MKL1888:Portugiesische Litteratur

[259] Portugiesische Litteratur. Der Zeitraum, in welchem die p. L. zu einer allgemeinen Weltbedeutung sich erhoben hat, ist im Vergleich zu den Litteraturen der meisten übrigen Völker Europas ein ungemein kurzer; er umfaßt nur jene flüchtige Glanzperiode Portugals, in welcher die von weisen, tapfern und hochherzigen Regenten gehandhabte staatliche Gewalt des Reichs durch kühne Seefahrer, wie Vasco da Gama und Alfonso de Albuquerque, über den Ozean hin erweitert und dem Land unermeßliche Quellen des Wohlstandes zugeleitet waren. Nachdem diese Blütezeit unter den Einwirkungen des Jesuitismus und der Inquisition rasch dahingewelkt und nach König Sebastians Tod (1578) und dem bald darauf erfolgten Erlöschen der burgundischen Dynastie der staatliche Verfall Portugals besiegelt war, hat auch die p. L. im großen und ganzen nur ein sieches Dasein fortgeführt. Der nationale Grundzug derselben ist, was zunächst die schöne Litteratur betrifft, eine gewisse Sentimentalität und elegische Weichlichkeit. Die Geschichte der portugiesischen Dichtung hat fast ausschließlich von kunstmäßigen Erzeugnissen zu berichten, aber auch diese entbehren in ihrer bei weitem überwiegenden Mehrheit der selbständig-nationalen Eigentümlichkeit. Ihre Entwickelungsperioden lassen sich genau nach den jedesmaligen Einwirkungen, welche die portugiesische Poesie von der Fremde her erfahren hat, scheiden. So hat sie sich in ihrer ersten Epoche, bis zum 14. Jahrh., unter dem Einfluß der provençalischen Kunstpoesie, in der zweiten, bis zu Anfang des 16. Jahrh., unter dem der spanischen, in der dritten, bis in die Hälfte des 18. Jahrh., nach klassisch-italienischen und spanischen Mustern und in der vierten, von der Mitte des 18. Jahrh. bis auf die Gegenwart, nach dem Vorbild der klassisch-französischen, der englischen und der übrigen modern-europäischen Litteraturen überhaupt gebildet.

Erste und zweite Periode.

Die portugiesische Sprache, eine weichere Schwestersprache der kastilischen, trat erweislich zuerst im 12. Jahrh. als Schriftsprache auf und zwar in romanzenhaften Liedern, welche, wie die gleichzeitigen spanischen, die Erinnerungen an die Kämpfe altportugiesischer Helden gegen die Mauren feierten und im Gedächtnis des Volkes wach erhielten. Von dieser volksmäßigen Liederdichtung haben sich jedoch nur einzelne Nachklänge in weit später mit denselben vorgenommenen Umbildungen erhalten. Dahin gehören die Romanze „As trovas dos Figueiredos“, welche eine ritterliche That des Goesto Ansur (8. Jahrh.) feiert, sowie einige Lieder, die dem Ritter Gonçalo Hermiguez, der im 12. Jahrh. als eine Art von portugiesischem Cid (wie auch sein Beiname Tragamouro, „Mohrenverschlinger“, andeutet) lebte, zugeschrieben werden, die aber unzweifelhaft weit jüngern Datums sind. Schon unter Heinrich von Burgund, der mit seinem Gefolge südfranzösischer Ritter eine fertige höfische Kunstpoesie, die provençalische, einführte, sank die ursprüngliche Volkspoesie zum Bänkelgesang herab, der kunstmäßigen fremden Dichtungsweise rasch das Feld räumend. Die ältesten echten Denkmäler portugiesischer Dichtung sind daher nach Form und Inhalt Nachbildungen der altprovençalischen Troubadourpoesie. Seine vollste Blüte erreichte dieser portugiesische Minnesang unter König Diniz (Dionysius), der 1279–1325 regierte und selbst als der hervorragendste Troubadour der Portugiesen erscheint. Man kennt im ganzen etwa 300 Namen von Dichtern dieser Periode, die der Mehrzahl nach dem Adelstand angehörten, und von den meisten derselben haben sich Lieder erhalten. Gesammelt finden sich die Werke dieser portugiesischen Troubadoure in den „Cancioneiros“, handschriftlichen Sammlungen höfischen Minnesangs, die bis ins 13. Jahrh. hinaufreichen und in galicischer oder altportugiesischer Sprache abgefaßt sind. Für das wichtigste dieser Liederbücher gilt der „Cancioneiro da Ajuda“, ein aus dem 14. Jahrh. stammender Pergamentkodex, welcher sich auf der Bibliothek zu Ajuda bei Lissabon befindet und [260] ehedem als „Cancioneiro do Collegio dos Nobres“ (hrsg. von Stuart, Par. 1823) oder (fälschlich) als Liederbuch des Grafen von Barcellos („Livro das cantigas do Conde de Barcellos“, hrsg. von F. v. Varnhagen, Madr. 1849) bezeichnet wurde, einer kritischen Ausgabe aber noch ermangelt. Umfangreicher sind zwei andre Liederhandschriften: der auf der vatikanischen Bibliothek zu Rom befindliche, dem 16. Jahrh. angehörige Kodex (vollständig hrsg. von E. Monaci, Halle 1875; in berichtigtem Text von Braga, Lissab. 1878), von welchem der bereits früher erschienene „Cancioneiro d’El Rei Dom Diniz“ (hrsg. von Lopes de Moura, Par. u. Lissab. 1847) einen Teil bildet, und ein früher dem Humanisten A. Collocci gehörendes, jetzt im Besitz des Grafen Brancuti befindliches Liederbuch, welches Molteni (Halle 1880) veröffentlicht hat. Eine noch ältere Sammlung, von der sich Handschriften aus dem 13. Jahrh. im Escorial und zu Toledo befinden, sieht der Herausgabe durch den Marques de Valmar, L. de Cueto, entgegen. Zur Orientierung über die altportugiesische Poesie vgl. Bellermann, Die alten Liederbücher der Portugiesen (Berl. 1840), und Diez, Über die erste portugiesische Kunst- und Hofpoesie (Bonn 1863), obschon beide Werke dem heutigen Stande der Kenntnis nicht mehr völlig entsprechen.

