Mai (Müller)


[56]
 Mai.


Ich möchte schweigend, Lieber, dich umfangen,
Gehüllt in süße, bange Dämmerungen.
Es wird so viel zu meinem Preis gesungen,
Daß mir die Lust am Liede fast vergangen.

5
Wärst du so heiß von seligem Verlangen,

Wie eine Lilie, deren weiße Zungen
Den langen Tag nach kühlem Trost gerungen,
Bis daß sie müd’ und matt zur Erde hangen:

Komm her zu mir, ich gebe dir zu trinken,

10
So viel du magst, mein treuer deutscher Zecher,

Aus meinem bodenlosen Liebesbecher!

[57]
Siehst du die hellen Thauestropfen blinken

Dort an den Lilien in der Morgensonne?
Wie mäßig schaltet ihr mit meiner Wonne!