MKL1888:Papúa
[694] Papúa (v. malaiischen papuwah, „kraushaarig“), ein Menschenstamm, welcher ganz Melanesien, also Neuguinea, den Neubritannia-Archipel, die Salomoninseln, die Neuen Hebriden, Neukaledonien mit den Loyaltyinseln und den Fidschi-Archipel (australische Papuanen), sowie in größern und kleinern Resten die Molukken mit Halmahera, die Bandainseln, die östliche Hälfte von Floris, Pulo Tschindana u. a. (asiatische Papuanen) bewohnt. Auch die Mincopies auf den Andamanen, die im Aussterben begriffenen Semang auf Malakka und die Aeta auf den Philippinen werden hierher gerechnet. Die der letztern Abteilung angehörigen P. bezeichnet man auch als Negrito (s. d.). Die Rassenmerkmale der P. (s. Tafel „Ozeanische Völker“, Fig. 9–11) sind: hohe Schmalschädel, prognathe Kiefer, fleischige und etwas aufgeschwollene Lippen. Die breite Nase krümmt sich nach unten, wodurch der Gesichtsausdruck jüdisch erscheint. Das stark abgeplattete, üppige, lange Kopfhaar wächst nicht, wie man annahm, in Büscheln auf dem Schädel, sondern gleichmäßig, wird aber durch Fett u. a. zu Büscheln vereinigt und umgibt das Haupt perückenartig als eine oftmals mächtige Krone. Die Haut ist dunkel, fast schwarz in Neukaledonien, braun auf Neuguinea, blauschwarz auf den Fidschiinseln. Die Kleidung besteht bei den Frauen in einem Fransengürtel, bei den Männern in einem Lendentuch, auch wohl nur in einem Blatt u. dgl. Den Körper schmücken die P. auf mancherlei Weise: mit Halsketten, Arm- und Ohrringen, Federn, Muscheln etc. Die Haut wird zuweilen tättowiert, jedoch nicht in so kunstvoller Weise wie bei den Polynesiern; oft wird sie in grotesker Weise mit bunten, meist roten, Erdfarben bemalt. Die Wohnungen bestehen in Neuguinea etc. in den am Meeresstrand errichteten Dörfern aus Hütten, welche auf eingerammten Pfählen errichtet sind, so daß bei der Flut das Wasser darunterfließen kann. Auch da, wohin die Flut nicht reicht, sind sie in ähnlicher Weise erbaut. Auf andern Inseln sind die großen und geräumigen Hütten oft mit mancherlei Zieraten geschmückt. Auch die Geräte und Fahrzeuge sind oft reich verziert. Letztere sind namentlich auf den Fidschiinseln von bedeutender Größe (bis 36 m lang und 8 m breit und mit Masten von 21 m Höhe versehen). Die Werkzeuge der P. sind undurchbohrte Steingeräte; als Kochgeschirre brauchen sie irdene Gefäße, wodurch sie sich von den Polynesiern unterscheiden, die solche nicht besitzen. Bogen und Pfeile als Jagdwaffen findet man auf Neuguinea und den nächsten Inselgruppen, außerdem Keulen, Speere etc. Die P. leben von Ackerbau, Baumzucht und Fischfang, die Felder sind eingezäunt; in Neukaledonien waren Wasserleitungen nach weiten Entfernungen angelegt. Als Fleischnahrung dient das Schwein, das nur in Neukaledonien fehlte, und auch der Hund, die beiden einzigen Haustiere. Dabei waren die P., namentlich auf Neuguinea, Neukaledonien und den Fidschiinseln, in erschreckender Weise der Menschenfresserei ergeben. Indessen werden ihre Keuschheit, Sittsamkeit, Ehrfurcht vor den Eltern und Geschwisterliebe [695] gerühmt. Die geistigen Fähigkeiten der Rasse stehen besonders hoch auf den Fidschiinseln, wo allerdings polynesische Einflüsse schon ihre Wirkung ausgeübt haben. Ihr hervorstechendster Charakterzug ist Mißtrauen, das aber allmählich verschwindet. Der Glaube an eine Fortdauer nach dem Tod findet sich überall und zugleich ein Dienst der Abgeschiedenen, deren Schädel als Hausgötzen aufgestellt werden. Nur auf den Fidschiinseln herrschte kein Schädelkult. Große Gebäude dienen als Tempel, und man huldigt dualistischen Anschauungen. Wo nicht polynesische Einflüsse sich geltend gemacht haben, wie auf den Fidschiinseln, herrschen Freiheit und Gleichheit, und die sogen. Häuptlinge sind fast gänzlich machtlos. Was die Sprache der P. anlangt, so kennt man nur die der Mafor auf Neuguinea genauer; doch scheinen die verschiedenen auf dieser Insel gesprochenen Dialekte in einem tiefern Zusammenhang zu stehen. Wie sich das Verhältnis derselben zu dem Idiom der Negritostämme stellt, müssen spätere Forschungen zeigen. Vgl. Baer, Über P. und Alfuren (Petersb. 1859); Goudswaard, De Papoewas van de Geelvinksbaai (Schiedam 1863); Finsch, Bekleidung, Schmuck und Tättowierung der P. (Wien 1885); Bastian, Der Papua des dunkeln Inselreichs im Licht psychologischer Forschung (Berl. 1885).