Seit dem 14. Jahrh. erfuhr die portugiesische Dichtung insofern umgestaltende Einwirkung, als in galicischer Mundart dichtende Spanier (zu denen König Alfons der Weise von Kastilien selbst gehörte) die Formen spanischer Poesie in jene überführten und dadurch die künstlichen provençalischen mehr und mehr verdrängten. Nun kamen anstatt der bisher üblichen iambischen Rhythmen die nationalen kürzern trochäischen in Gebrauch. Die berühmtesten Lieder dieser Zeit sind die des galicischen Ritters Macias (s. d.). Der königliche Hof bildete auch in dieser Epoche den dichterischen Mittelpunkt Portugals, indem sich nicht nur fast alle Poeten um ihn scharten, sondern auch nicht wenige Mitglieder der königlichen Familie selbst als Dichter produktiv waren. So wissen wir von den im 14. Jahrh. lebenden Söhnen des Königs Diniz, Alfons IV. und seinen Halbbrüdern Alfonso Sanchez, Grafen von Albuquerque, und Pedro, Grafen von Barcellos, daß sie gedichtet haben, obwohl sich nichts von ihren Poesien erhalten hat. In demselben Jahrhundert hat König Peter, der Gemahl der Ines de Castro, Liebeslieder verfaßt, von denen fünf (darunter eins in spanischer Sprache) noch vorhanden sind. Die zahlreichen Lieder portugiesischer Dichter aus dieser Zeit finden sich am besten gesammelt in des Garcia de Resende „Cancioneiro geral“ (Lissab. 1516; hrsg. von Kausler, Stuttg. 1846–52, 3 Bde.). Unter den 150 Poeten, von denen die genannte Sammlung Lieder enthält, werden außerdem noch auszeichnend genannt: Alvaro de Brito Pestanha, Alvaro Barreto, Guterrez Coutinho, Fernam de Silveira, Francisco de Silveira, Nuno Pereira, João Roiz de Sá e Menezes, Diogo Brandão, João Manoel, Jorge de Aguiar, Gonzalo Mendes Sacoto, Duarte da Gama, Duarte de Brito und Bernardim Ribeiro. Der letztgenannte, Ribeiro, welcher am Hof des großen Emanuel lebte, wird gewöhnlich als der Dichter betrachtet, der die Glanzperiode der portugiesischen Litteratur einleitete. Nachdem im 15. Jahrh. die politische Entwickelung Portugals raschern Gang angenommen hatte, entfaltete sich auch die nationale Poesie zu reicherer Blüte. König Eduard (1433–1438), der selbst dichtete und auch sonst schriftstellerisch thätig war (er verfaßte den „Leal conselheiro“, eine Sammlung philosophisch-moralischer Abhandlungen, hrsg. von Roquete, Par. 1843), begünstigte die Litteratur mit Vorliebe, wie auch sein jüngerer Bruder, Dom Pedro, und seine Kinder, der Connétable Dom Pedro und Dona Filipa de Lancaster, sich dichterisch versuchten. Ihren eigentlichen Höhepunkt aber erreichte die portugiesische Hofpoesie unter den Königen Johann II. und Emanuel. Neben dem oben genannten Ribeiro, der durch seine Eklogen und durch seinen sentimentalen Roman in Prosa: „Menina e moça“ (Lissab. 1559, halb der Schäferpoesie, halb der Ritterromantik zugehörig) der Begründer beider Dichtungsarten wurde, glänzten vor allen Zeitgenossen Christovam Falçam, Francisco Moraes (1572 ermordet) und besonders Sá de Miranda (1495–1558), der als Repräsentant des Übergangs der mittelalterlichen in die modern-klassische Kunstpoesie der Portugiesen gelten darf. Er war es, welcher die neuen dichterischen Formen, die infolge der Neubelebung der altklassischen Litteraturen zu Anfang des 16. Jahrh. in Aufnahme kamen, in die portugiesische Dichtung einführte.

Dritte Periode.

Die p. L. trat hiermit in die dritte Periode ihrer Entwickelung. Als ein Hauptrepräsentant der nunmehr zur Herrschaft gelangten „klassischen“ Richtung schrieb Antonio Ferreira (1528–69) wohlgeformte, wenn auch innerlich kalte Sonette, Oden und Elegien und gab in seiner „Inez de Castro“ den Portugiesen ihre erste Tragödie in klassischem Geschmack. Um ihn und Miranda bildete sich auf der Universität Coimbra und in Lissabon eine Schule von gelehrt-höfischen Dichtern, von welchen Pero de Andrade Caminha („Poezias“, Lissab. 1791), Jorge Ferreira de Vasconcellos (gest. 1582), Diogo Bernardes („O Lima“, das. 1596 u. 1761) und Jeronymo Cortereal („Successo do segundo Cerco de Diu“, das. 1574 u. 1784; „Naufragio de Sepulveda“, das. 1594 u. 1783) zu erwähnen sind. Der schulmäßigen Poesie dieser und andrer Dichter trat entgegen Gil Vicente (gestorben um 1536), indem er das Volksleben zum Ausgangspunkt seines dichterischen Schaffens wählte und in seinen witzigen, wenn auch formell mangelhaften Farcen sowie seinen Autos wieder nationalere Ziele verfolgte. Er blieb jedoch ohne Nachfolger, und das portugiesische Theater, im Gegensatz zu dem des Nachbarlandes, in welchem aus ganz ähnlichen Anfängen ein nationales Drama sich entwickelte, verkrüppelte unter den Händen gelehrter Pedanterie. Mitten zwischen der Poesie der Afterklassizität und Nachkünstelei ausländischer Formen erstand aber um jene Zeit der wirkliche Klassiker Portugals, der einzige große Dichter der portugiesischen Litteraturgeschichte. Luis de Camoens (1524–80) hat, wenn er auch von der herrschenden litterarischen Richtung nicht völlig frei war, doch in seinen Kanzonen und Sonetten, vor allem aber in seinem historisch-romantischen Gedicht „Os Lusiadas“ (zuerst gedruckt 1572) Poesien von großartigster Schönheit und, was besonders die letztgenannte Dichtung betrifft, ein Werk von welthistorischer Bedeutung geschaffen (vgl. Camoens). Unter seinen fast in jedem Betracht unebenbürtigen Nachfolgern sind zunächst Luis Pereira Brandam, der in seinem Epos „Elegiada“ (Lissab. 1588 u. 1785) den Untergang des portugiesischen Ruhms besang, und Francisco Rodrigues Lobo (geboren um 1550) zu nennen, der Verfasser trefflicher Hirtenromane („Prima vera“, „Pastor peregrino“ etc.), eines trocknen historischen Gedichts („O condestabre de Portugal D. Nuno Alvarez Pereira“, das. 1610) [261] und eines Werkes über die Pflichten des Hof- und Weltmannes („Corte na aldea“, das. 1619); ferner Fernão Alvares do Oriente (geboren um 1540), Dichter des Schäferromans „Lusitania transformada“ (das. 1671 u. 1781), Quevedo e Castellobranco (schrieb eine matte Epopöe: „Affonso Africano“, das. 1611 u. 1787), Gabr. Pereira de Castro („Ulyssea“, das. 1634, 1745 u. 1827) und Francisco de Sá e Menezes („Malaca conquistada“, das. 1634 u. 1779). Nachdem schon seit der Niederlage der Portugiesen bei Alkazar die portugiesische Poesie sowie das sonstige Leben des Landes raschem Verfall zugeeilt war, wurde sie seit der spanischen Herrschaft bald zum matten Abklatsch der nachbarlichen; ja, die meisten Dichter und Schriftsteller jener Zeit gaben die Muttersprache gänzlich auf und bedienten sich der Sprache ihrer Unterdrücker. Erwähnung verdienen nur noch die unter dem Titel: „Laura de Anfriso“ (Evora 1627) erschienenen Gedichte des unglücklichen Schwärmers Manoel da Veiga Tagarro (geboren zu Ende des 16. Jahrh.), eines der gefeiertsten bukolischen Dichter der Portugiesen. – Die lyrische Poesie hatte sich schon gleich nach Camoens in alle Ausartungen des Marinismus (s. Marini) und Gongorismus (s. Gongora y Argote) und in andre ähnliche Geschmacklosigkeiten verirrt. Bis ins Abenteuerliche getrieben erscheint jene schwülstige Manier in den Sonetten Manoels de Faria e Sousa („Fuente de Aganippe“, Madr. 1644, 4 Bde.). Einigermaßen genießbar, zum Teil sogar vortrefflich stellen sich, dagegen gehalten, dar die burlesken Poesien des Thomas de Noronha, die feinen und geistreichen Dichtungen von Antonio Barbosa Bacellar (1610–63), dessen „Saudades“ (elegische Liebeslieder) in vieler Hinsicht anerkennenswert sind; ferner Jacinto Freire de Andrades satirische Poesien, die mit scharfem Witz der Verderbnis des Geschmacks den Krieg machten. Eine unübersehbare Menge von Sonetten aus jener Zeit (welche Form sich in Portugal wie in Italien besonderer Gunst und Pflege erfreute) haben Pereira da Silva („Fenix renascida“, Lissab. 1746, 5 Bde.) und ein Ungenannter unter dem Titel: „Eccos que o clarim de fama dá, Postilhão de Apollo“ (das. 1761) gesammelt. Eine geschmackvollere Auswahl von Erzeugnissen portugiesischer Poesie aus derselben Gattung gab John Adamson im ersten Teil seiner „Lusitania illustrata“ (Newcastle upon Tyne 1842).

