Madrid; die Strasse Alcala
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DIE ALCALA IN MADRID
Gruppen ärmlicher Häuser, ein hölzernes, von Wind und Wetter hart mitgenommenes Kreuz, auf dessen Armen einige Kiesel liegen, andeutend das Gebet eines frommen Wanderers für die arme Seele eines Ermordeten; dann und wann ein Zöllnerhäuschen mit Schlagbaum, ein ferner Blick auf die kühn aufstrebende, schneebedeckte Sierra, zuweilen eine glänzende Vista über die dürren, wie ein Meer in Wellenlinien sich hinziehenden Ebenen Neucastiliens, in langen Zwischenräumen die weißen, mehr abstoßenden als anziehenden Häuserwände eines Dorfes, welche die Sonnenstrahlen schmerzhaft-blendend zurückwerfen, und jene widerliche Monotonie der Fernen, welche die völlige Baumlosigkeit noch mehr heraushebt, – das ist die Landschaft, in deren Mitte Karl V. in unbegreiflicher Laune die Hauptstadt seines Reichs gebaut, in welchem damals die Sonne nicht unterging. Nur Roms Campagna kann einigermaßen einen Vergleichpunkt abgeben. Der Reisende, der anfänglich seinen Augen kaum getraut hat, wird endlich ganz muthlos und spannt seine Erwartungen um so tiefer herab, je höher er sie früher geschraubt hatte. Endlich kömmt er an eins der Klöster, welche wie ein Gürtel auf allen Höhen die Hauptstadt umfassen. Todtenstille herrscht – geschlossen sind Fensterläden und Thüren – vor den Thoren, zwischen den Steinsitzen vor denselben, wächst hohes Gras. Aber nur wenige Minuten noch – und Dome und Kuppeln und hochemporgipfelnde Glockenthürme springen, wie auf den Schlag einer Zauberruthe, aus dem Boden, wie silbern strahlen die Zinn- oder Bleidächer etc.; und entzückt ob der Verwandlung, vergißt der Reisende gern die hinter ihm liegende Oede. Einige Schritte weiter, und der großartige Palast des Herzogs von Alba mit seinen Gärten, die ungeheuere Masse des Jesuiten-Collegiums und die Königsburg, die sich stolz aufrichtet aus dem dunstumhüllten Häusergewühl, sie werden kenntlich und verkündigen die unmittelbare Nähe des Ziels.
Im Einklang damit steht der Eingang der Straße von Alcala de Henares; er entspricht völlig der glänzendsten Vorstellung von der Hauptstadt eines so großen Reichs. Noch vor dem Thore von Alcala fesselt die unermeßliche Rotunda für die Stiergefechte auf der rechten Seite die Aufmerksamkeit; – jedoch sie erfreut nicht, denn sie versperrt die schönste Aussicht auf die Stadt. Sodann fällt der Blick auf die [71] Porta triumphalis der Alcala und durch die unermeßlichen Bogen schweift er die ganze unabsehbare Straße entlang, welche mit den herrlichsten Gebäuden und öffentlichen Denkmälern zu beiden Seiten prangt. Zugleich kann man die Privatgärten und Parkanlagen des Retiro überschauen, deren Pagoden, Thürmchen, Kiosks und Tempelchen aus Baumgruppen ragen.
Auf der Alcala legt sich die spanische Eitelkeit in glänzenden Equipagen und einer Fülle von betreßten Bedienten, Lakayen, Heiducken und Jägern zur Schau aus. Besucht der Reisende ein oder das andere Caffeehaus dieser Straße, um eine Schale Eis oder Chokolade zu schlürfen, so hat er das Nobelste dieser Art gesehen, was die Hauptstadt Spanien’s bieten kann. Dennoch wird er es unter der Mittelmäßigkeit finden, wenn er den Pariser oder Berliner Maaßstab anlegt. Die Gasthöfe sind schlecht und theuer, und wer einen längern Aufenthalt beabsichtigt, thut wohl, sich sogleich in einem der Casas de huespedes, welche den Board and Lodging-Houses in London, oder den Hôtels garnies der Pariser entsprechen, einzuwohnen, wo er für 2 bis 3 Pesos die Woche ein paar mit Estrich oder Backsteinen belegte lichte Zimmer (Salon und Cabinet) und das nöthigste Ameublement findet. Letzteres besteht fast immer aus 2 Tischen, ½ Dutzend Stühlen und einem Kanapee von Kirschbaumholz, mit Binsen überflochten, einer Komode und einem Bett mit Matratzen. Die wohlgeweißten Wände sind häufig mit colorirten Lithographien in Mahagonyrahmen geschmückt, meistens Scenen aus dem Freiheitskriege vorstellend. Heiligenbilder