Psyche (Die Gartenlaube 1893)
[408] Psyche. (Zu unserer Kunstbeilage.) Curzons Bild, eine der hervorragendsten Schöpfungen des Meisters, die heute eine Zierde des Musée de Luxembourg zu Paris bildet, stellt uns die von Malern, Blldhauern und Dichtern so oft verherrlichte Psyche dar; und wer möchte bei ihrem Anblick nicht der Verse gedenken, mit denen Amor in Robert Hamerlings Dichtung gleich beim ersten Anblick ihre sieghafte Schönheit feiert:
„Welche wunderfeinen,
Seidenweichen Strähnen, golden schimmernd,
Aehnlich einem Bündel Sonnenstrahlen!
Traun, aus ihren träumerischen Augen
Blüht ein Reiz, ein stiller, den ihr neiden
Müssen selbst olymp’sche Götterfrauen.
All ihr Wesen, all ihr Thun ist Seele.“
Auf dem Bilde von Curzon sehen wir Psyche als Büßerin eine jener schweren Aufgaben vollführen, welche der Zorn der Venus über sie verhängt hat. Aus dem Schattenreich muß sie von der Proserpina eine Büchse mit Schönheitssalbe holen. Sieghaft schreitet sie durch die Nacht, vorüber an dem Höllenhund, dem dreiköpfigen Ungeheuer. Auf dem Rückweg aber öffnet sie die Büchse, ein betäubender Dampf dringt heraus und Psyche sinkt bewußtlos zu Boden. Doch Amors Liebe, der sie mit dem Pfeil berührt, bringt sie wieder zu sich; das erzählt uns Apulejus in seinem Märchen „Amor und Psyche“. Als dieser sein Märchen verfaßte, im zweiten Jahrhundert nach Christus, da waren die Götter und Göttinnen schon etwas alt geworden, und es ist begreiflich, daß Venus selbst der Schönheitssalbe bedurfte und Proserpinens Toilettengeheimniß durch die geflügelte Sendbotin entlehnen mußte.
Das Märchen des Apulejus nennt Herder den zartesten und vielseitigsten Roman, der je erdacht worden sei. Eifersüchtig auf die reizende Psyche, welche im Ruhm der Schönheit mit ihr wetteiferte, beschließt Venus, sie zu bestrafen und befiehlt dem Amor, ihr die Neigung zu einem nicht ebenbürtigen Manne einzuflößen; doch Amor verwundet sich selbst mit dem Pfeil, welcher die Psyche treffen soll, und als diese auf das Gebot des Orakels an ödem Meeresstrand ausgesetzt wird, da weht ein sanfter Hauch sie von der Klippe in Amors Zaubergarten. Durch unbesonnene Neugier aber verscherzt sie ihr Glück und geräth bald darauf in die Gewalt der Venus, von der sie zum Aschenbrödel erniedrigt und zu harten Diensten gezwungen wird. Doch glücklich besteht sie alle Gefahren durch wunderbare Hilfe. Endlich erbarmt sich Zeus und giebt auf Amors Bitten seine Einwilligung zur Ehe des jungen Gottes mit der schönen Psyche. Bei dem Festmahl sind alle Götter und Göttinnen zugegen, auch Venus muß sich am Triumph ihrer Sklavin betheiligen: das ist das sinnige Märchen, das uns die Macht der Liebe über die Seele der Menschen in reizvollen Bildern vor Augen führt. †