. 1874. Er schrieb: „Graf Johann Kapodistrias“ (Berl. 1864), „Friedrich v. Gentz“ (Leipz. 1867), „Der Rastatter Gesandtenmord“ (Heidelb. 1869), „Geschichte Griechenlands von 1453 bis auf unsre Tage“ (Leipz. 1870–1874, 2 Bde.), „Goethe und Felix Mendelssohn-Bartholdy“ (das. 1871) und gab den Briefwechsel Gentz’ mit Pilat (das. 1868, 2 Bde.), denjenigen des Generalpostmeisters K. F. v. Nagler (das. 1869, 2 Bde.) und den des preußischen Generals und Gesandten v. Rochow (Frankf. 1874), die beiden letztern in Gemeinschaft mit E. Kelchner, heraus.
[564] Mendelssohn-Bartholdy, 1) Felix, Komponist. Seine „Briefe an Ignaz u. Charlotte Moscheles“ wurden herausgegeben von Felix Moscheles (Leipz. 1888).