sind fast überall verschwunden. Für Comfort kennt der genügsame Spanier so wenig den Namen, als den Begriff; doch gewöhnt man sich leicht an die nationale Frugalität. Eine sehr kleine Tasse Chokolade und ein Stück Brod ist das allgemeine Frühstück. Gewöhnlich wird sie im Bette genommen, dann aufgestanden und im tiefsten Negligé zum Balkon geschlendert, um mit den übrigen Hausgenossen eine Viertelstunde die frische Luft zu genießen. Man macht dann seine Toilette, raucht eine Cigarre, liest das Tageblatt, und so kommt eilf Uhr herbei, wo man das Dejeuner nimmt, das aus einigen Schnittchen Brod, kaltem Fleisch und einem Glas Wein besteht. Man besorgt dann seine Geschäfte bis um zwei Uhr, die Zeit des Mittagsessens. Dieses besteht unabänderlich aus einer sehr nahrhaften Suppe (gemeinlich Reis in Bouillon gekocht), einer Platte Geflügel oder gekochtem Rindfleisch, Gemüse (gemeinlich Kichererbsen) mit rothen Würstchen als Beilage, und das Ganze schließt mit einem Desert aus Trauben, Nüssen oder Käse. Nun sinkt das ganze Haus in die tiefste Ruhe – es ist die Zeit der Siesta. Die Zwischenperiode bis zur Stunde, wo sich das Theater öffnet, gehört wieder den Geschäften; nach dem Theater wird zu Abend gegessen – und man wird jedesmal guisado, geschmortes Rindfleisch, erwarten, wenn man am seltensten irren will. Damit ist der Madrider Tag zu Ende. Die nämliche Einfachheit stempelt das Leben der reichern Familien; nur mit dem Unterschied, daß ein Mann, der seine 3–4000 Pesos jährlich zu verzehren hat, und doch für den Haushalt kaum 1200 gebraucht, 4 bis 5 Pesos täglich [72] für eine Equipage und ein paar betreßte, faullenzende Lackayen ausgibt, und mit der größten Ruhe gelegentlich im Monte einige hundert Pesos verliert, oder eben so viel an eine Gasterei wendet, bei der sich Jedermann langweilt.
In der über ½ Stunde langen Alcalastraße, obschon sie an Palästen reich ist, sind doch auch eine Menge ganz gemeiner Wirthshäuser (Osterias), wo die Maulthiertreiber und Frachtfuhrleute aus den Provinzen einkehren, weshalb man hier den Vortheil hat, vielerlei Standes-Nüançen der Bevölkerung eines Blicks zu beobachten. In Gesellschaft der Familie eines Grands auf dem Balkone seines Palastes hört man die rauhe, kräftige Sprache jener Menschenklassen, das Klingen der Maulthierglocken, und darein schallt der Lärm aus einer Weinstube im Hause gegenüber. Dort auf der Höhe der Straße, wo man die Aussicht nach dem Prado und der Puerta del Sol frei hat, trifft man auch jene stämmigen Bursche mit patzigen Gesichtern, weit hinausstehenden Schnurrbärten und spitz zulaufenden Hüten an, tief in Mäntel gehüllt, welche, wenn sie sich gelegentlich öffnen, bunt gestickte Westen und Jacken und ein glänzendes seidenes Tuch zeigen, das, um den Hals gelegt, ein goldner Ring zusammenhält. Sie finden sich gemeinlich Morgens und Abends ein und stehen mit den Hausknechten der Gasthäuser auf vertraulichem Fuße, von denen sie Namen und Stand der Reisenden, die Qualität ihres Gepäckes etc., Route und Zeit ihrer Abreise auskundschaften. Man möchte sie für Agenten der geheimen Polizei ansehen – sie sind jedoch nicht ganz so schlecht – es sind blos Caballeros Ladrones, Stegreifritter, deren die Bürgerkriege viele geschaffen haben. Sie gehen ihrem ehrsamen Gewerbe nach, und sie sind es auch, welche die Gegend von Madrid mit den hölzernen Kreuzen zieren, die wir oben erwähnten.
Eine andere Scene bieten die Galeras (Lastwagen), deren lange Züge mit ihren Mattendächern, der schwerfälligen Bauart, den entsetzlich großen Radschleifen, den wild aussehenden, kräftigen Menschen, dem misanthropischen Hund zwischen den Rädern und den hinten aufgepackten eisernen Töpfen und Kesseln, sich recht malerisch ausnehmen. Sie machen einen artigen Contrast zu den leicht dahin fliegenden glänzenden Equipagen, und geben Zeugniß von den schlechten Wegen und der Oede der Madrider Campagna, welche sogar den Kärner aus der Provinz nöthigt, seine Küche mit auf die Reise zu nehmen.