Meißner Künstler:Ludwig Haach
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[35] Ludwig Haach’s[1] Vater, Johann Samuel Haach, war [36] Kreisrentamtsexpeditor in Meißen und zuletzt Kalkulator bei der Meißner Kreisdeputation nach Dresden versetzt, wo er 1813 starb. In seinem Todesjahr wurde sein Sohn Ludwig am 3. November geboren. Die Mutter, in dürftigen Verhältnissen, zog zu den ihrigen nach Meißen zurück, wo der Knabe nach Beendigung der Schulzeit in die Zeichenschule der Manufaktur aufgenommen wurde. Nach dem Wunsche seiner Mutter sollte er sich als Porzellanmaler ausbilden, um sie und sich zu versorgen. Er widerstrebte entschieden; denn er fühlte einen höheren Beruf in sich. Seine Liebe zur Kunst fand in der Dresdner Galerie reiche Befriedigung. Gleicherweise wie Crola eilte er an freien Tagen die Elbufer entlang, studierte bis zur Stunde des Schließens in den Sälen der Galerie und wanderte dann wie ein Träumender wieder nach Meißen zurück. Einigen Erwerb fand er in seiner gedrückten Lage durch einen Tischler in der Umgegend der Stadt, dem er die Särge, die derselbe zu fertigen hatte, mit Epheu- und Immergrüngewinden schmückte. Diese Malerei wurde so beliebt, daß der Tischler Aufträge weit und breit her bekam und der junge Haach lohnenden Verdienst. Als einstmals ein reicher Gutsbesitzer gestorben war, sollte auch dessen Sarg durch Haachs Kunst geschmückt werden. Der Verstorbene war stets ein großer Freund der Reben gewesen und hatte seinen Tod auch dadurch herbeigeführt; daher schmückte der junge Maler in einem Anfluge von Humor den Sarg anstatt mit den üblichen Gewinden mit Rebenranken. Bei der Beerdigung erst bemerkte die Trauerversammlung das ungewöhnliche Laubgewinde und die Verwandtschaft des Toten sah darin eine unerhörte Beleidigung. Der arme Haach verlor sofort seine Kundschaft. Da entschloß er sich kurz; er packte seine Habe zusammen und zog in ein ärmliches Dachstübchen in eine der Dresdner Vorstädte. So stand er denn allein auf sich angewiesen, zur Zeit in denkbar drückendster Lage, aber reich an Hoffnung auf die Zukunft. Ludwig Richter, zu dessen ersten Schülern in Meißen Haach gehört hatte, nahm sich des Jünglings an und verschaffte seinen Leistungen Anerkennung. Im Jahre 1835 erhielt er mit anderen den Auftrag, die Räume des Königl. Antikenkabinets im japanischen Palais im pompejanischen Stile auszumalen; eine eigene künstlerische Thätigkeit konnte er dabei nicht entfalten, da die Entwürfe gegeben waren. Anders war es, als der Leipziger Buchhändler Barth die Ausschmückung eines Saales in seinem Hause ihm übertrug mit voller Freiheit der Erfindung der Bilder. Er sollte sich nur an die Darstellung des häuslichen, geselligen Menschenlebens halten. Dieses sein erstes selbständiges Werk – wie ein gemaltes [37] Lied von der Glocke, fand allseitiges Lob. Der sächsische Hof zeigte gleichfalls Interesse für den jungen Künstler; man übertrug ihm bei verschiedenen festlichen Gelegenheiten die Anfertigung von Beleuchtungsbildern, und der König bewilligte ihm eine Reiseunterstützung für Düsseldorf und Paris. Dadurch wurde dem Künstler die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches ermöglicht. Die Dresdner Kunstverhältnisse hatten ihn nicht mehr befriedigt. Sein Sinn war auf Düsseldorf gerichtet, das in der ersten Blüte seines Ruhmes stand. 1837 kam er dort an. Schadow begegnete ihm mit vielem Wohlwollen. Unter der Leitung Hildebrandts arbeitete er auf das eifrigste. 