MKL1888:Renaissance

[724] Renaissance (franz., spr. rö̆näßāngs, „Wiedergeburt“), in der Kunstgeschichte Bezeichnung der seit dem Anfang des 15. Jahrh. aufgekommenen Kunstrichtung, welche die Wiedergeburt der alten Kunst im Anschluß an die Überreste derselben, besonders der Baudenkmäler, anstrebte. Brunellesco, Ghiberti und Donatello waren die Bahnbrecher dieser Richtung, welche jedoch schon im 13. und 14. Jahrh. in den Pisani, in Giotto u. a. Vorläufer gehabt hatte (Protorenaissance). Zur Nachahmung der antiken Kunst gesellte sich im 15. Jahrh. das Wiedererwachen des Naturgefühls, welches ein mächtiges Moment in der Entwickelungsgeschichte der R. ausmacht. Den ersten Abschnitt derselben in der italienischen Kunstgeschichte nennt man Frührenaissance (etwa bis 1500). Die Zeit von ca. 1500 bis 1560 bezeichnet man als Hochrenaissance und die folgende, etwa bis 1600 reichende Periode als Spätrenaissance, die allmählich bereits in den Barockstil übergeht. In Frankreich und Deutschland vermischte sich der antike Stil mit nationalen Elementen, welche in der ersten Epoche der R., der Frührenaissance, naturgemäß stärker hervortraten als in der zweiten Periode, der Spätrenaissance, welche die antiken Formen üppiger und kräftiger ausbildete und so zu den Übertreibungen des Barockstils führte. Während in Italien der Geist der R. alle drei Künste gleichmäßig durchdrang, sind in den übrigen Ländern nur Bau- und Bildhauerkunst von der Antike beeinflußt worden. Eine nationale Umwandlung hat die R. auch in den Niederlanden, in England und in Spanien erfahren. Näheres s. bei Baukunst (mit Tafeln XI u. XII), Bildhauerkunst und Malerei; ferner die Tafeln „Wohnhaus I“ u. „Ornamente III“. Nachdem die R. ihren letzten Ausläufer in der Kunst des Rokoko (s. d.) gefunden, erfolgte eine Reaktion durch strengen Anschluß an die römische und griechische Antike, welche man allmählich in ihrer Reinheit erkennen lernte. Die Nachahmung derselben (besonders durch Schinkel u. Klenze und ihre Nachfolger in Deutschland) führte aber schließlich zu übergroßer Nüchternheit, welche man seit dem Beginn der 60er Jahre durch erneuten Anschluß an die R. zu überwinden suchte. Die alleinige Herrschaft der R. in der Architektur und im Kunstgewerbe dauerte aber nur bis etwa 1880. Seit dieser Zeit machen sich wieder starke Neigungen für Barock- und Rokokokunst geltend. – Im weitern Sinne nennt man R. die Wiedergeburt des klassischen Altertums in seinem Einfluß auf die Wissenschaft, die Litteratur, die Gesellschaft, das Leben der vornehmen Kreise und die Entwickelung der Menschen zu individueller Freiheit im Gegensatz zu dem Ständewesen des Mittelalters. Vgl. außer den bei „Baukunst“ etc. angeführten Werken: Burckhardt, Die Kultur der R. in Italien (4. Aufl., Leipz. 1885); Voigt, Die Wiederbelebung des klassischen Altertums (2. Aufl., Berl. 1880); Janitschek, Die Gesellschaft der R. in Italien (Stuttg. 1883); Biese, Die Entwickelung des Naturgefühls im Mittelalter und der Neuzeit (Leipz. 1887).