MKL1888:Michetti
[614] Michetti (spr. mik-), Paolo, italien. Maler, geb. 2. Okt. 1851 zu Tocco da Casauria (Chieti), offenbarte schon so frühzeitig eine starke Begabung für die Malerei, daß er im Alter von 17 Jahren auf Kosten der Provinz nach Neapel auf die Akademie geschickt wurde. Der Unterricht der Akademie förderte ihn aber weniger als die Studien nach der Natur unter der Bevölkerung der Abruzzen, und für die unmittelbare, naive Darstellung des Lebens fand er auch einen entsprechenden malerischen Ausdruck, den er zum erstenmal mit voller Virtuosität in der figurenreichen Prozession am Korpus Domini-Fest in Chieti entfaltete, die seinen Namen auf der Neapeler Ausstellung von 1877 bekannt machte (jetzt im Besitz des deutschen Kaisers). Neben einem reichen, blühenden Kolorit zeigte er in der Zeichnung und Modellierung der nackten Körper zahlreicher Kinder, die mit Flittern und Blumen behangen an der Spitze der Prozession aus dem Kirchenportal treten, eine vollendete Meisterschaft, die auf gründlichen Studien beruhte, von denen er später mehrere Male größere Sammlungen ausstellte. Durch die gleiche Feinheit und Schärfe der Modellierung, durch geistreiche, lebendige Zeichnung und durch Originalität der Erfindung errang die zweite größere Schöpfung des Malers: Frühling, eine hügelige, mit blühenden Obstbäumen besetzte Küstengegend mit einem Ausblick auf das azurblaue Meer, worin junge Mädchen in ausgelassener Lust mit Kindern spielen, auf der Pariser Weltausstellung von 1878 einen ungewöhnlichen Erfolg. In den nächsten Jahren folgten an größern figurenreichen Bildern aus dem Volksleben der Abruzzen: der Palmsonntag, die Fischerinnen, der humorvolle Kirchgang bei Regenwetter und die Serenade am Meeresufer. In seinem letzten Hauptwerk: das Gelübde, stellte er das Innere einer Kirche mit Gläubigen dar, die auf den Knieen zu einem Reliquienbehälter heranrutschen und dabei den Erdboden küssen. Es wurde für 60,000 Lire für die Nationalgalerie in Rom angekauft. M. liebt es, die Rahmen seiner Gemälde mit plastischen Figuren (Vögeln, Seetieren u. dgl.) und Ranken, die er selbst in Thon modelliert, in phantastischer Unregelmäßigkeit zu schmücken. Auf der Berliner internationalen Kunstausstellung von 1891 erhielt er die große goldene Medaille. Er lebt in Francavilla a Mare.