RE:Ῥόγανα

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Rogana, Küstenort West-Gadrosiens, Karmanien
Band I A,1 (1914) S. 996999
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Ῥόγανα, Küstenort Westgadrosiens, das später zu Karmanien gehörte; Ptolem. VI 8 ed. Wilberg, Marcian. I 28. Von Kap Karpella (Räs Küh) am südlichen Ausgang der Straße von Hormuz läßt die Ptolemaioskarte ostwärts aufeinander folgen die Orte Kanthatis, Agris, Ommana, P., den Fluß Salarus, endlich nach einigen anderen Orten Tisa, das noch heute Τῖζ heißt und somit den ersten festen topographischen Punkt dieser Küste gibt. Das zuerst genannte Kanthatis ist vielleicht der Ort, den Nearchos Kanate nannte, und darum möglicherweise aus dem alten Periplus übernommen (s. d.). Von den übrigen Namen kehrt aber keiner dort wieder. Sie erscheinen überhaupt nur auf der Ptolemaioskarte; Marinos verdankt sie einer neuen Küstenbeschreibung, die seiner Zeit ganz nahe steht (s. den Art. Rapraua). Nur Ommana bildet noch eine Ausnahme. Ein halbes Jahrhundert vor Marinos beschreibt dieses der anonyme Kaufmann, der den Periplus des Erythräischen Meeres verfaßt hat, als einen höchst bedeutenden Hafen- und Handelsplatz, das zweite Hauptemporion des Königreichs Persis, das auch Karmanien einbegreift. Ähnlich nannten es auch schon viel ältere Geographen, die König Iuba (bei Plin. n. h. VI 149) zitiert, celebrem portum Carmaniae; dann wieder Marcian ἔμπορων τῶν ἐπισήμων. In Wahrheit hat es an der öden westgadrosischen Küste, wo alle natürlichen Vorbedingungen im höchsten Grade fehlen, niemals einen derartig bedeutsamen Platz gegeben. Der Kaufmann und der Kartograph, die das behaupten, sind einem sehr schlimmen Mißverständnis zum Opfer gefallen. Am arabischen Gegengestade lag das wirkliche Omän (der Makai) und gehörte lange Zeit zum Königreich Persis und im engeren Sinn zur persischen Provinz Karmanien (Anonym. Peripl. 33; vgl. Pün. n. h. VI 152). Sogar die Agrippakarte zeichnete es so (vgl. o. Bd. VIII S. 2588). Als Hafen, der politisch zu Karmanien gehörte, meinte es auch die frühere Notiz, die Iuba zitiert, nicht etwa als Stadt des eigentlichen karmanischen Territoriums. So hat es aber der unbekannte Kaufmann mißverstanden. Und Marinos hat ihm ohne Nachprüfung blindlings geglaubt. Denn er setzt den Hafen genau 3000 Stadien, d. h. sechs Tagefahrten von Har-muza (Hormuz) und dem Stoma des Persischen Golfes an, wie jener die Entfernung bestimmt: der anonyme Periplus ist damit sicher unter die literarischen Quellenwerke der Ptolemaioskarte zu zählen.

