Ode „Ich empfinde fast ein Grawen“

[167]
Ode


Ich empfinde fast ein Grawen
Daß ich / Plato / für vnd für
Bin gesessen über dir;
Es ist Zeit hinauß zu schawen /

5
Vnd sich bey den frischen Quellen

In dem grünen zu ergehn /
Wo die schönen Blumen stehn /
Vnd die Fischer Netze stellen.

Worzu dienet das studieren

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Als zu lauter Vngemach?

Vnter dessen laufft die Bach
Vnsers Lebens das wir führen /
Ehe wir es inne werden /
Auff jhr letztes Ende hin /

15
Dann kömpt ohne Geist vnd Sinn

Dieses alles in die Erden.

Hola / Junger / geh’ vnd frage
Wo der beste Trunck mag seyn /
Nimb den Krug / vnd fülle wein.

20
Alles Trawren / Leid vnd Klage

Wie wir Menschen täglich haben
Eh’ vns Clotho[1] fort gerafft
Will ich in den süssen Safft
Den die Traube gibt vergraben.

25
Kauffe gleichfals auch Melonen

Vnd vergieß deß Zuckers nicht;
Schawe nur daß nichts gebricht.
Jener mag der Heller schonen /
Der bey seinem Gold’ vnd Schätzen

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Tolle sich zu krencken pflegt /

Vnd nicht satt zu Bette legt:
Ich wil weil ich kann mich letzen.

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Bitte meine gute Brüder

Auff die Music vnd ein Glaß:

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Kein ding schickt sich / dünckt mich / baß /

Als ein Trunck vnd gute Lieder.
Laß’ ich schon nicht viel zu erben /
Ey so hab ich edlen Wein;
Wil mit andern lustig seyn /

40
Wann ich gleich allein muß sterben.

Anmerkungen

Übergeschriebene Buchstaben werden als moderne Umlaute wiedergegeben.

  1. Klotho (lat. Nona): eine der Moiren (Schicksalsgöttinnen), die jedem sein Geschick zuteilen