Heraiskos aus Ägypten, Neuplatoniker unter Kaiser Zenon (474-491). Über ihn Damasc. vit. Isid. bei Phot. cod. 242 p. 343a 22ff., b 17ff. (§ 107. 112ff. West.) und bei Suid. s. Ἡραΐσκος Ι. II (die letztere Glosse Damaskios abzusprechen ist kein Grund; s. auch J. R. Asmus Byz. Ztschr. XVIII [1909] 460, 3), s. Ὡραπόλλων, s. Γέσιος; Damasc. dubit. p. 324, 2. 6. 12 Ruelle. Asmus’ Vermutung, daß Suidas’ Ἰσίδωρος II in seinem zweiten Teile auf H. gehe (Byz. Ztschr. XVIII [1909] 439. 459), beruht auf flüchtiger Lektüre von Suidas Ἡραΐσκος I Anf. Über die Einordnung der H.-Stücke in die Biographie des Isidoros stellt Asmus a. a. O. 458ff.; Byz. Ztschr. XIX (1910) 273 eine Hypothese auf, auf die ich unten zurückkomme. Wie Iamblich u. a. das orientalische, so vertritt H. im Verein mit Asklepiades das ägyptische Element in dem religiösphilosophischen Synkretismus der neuplatonischen Schule. Wie Iamblich, so erscheint auch er in unserer Überlieferung in der Doppelgestalt des religiösen Mystikers und des Philosophen. Von seiner Geburt, seiner auf übernatürlich feiner Empfindung beruhenden Erkenntniskraft, die ihn befähigte, die von der Gottheit belebten und nicht belebten Götterbilder beim ersten Anblick zu unterscheiden, und von einem wunderbaren Vorgang an seiner Leiche weiß Damaskios mancherlei Geheimnisvolles zu erzählen. Sein Leben spielte sich ab in Tempeln und Weihestätten und galt der Pflege väterlicher Kulte, wie in Ägypten so gelegentlich auch im Auslande. Den prophetenhaften Eindruck seines Auftretens unterstützte eine starke Stimme, die ihm den Scherznamen ὁ Εὐβοεύς eintrag, sowie sein lang [422] herabwallendes Haupthaar (vielleicht auch dieses an dem Aufkommen des Scherznamens beteiligt, vgl. Asmus a. a. O. 460). Ein Gegner des Christentums (Suid. s. Ὡραπόλλων), gründete er seine Philosophie auf ägyptische religiöse Überlieferung (der dritte Kamephis ist der vοητὸς νοῦς, Damasc. dub. a. a. O.) und ägyptische Natur (ὕδωρ und ψάμμος sind seine ἀρχαί). Daß die Verwertung dieser Elemente im neuplatonischen Sinne geschah, zeigt neben dem von Damasc. dub. a. a. О. Веrichteten das hohe Lob, das ihm Proklos spendete (vit. Isid. § 107). Gleichwohl deckten sich seine Anschauungen nicht durchaus mit denen des Proklos. Nach Damasc. dub. a. a. O. zerteilte er vielfach, was (nach Proklos und seiner Schule) eine Einheit ist und schrieb auch in diesem Sinne gegen Proklos. In seiner philosophischen Gesamtauffassung stimmte er mit seinem älteren, wie es scheint ihm befreundeten, Zeitgenossen Asklepiades überein, nur war letzterer infolge seines dauernden Aufenthaltes in Ägypten gründlicher in ägyptischer Weisheit bewandert, als H., der lange im Auslande lebte. Jedenfalls einen Teil
dieser Zeit scheint er nach Suid. s. v. a. E., Ὡραπόλλων, Ἁρποκρᾶς) in Byzanz verbracht zu haben, wo er in den Händeln seiner Landsleute Ammonios, Erythrios u. a. seine von Damaskios gerühmten Charaktereigenschaften bewährte, dafür aber durch Folterung büßen mußte. Auf der Flucht vor den Häschern des Zenon starb er (Suid. s. Γέσιος). Ungewiß bleibt, wo H. die schulmäßige Lehrtätigkeit ausübte, in der seine Stärke lag, während er zu kraftvoller Verteidigung der Wahrheit im Kampfe und zu ihrer Verbreitung in weiterem Kreise weniger beanlagt war (Suid. s. v. II). Asmus a. a. O. vermutet in Asklepiades und H. das Brüderpaar, unter dessen Leitung Isidoros in Alexandreia sein philosophisches Studium begann (Suid. s. Ἰσίδωρος ΙΙ: ἐφιλοσόφησε μὲν ὑπὸ τοῖς ἀδελφοῖς). In der Tat legt die Art, wie beide von Damaskios miteinander genannt und als πρεσβύτερος und νεώτερος (dubit. I p. 324, 3. 6 R.) unterschieden werden, den Gedanken an ein brüderliches Verhältnis nahe. Suid. s. v. Ἡραΐσκος: (nach Bernhardys Text) ὁ δ’ ἕτερος ὅμως τῆς τοῦ ἑταίρου (nicht ἀδελφοῦ) κατὰ πολὺ ἐλείπετο φύσεως möchte ich nicht als Gegeninstanz geltend machen, da ich gegen die Ersetzung des überlieferten ἑτέρου durch ἑταίρου Bedenken hege, wäre aber doch eher geneigt, bei den — wenn man aus dem Wortlaute des Suidas auf die Art der Erwähnung bei Damaskios schließen darf — κατ’ ἐξοχήν so genannten ἀδελφοί an Ammonios und Heliodoros, die Lehrer des Damaskios, zu denken, die nach der von Asmus Byz. Zeitschr. XIX (1910) 282 aufgestellten Chronologie sehr wohl auch die Studien des Isidoros geleitet haben können. — Die Unterscheidung eines älteren und eines jüngeren H. bei Zeller Phil. d. Gr. III 2⁴, 900, 2 beruht auf Mißverständnis von Damasc. dub. I D. 324. 6 R. (vgl. p. 324, 3).