Was das Drama angeht, so kann von einem nationalen, bezüglich der damaligen Zeit, kaum die Rede sein. Die meisten portugiesischen Poeten des 17. Jahrh., welche sich überhaupt in dramatischer Dichtung versuchten, schrieben in spanischer Sprache. Die einzige nennenswerte dramatische, in der Landessprache abgefaßte Produktion jener Epoche ist die Sammlung der „Entremeses“ (welche neben den „Autos“ und „Farsas“ die Unterarten des eigentlichen Volksschauspiels bildeten) von Manoel Coelho Rebello, die unter dem Titel: „A musa entretenida de varios entremeses“ (Coimbra 1658, Lissab. 1695) erschien. Als Verfasser einer Art von komischen Opern, die ihrer Zeit in Portugal großen Beifall fanden und mehrfach gesammelt sind („Operas portuguezas“, 1747; in 4. Aufl.: „Teatro comico portuguez“, 1787), ist der Jude Antonio José da Silva zu nennen, der bei dem Autodafee von 1739 verbrannt wurde. Auf dem Felde des Romans wucherte in Portugal während des 16. und 17. Jahrh. am üppigsten die Ritterromantik. Als die damals mit dem meisten Beifall aufgenommenen Werke dieser Gattung verdienen Erwähnung des bekannten Historikers João de Barros „Chronica do emperador Clarismundo“ (Coimbra 1520, Lissab. 1742), welches Buch seiner Zeit von der portugiesischen Lesewelt mit wahrem Heißhunger verschlungen wurde; ferner die in der Manier des Amadis gehaltenen Ritterromane von Francisco de Moraes („Palmeirim de Inglaterra“, Evora 1567, 3 Bde.; Lissab. 1786), von Jorge Ferreira de Vasconcellos („Triumfos de Sagramor“, Coimbra 1554, und „Memorial dos cavalleiros da segunda tavola redonda“, Lissab. 1567), der auch drei berühmt gewordene dramatische Novellen nach Art der „Celestina“ („Comedia Euphrosina“, das. 1616; „Comedia Ulyssipo“, das. 1618, und „Comedia Aulegraphia“, das. 1619; alle drei in neuer Auflage, das. 1787, 3 Bde.) verfaßt hat; endlich die Romane von Gaspar Pires Rebello („Constante Florinda“, das. 1625 u. 1684), der sich auch durch seine „Novelas exemplares“ (das. 1650 u. 1700) Beifall erwarb. Durch Natürlichkeit und Einfachheit ausgezeichnet und mit den meisten übrigen litterarischen Äußerungen des Zeitgeschmacks kontrastierend ist die romanartige Komposition Felix Castanheira Turacems: „Serão politico, abuso emendado“ (Lissab. 1703). Unter den historischen Werken des Zeitalters, deren vorzüglichste sämtlich die Eroberung Indiens zum Gegenstand haben, überragt die berühmte „Asia“ (Lissab. 1552–1602, 4 Bde.; neue Ausg. 1778–88, 24 Bde.) von João de Barros, der auch der erste Grammatiker Portugals war, alle andern. Gleich ausgezeichnet durch historische Wahrhaftigkeit, aber in künstlerischer Hinsicht von weit geringerm Wert ist die „Historia do descobrimento e da conquista da India“ (Coimbra 1551, Lissab. 1833) von Fernan Lopez de Castanheda. Die Heldenthaten des Alfonso Albuquerque wurden von dessen Sohn Blasius in seinen „Commentarios do grande A. Albuquerque“ (Lissab. 1557 u. 1774, 4 Bde.), das Leben König Emanuels d. Gr. und Johanns I. von Damião de Goes (das. 1556 u. 1567) dargestellt. In lichtvoller Ordnung und schöner Sprache schrieb Bernardo de Brito die älteste Geschichte seines Vaterlandes in seiner „Monarchia lusitana“ (Lissab. 1597–1609, 2 Bde.). Die Thaten des Vizekönigs von Indien, João de Castro (1500–1548), fanden ihren klassischen Historiographen in Jacinto Freire de Andrade (Lissab. 1651 u. 1736). Von den übrigen hierher gehörigen Schriftstellern Portugals aus jener Zeit verdienen Fernan Mendez Pinto wegen der Beschreibung seiner Reisen in Asien und Afrika („Peregrinações“, Lissab. 1614 u. 1725) und der Jesuit Antonio Vieira wegen der in seinen „Sermoens“ (das. 1748, 5 Bde.) mit edlem Feuer versuchten Verteidigung der Menschenrechte der Indianer und Juden erwähnt zu werden.

Vierte Periode.

