MKL1888:Nordhausen
[219] Nordhausen, Stadt (Stadtkreis) im preuß. Regierungsbezirk Erfurt, an der Zorge, Knotenpunkt der Linien N.-Erfurt, Soest-N. und Halle-Münden der Preußischen Staatsbahn, 185 m ü. M., liegt
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| Wappen von Nordhausen. | |
teils in der Ebene (Unterstadt), teils am Abhang eines Bergs (Oberstadt), hat 6 evang. Kirchen (darunter die Blasiuskirche mit Gemälden von Luk. Cranach), einen kathol. Dom, ein altertümliches Rathaus mit einer Rolandsäule und einem schönen Brunnen (von Rietschel) auf dem Kornmarkt und (1885) 27,083 meist evang. Einwohner, welche berühmte Branntweinbrennerei (jährlich über 500,000 hl), Tabaksfabrikation (besonders Kautabak), mechanische Weberei, Zichorien-, Zucker-, Sprit-, Tapeten-, Parkettfußböden-, Malz-, Marmor- und Alabasterwarenfabrikation, Gerberei, Bierbrauerei, Ziegelbrennerei etc., Handel mit Getreide, Kolonialwaren und Landesprodukten, baumwollenen Waren, leinenem Garn etc. betreiben. N. ist Sitz eines Landratsamts für den Landkreis N., eines Landgerichts, einer Handelskammer, einer Reichsbankstelle und hat ein Gymnasium, ein Realgymnasium, einen Verein für Kunst und Kunstgewerbe, ein Museum für Altertümer und Kunstgegenstände etc. Zum Landgerichtsbezirk N. gehören die 14 Amtsgerichte zu: Artern, Bleicherode, Dingelstedt, Ellrich, Großbodungen, Heiligenstadt, Heringen, Ilfeld, Kelbra, N., Roßla, Sangerhausen, Stolberg a. H. und Worbis. – Schon in frühster Zeit besaß N., das zuerst 874 erwähnt wird, ein kaiserliches Palatium. Mathilde, Gemahlin Heinrichs I., stiftete 962 daselbst ein Nonnenkloster, welches von Friedrich II. 1220 in ein weltliches Mannsstift umgewandelt wurde. Friedrich I. hatte 1158 die Reichsburg N. dem dortigen Kloster übertragen. Die Stadt ward 1180 während der Kämpfe Heinrichs des Löwen erobert und zerstört, aber bald wiederhergestellt. 1220 kam sie ans Reich und erhielt 1253 die Freiheiten einer Reichsstadt. Die Reichsvogtei gehörte ursprünglich den Grafen von Hohnstein und kam nach deren Aussterben an Kursachsen. Brandenburg erwarb sie 1703 nebst dem Schultheißenamt durch Kauf, überließ beide jedoch 1715 an die Stadt. 1522 nahm diese die Reformation an und trat zum Schmalkaldischen Bund. 1803 verlor sie ihre Selbständigkeit und fiel an Preußen, 1807 an das Königreich Westfalen, 1815 wieder an Preußen. Historisch merkwürdig ist N. durch die Kirchenversammlung von 1105, auf der man sich in Gegenwart Heinrichs V. gegen die Priesterehe erklärte, und durch die Reichstage, welche Philipp von Schwaben 1207 und König Heinrich VII. 1223 daselbst abhielten. Vgl. Förstemann, Urkundliche Geschichte der Stadt N. bis 1250 (Nordhaus. 1828–40, 2 Hefte); Derselbe, Kleine Schriften zur Geschichte der Stadt N. (das. 1855); Lesser, Historische Nachrichten von N. (umgearbeitet von Förstemann, das. 1860); Girschner, N. und Umgegend (das. 1880); „Beschreibende Darstellung der ältern Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen“, Heft 11: Die Stadt N. (Halle 1887).
