MKL1888:Regenwurm

[659] Regenwurm (Lumbricus L.), Gattung der Anneliden oder Ringelwürmer und zwar aus der Unterordnung der Oligochäten oder Wenigborster. Der Körper besteht aus zahlreichen cylindrischen Gliedern, welche an ihren Seiten die kaum aus der Haut hervorragenden Borsten tragen; eine Reihe dieser Segmente, der sogen. Gürtel, enthält mächtige Drüsen, welche bei der Begattung ein zum Zusammenheften der beiden Individuen dienendes Sekret ausscheiden. Der Darm besitzt eine Anzahl Blindschläuche und vorn einen muskulösen Kropf, in welchem (wie bei Hühnern) durch aufgenommene Steinchen die Nahrung gleichmäßig zerrieben wird. Das Nervensystem ist hoch entwickelt. Augen fehlen, indessen ist der R. gegen Licht und mehr noch gegen Erschütterungen des Bodens empfindlich. Besondere Atmungsorgane mangeln, dagegen ist das Blutgefäßsystem viel verzweigt. Das Blut selbst ist rot und enthält farblose Blutkörperchen. Die Regenwürmer sind Zwitter und befruchten sich wechselseitig. Die Eier werden wie bei den Blutegeln in Kokons abgelegt; die Embryonen nähren sich von dem Eiweiß, mit welchem sie umgeben sind, und machen nur eine geringe Metamorphose durch. Bei Lumbricus trapezoides entwickeln sich nach neuern Untersuchungen aus jedem Ei zwei Embryonen, welche eine Zeitlang gleich den siamesischen Zwillingen miteinander verbunden sind. Die Regenwürmer sind nächtliche Tiere, füllen ihren weiten Darm mit humusreicher Erde und modernden Vegetabilien und ziehen Keimlinge und Blätter in die Erde, um sie zu ihrer Nahrung zu verwerten; auch fressen sie Fleisch. Im Winter liegen sie zusammengeballt in größerer Tiefe. Durch das Abfressen junger Pflanzen schaden sie, werden aber in der Art wieder nützlich, daß sie bei ihren Wanderungen im Boden Röhren bilden und mit ihren Exkrementen füllen, den Wurzeln also sowohl das Abwärtswachsen erleichtern, als auch Dünger liefern. Von besonderer Bedeutung sind sie nach Darwin dadurch, daß sie beständig die aus den tiefern Schichten des Bodens stammende Erde durch ihren Darm hindurch nach der Oberfläche befördern, wo sie infolge ihrer lockereren Beschaffenheit leicht vom Wind oder Regen abgeschwemmt wird. Auch unterwühlen sie in dieser Weise den Boden unter Bauwerken und festen Körpern aller Art, die auf solche Weise allmählich im Erdboden versinken. Nach Darwins Berechnung befördern die Regenwürmer in vielen Teilen Englands jährlich auf jede 6 Hektar Landes ein Gewicht von mehr als 25,000 kg Erde an die Oberfläche und bewirken mithin eine ganz erhebliche Mischung der Schichten, wobei der Untergrund mit Humusstoffen, die seine Zersetzung befördern, in Berührung gebracht wird. Ihre natürlichen Feinde sind Maulwurf, Igel, Spitzmaus, Kröten, Frösche, Tausendfüßer, Laufkäfer. Man sammelt sie abends, besonders nach warmem Regen, wenn sie aus ihren Löchern herauskommen, kann sie auch durch Erschütterung des Bodens oder durch Aufgießen einer Abkochung von Walnußblättern hervorlocken. Man benutzt sie als Köder beim Angeln, früher auch als Arzneimittel. Vgl. Hoffmeister, Die bis jetzt bekannten Arten aus der Familie der Regenwürmer (Braunschw. 1845); Perrier, Organisation des lombriciens terrestres (Par. 1874); Darwin, Die Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer (deutsch, Stuttg. 1882).


[699] Regenwurm. Bald nach dem Bekanntwerden der wichtigen Rolle, welche nach Darwins Versuchen die Regenwürmer in Bezug auf die Bewegung und Fruchtbarmachung der obersten Erdschicht spielen, wurden einige Erdwürmer (Riesenwürmer) wärmerer Länder bekannt, welche die unsrigen sowohl an Körpergröße als durch die geleistete Arbeit weit übertreffen. So beschrieb King Regenwürmer von Ceylon, die bei 1,5 cm Durchmesser und 70 cm Länge Erdhaufen von 125 g Gewicht über ihrer Öffnung auftürmten, C. Keller beobachtete auf Madagaskar einen R. (Geophagus Darwinii) von 1 m Länge und Mc Coy einen solchen in Gippsland (Australien), [700] der in manchen Exemplaren die Länge von nahezu 2 m erreicht. Erscheinung und Anatomie dieses Megascolides australis genannten Riesenregenwurms ist im J. 1888 von Professor Balduin Spencer in Melbourne beschrieben worden, und wir erfahren, daß er in manchen Küstenstrecken sehr häufig ist und seine Erdgänge vielfach mit Landkrabben teilt, die eine ähnliche auflockernde und befruchtende Wirkung auf den Boden ausüben (s. Krabben, Bd. 17). Über den Eingängen trifft man 30 cm hohe Erdhügel, doch läßt Spencer unentschieden, ob dieselben der Krabbe oder dem R. zuzuschreiben sind. Man erkennt das Vorhandensein des Regenwurms in einem Boden schon an den schlürfenden und gurgelnden Tönen des unter den Schritten des Menschen die Flucht ergreifenden Tiers, das bloß unter gewissen Vorsichtsmaßregeln unverletzt aus den nur 2–3 cm weiten Röhren herauszubringen ist, weil er sich durch abwechselnde Anschwellungen des Körpers an den verschiedenen Teilen bewegt und in seiner Röhre festhält. Außerhalb der Röhre macht das schlüpfrige, über mannslange Tier einen unbeholfenen Eindruck, und man ahnt nicht die Schnelligkeit, mit der es sich in seinen Röhren bewegen kann. In die Hand genommen, zieht sich der start kreosotartig duftende Wurm kräftig zusammen und wirft aus seinen Hautporen Strahlen einer milchigen Flüssigkeit mehrere Zoll hoch empor, was ihm offenbar nicht allein zum Schlüpfrigmachen der Röhrenwandungen, sondern auch als Verteidigungsmittel dient, denn Vögel weigerten sich, den lebenden wie den toten Wurm zu berühren. Der tote Körper zerfließt bald zu einer öligen Flüssigkeit, welche die Eingebornen als vorzügliches Mittel gegen Rheumatismus rühmen.

