MKL1888:Wechselseitiger Unterricht
[466] Wechselseitiger Unterricht (gegenseitiger Unterricht), diejenige Einrichtung der Volksschulen, nach welcher die vorgerücktern Schüler unter Oberaufsicht eines Lehrers die schwächern unterrichten, wodurch es möglich wird, mit verhältnismäßig geringen Kosten eine ungewöhnlich große Anzahl Schüler unter Einem Lehrer zu beschulen. Der wechselseitige Unterricht, zu dem die Not in überfüllten Schulen in engern Grenzen schon immer gedrängt hatte, wurde durch den Schotten Andrew Bell (s. d. 1) und den Engländer Joseph Lancaster (s. d. 2) gegen Ende des vorigen Jahrhunderts fast gleichzeitig und übereinstimmend nach einem festen Plane neu gestaltet. Die Schüler werden in kleinere Klassen geteilt, deren jede durch einen geübtern Schüler in den nötigsten Fertigkeiten, wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Auswendiglernen, so weit geübt wird, als dieser sie selbst vorher von dem Lehrmeister erlernt hat; die geübtesten und moralisch zuverlässigsten Schüler führen wieder als Obergehilfen die Aufsicht über die Unterlehrer und deren Klassen. Der Lehrer unterrichtet nur die Gehilfen, wacht über den planmäßigen Gang des Ganzen und handhabt die Zucht. Die Bell-Lancastersche Methode wurde im Anfang nach ihrem Hervortreten vielfach überschätzt; namentlich glaubte man in den Ländern, deren Schulwesen noch weit zurückstand, wie Portugal, Spanien, Griechenland, mit ihrer Hilfe der Volksbildung aufhelfen zu können. Bevorzugte Pflege fand der wechselseitige Unterricht in Dänemark unter Friedrich III. durch den Obersten Abrahamson und, mit wesentlicher Anbequemung an Pestalozzis Grundsätze, in Schleswig-Holstein (Normalschule zu Eckernförde). Aber auch in den übrigen deutschen Staaten sind durch Harnisch, Zerrenner, Stern u. a. vielfache Versuche angestellt worden, die wechselseitige Schuleinrichtung für die deutsche Volksschule fruchtbar zu machen. Heftig bekämpft ward sie von Diesterweg. Nach und nach ist man zu der richtigen Schätzung derselben zurückgekehrt. Die neuere Pädagogik hat aus ihr nur den sogen. Helferdienst der größern Schüler in überfüllten Klassen beibehalten. Vgl. Bell, An experiment in education (Lond. 1797; zuletzt u. d. T.: „Elements of tuition“, das. 1812; deutsch von Tilgenkamp u. d. T.: „Bells Schulmethode“, Duisb. 1808); Lancaster, Improvements in education (Lond. 1803) und „The British system of education“ (das. 1810); Hamel, Der gegenseitige Unterricht (Par. u. Leipz. 1818); Natorp, Bell und Lancaster (Essen 1817); Harnisch, Ausführliche Darstellung des Bell-Lancasterschen Schulwesens (Bresl. 1819); Zerrenner, Wesen und Wert der wechselseitigen Schuleinrichtung (Magdeburg 1832); Diesterweg, Bemerkungen und Ansichten auf einer pädagogischen Reise nach den dänischen Staaten (Berl. 1836). Über Spuren ähnlicher Einrichtungen im Altertum vgl. Grasberger, Unterrichts- und Erziehungswesen der Griechen und Römer, Bd. 2, S. 147 ff. (Würzb. 1875).