MKL1888:Reichard

[673] Reichard, Heinrich August Ottokar, Schriftsteller, geb. 3. März 1751 zu Gotha, studierte in Göttingen, Leipzig und Jena Rechtswissenschaft und ließ sich dann in Gotha nieder, wo er 1775–79 die Leitung des Hoftheaters führte, 1799 zum Kriegskommissionsrat, 1801 zum Kriegsrat, 1825 zum Kriegsdirektor ernannt wurde und 17. Okt. 1828 starb. R. machte sich besonders bekannt und verdient durch die Herausgabe des „Theater-Kalenders“ (Gotha 1775–1800, 25 Bde.) u. des „Theaterjournals“ (das. 1777–1784, 22 Stück) sowie durch seine damals vielbenutzten Reisebücher, namentlich den auch in französischer Sprache erschienenen „Passagier auf der Reise in Deutschland etc.“ (Berl. 1805; 19. Aufl. 1861, 2 Bde.). Seine Poesien, Novellen, Almanache, Übersetzungen u. dgl. waren bald vergessen. Dagegen erfreuten sich die von ihm herausgegebenen periodischen Schriften: „Nouveau Mercure de France“ (1776–96 unter verschiedenen Namen), „Olla Potrida“ (1778–1800) und „Bibliothek der Romane“ (1775–94) eines langen Lebens. Seine interessante Selbstbiographie veröffentlichte Uhde (Stuttg. 1877).


[700]  Reichard, 2) Paul, Afrikareisender, geb. 2. Dez. 1854 zu Neuwied am Rhein, studierte auf dem Polytechnikum in München, trat aber bald in das kaufmännische Geschäft seines Vaters ein. Schon lange von dem Wunsch erfüllt, Afrika zu durchforschen, schloß er sich, als die Afrikanische Gesellschaft in Deutschland mit Unterstützung des Deutschen Reichs und des Königs der Belgier im äquatorialen Ostafrika eine Station zu wissenschaftlichen Zwecken zu gründen beschloß, bereitwilligst unter einer Beisteuer von 50,000 Mk. der Expedition als Freiwilliger an, welche 1880 unter Führung des Hauptmanns Schöler mit Kaiser als Topographen und Böhm als Zoologen Deutschland verließ. Ende Juli fand der Abmarsch mit 235 Trägern und 30 Askari von Bagamoyo statt, im November wurde in Unjamwesi die Station Kakoma angelegt, die man aber schon nach 9 Monaten nach Igonda, der weiter nordwestlich gelegenen Hauptstadt von Uganda, verlegte. Aber auch dieser Platz erwies sich für die Zwecke der Expedition als ungeeignet, man beschloß nun, einen passendern weiter westwärts zu suchen. Kaiser brach 1. Sept. 1882 auf, starb aber kurz darauf am Rikwasee. Darauf ging R. mit Böhm nach Karema, gründete, während dieser krank war, die Station Mpala an der Lufukomündung am Westufer des Tanganjika. Darauf drang R. mit Böhm durch die Landschaft Katanga, die vom Häuptling Msiri beherrscht wird, in südwestlicher Richtung bis gegen den 26.° östl. L. v. Gr. vor, wo sie den Ugambasee entdeckten und Böhm 27. März 1884 starb. R. versuchte nun, Katanga in südlicher Richtung zu durchwandern, um zu den Quellen des Lualaba und Lufira zu gelangen, wurde aber durch die feindlichen Warambo zur Umkehr gezwungen und wandte sich nun nach Unkäa, der Residenz Msiris, der jetzt aber feindselig auftrat, so daß R. nur mit Waffengewalt und unter den größten Beschwerlichkeiten und Gefahren seinen Rückzug nach dem Tanganjika ausführen konnte. Leider mußte R. in einem gefährlichen Augenblick alle Sammlungen verbrennen lassen. Am 30. Nov. gelangte R. zum Tanganjika, setzte 18. Febr. 1884 nach Karema über und kehrte von dort über Igora und Tabora nach Sansibar und von da nach 51/2jähriger Abwesenheit nach Deutschland zurück. Hier suchte er im Februar 1886 um das Protektorat für die von ihm westlich vom Tanganjika gemachten Landerwerbungen nach, doch konnte die Reichsregierung diesem Wunsch nicht entsprechen, da das betreffende Gebiet in den Bereich des Congostaats gehört.