MKL1888:Passātwinde

[757] Passātwinde (Passate), die innerhalb der Tropen auf der nördlichen Halbkugel aus NO. und auf der südlichen aus SO. das ganze Jahr hindurch konstant wehenden Winde, welche durch die sogen. Gegend der Kalmen (s. d.) voneinander getrennt sind. Bei den Engländern heißen sie Handelswinde (trade-winds), weil sie von den nach Amerika bestimmten Handelsschiffen benutzt werden; die Franzosen nennen sie vents alizés (aliz ist ein altfranzösisches Wort und bedeutet regelmäßig oder einförmig). Die P. treten am ausgeprägtesten und regelmäßigsten über den Ozeanen auf; über den Kontinenten und in den ihnen benachbarten Gegenden sind sie durch lokale Verhältnisse mehr oder weniger beeinflußt. Im Indischen Ozean werden sie durch die Konfiguration der Ländermassen, welche dieses Meer umgeben, besonders durch den Kontinent von Asien, in ihrem Charakter geändert und treten dort als die Monsune (s. d.) auf. In der Nähe des Äquators, wo die Einwirkung der Sonnenstrahlen am stärksten ist, ist eine Zone der größten Erwärmung (die sogen. Passatzone oder Zone der Kalmen), in welcher die Luft verdünnt wird und ein mächtiger, vertikal aufsteigender Luftstrom entsteht, welcher oben nach den beiden Polen hin abfließt, während unten von N. und S. die Luft nach dem Äquator strömt, um die Lücken auszufüllen. So entstehen die beiden Passate, welche, von N. und S. kommend, durch die Erdrotation auf der nördlichen Halbkugel in den Nordostpassatwind, auf der südlichen in den Südostpassatwind umgewandelt werden. Je näher nämlich ein Ort der Erdoberfläche den Polen liegt, desto kleiner ist der Kreis, welchen derselbe in der Zeit von 24 Stunden beschreibt, und desto geringer ist demnach [758] auch seine Geschwindigkeit. Da die über ihm lagernde Luft dieselbe Rotationsgeschwindigkeit besitzt, so wird eine Luftmasse, welche aus höhern Breiten dem Äquator zuströmt, eine geringere Rotationsgeschwindigkeit besitzen als die Gegenden, zu denen sie gelangt, und wird in Beziehung auf den unter ihr sich fortbewegenden Boden in der Richtung von W. nach O. zurückbleiben und daher als ein von O. nach W. wehender Luftstrom zur Erscheinung kommen. Diese Bewegung setzt sich mit der gegen den Äquator hin fortschreitenden Bewegung auf der nördlichen Halbkugel zu einem Nordost-, auf der südlichen zu einem Südostwind zusammen. In niedern Breiten, nahe am Äquator, ist aber die Verschiedenheit der Rotationsgeschwindigkeit der einzelnen Breitengrade eine nur geringe, indem die Meridiane daselbst nahezu einander parallel werden; daher wird die dem Äquator innerhalb der Zone von 10° nördl. bis 10° südl. Br. zuströmende Luft, indem sie auch noch durch Berührung mit der Erdoberfläche immer mehr an Geschwindigkeit verliert, endlich die Rotationsgeschwindigkeit der Erdoberfläche selbst annehmen. Aus diesem Grund gewinnt in der Nähe des Äquators der Nordostpassatwind wieder eine mehr nördliche, der Südostpassatwind eine mehr südliche Richtung, was zu einem gegenseitigen Stauen beider P. und demgemäß zu Windstillen (Kalmen) Veranlassung gibt. Unter etwa 30° nördl. und 30° südl. Br. senkt sich die vom Äquator aufgestiegene Luft gegen die Erdoberfläche herunter und bewegen sich dann die Äquatorial- und Polarströmung nicht mehr wie früher übereinander, sondern nebeneinander. Der Kampf, in welchen sie dabei