MKL1888:Portugiesische Sprache
[263] Portugiesische Sprache. Die p. S., zu deren Gebiet nicht bloß das heutige Königreich Portugal, sondern auch die spanische Provinz Galicien gehört, hat sich, wie ihre romanischen Schwestersprachen, aus der römischen Volkssprache, der lingua latina rustica, wie dieselbe in der betreffenden römischen Provinz gesprochen wurde, gebildet. Am nächsten ist sie der kastilischen oder spanischen Sprache verwandt, nur nahm sie infolge der Erhebung Heinrichs von Burgund auf den portugiesischen Thron eine Anzahl französischer Wörter in sich auf, wogegen sie viel weniger arabische Beimischung als das Kastilische hat. Dabei hat das Portugiesische so viel grammatische Eigentümlichkeiten, daß es keineswegs nur als Dialekt des Kastilischen, sondern als eigne, selbständige Sprache zu betrachten ist. Auch hat das Portugiesische die dem Kastilischen ganz fremden Nasallaute, namentlich in flexibeln Auslauten, während sie die kastilischen Kehllaute in gelinde Zischlaute verwandelt und noch größere Neigung zum Vokalismus durch Brechung der Selbstlaute e und o in ei und ou sowie durch Erweichung und Ausstoßung der Konsonanten im In- und Auslaut hat. Diese Zusammenziehungen sind oft so bedeutend, daß die charakteristischen Laute ganz aus den Wörtern verschwinden, was diesen etwas Weiches und Süßes, aber auch Unmännliches und Kraftloses verleiht. Der Anfang des Vaterunsers lautet: „Pae nosso que estás nos ceos, sanctificado seja o teu nome“. Die p. S. ist noch jetzt eine der ausgebreitetsten. Sie wird in Brasilien, auf den Azoren, an den afrikanischen Küsten und in einigen Städten und Gebieten Ostindiens (Goa, Diu) gesprochen. Die portugiesischen Sprachproben sind fast so alt wie die spanischen (zweite Hälfte des 12. Jahrh.). Von dem von der Akademie der Wissenschaften unternommenen Wörterbuch erschien nur der erste Teil (Lissab. 1793), den Buchstaben A enthaltend. Vollständige Wörterbücher sind die von dem Brasilier Ant. de Moraes Silva (Lissab. 1789; 7. Aufl. von F. A. Coelho, 1878, 2 Bde.) und von Domingos Vieira (Porto 1875, 5 Bde.) verfaßten; ein etymologisches [264] Wörterbuch lieferte Fr. Solano Constancio (das. 1836), der auch eine gute Sprachlehre herausgab (das. 1831). Die beste Grammatik ist jedoch die von Barboza („Grammatica philosophica da lingua portugueza“, 2. Aufl., Lissab. 1830). Einen „Ensaio sobre alguns synonymos da lingua portugueza“ (Lissab. 1824–28, 2 Bde.) lieferte de Santo-Luiz, Beiträge zu einer wissenschaftlich-historischen Grammatik Coelho in den Werken: „Lingua portugueza“ (Coimbra 1868), „Questões da lingua portugueza“ (Bd. 1, 1874), „A lingua portugueza“ (Bd. 1, Porto 1881) u. a. Einen kurzen Abriß einer solchen enthält auch Diez’ treffliche „Grammatik der romanischen Sprachen“. Eine größere wissenschaftliche Grammatik verfaßte Reinhardstöttner (Straßb. 1878). Zur Einführung in das Altportugiesische dient Santa Rosa de Viterbos „Elucidario das palavras, que em Portugal antiguamente se usárão“ (Lissab. 1798–1799; neue Ausg. von Innocencio de Silva, das. 1865). Die brauchbarsten portugiesischen Sprachlehren für Deutsche sind die von Bösche (2. Aufl., Hamb. 1876), Schmitz (Leipz. 1884), Anstett (3. Aufl., Frankf. 1885), Sauer und Kordgien (Heidelb. 1887). Ein „Portugiesisch-deutsches Wörterbuch“ gab Wagner (Leipz. 1811), Handwörterbücher Wollheim da Fonseca (3. Aufl., das. 1884, 2 Tle.), Bösche (3. Aufl., Hamb. 1884, 2 Bde.) und H. Michaelis (Leipz. 1887 ff., 2 Bde.), eine „Chrestomathie nebst Wörterbuch“ Ahlwardt (das. 1808) heraus. Auch die „Pequena chrestomathia portugueza“ von Massarellos (Hamb. 1809) ist nicht ohne Verdienst. Die eigentümlichsten Mundarten des Portugiesischen sind die von Beira und Minho. Eine besondere „Grammatik der brasilianischen Sprache“ verfaßte Platzmann (Leipz. 1874).