MKL1888:Perthes
[882] Perthes, 1) Johann Georg Justus, Buchhändler, Oheim von P. 2), geb. 11. Sept. 1749 zu Rudolstadt, widmete sich erst dem Kaufmannsstand, trat aber später in die Ettingersche Buchhandlung zu Gotha und gründete daselbst 1785 ein eignes Verlagsgeschäft, welches bald in Blüte kam; starb hier 2. Mai 1816. Sein ältester Sohn, Wilhelm P., geb. 18. Juni 1793 zu Gotha, ward bei P. 2) in Hamburg für den Buchhandel gebildet, nahm 1813 und 1814 als Leutnant in der hanseatischen Legion am Feldzug in Mecklenburg und Holstein teil, trat dann als Kompagnon in das väterliche Geschäft und übernahm nach des Vaters Tode dasselbe allein. Bald darauf legte er durch Herausgabe des Stielerschen Atlas den Grund zu einem geographischen Verlag, der durch die Verbindung mit andern namhaften Geographen und Kartenzeichnern, wie Berghaus, Diez, Reichard, Spruner, Stülpnagel, Sydow etc., bald große Bedeutung gewann. Zugleich erwarb er sich durch Herausgabe des »Gothaischen Hofkalenders«, der vom Jahrgang 1816 an aus dem Ettingerschen Verlag in den seinigen überging, und dem er (seit 1827) das genealogische Taschenbuch der deutschen gräflichen und (seit 1848) auch der freiherrlichen Häuser hinzufügte, um die Genealogie und Statistik namhafte Verdienste. Er starb 10. Sept. 1853 und hinterließ das Geschäft unter der Firma: Justus P. seinem Sohn Bernhard Wilhelm P., geb. 3. Juli 1821, der die geographische Anstalt, deren Erzeugnisse als der Höhepunkt der geographischen Wissenschaft und der kartographischen Technik (Petermann, Vogel, Hassenstein u. a.) betrachtet werden können, namhaft erweiterte. Seit 1855 erscheinen daselbst die von A. Petermann begründeten »Mitteilungen aus Justus P.' geographischer Anstalt«, lange Zeit die hervorragendste geographische Zeitschrift Deutschlands (jetzt hrsg. von Supan), seit 1866 das »Geographische Jahrbuch«, begründet von E. Behm, jetzt herausgegeben von H. Wagner u. a. Seit seinem am 27. Okt. 1857 erfolgten Tod wurde das Geschäft von seiner Witwe und Rudolf Besser (gest. 11. Aug. 1883), ſeit 1881 von seinem Sohn Bernhard P. fortgeführt.
2) Friedrich Christoph, namhafter Buchhändler und Patriot, Neffe von P. 1), geb. 21. April 1772 zu Rudolstadt, trat 1787 in Leipzig als Lehrling in die Böhmesche Buchhandlung, ward 1793 Gehilfe in der B.G. Hoffmannschen Buchhandlung zu Hamburg und eröffnete 1796 daselbst eine Sortimentshandlung, in welche auch sein nachheriger Schwager, Heinrich Besser (geb. 1775 zu Quedlinburg, gest. 1826 in Hamburg), als Kompagnon eintrat, und welche bald zu einer der geachtetsten Deutschlands sich erhob. Während Besser bald das Sortimentsgeschäft allein führte, wandte dagegen P. seine Thätigkeit immer mehr dem Verlag zu und trat mit vielen ausgezeichneten Männern aller Wissenschaften in Verbindung, so mit seinem nachmaligen Schwiegervater, Matthias Claudius, und mit den Gebrüdern Grafen Stolberg. 1813 trat er begeistert für die Sache der deutschen Freiheit an die Spitze des Aufstandes gegen die Franzosenherrschaft in Hamburg, ward darauf bei der Rückkehr der Franzosen geächtet und nahm dann an den Feldzügen im nordwestlichen Deutschland teil. Als Mitglied des hanseatischen Direktoriums und als Abgeordneter erwirkte er in dem Hauptquartier der Verbündeten zu Frankfurt a. M. die Freiheitsakte der Hansestädte zurück. Als er nach Vernichtung der französischen Herrschaft nach Hamburg zurückkehrte, fand er sein Geschäft ganz daniederliegend; indessen gelang es ihm, die angehäuften Verbindlichkeiten auf ehrenhafte Weise zu lösen. Außer dem war P. auch in mehreren Zweigen des wiederhergestellten Hamburger Gemeindewesens thätig. Nach dem Tod seiner ersten Frau siedelte er 1821 nach Gotha über, indem er sich nur dem Verlagshandel widmete und das Hamburger Geschäft seinem Schwager Besser und dessen Schwiegersohn Johann Heinrich Wilhelm Mauke (geb. 1790 zu Schleiz, gest. 1859) überließ. Ein großartiges Unternehmen P.' war Heeren und Ukerts »Geschichte der europäischen Staaten«, für dessen Ausführung er die ausgezeichnetsten Historiker zu gewinnen wußte, und welches seit 1875 unter der Redaktion W. v. Giesebrechts wieder aufgenommen und zu Ende geführt wird. Unter den Buchhändlern Deutschlands galt P. als Autorität; er wirkte mit in den Angelegenheiten des Nachdrucks, der Preßgesetzgebung sowie bei der Begründung des Börsenvereins zu Leipzig und starb 18. Mai 1843 in Gotha. Sein Leben schrieb Klemens Th. P. (s. un- ten) u. W. Baur (Volksschrift, 2. Aufl., Barm. 1878).
Von seinen drei Söhnen haben sich der älteste, Friedrich Matthias P., geb. 16. Jan. 1800 zu Hamburg, seit 1842 Pastor zu Moorburg bei Hamburg, gest. 28. Aug. 1859, durch mehrere theologische Werke, unter andern: »Die alte und neue Lehre über Gesellschaft, Staat und Kirche« (Hamb. 1849, 3. Aufl. 1850) und »Leben des Bischofs Chrysostomus« (das. 1853), der zweite, Klemens Theodor P., geb. 2. März 1809 zu Hamburg, Professor der Rechte zu Bonn, gest. 25. Nov. 1867, besonders durch die Biographie seines Vaters (6. Aufl., Gotha 1872, 3 Bde.) und die Werke: »Politische Zustände und Personen in Deutschland zur Zeit der französischen Herrschaft« (2. Aufl., das. 1862; Bd. 2, hrsg. von A. Springer, 1869), »Das deutsche Staatsleben vor der Revolution« (Hamb. 1845) und als Gründer der »Herbergen zur Heimat« bekannt gemacht. Der dritte, Andreas Hansa Traugott P., geb. 16. Dez. 1813 zu Kiel, setzte seit dem Tod seines Vaters dessen Verlagsgeschäft unter der alten Firma: »Friedrich P.« in Hamburg im Auftrag der Erben fort, lebt aber zu Gotha, wo er 1. Jan. 1840 bereits eine eigne Verlagshandlung [883] unter der Firma: »Friedrich und Andreas P.« errichtete und beide Handlungen seit 1. Jan. 1854 vereinigt unter der Firma: »Friedrich Andreas P.« fortführte, bis er sie 1874 seinem Sohn Emil überließ.