1838 entstand sein erstes größeres Bild in Düsseldorf „Die Söhne Jakobs, welche dem Vater Josephs blutiges Gewand bringen“. 1839 malte er eine „Madonna mit dem Kinde“. In demselben Jahre bestellte der sächsische Kunstverein bei ihm ein großes Bild „Christus im Sturme.“ Begeistert ging er an die Aufgabe und führte es mit einer Tiefe der Auffassung und mit einem Zauber der Farbengebung aus, daß er sich sofort einen geachteten Namen unter den Düsseldorfer Künstlern erwarb. Für das Bild erhielt er 690 Thaler. – Die gesellschaftlichen Beziehungen in Düsseldorf wirkten auf ihn erhebend und fördernd. Er verkehrte vielfach in dem Hause der Dichterin Elisabeth Grube, wo sich ein auserlesener Kreis geistreicher Männer zusammenfand, wie Schrödter, Lessing, Schadow, Stilke, Hildebrandt, Immermann, Mendelssohn-Bartholdy u. a. Haach war ein gern gesehener Gast, der durch seine frische, heitere Laune alle für sich einnahm. Als durch Immermann ihm Shakespeare erschlossen worden war, ergriff er mit Begeisterung dessen Vorschlag, einmal ein Shakespearesches Stück nach der Einrichtung des altenglischen Theaters aufzuführen. Infolge der Mitwirkung der meisten Künstler gelang der Versuch vorzüglich; die Einrichtung der Bühne, wie die bedeutendsten Auftritte des Stückes wurden nachher durch den Steindruck veröffentlicht. Immermann starb bald darauf und die englische Schaubühne geriet in Vergessenheit. – 1840 malte Haach im Auftrag des rheinischen Kunstvereins „Isaak und Rebekka“, ein Bild, das bei aller schönen Durchführung doch die Großartigkeit des schlafenden Christus nicht erreichte. Herr Photograph Schröter in Meißen besitzt davon eine kleine Kopie, von Haach selbst gemalt. Nachdem derselbe zwei Jahre in Düsseldorf gewesen war, beschloß er, mit seinem treuesten Freunde, dem kurländischen Maler Heubel, nach Italien zu ziehen. In Roms Kunstschätzen hoffte er volle Genüge für seine heiße Sehnsucht zu finden, und er hatte sich nicht getäuscht. Nach [38] seiner Art mit Leidenschaftlichkeit, ohne Rücksicht auf seine zarte Gesundheit arbeitete er in Rom. Unter anderem wollte er auch ein Altarbild für die Meißner Stadtkirche malen, wozu er von hier aus den Auftrag erhalten hatte; aber nur zu rasch bildete sich infolge seines Übereifers ein Brustleiden heraus. Schon zu Anfang des Jahres 1842 hatte er einen Blutsturz, der sich wiederholte. Immer wieder nahm er die Arbeit auf, fing auch ein größeres Bild an „Die drei Könige vor Herodes". Aber schließlich konnte sein Wille nicht mehr den kranken Leib beherrschen. W. v. Waldbrühl berichtet über sein Ende: „Haachs bevorstehender Tod war allen, nur ihm selber nicht kundbar. Er verursachte seinen Landsleuten außer dem Kummer über den drohenden Verlust noch die Sorge für eine friedliche Todesstätte. Der römische Aberglaube fürchtet sich außerordentlich vor einem, besonders ketzerischen Leichname und drohte hier den Sterbenden aus dem Hause auf die Gasse zu setzen, wenn dessen Angehörige für ihn keine andere Sterbestätte finden würden. Indem Heubel, indem andere Genossen des Schwerleidenden umherrannten, in Rom ein stilles Sterbelager für den Freund zu ermitteln, an der Entdeckung dieser Stätte beinahe verzweifelten, war der Maler schon durch den Tod von allen Leiden erlöst worden. Der dritte Blutsturz hatte ihn hinweggerafft; die zu ihm Zurückkehrenden fanden ihn erstarrt vor seiner