Das 18. Jahrh. führte die p. L. dem bereits im 17. angebahnten Verfall immer entschiedener zu. Der tonangebende Geschmack huldigte der von Frankreich her importierten französischen Afterklassizität, und diese Richtung hat die portugiesische Dichtung bis tief ins 19. Jahrh. beibehalten. Die durch den Frieden von Lissabon (1668) wieder errungene Unabhängigkeit Portugals von Spanien hat auf die Litteratur des Landes keine besondere Wirkung gehabt, ebensowenig die Akademie, welche König Johann IV. 1714 stiftete. Die durch den Methuen-Vertrag von 1703 herbeigeführte merkantilische Abhängigkeit von England brachte die englische Litteratur in eine gewisse Verbindung mit der portugiesischen, welche letzterer heilsamer war als die Mustergültigkeit der französischen Poesie des Zeitalters Ludwigs XIV. Pombals [262] Reformen, welche, indem sie die Nation in politischer und sozialer Hinsicht hoben, auch das gesunkene Selbstgefühl derselben wieder kräftigten und erhöhten, würden sicherlich bedeutende litterarische Früchte getragen haben, wären sie nicht so rasch wieder einer bigotten Reaktion unterlegen. An die Spitze der französierenden pseudoklassischen Poesie in Portugal stellte sich der General Francisco Xavier de Meneses, Graf von Ericeira, welcher, nachdem er Boileaus „Art poétique“ in portugiesische Verse übertragen hatte, mit seiner poesieleeren Epopöe „Henriqueida“ (Lissab. 1741), worin die Gründung der portugiesischen Monarchie durch Heinrich von Burgund besungen ist, zu jener dürftigen Theorie einen dürftigen praktischen Beleg gab. Mehr als die oben erwähnte königliche Akademie wirkte zum Vorteil der portugiesischen Litteratur die Gesellschaft der „Arkadier“, die nach dem gleichnamigen Dichterverein in Rom gebildet wurde und mit der französischen Klassizität und Eleganz den poetischen Geist der einheimischen dichterischen Meisterwerke des 16. Jahrh. zu vereinigen strebte. Zu ihren vorzüglichsten Mitgliedern gehörte P. Ant. Correa Garção (gest. 1772), der mit seinem Takte die Alten nachahmte und sich den mit Rücksicht auf sein Hauptvorbild erteilten Beinamen des „portugiesischen Horaz“ erwarb. Neben ihm sind als die bessern Vertreter der portugiesischen Dichtkunst jener Zeit zu nennen: der Brasilier Claudio Manoel da Costa, dessen nach altitalienischen Mustern geformte Poesien („Obras“, Coimbra 1761) den Vorzug einfacher, eleganter und doch inniger Sprache haben; Antonio Diniz da Cruz e Silva („Obras“, Lissab. 1794), feuriger und schwungvoller, aber auch weniger korrekt in der Diktion, der beste Anakreontiker der portugiesischen Poesie und Verfasser eines komischen Epos: „O hyssope“ („Der Sprengwedel“), welches das beste heroisch-komische Gedicht der Portugiesen ist; ferner der Friseur Domingos dos Reis Quita, dessen bukolische Poesien („Obras“, das. 1781) großen Beifall fanden. Auch den anmutigen Elegien, in welchen der Brasilier Tomas Antonio Gonzaga unter dem Namen Dirceu seine unglückliche Liebe zu der schönen Marilia besungen hat, sowie den Sonetten des Paulino Cabral de Vasconcellos („Poesias“, Porto 1786) gebührt auszeichnende Erwähnung, während der um die kritische Behandlung der portugiesischen Litteratur des 16. Jahrh. verdiente Francisco Diaz Gomez als Poet, wiewohl er auch als solcher berühmt war („Obras“, Lissab. 1799), unbedeutend ist. Gegen den Schluß des 18. Jahrh. steigerte sich die Gallomanie in Portugal zu immer kläglicherm Übermaß; besonders äußerte sie sich in massenhafter Produktion von Übersetzungen französischer Dichtungen. Erst zu Anfang unsers Jahrhunderts traten wiederum einige wirklich ausgezeichnete portugiesische Dichter auf. Es waren dies Francisco Manoel do Nascimento, genannt Filinto Elysio (1734–1819), der trotz seiner im klassischen Stil gehaltenen formellen Eleganz und Korrektheit in seinen „Obras completas“ (2. Aufl., Par. 1817–19, 11 Bde.) überall den echten Lyriker verrät, und M. M. Barbosa du Bocage (1765–1805), der berühmteste und volkstümlichste aller neuern Poeten seines Vaterlandes. Unverdienterweise wird der letztere von den Litterarhistorikern Portugals als der Urheber einer neuen Art des Gongorismus, welche nach seinem poetischen Namen (Elmano) die Bezeichnung „Elmanismo“ empfangen hat, genannt. Die eigentliche Urheberschaft dieser Manier gehört auf Rechnung der Nachahmer des trefflichen Dichters. Unter ihnen sind hervorzuheben der Tragiker João Baptista Gomes und J. M. da Costa e Silva, Verfasser des anmutigen Gedichts „O passeio“. Der klassischen Schule des Nascimento folgten: Domingo Maximiano Torres, der besonders durch seine Idylle und Kanzonen Beifall erwarb, Antonio Ribeiro dos Santos, Nicoláo Tolentino de Almeida (Satiriker) und der philosophische Dichter José Anastacio da Cunha. Treffliche biblische Gedichte und Oden in Miltons und Klopstocks Manier verfaßte der Brasilier Antonio Pereira Souza Caldas. Ein trauriges Zeichen für den dichterischen Geschmack jener Zeit in Portugal war die Anerkennung, welche das dürftige Heldengedicht „O Oriente“ des Miguelisten José Agostinho de Macedo fand, welcher Camoens’ unverwelklichen Lorbeerkranz mit afterweiser Kritik zu plündern den eitlen Versuch machte und wirklich bei vielen seiner Zeitgenossen für einen größern Dichter galt als der Verfasser der „Lusiaden“. Die dramatische Poesie stand während des 18. Jahrh. in Portugal unter zwiefachem Einfluß von der Fremde her. Den französischen Vorbildern folgten: Correa Garção in Lustspielen („Teatro novo“ und „Assemblea ou partida“), der auch Komödien in der Manier des Terenz schrieb („Obras poeticas“, Lissab. 1770); die Gräfin Vimieiro, deren Trauerspiel „Osmia“ (das. 1795; deutsch, Halberst. 1824) von der Akademie gekrönt wurde; Manoel Gaetano Pimenta de Aguiar, Pedro Nolasco u. a. Daneben hatte sich die bereits oben erwähnte, durch die italienischen Opern hervorgerufene Art von melodramatischen Komödien gebildet, der jeder eigentliche Kunstwert abging. – Die neuere und neueste Poesie Portugals zeigt zwar keinen sehr erheblichen Wertabstand gegen die des vorigen Jahrhunderts, doch hat sie wenigstens einige Repräsentanten von entschiedenem Talent aufzuweisen. Als solche sind neben dem Eklogiker Mouzinho de Albuquerque, der sich vorzüglich durch seine „Georgicas portuguezas“ rühmlich bekannt gemacht hat, besonders auszuzeichnen: Antonio Feliciano Castilho (1800–1875), Verfasser der durch liebliche Naturschilderungen wertvollen Dichtungen: „Cartas de Echo e Narcisso“, „A noite de castelho“ und „Amor e melancolia“, und Alex. Herculano de Carvalho (1810–77), ein gleich Castilho zur Zeit des Miguelismus vielverfolgter Patriot, der in seinen düstern religiös-politischen Gedichten, die er unter dem Titel: „A voz do propheta“ und „A harpa do crente“ herausgab, wieder in Portugal lange nicht vernommene nationale Klänge anschlug. Auch Baptista de Almeida-Garrett (gest. 1854) gehört zu den bedeutendern Dichtern der Neuzeit Portugals und hat sich besonderes Verdienst dadurch erworben, daß er die Aufmerksamkeit wieder auf das alte heimische Volkslied zu lenken versuchte. Von den jüngsten Poeten Portugals nennen wir noch: den Lyriker und Dramatiker Luis Augusto Palmeirim, Thomaz Ribeiro, Verfasser des sehr hoch geschätzten Epos „D. Jayme“ (1862), Arnaldo Gama, den philosophischen Lyriker Anthero de Quental, den Satiriker Guerra Junqueiro, den kühnen Bekämpfer des Aberglaubens und der konventionellen Lügen; ferner Barbosa y Silva, Ramalho Ortigão, den durch natürliche Anmut ausgezeichneten João de Deus, die Dramatiker Camillo Castelloblanco, J. Mendes Leal, Ernesto Biester, Pereiro da Cunha etc.