Scheidet so auch Ommana aus, so repräsentieren doch die übrigen Orte unzweifelhaft eine neue Küstenbeschreibung des karmanischen Gadrosien, [997] die zeitlich nach dem Periplus des Anonymus von ortskundigen Seefahrern zusammengestellt wurde. Was nun das Verhältnis der kartographischen zu den wirklichen Küstenlängen betrifft, so beobachten wir eine sehr auffällige und sehr beträchtliche Divergenz zwischen der westlichen Hälfte von Kap Karpella bis Tïz und der östlichen von Tïz bis Mosarna (bei Pasnî). Diese kommt mit 2400 Stadien Länge auf der Karte der wahren Ausdehnung ganz nahe (396 km gegenüber 350–375). Sie stellt sich darum durchaus zu dem folgenden, ostgadrosischen Gestade der Karte, für das in dem Art. Rapraua dieselbe angenäherte Richtigkeit der Gesamtsumme des Küstenumrisses nachgewiesen wurde. Dagegen ist nun die Länge der von Tïz bis zum Räs Küh sich aufrollenden Strandlinie beinahe auf das Doppelte überschätzt! Sie mißt bei Ptolemaios im ganzen 3900 Stadien, so daß in abgerundeten Zahlen 650 km der Karte 350 km der wirklichen Ausdehnung gegenüberstehen. Überschätzung der Fahrtgeschwindigkeit war im Ozean gewöhnlich, man übertrug die im Mittelmeer traditionelle und zutreffende Abwertung der Tagefahrt zu 500 Stadien auf den Ozean, ohne die retardierende Einwirkung der Gezeiten auf die Geschwindigkeit der Fortbewegung in Betracht zu ziehen. Nearchos glaubte von Mosarna bis Badis (an der kleinen Bucht hinter Räs Küh, mit der allen Schiffern wohlbekannten Landmarke Kühi-Mobärek; vgl. den Art. Hyktanis) 7000 Stadien zurückgelegt zu haben, das wären 1155 km, gegenüber rund 725 der wirklichen Länge, die also um etwas mehr als die Hälfte überschätzt ist. Es ist wohl zu beachten, daß dieses letztere Verhältnis der kartographischen zur wirklichen Küstenlinie mit geringer Abweichung bei Ptolemaios wiederkehrt, für den iranischen Gürtel an der Straße von Hormuz und dem Persischen Golf (nur für das elamische Schwemmland ist die Überschätzung außerordentlich größer). Das ist also eine dritte Variante zu den beiden vorher aufgewiesenen, Gadrosien betreffenden, auf einem sehr gleichartigen, in sich geschlossenen und verhältnismäßig wenig ausgedehnten Küstensaum. Diese kartographische Unheitlichkeit kann sich darum nur zu einem Teil erklären aus der Zusammenschweißung lokal beschränkter Periplen. Im übrigen müssen wir, sonderlich für die in diesem Artikel zur Diskussion stehende gadrosische Küste, glauben, daß sie wesentlich vom Kartographen selber verschuldet ist, indem er für den einen Abschnitt die von dem praktischen Seeverkehr übermittelten, übergroßen Schätzungen der Längen der Fahrstrecken unverkürzt gelten ließ, während er sie für den anderen durch eine zufällig glücklich bemessene Reduktion der Wahrheit sehr nahe brachte. Natürlich war dieses, an sich bedenklich widerspruchsvolle Verfahren doch motiviert durch bestimmte »wissenschaftliche* Erwägungen und Kombinationen, zu denen jedenfalls in erster Linie die Vergleichung der älteren geographischen Überlieferung den Anlaß gab. Irren wir nicht, so spielte für den Entwurf der Karte des nachher zu Karmanien gehörenden Westgadrosien die von Tuba überlieferte Stadienzahl der karmanischen [998] Küstenlänge eine ausschlaggebende Rolle (Plin. n. h. VI 107 legt sie freilich mit unverzeihlicher Flüchtigkeit dem von Iuba für anderes zitierten und benutzten Nearchos in den Mundi); die Küste sollte danach 10 000 Stadien messen. Die Ptolemaioskarte hat allerdings für die Gesamt-ausdehnung der Strandlinie Karmaniens unter Berücksichtigung aller Vorsprünge und Einbuchtungen 12 400 Stadien, aber mit Überschneidung der Golfe erhält man sehr wohl 10 000, und nicht zufällig, sondern mit bewußter Absicht sind die Einzeldistanzen des karmanischen Gestadelandes bei Marcian eben auf die Gesamtsumme von 10 000 (10 200) reduziert worden; das geographische Handbuch des Protagoras, das Marcian ausschreibt, nahm zwar die Karten des Ptolemaios zur Grundlage, aber glich sie mit den Entf ernungsangaben aus, die es in dem Abschnitt der σταδίων ἀναμέτρησές so vollständig als möglich von überallher zusammentrug. Somit würde sich das wechselnde Verhältnis der kartographischen zur wahren Küstenlänge in Gadrosien daraus erklären, daß Marinos die Distanzen des Periplus im Westen nicht reduziert hat, um der Angabe gerecht zu werden, die Iuba über Karmanien mit Einschluß Westgadrosiens hinterlassen hatte; als Grenzpunkt zwischen Gadrosien und Karmanien müßte Iuba allerdings Tīz genannt haben. Doch bleibt die Verteilung der einzelnen Örtlichkeiten unabhängig von dieser Erklärung, die man annehmen mag oder nicht.

Es sind auf der Ptolemaioskarte bis Agris 1400 Stadien, die auf 750 (124 km) reduziert werden müssen. Agris lag also wenig östlich vom Mündungscreek des Gābrīg (westlich von ihm heute ein Dorf Bagani), an flacher, sumpfiger Küste mit Mangrovenvegetation, die bis zum nächsten größeren Küstengewässer Sādeič denselben Charakter behält (vgl. die Schilderung bei Tomasehek Küstenfahrt Nearehs 37). Am Sādeič liegt ein Kulturbezirk mit Dorf, Dattelwäldchen und etwas Ackerland. Sonst ist die Küstenebene, hinter der das Gebirge ziemlich zurücktritt, unbewohnt und höchstens von Fischern besucht (s. auch Segelhandbuch für den Persischen Golf 89). Hinter dem Sādeič folgen bis zu einem tafelförmigen Kap, Rās Meidānī, gut angebaute Striche; im Osten des Vorgebirges eine lange Strecke niedriger, sandiger, zum Teil sumpfiger Küste mit Lagunen und den Creeken Chor Gälig und Chor Räbig, in denen ein ansehnlicher Fluß von etwa 100 Seemeilen Länge ausmündet (Segelhandbuch 88); auf der Karte des Stieler heißt der Fluß Aimini. Er ist der Salams, den Ptolemaios ganz wenig Östlich von P. ansetzt. Die Entfernung von Kap Karpella bis P. beträgt auf der Ptolemaioskarte 2300 Stadien, also in Wirklichkeit rund 1240 (205 km). Das Land in der Nachbarschaft der Creeks ist unbebaut, erst ziemlich landeinwärts gibt es mehrere kleine Dörfer und Dattelhaine. rP. kann darum nur eine unbedeutende Siedlung gewesen sein. Tomaschek verglich ein Rohnah, das Yākūt an der karmanischen Küste ohne nähere Ortsbestimmung erwähnt.

Für die Quellenkritik der Ptolemaioskarte würde es von Interesse sein, zu wissen, woher Stephanos von Byzanz Ῥωγάνη πόλις ἐν τῆ Ἰνδικῇ [999] zitiert. Trotz Indien ist dieser Ort von Ῥ. nicht verschieden; Stephanos verlegt, aus demselben Autor, auch die gadrosische Insel Karmina und sogar das ganze Land Karmanien nach Indien!