MKL1888:Zwickau

[1015] Zwickau, 1) Hauptstadt der gleichnamigen sächs. Kreishauptmannschaft, in einem anmutigen Thal und am linken Ufer der Zwickauer Mulde, Knotenpunkt der Linien Z.-Chemnitz, Werdau-Z., Z.-Ölsnitz und Z.-Schwarzenberg der Sächsischen Staatsbahn, 288 m ü. M., ist in seinem ältern Teil unregelmäßig gebaut

Wappen von Zwickau.

und von altertümlichem Aussehen. Unter den 6 Kirchen (worunter eine neue katholische) zeichnet sich die seit 1451 im reinsten gotischen Stil erbaute, 1839–42 renovierte schöne Marienkirche mit einem 87 m hohen Turm, der größten Glocke Sachsens, mehreren alten Grabdenkmälern und trefflichen altdeutschen Gemälden (von Wolgemut und Lukas Cranach dem jüngern), einem sehenswerten, angeblich von Adam Krafft in Holz geschnitzten Flügelaltar und einer kunstvollen Holzschnitzerei (das Heilige Grab) von 1507 aus. 1884 ist mit einer umfassenden Restauration der Außenseiten und mit Aufstellung zahlreicher Statuen an denselben begonnen worden. Die Katharinenkirche (an welcher Thomas Münzer von 1520 bis 1522 Prediger war), ebenfalls im gotischen Stil erbaut, ist mit wertvollen Gemälden von Hans von Kulmbach geziert. Sonst sind zu nennen: das Rathaus (von 1581, mit dem Ratsarchiv, welches auch das von Hans Sachs geschriebene Manuskript einer größern Anzahl Bände seiner Gedichte enthält), das in spätgotischem Stil 1522–24 erbaute Gewandhaus (als Theater und zu Konzerten benutzt), das Schloß Osterstein (jetzt Strafanstalt für ca. 1100 männliche Gefangene), das Gymnasial- und Realgymnasialgebäude (vor ersterm das Kriegerdenkmal), das Gebäude der Reichspost etc. Bemerkenswert sind auch: das Geburtshaus des Komponisten Robert Schumann am Markt und ein andres Haus daselbst, in welchem Luther und Melanchthon bei ihrer Anwesenheit in Z. wohnten. Die Zahl der Einwohner belief sich (1885) mit der Garnison (ein Infanteriereg. Nr. 133) auf 39,243 Seelen, darunter 37,850 Evangelische und 1068 Katholiken. Z. ist Mittelpunkt des Steinkohlenbergbaues im Erzgebirge (s. das Profil auf Tafel „Steinkohlenformation III“). Die Kohlenlager, etwa 8 qkm im Umfang und 7–17 m mächtig, welche die Hauptquelle des Reichtums der ganzen Gegend bilden und sich außer dem Weichbild der Stadt namentlich noch auf die Fluren der Umgegend verbreiten, werden zwar schon 1348 erwähnt, aber erst seit 1823 im großen ausgebeutet. Gegenwärtig sind über 80 Gruben mit einer Arbeiterzahl von mehr als 8000 im Betrieb, die Produktion beträgt über 21/2 Mill. Ton. jährlich. Außerdem hat Z. chemische und Steinzeugwaren-, [1016] Porzellan-, Glas-, Neusilberwaren-, Segeltuch-, Maschinen-, Kessel-, Armatur-, Draht- und Hanfseil-, Treibriemen-, Farbewaren-, Papier-, Strumpfwaren-, Portefeuille-, Handschuh-, Blechlöffel-, Kokosfaserwaren- und Lampenfabrikation, viele große Ziegeleien, eine große Dampfschneidemühle, Metallgießerei, Vigognespinnerei, Woll- u. Baumwollzeugweberei, Gerberei, Färberei, Faßfabriken, Koksanstalten, Gärtnerei, Kunsttischlerei, Bierbrauerei etc. Der Handel, unterstützt durch eine Reichsbanknebenstelle, eine Filiale der Sächsischen Bank, die Zwickauer Bank und andre Geldinstitute sowie durch eine Börse (hauptsächlich für Kohlenaktien), ist sehr lebhaft, besonders in Getreide, Leinen, Wolle, Steinkohlen, Ziegeln etc. Allwöchentlich finden zweimal besuchte Wochenmärkte statt. An Bildungs- und ähnlichen Anstalten hat Z. ein Gymnasium mit einer für die Reformationsgeschichte wertvollen Bibliothek (20,000 Bände), ein Realgymnasium, eine Handels- und eine Bergschule, ein Waisenhaus, einen Kunstverein, eine mineralogisch-geologische Sammlung (Richterstiftung) etc. Die städtischen Behörden zählen 11 Magistratsmitglieder und 30 Stadtverordnete. Sonst ist die Stadt Sitz einer Kreis- und einer Amtshauptmannschaft, eines Landgerichts, eines Hauptsteueramtes, einer Berginspektion und andrer Behörden. In der Umgebung sind bemerkenswert: der an der Südwestseite der Stadt gelegene Stadtpark mit dem Schwanenteich und dem Schwanenschlößchen und der Windberg mit hübscher Aussicht. Wichtige Orte im Steinkohlenrevier sind: Bockwa mit Ziegelbrennereien u. 2079 Einw., Schedewitz mit Kammgarnspinnerei, Fabrikation von Halbwollwaren und 5728, Reinsdorf mit 4953, Niederkainsdorf mit dem großen Eisenhüttenwerk Königin Marien-Hütte (Fabrikation von Bessemerstahl und Eisenbahnschienen) und 3067, Niederplanitz mit der schönsten Dorfkirche Sachsens (in welcher Gemälde von Lukas Cranach), einem Schloß mit Park und 7328, Oberplanitz mit 5211, Oberhohndorf mit Porzellanfabrik und 1426, Wilkau mit Kammgarnspinnerei, Zuckerwarenfabrikation, Bierbrauerei und 5309 und Marienthal mit Weberei und 3696 Einw. Sämtliche Orte haben Steinkohlenbergbau. – Zum Landgerichtsbezirk Z. gehören die 16 Amtsgerichte zu: Eibenstock, Glauchau, Hartenstein, Hohenstein-Ernstthal, Johanngeorgenstadt, Kirchberg, Lichtenstein, Lößnitz, Meerane, Schneeberg, Schwarzenberg, Waldenburg i. S., Werdau, Wildenfels und Z. – Z. (fälschlich durch Cygnea, „Schwanenstadt“, erklärt) ist sorbischen Ursprungs und blühte bald empor, da es an der Handelsstraße lag, die von Sachsen nach Böhmen führte. Schon um 1030 erscheint es als Stadt, gehörte ursprünglich dem Osterland, dann dem Pleißengau an und war einem Vogt unterstellt, weil es unmittelbar zum Reiche gehörte. Markgraf Heinrich der Erlauchte von Meißen erhielt die Stadt zunächst als Unterpfand für die Mitgift bei der Verlobung seines Sohns Albrecht mit Margarete, Kaiser Friedrichs II. Tochter. Dennoch behielt Z. eigne Verwaltung. 1311 und 1323 ward der Pfandbesitz den Markgrafen von Meißen neu bestätigt, von Karl IV. jedoch in ein Lehen verwandelt. 1403 wurde die ganze Stadt ein Raub der Flammen. Wieder aufgebaut, entfaltete sie sich zu immer größerer Blüte, namentlich nach der 1470 erfolgten Entdeckung der Schneeberger Silberbergwerke. Die Reformation ward schon 1521 eingeführt, und von hier ging die Sekte der Wiedertäufer (s. d.) aus. Durch den Dreißigjährigen und Siebenjährigen Krieg wurden der Stadt tiefe Wunden geschlagen, von denen sie sich erst in neuester Zeit wieder erholt hat. Vgl. Herzog, Chronik der Kreisstadt Z. (Zwick. 1839–1845, 2 Bde.); Derselbe, Geschichte des Zwickauer Steinkohlenbaues (Dresd. 1852); Derselbe, Geschichte des Zwickauer Gymnasiums (Zwick. 1869); „Beschreibende Darstellung der ältern Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen“, Heft 12 (Dresd. 1889).

Die Kreishauptmannschaft Z. (s. Karte „Sachsen“) umfaßt 4619 qkm (83,89 QM.) mit (1885) 1,190,849 Einw. (darunter 1,170,081 Evangelische, 16,448 Katholiken und 979 Juden) und besteht aus den 10 Amtshauptmannschaften:

  QKilom. QMeilen Einwohner
(1885)
Einw. auf
1 QKilom.
Annaberg 434 7,88 93032 215
Auerbach 427 7,76 77924 183
Chemnitz (Stadt) 15 0,27 110817
Chemnitz 497 9,03 166450 335
Flöha 404 7,34 77231 191
Glauchau 316 5,74 128874 313
Marienberg 404 7,34 59090 146
Ölsnitz 457 8,30 53114 116
Plauen 543 9,86 123264 227
Schwarzenberg 511 9,28 95233 186
Zwickau 610 11,08 205820 337

2) (Böhmisch-Z.) Stadt in der böhm. Bezirkshauptmannschaft Gabel, an dem Flügel Röhrsdorf-Z. der Böhmischen Nordbahn, hat ein Bezirksgericht, Baumwollweberei, Färberei, Bierbrauerei und (1880) 5124 Einwohner.