Unter der Romanlitteratur ist aus dem 18. Jahrh. des Paters Theodoro d’Almeida moralischer Roman „O feliz independente“ (Lissab. 1786) hervorzuheben; in der neuern Zeit schufen Garrett und Herculano auf diesem Felde das Bedeutendste. Neben [263] ihnen sind besonders Eça de Queiroz, der das Gebiet des realistischen Romans bebaut, Julio Diniz, der Verfasser anmutiger Dorfgeschichten, und Luis Augusto Rebello de Silva, der sich durch seinen großen vaterländischen Roman „A mocidade de D. João V“ (1851–53, 4 Bde.) großen Ruf erwarb, namhaft zu machen. In der Geschichtschreibung thaten sich in diesem Jahrhundert hervor: Francisco Solano Constancio („Historia do Brasil“), Tib. Ant. Craveiro, Visconde de Santarem, Ferreira de Freitas, Cordoso Casado Giraldes und vor allen Herculano durch seine trefflichen Werke: „Da origem e estabelecimento da inquisição em Portugal“ und „Historia de Portugal“. Seit 1853 veröffentlicht die Lissaboner Akademie eine Sammlung von Quellenwerken zur Geschichte Portugals („Portugaliae monumenta historica“).

Was die rein wissenschaftliche Litteratur der Portugiesen betrifft, so erscheinen deren Erzeugnisse gegenüber denen der übrigen Hauptnationen Europas im ganzen dürftig. Die hauptsächlichste Gunst und Pflege erfuhren in Portugal in früherer Zeit diejenigen Wissenschaften, welche mit der Nautik in mehr oder weniger naher Beziehung stehen. Das Studium der Geographie, Mathematik und Astronomie fand in einigen fürstlichen Häuptern des Landes energische Begünstiger, wie denn aus der von dem Infanten Dom Henrique gebildeten Schule der Seewissenschaften, welche jener selbst eifrig betrieb, eine Reihe ausgezeichneter Männer hervorging (Barth. Dias, Vasco da Gama, Magelhaens u. a.). Unter den Vertretern jener und sonstiger wissenschaftlichen Disziplinen sind in neuerer Zeit über die Landesgrenze hinaus rühmlich bekannt geworden: der Mathematiker Garção-Stockler, die Natur- und Geschichtsforscher Correa de Serra und Figueiredo, die Rechtsgelehrten Mello, Figueiredo, Ribeiro, Ferreira, Tellez, der Astronom Ferreiro d’Araujo, der Botaniker Bodero, der Mineralog Camera, der Chemiker Lobral, die Mediziner José Maria Soares und Silveira Pinto etc. In der Theologie und namentlich in der Philosophie erhoben sich die Portugiesen niemals zu bedeutenden Leistungen. Von den philologischen Leistungen sind zu erwähnen: Gonçalves’ „Arte China“ (Macao 1829) und dessen „Diccionario portuguezchino“ (das. 1831), Ferreiras „Magnum lexicon novissimum latinum et lusitanicum“ (Par. 1833) u. die von Jeron Soares Barbazo verfaßte philosophische Grammatik der portugiesischen Sprache (2. Aufl., Lissab. 1830).

Als Quellen der portugiesischen Litteraturgeschichte führen wir an: Diogo Barbosa Machados „Bibliotheca lusitana historica critica et chronologica“ (Lissab. 1741–52, 4 Bde.), die von Arvo do Cejo kommentierte „Bibliotheca historica de Portugal“ (das. 1801) und die „Memorias da litteratura portugueza“ (das. 1792–1812, 8 Bde.). Das neueste und vollständigste Werk ist das „Diccionario bibliographico portuguez“ von Francisco da Silva (Lissab. 1858–70, 9 Bde.; fortgesetzt von Brito Acanha, 1883–85, Bd. 10–12). Almeida-Garrett hat in einer seiner Blumenlese aus der portugiesischen Dichtung („Parnaso lusitano“) vorausgeschickten Übersicht einen brauchbaren litterarischen Wegweiser gegeben. Als sonstige litterarhistorische Hilfsmittel zum Studium der portugiesischen Poesie sind zu nennen: Denis, Résumé de l’histoire littéraire du Portugal (Par. 1826); Lopes de Mendoza, Memorias de litteratura contemporanea (Lissab. 1855); Silv. Ribeiro, Resenha da litteratura portugueza (das. 1855); Ferd. Wolf, Studien zur Geschichte der spanischen und portugiesischen Litteratur (Berl. 1859); Pereira da Silva, La littérature portugaise (Par. 1866); Reis, Curso de litteratura portugueza e brazileira (Maranhão 1869, 4 Bde.). Das Hauptwerk aber über die Nationallitteratur der Portugiesen ist die „Historia da litteratura portugueza“ (Porto 1870–80, 20 Bde.) von Theophilo Braga, der auch einen „Manual da historia da litteratura portugueza“ (das. 1875), einen „Curso de historia da litteratura portugueza“ (Lissab. 1885) und den „Parnaso portuguez moderno“ (das. 1877) veröffentlicht hat. Um die Sammlung und Veröffentlichung der portugiesischen Volkslieder haben sich in neuerer Zeit Almeida-Garrett („Romanceiro“, 2. Aufl., Lissab. 1863, 3 Bde.), Braga („Romanceiro geral colligido da Aradição“, Coimbra 1867, und „Cantos populares do archipelago Açorcano“, Porto 1869), Barata („Cancioneiro portuguez“, Lissab. 1866), Estacio da Veiga („Romanceiro do Algarve“, das. 1870), A. Rodrigues de Azevedo („Romanceiro do archipelago da Madeira“, Funchal 1880) und Sylvio Romeiro („Cantos populares do Brazil“, Lissab. 1883) verdient gemacht. Eine geschmackvolle Auswahl aus diesen Sammlungen, mit ungedruckten Stücken vermehrt, lieferte V. E. Hardung („Romanceiro portuguez“, Leipz. 1877, 2 Bde.). Eine „Revista de estudos livres“ erschien 1884–86 in Lissabon. Vgl. auch Loiseau, Histoire de la littérature portugaise (Par. 1885).