In zoologischer Beziehung ist die Bemerkung Spencers interessant, daß diese Riesenerdwürmer Südafrikas, Südasiens und Australiens gewisse anatomische Eigentümlichkeiten aufweisen, die es wahrscheinlich machen, daß sie die letzten Überreste eines einst über die ganze Welt verbreiteten Riesengeschlechts ausmachen, von denen die kleinen Regenwürmer unsrer Zonen verkümmerte Abkömmlinge darstellen. Sie teilen nämlich mit den niedriger stehenden Plattwürmern noch das Netzwerk kleiner Ausscheidungskanäle, welches sich von Segment zu Segment durch den ganzen Körper hinzieht. Bei den höhern Ringelwürmern, zu denen unser R. (Lumbricus) gehört, ist dieses Ausscheidungsnetzwerk durch je zwei röhrenförmige Nierenkanäle in jedem Segment ersetzt; bei den Riesenerdwürmern finden sich eben solche Segmentnieren, aber nur in den hintern Körperabschnitten und noch in Verbindung mit dem erwähnten Netzkanalsystem, so daß sie Anfangsstufen dieser den höhern Würmern eigentümlichen Bildung darbieten. In den Gängen wurden die 3–5 cm langen, je nach dem Alter lichtgelben bis dunkelbraunen Kokons des Wurms, die von einer dünnen, aber zählederigen Haut umschlossen und an einem Ende mit einem deutlichen stielartigen Fortsatz versehen sind, gefunden.


[760] Regenwurm. Über die Beeinflussung der Fruchtbarkeit der Ackerkrume durch die Thätigkeit der Regenwürmer veröffentlicht Wollny („Forschungen auf dem Gebiete der Agrikulturphysik“, Bd. 13, S. 381, Heidelb. 1891) interessante Untersuchungsresultate, aus welchen hervorgeht, daß der wurmhaltige Boden unter gleichen Umständen eine beträchtlich größere Fruchtbarkeit besitzt als der wurmfreie, da die Würmer zur Lockerung, beziehentlich Krümelung des Bodens (humoser Kalksand) wesentlich beitragen. Die Wasser- und Luftkapazität stellte sich prozentisch wie folgt:

Volumen mit Würmern   ohne Würmer
Luft 31,2 8,9
Boden 40,2 42,9
Wasser 28,6 48,2

Infolge der durch die Thätigkeit der Regenwürmer bewirkten Krümelung des Bodens wird die Wasserkapazität vermindert, die Luftkapazität desselben dagegen erhöht. Die Durchlässigkeit für Luft und Wasser ist daher in dem wurmhaltigen Boden beträchtlich größer als in dem wurmfreien, und zwar stellte sich die durchgegangene Luftmenge pro Stunde im Boden mit Regenwürmern zu 430,62 Lit., ohne Regenwürmer zu 3,58 L., die Wassermenge in 10 Stunden zu 74,000, resp. 2930 cbm heraus. Die Kohlensäureentwickelung ist in dem wurmhaltigen Boden eine wesentlich intensivere als in dem wurmfreien, ebenso ist die Menge der löslichen Stickstoffverbindungen und Mineralstoffe in der mit Würmern versehenen Erde größer als in der wurmfreien. Nowacki („Schweizerisches landwirtschaftliches Zentralblatt«, Zürich 1891) kommt mit Bezug auf den R. zu folgenden Sätzen: Die Regenwürmer bewirken eine tiefgehende Durchlöcherung des Untergrundes. Auf 1 qm Wiesen- und Ackerland kommen etwa 5, auf das Gartenland 10 Regenwürmer. In jedem Herbst werden auf der Fläche von 1 qm 5–10 etwa 0,5 cm weite und 1–2,5 m tiefe Röhren durch die Regenwürmer hergestellt. Der Obergrund wird durch die Regenwürmer gepflügt und immer wieder gepflügt. Sie übererden die Grasnarbe der Wiesen mit Kompost. Wenn auch nur eine Schicht von 2 mm angenommen wird, so berechnet sich eine Erdmasse von 20 cbm (= 20 starke Fuhren pro Hektar); diese Überdeckung mit Komposterde wiederholt sich Jahr für Jahr, ohne daß ein Handschlag gethan wird. Die Oberfläche des Wiesen- und Weidelandes wird durch die Regenwürmer von Steinen gesäubert, sie befördern die Tiefbewurzelung der Pflanzen und unterstützen das Gedeihen der Kulturgewächse, indem sie eine Art von Polizei über die kleinsten tierischen und pflanzlichen Lebewesen des Erdbodens ausüben.