Staffelei sitzend, neben ihm auf dem Tische, auf dem er stützte, aufgeschlagen Shakespeares „Ende gut, alles gut“. Alle deutschen Künstler, welche in Rom anwesend waren, wurden durch den raschen Tod Haachs, der auf den 24. März 1842 fiel, tief ergriffen; sie steuerten das Ihrige dazu bei, die Leiche mit aller Würde an dem Denkmale des Cestius, dem Begräbnisplatze der akatholischen Christen, zu beerdigen. Ebenso große Teilnahme zollte jedermann, als die Kunde an den Rhein, an die heimatliche Elbe gedrungen war. Haach gehörte zu den wenigen unter den Sterblichen, denen es gelungen, keinen Feind zu haben. Gutmütigkeit und Bescheidenheit war in ihm in so hohem Grade gepaart, jede seiner edlen Geistesgaben so mit Anspruchslosigkeit durchdrungen, daß die Stimme des Neides selbst für ihn günstig ausfiel.“
Haachs künstlerische Bedeutung findet eine anerkennende Würdigung in Wiegmanns Buch: Die Königl. Kunstakademie in Düsseldorf 1856. S. 199 u. f.: „Haach hatte sich vorzugsweise die Darstellung biblischer Gegenstände zu seiner Aufgabe erwählt, obwohl es kaum zu bezweifeln ist, daß er in andern Sphären bei weitem glänzendere Resultate erlangt haben würde. Alle Arbeiten desselben wie auch seine Persönlichkeit selbst [39] hatten ein geniales Gepräge. Eine feine Beobachtung und ein ausgezeichnetes Talent, das Charakteristische aufzufassen und zu fixieren, überwogen bei ihm unleugbar die Gabe, Erscheinungen der Wirklichkeit zum Ideale zu erheben, mithin allgemeine Gedanken in historischen Kunstwerken zu verkörpern. Wenn seinem Leben nicht ein so nahes Ziel gesteckt gewesen wäre, wer weiß, ob er seinen eigentlichen Beruf endlich nicht selbst erkannt haben würde.“
Von seinen Radierungen und Lithographien sind folgende bekannt: 1. „Friedrich mit der gebissenen Wange auf der Flucht von der Wartburg“ im sogenannten Buddeusalbum, d. i. Album deutscher Künstler in Originalradierungen von Düsseldorfer, Münchner, Mannheimer, Nürnberger und Wiener Künstlern. Düsseldorf 1839 (3. Stich). 2. „Der Nachtwächter.“ 3. „Der Korbflechter“ (1833). 4. „Der Hirte.“ 5. „Keine Lust zu arbeiten.“ 6. „Schlachtstück“ (beide nach Gemälden des sächs. Kunstvereins 1834). 7. „Die Affen“ (1840). 8. „Lüge und Wahrheit.“ 9. Eine Radierung in Rom 1841 gefertigt, welche das Künstlerfest daselbst mit allem seinem Humor sehr gut darstellte. Ferner Lithographien: 1. „Die heiligen Frauen am Grabe Christi,“ nach einem Gemälde von Rösler. 2. „Der Totentanz auf dem neuen Friedhofe zu Neustadt-Dresden.“
Das Porträt Haachs, gez. und lithogr. von Baumann-Jerichau, besitzt der Verein für Meißner Geschichte als Geschenk des ihm verwandten Fräulein Franke in Meißen.
- ↑ Aus dem Nekrolog Haachs von v. Waldbrühl im Cottaschen Kunstblatt 1847. S. 45–47. Wieder abgedruckt bei Andresen, die deutschen Maler-Radierer 1878. 1, 44 u. f. Cottasches Kunstblatt 1837. S. 332. 1839. S. 274, 276, 308, 332. 1840. F. 37, 132, 448. 1841. S. 384. Wiegmann s. o. Wolfgang Muller von Königswinter, Düsseldorfer Künstler aus den letzten 25 Jahren 1854. S. 42. Raczynski, Geschichte der neueren deutschen Kunst 1841. 3, 402. Dresdner literarisches Notizenblatt 1833. S. 404. Andresen, Handbuch für Kupferstichsammler 1870. 1,630. Müller, die Künstler aller Zeiten und Völker 2,328. Ludwig Richter, Lebenserinnerungen. S. 324. Meißner Wochenblatt 1842. 16. April. – Briefe Haachs im Besitze seines Neffen, des Herrn Manufakturisten Haach.