Neuer Lenz


[116]
Neuer Lenz.

Lenz, kamst du wieder frisch und mild,
     Vom Sturm in’s Land getragen,
Und mit dir manch vergess’nes Bild
     Aus fernen Jugendtagen?

5
Einst wie ein unbegreiflich Leid

     Im Schimmer sel’ger Thränen,
Ein Ahnen von Unsterblichkeit,
     Ein sanftes Todessehnen. –

Heut’ grüß’ ich wie die Lerche dich

10
     Aus jubelheller Kehle,

Verstehe dich herzinniglich,
     Du Bruder meiner Seele!

Urkräftig weht mir durch die Brust
     Dein blüthenfrohes Walten, –

15
Ein derber Drang nach Erdenluft

     Und eigenem[1] Gestalten.

[117]

Am Ende komme, was da mag!
     Jetzt frommt uns Kampf und Kosen.
Du Lenz entschwindest wie ein Tag, –

20
     Und dennoch streu’st du Rosen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: eigenes. Druckfehler, siehe S. 261