[729] Portugiesische Litteratur. Die Gesamterscheinungen der portugiesischen Litteratur der letzten Jahrzehnte tragen den allgemeinen Charakter, welcher dieselbe zu allen Perioden kennzeichnet. Der Einfluß Frankreichs wirkt übermächtig auf das Schriftentum Portugals, seine poetischen und wissenschaftlichen Erzeugnisse ein. Neben der abgöttischen Verehrung des monarchischen Prinzips erschüttern radikale Lehren Thron und Staat; der überschwenglichen religiösen Richtung steht schroffer als irgendwo der Atheismus gegenüber. Nirgends fand Comtes und Littrés Positivismus unter den Gebildeten eifrigere Verteidiger und unter den Massen gläubigere Schüler. Eine Übersetzung von Prosper Pichards Katechismus „Doutrina do Real-Catecismo para uso dos que não se contentam com palavras“, die bereits 1876 zu Porto erschien und ein Vorwort E. Littrés hat, beabsichtigte, die positivistischen Grundsätze weiter zu verbreiten, was Theophilo Bragas Zeitschrift „O Positivismo“ nicht völlig gelang.

Die Dichter früherer Jahrzehnte, wie João de Deus, Luiz A. de Palmeirim, Mendes Leal und zahlreiche andre, blühen heute noch, ihre Werke werden neu aufgelegt, obwohl einer der bedeutendsten, Anthero de Quental, in einem ursprünglich im „Jornal do Commercio“ vom 7. Juli 1881 erschienenen Artikel: „Die Poesie in der Gegenwart“ den Grundsatz ausspricht, die poetische Phase der Menschheit sei im Absterben begriffen; dieses Jahrhundert werde die letzten Dichter wie die letzten Gläubigen gesehen haben, da der menschliche Geist in das ausschließliche Gebiet des Rationalismus, der Analyse und Kritik angelangt sei, die Poesie keine soziale Mission mehr habe und die wenigen lebenden Dichter nur noch die verstümmelten Überreste eines Geschlechts von andern, eben im Aussterben begriffenen Ideen vorstellten. Und doch ist Anthero de Quental selbst einer der liebenswürdigsten Dichter der Gegenwart, dessen „Odes modernas“, „Sonetos“ und „Thesouro poetico da infancia“ weit verbreitet sind trotz des pessimistischen Geistes, der in seinen „Considerações sobre a philosophia da historia litteraria portugueza“ atmet. Zu den rasch emporgekommenen Dichtern, bei deren Auftreten eben Quental der Poesie diese wenig günstige Aussicht stellt, ist der formgewandte Joaquim de Araujo in Porto zu zählen. Sein Gedichtenbuch „A lira intima“ (Lissab. 1881) will nicht die Kämpfe des Zeitalters, sondern den lieblichen Duft der Jugendträume in sich fassen. Schon 1878 hatte Araujo die Zeitschrift „A Renascença“ begründet, ein „Organ für die Arbeiten der neuern Generation“ mit Beiträgen der bedeutendsten Schriftsteller und Dichter Portugals. Leider hat das treffliche Unternehmen sich nicht lange halten können und ist nur zu wünschen, daß Araujos neueste Publikation, die Monatsrevue „Circulo Camoniano“, welche speziell der Camões-Forschung gewidmet ist, ein längeres Leben habe. Augusto Luso da Silva zeigt in seinen „Impressões da Natureza“ lebhaften Sinn für die Natur und ihre Schönheiten; João Minimo findet in seinen „Lyricas“ frische Klänge, ebenso Alfredo Campos in seinem „Um livro intimo“. Theophilo Braga wendet die geringe freie Zeit, die ihm seine litterarhistorischen, sozialen und philosophischen Studien gewähren, auch noch wie früher der Dichtung zu („Torrentes“, „Floresta de varios romances“ u. a.). Vielfach thätig ist Thomaz Ribeiro, dessen Gedichte: „Vesperas, poesias dispersas“, „D. Jayme“, „A Delfina do mal“, „Sons que passam“, mehrere Auflagen erlebt haben, und dessen Einakter in Versen: „A Indiana“, viel Beifall fand. Faustino Xavier de Novaes hat nach seinen „Poesias“ auch noch „Novas Poesias“, durch Camillo Castello Branco empfohlen, herausgegeben, denen die „Poesias posthumas“ folgten. Der „Cancioneiro“ („Impressões e recordações“) sowie die „Serões d’Aldeia“ des schon im J. 1848 mit seinem „Trovador“ bekannt gewordenen João de Lemos haben viele Leser begeistert, sowie neben den „Poesias“ des Luiz Augusto Palmeirim seine „Galeria de figuras portuguezas“, eine Darstellung der volkstümlichen Dichtung („a poesia popular nos campos“), mit Recht Anerkennung fand. Die „Musa velha“ des Francisco Palha, desgleichen die „Flores agrestes“ des Bulhão Pato enthalten hübsche Dichtungen, sowie sich auch in der Sammlung des João Diniz „Thesouro do Trovador“, „Selecção de canções e recitativos“ zierliche Verse finden. Die Centenarfeier des Camões (10. Juni 1880) hat selbstverständlich eine Reihe von Dichtungen größern und kleinern Umfangs hervorgerufen; besonders nennenswert sind die hierher bezüglichen Gedichte von Francisco Gomes de Amorim.

