MKL1888:Ruhla

[20] Ruhla (im Volksmund die Ruhl), Flecken im Thüringer Wald, nordwestlich vom Inselsberg, an der Eisenbahn Wutha-R., 329 m ü. M., zieht sich ziemlich eine Stunde lang in einem engen Thal hin und besteht aus zwei durch einen Bach (Erbstrom) geschiedenen Teilen: einem sachsen-weimarischen, zum Amtsgericht Eisenach gehörigen, mit (1885) 2146 Einw., und einem sachsen-koburg-gothaischen, zum Amtsgericht Thal gehörigen Teil mit 2683 Einw. Beide Teile haben ihre besondern Kirchen und Schulen, der weimarische Teil ein großherzogliches Jagdschloß und eine besuchte Badeanstalt (Mineral- und Fichtennadelbad, Molken- und Kaltwasserheilanstalt), der gothaische Teil eine Gewerbeschule. R. ist einer der lebhaftesten Fabrikorte Thüringens, und zwar ist der Haupterwerbszweig die Fabrikation von Tabakspfeifenköpfen (von echtem und unechtem Meerschaum und Holz), Zigarrenpfeifen und -Spitzen (ebenfalls von Meerschaum), die nach allen Teilen der Erde abgesetzt werden, ferner von Pfeifenbeschlägen, Furnieren, Etuis und Portemonnaies, Eisen- und Stahlwaren, Bergbau auf Eisenerze etc. Die malerischen Umgebungen (darunter der 647 m hohe Ringberg mit dem Karl Alexander-Turm) haben den Ort zu einer beliebten Sommerfrische namentlich der Norddeutschen gemacht. — R., dessen Einwohner in Sitten und Gebräuchen, Tracht und Dialekt viel Originelles bewahrt haben, kommt urkundlich schon im 12. Jahrh. vor. Die frühsten Bewohner waren Eisenarbeiter, besonders Waffenschmiede (allbekannt ist die Sage vom »Schmied von R.«), dann Messerschmiede, deren Gewerbe an drei Jahrhunderte blühte, später aber in Verfall geriet, worauf die Pfeifenfabrikation nach und nach sich entwickelte. Vgl. Ziegler, Das Thüringerwalddorf R. (4. Aufl., Dresd. 1876); Sax, Hausindustrie in Thüringen, Heft 2 (Jena 1884).