treten, bildet die Veranlassung zu den Verhältnissen des Windes in den mittlern Breiten (s. Wind). In der Zone der P., zwischen 30° nördl. u. 30° südl. Br., befinden sich demnach auf jeder Halbkugel zwei Passatströmungen der Luft: auf der nördlichen unten NO., oben SW., auf der südlichen unten SO., oben NW. Die obere Luftströmung nennt man Antipassat, Gegenpassat oder obern Passatwind. Von den Polargrenzen (30°) des Passats kehrt die Luft an der Oberfläche der Erde teilweise als unterer Passat nach dem Äquator zurück (dieser hat also nicht, wie man früher irrtümlicherweise annahm, seinen Ursprung an den Polen oder in höhern Breiten); ein andrer Teil strömt nach höhern Breiten und tritt dort auf unsrer Halbkugel als Südwest- und Westwind, auf der südlichen als Nordwest- (namentlich über der ozeanischen, durch keine Festländer oder Inseln unterbrochen Wasserfläche derselben) oder als reiner Westwind auf und veranlaßt so die großen westöstlichen Driftströmungen der südlichen Ozeane (s. Meer, Abschnitt Strömungen). So sind also die Windverhältnisse, wenigstens auf den Ozeanen, wesentlich durch die Erscheinung der P. bedingt und diese wiederum durch die stärkere Erwärmung der Erdoberfläche unter dem Äquator und die Achsendrehung der Erde. Der Einfluß dieser beiden Umstände ist zuerst von Hadley (1735) erkannt worden; von ihm rührt auch die richtige Erklärung der P. her, obschon die untern P. zwischen den Wendekreisen auf dem Atlantischen und Stillen Ozean den Seefahrern schon längst bekannt waren. So wurden ja die Gefährten des Colombo auf dessen erster Entdeckungsreise nach Amerika durch die Beständigkeit des Windes, der sie fortwährend nach W. trieb, in Unruhe versetzt; seit den Zeiten Don Ulloas (1539) nennen die Matrosen denjenigen Teil des Ozeans, in welchem der Nordostpassat herrscht, „Frauengolf“ („el Golfo de las Damas“), weil dort ein Mädchen das Steuer führen kann. Die Region der Kalmen (s. d.), welche die P. beider Halbkugeln voneinander trennt, rückt nach N. oder S., je nachdem die Sonne nördlich oder südlich vom Äquator steht; somit ist natürlich auch die Lage der Region der beiden Passate sowohl nach den Polen als nach dem Äquator zu in den verschiedenen Jahreszeiten eine veränderliche. Für den Atlantischen Ozean liegen die meisten und sichersten Beobachtungen vor. Im Winter und Frühling weht der Nordostpassat zwischen 5 und 27° nördl. Br. und im Sommer und Herbst zwischen 10 und 30° nördl. Br. Der Südostpassat dringt im Winter und Frühling bis zu 2° nördl. Br. und im Sommer und Herbst bis zu 3° nördl. Br., also über den Äquator, vor, wobei er allmählich zum Süd- und später zum Südwestwind wird, so daß die tropische Kalmenregion zwischen den beiden Passaten im Atlantischen Ozean nördlich vom Äquator liegt; im Dezember und Januar ist sie nur 150 Seemeilen (60 auf 1° des Äquators) breit, im September aber 550 Seemeilen. In dem Stillen Ozean erleiden die innern Grenzen der Passate (nach dem Äquator zu) geringere Veränderungen als in dem Atlantischen Ozean; auch reicht der Nordostpassat im Stillen Ozean im Durchschnitt nur bis 25° nördl. Br., im Atlantischen Ozean bis 28° nördl. Br. Im allgemeinen ist der Südostpassat kräftiger als der Nordostpassat, weil er ungestörter über weite Wasserflächen hinweht, und daher rührt auch sein Übergreifen in die nördliche Halbkugel.