Zu den gefeiertsten Schriftstellern der neuern Zeit gehörte indessen Camillo Castello-Branco. Ein überaus frischer Stil, sprudelnder Humor neben tiefer Leidenschaft, historische Kenntnis seines Landes und eine reiche litterarische Thätigkeit zeichnen ihn vor allen andern aus und machen die hohe Achtung, welche ihm während seines Lebens zu teil wurde, begreiflich. Seine Werke erscheinen gesammelt als „Collecção Ernesto Chardron“, „Amor de Salvação“; der „Cancioneiro alegre de poetas portuguezes e brasileiros“, „A Brazileira de Prazins“, „Echos humoristicos“, „A Espada de Alexandre“, „Luiz de Camões“, der historische Roman „A Freira no subterraneo“, „No bom Jesus do Monte“, „O carrasco de Victor Hugo José Alves“, „Noites de insomnia“, „Mata-a ou ella te matará“, „Os amores do diabo“, „O vinho do Porto“, „O olho de vidro“, „Maria da Fonte“, „Amor de perdição“, „O bem e o mal“, „Carlota Angela“, „Duas épocas na vida“, „Volcões de lama“, „O judeu“ und zahlreiche andre kürzere [730] oder umfangreichere Schriften ermöglichten ihm immerhin noch die Übersetzung fremder Werke, wie das „Diccionario universal de Educação e Ensino“ des E. M. Campagne (3 Bde.), und die Herausgabe älterer Schriften, wie der „Poesias e prosas ineditas de Fernão Rodrigues Lobo Soporita“, der „Vida d’el rei D. Affonso VI., escripta no anno de 1684“ u. a.

Im allgemeinen fand der Roman in Portugal keine bedeutende Pflege. Neben den patriotischen Erzählungen des genannten Gomes de Amorim wäre zu erwähnen „O filho do Baldaia“ des Arnaldo Gama, die historischen Romane des Carlos Pinto d’Almeida, „A conquista de Lisboa“ und „A cruz pelas riquezas“, der auf den Azoren spielende Roman des Frederico Aldoar, „Helena, a filha do Judeu“; die Erzählungen des Fialho d’Almeida, „Contos“ und „A cidade do vicio“ (je 13 Geschichten), sowie die zahlreichen des Henrique Perez Eschrich: „Noites amenas“; „O violino do Diabo“; „Tal arvore, tal fructo“; „Um filho do povo“; „A culpa dos paes“; „A promessa sagrada“ (4 Bde.); „A formosura da alma“ (5 Bde.); „O cura d’aldea“ (3 Bde.); „O Amor dos Amores“ (3 Bde.); „O anjo da guarda“ (3 Bde.); „Os predestinados“ (4 Bde.); „Os anjos na terra“ (5 Bde.); „A Calumnia“ (5 Bde.); „O ultimo beijo“ (4 Bde.); „O inferno dos ciumes“ (3 Bde.); „Quem tudo quer, tudo perde“; „O amigo intimo“; „O martyrio da gloria“; „O martyr do Golgatha“ (3 Bde.) mit seiner Fortsetzung „Os apostolos“ (3 Bde.); „Rico e pobre“ etc., sind zum teil bereits mehrfach aufgelegt oder vergriffen. Eine ganz besondere Beachtung unter den Prosaschriftstellern verdient Eça de Queiroz, dessen vorzügliche Gabe, die Gesellschaft in ihren Schwächen zu zeichnen, die Lektüre seiner Erzählungen zu einer überaus anregenden macht. Man sieht dem Autor an, wie er das Leben kritisch beschaut und seine Eindrücke widerzuspiegeln versteht. Sein „O crime do Padre Amaro“, dessen zweite Ausgabe völlig neu bearbeitet ist, „O Primo Bazilio“, „O Mandarim“, „A Reliquia“, „Os Maias“ haben wiederholt neue Auflagen erlebt. Allbekannt ist auch Julio Diniz, der treffliche Schilderer des ländlichen und bürgerlichen Lebens („As pupillas do Senhor Reitor“ u. a.).

Das Theater wird selbstverständlich von der französischen Litteratur beherrscht, deren Erzeugnisse auch in Portugal eifrig übersetzt werden. Neben den zahlreichen Übersetzungen aus dem Französischen, wobei natürlich Alexander Dumas, Octave Feuillet und Victor Hugo obenan stehen, trifft man allerdings auch einheimische Originaldichtungen. Cesar de Lacerda, der sich an Dumas bildete und manches von ihm übersetzte, schrieb eine Reihe Komödien („A aristocracia e o dinheiro“, „A duplice existencia“, „Trabalho e honra“ etc.) und sogen. comedias-dramas, wie „Uma lição de florete“, „As joias de familia“. Alfredo Hogan pflegte neben Komödien auch die Haupt- und Staatsaktion, z. B. in seinem „Os ultimos dias dos jesuitas em Portugal“; Antonio Varella machte Glück mit einigen Lustspielen („A bom servidor boa paga“, „Desejos de dois casados“); Aristides Abranches („Stambul“, „Um homem politico“, „Os dois pescadores“), Cesar de Sá („Amores malditos“), Ernesto Biester („Cora ou a escravadura“, „Os diffamadores“, „Um homem de consciencia“, „As obras de Horacio“, „Um quadro da vida“, „A redempção“, „Os sabichões“), Guilherme Aguiar („Anjo, mulher e demonio“), Ignacio M. Feijó („O Camões do Rocio“, „Carlos ou a familia do avarento“, „Petro Cem“, „Remechido“, „A torre do Corvo“), João Aboim („O homem põe e Deus dispõe“, „O recommendado de Lisboa“), Joaquim Augusto Oliveira („Ave do paraiso“, „A corôa de Carlos Magno“, das er als „peça magica de grande espectaculo“ bezeichnet, „Erros da mocedade“), Joaquim Manoel Macedo („Cincinnato“, „Lusbella“, „O novo Othello“), von welchem drei Bände „Theatro“ vorliegen; José de Alencar („As azas d’um anjo“, „Mãi“), José Bento Araujo Assis („Duvidas do coração“, „Trevas e Luz“), J. C. dos Santos („Gil Braz de Santilhana“, „O homem das cautelas“), José Ignacio Araujo („Ultimos momentos de um Judas“, „Um bico em verso“), Manoel Pereiro Lobato („Amar sempre“, „Os jogadores“), Ricardo Cordeiro Junior („Amor e arte“, „A familia“, „A sociedade elegante“), Sanches de Frias u. v. a. sind Namen, welche mit mehr oder weniger dramatischem Geschick die Bühne teils mit originellen Stoffen versehen, teils dieselben aus der Fremde holen und für das portugiesische Theater zurichten. Auch die hervorragendern Schriftsteller und Dichter sind auf der Bühne vertreten, wie Bulhão Pato mit seiner Komödie „Amor virgem n’ uma peccadora“, Camillo Castello Branco mit dem Drama „Justiça“ und dem Lustspiel „O morgado de Fafe amoroso“; Luiz A. Palmeirim mit den Komödien: „Como se sobe ao poder“, „A domadora de feras“, „Dous casamentos de conveniencia“, „O sapateiro d’escada“; Pinheira Chagas mit „Durante o combate“; José Mendes Leal mit den Dramen „Alva estrella“, „O homem de auro“, „A pobreza envergonhada“, „Pedro“, „Os homens de marmore“ und den Lustspielen: „Flores e fructos“, „A herança do chanceller“, „As tres cidras do amor“. Von ihm zu unterscheiden ist der Dramatiker Antonio Mendes Leal („Abel e Caim“, „Dôr e amor“, „Uma victima“, „Entre a varzea e a vinha“).

