Martinique

[3782]

Martinique.

Wenn Luft sich machen unterird’sche Gluthen
Und rings der Donner ihres Zornes schreckt,
Wenn Aschenregen und der Lava Fluthen
Die blühenden Gelände überdeckt,

5
Wenn der Vulkan in seinem blinden Rasen

Ins Thal den Hagel heißer Trümmer schickt,
Wenn tückisch er mit seinen gift’gen Gasen
Zu Tausenden die Flüchtenden erstickt ―

Dann faßt die Menschheit ein gewalt’ger Schauer

10
Und manche Wange wird vor Mitleid blaß;

Auf allen Herzen lastet schwere Trauer
Und weicher Menschen Augen werden naß;
Und überall wird tief und schwer empfunden
Als ein vernichtender, gewalt’ger Schlag

15
Das düstre Unheil, dem in schwarzen Stunden

Die schöne Insel fern im Meer erlag.

Und doch ist das, was in gespenst’ger Schnelle
Die Tausende versenkt in bittern Tod,
Nur eine einz’ge, eine kleine Welle

20
In einem Meer des Grames und der Noth,

Und die um Mitleid für die Insel werben,
Die jäh zum Friedhof das Geschick gemacht,
Sie lassen kühl und ungerührt verderben
Millionen Brüder in des Elends Nacht.

25
Das Elend wimmelt in den engen Gassen,

Verkommen, hungrig, rußig und verstaubt,
Doch hat den Reichen dieses Loos der Massen
Nur eine Stunde je des Schlafs geraubt? ―
So sammelt denn mit christlichem Erbarmen,

30
Mit frommen Worten und umflortem Blick

An allen Ecken gründlich für die Armen,
Die heute übrig noch auf ― Martinique.
                                                                           R.L.

Anmerkungen (Wikisource)

  • Das Gedicht entstand, nach dem am 8. Mai 1902 auf Martinique, einer Karibikinsel, der Vulkan Montagne Pelée ausgebrochen war.