Auch sonst ist die auswärtige Litteratur durch zahlreiche Übersetzungen in Portugal verbreitet. Seitdem der berüchtigte Faustübersetzer Antonio Feliciano de Castilho auf Shakespeare hinwies und den „Sommernachtstraum“ („Sonho d’uma noite de S. João“) übertrug, hat Antonio José de Lima Leita Milton („O Paraiso perdido“) in portugiesische Verse übersetzt, João Vieira Byrons „Don Juan“ („Os amores de Dom Juan“) u. a. Der Roman Alexander Dumas’ („Memorias d’um medico“, 20 Bde.) ist weit verbreitet; die „Collecção Pedro Correia“ versieht Portugal mit den neuesten ausländischen Produkten; Emil Gaboriau ist fast vollständig übersetzt, Emil Zola allenthalben bekannt. Vor allem hat man die „romance realista“ „A Naná“ mit aller den portugiesischen Radikalen eignen Glut als die streng wahrheitsgetreue Analyse der gesellschaftlichen Auswüchse begrüßt. Nicht minder rasch sind die Erzählungen von Georges Ohnet und die „Dramas do novo mundo“ des Gustave Aymard (letztere durch die Übersetzung von F. d’Araujo e Mello) beliebt geworden, denen sich Jules Verne in der Übertragung von Francisco Gomes Moniz anreiht.

Auf dem Gebiete der Kunstgeschichte stehen die Arbeiten des scharfsinnigen J. de Vasconcellos unter dem Gesamttitel: „Archeologia artistica“ („Luiza Todi“, „A imprensa portugueza no seculo XVI“, „Ensaio critico sobre o Catalogo d’El-Rey Dom João IV“, „Albrecht Dürer e a sua influencia na peninsula“, „Citania“, „Francisco de Hollanda“, „Goësiana“) obenan; ältern Datums sind die zwei Bände „Os musicos portuguezas“, [731] wertvolle Beiträge zur portugiesischen Musikgeschichte enthaltend.

Die Geschichte scheint nicht das Lieblingsfeld portugiesischer Forschung zu sein. Zu rühmen sind die drei Bände „A mocidade D. João V.“ des Luiz Augusto Rebello da Silva; ferner das Lehrbuch der neuern Geschichte Portugals des João Diniz („Novo resumo da historia moderna de Portugal“) sowie des Pinheiro Chagas „Historia de Portugal nos seculos XVIII e XIX 1707 a 1853“; ein anziehendes Kulturbild ist des Manuel Bernardes Branco „Portugal na epocha de D. João V.“ (2. Aufl. 1886), während eine überaus umfangreiche Publikation allerneuesten Datums des José Ramos-Coelho: „Historia do Infante D. Duarte irmão de El-Rei D. João IV.“ (1890, 2 Bde.), auf archivalischen Studien beruht.

Die Geschichte der portugiesischen Litteratur hat seit Bragas Unternehmungen keinen bedeutenden Aufschwung genommen; zu nennen wären etwa des Fernandes Pinheiro „Resumo de historia litteraria“ (2 Bde.). Zahlreiche Notizen lassen sich dem zweibändigen, leider durch eine Unzahl von Druckfehlern entstellten Werke des Manoel Bernardes Branco „Portugal e os estrangeiros“ entnehmen.

Zeitschriften, wie etwa die „Revista Lusitana“, machen im allgemeinen in Portugal wenig Glück; dagegen entstehen in den kritischen Zeitumständen Flugschriften in reicher Zahl. Auch die spiritistische Litteratur ist in zahlreichen Werken von Allan Kardec, Burreau, Julio C. Leal und José R. Coelho junior, Rebello Maia u. a. vertreten.

Die philologische Kritik ist noch ganz auf Fr. Adolpho Coelho und Carolina Michaelis-Vasconcellos beschränkt; einen Markstein in der philologischen Litteratur bezeichnet der „Grande diccionario portuguez, ou Thesouro da lingua portugueza“ des Fr. Domingos Vieiro in 5 starken Bänden, mit einer trefflichen Einleitung über die portugiesische Sprache von Ad. Coelho und einem Abriß der portugiesischen Litteratur von Theophilo Braga. Ein eigenartiges Werk endlich ist die letzte Ausgabe der „Lusiaden“ des Camões von dem bekannten Dichter Francisco Gomes de Amorim (1889, 2 Bde.), ein Versuch, die zweifelhaften Stellen und verderbten Lesarten des Epos nicht mit philologischer, sondern nur mit ästhetischer Kritik zu verbessern.

Der kleine Überblick über das portugiesische Geistesleben der letzten Jahrzehnte zeugt von großer Thätigkeit des Volkes auf allen Gebieten, aber von wenig Originalität. Während die wissenschaftlich historische Richtung mit strenger Kritik in allen Fächern nur wenige Vertreter hat, macht sich auf philosophischem Boden ein nichts weniger als wissenschaftlicher Radikalismus geltend, der sich auch auf das sozialpolitische Feld hinüberspielt. Das Theater liegt in den Fesseln Fremder, zunächst der Franzosen und Italiener; auch auf dem Gebiete des Romans und der Prosadichtung überwiegen weitaus die Übersetzungen. Der lyrischen Dichtung fehlt die wohlthuende Kürze. Schönheit der Form gilt ungleich mehr als die wahre Empfindung; heute wie vor Jahrhunderten klebt der portugiesischen Dichtung das Aristokratische an, wovon schon Costa e Silva spricht, der sagt, die Poesie sei fast ausschließlich von Rittern und Gelehrten gepflegt worden. Theophilo Braga äußert sich in treffender Weise in seinem „Parnaso portuguez moderno“ (V) über die lyrischen Bestrebungen der Neuzeit: In Portugal sind alle Dichter; die einen im Verborgenen, wie wenn es eine geheime Sünde wäre; andre gelangen nicht über die Alltagsgrenzen der Journalistik hinaus, wieder andre pflegen das heilige Feuer bis zu 25 Jahren, wie Herculano; wieder andre besitzen den Mut, Bände zu produzieren, und was am meisten überrascht, sie fahren fort, Verse zu veröffentlichen, nachdem sie Gesandte und Minister geworden sind. Die große litterarische Strebsamkeit, von welcher alljährlich Ernesto Chardrons „Catalogo geral das edições e obras de fundo“ Zeugnis gibt, muß man indes mit G. Körting („Encyklopädie“, Bd. 3, 588) anerkennen, und von ihr darf man vielleicht auch für die Poesie Portugals trotz Anthero de Quental eine Zeit neuer Blüte erwarten. Vgl. Reinhardstöttner, Aufsätze und Abhandlungen, vornehmlich zur Litteraturgeschichte (Berl. 1887, S. 267 ff.).