RE:Hermonassa 1
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| griechische Hafenstadt auf der Halbinsel Taman | |||
| Band VIII,1 (1912) S. 895–899 | |||
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Hermonassa. 1) Griechische Hafenstadt der Halbinsel Taman im Osten des Kimmerischen Bosporos. Den Zeitpunkt ihrer Gründung zu bestimmen, ist grundlegend, daß sie von Skylax nicht erwähnt wird. Folglich bestand sie im beginnenden 5. Jhdt., als der ältere Periplus abgefaßt wurde, nicht; da aber der Bearbeiter Skylax erweislich gerade im sindischen Gebiet gut Bescheid wußte und neuere Kolonien hier nachtrug (s. den Art. Gorgipia), so war nach aller Wahrscheinlichkeit H. auch bis mindestens zur Mitte des 4. Jhdts. noch nicht gegründet. Wir finden es zuerst in dem anonymen geographischen Gedicht genannt, das für die pontische Nordküste neben Ephoros besonders Demetrios von Kallatis benutzt hat. Etwa gleichzeitig mit diesem erwähnte Skymnos von Chios 5( die Stadt in der etwas abweichenden Namensform Hermoneia. Die Gründung fällt danach wohl erst ins 3. Jhdt. Über den Oikisten fand Eustathios (zu Dionys. Per. 549) bestimmte Nachrichten in einem unter Arrians Namen laufenden Periplus, der noch jünger war als der frühbyzantinische Anonymos des Schwarzen Meeres. Die Kolonisten sollten von Mitylene gekommen sein unter Führung des Semandros und der H. Aber nach Dionys. Per. 549ff. (und Steph. Byz.) war die Kolonie ionischen Ursprungs wie Phanagoreia, wie Kepoi (nach Plinius). Die Wertlosigkeit und späte Entstehung der Arrian untergelegten Notiz wird durch die entweder ältere oder wenigstens mit der anderen gleichzeitig gebräuchliche Namensform Hermoneia genügend beleuchtet. Diese stützt vielmehr die andere, aus einer besseren Quelle geschöpfte Angabe Eustaths, nach welcher der [896] Oikist Hermon hieß. Da H. im Gebiet der alten ionischen Kolonie Kepoi angelegt wurde; da dieses sicher den Spartokiden von Pantikapaion gehörte, so sind wohl in Wahrheit die Bürger der neuen Stadt von daher gekommen (s. weiter u.).
Über die allgemeine Lage H.s konnte einiger Zweifel herrschen, solange ein Hauptstück des anonymen Periplus Pont. Eux. noch nicht ediert war. Durch den Anonymos (23, FHG V 182) 10 wissen wir nunmehr sicher, daß die Korokonda-mitis λίμνη, an der die Kolonie lag, dem Kubanliman Kisiltas entspricht. Strabon gibt folgende Beschreibung (C. 495): ,sobald man in den See von Korokondame eingefabren ist, kommen die Städte Phanagoreia, Kepoi, H. und das Aphroditeheiligtum Apaturon? Das stimmt freilich nicht für die zuerst genannte; sie stand an der Bucht von Taman und auf der Nordseite der diese* und das Liman voneinander scheidenden Halbinsel. Aber 10 sie wird neben dem Haupthafen am Bosporos einen Nebenhafen innerhalb des Limans besessen haben; das Becken der kleinen fast abgeschlossenen Seebucht Tsokur eignete sich trefflich dazu;, die Entfernung hierhin beträgt kaum 10 km. Jedenfalls erklärt sich Strabon s Versehen durch unsere Annahme am besten. Die übrigen Orte, die der Geograph nennt, lagen ohne Zweifel an der Küste des Limans, nach Osten von dem Nebenhafen Phanagoreias; die Nachbarschaft von Kepoi 0 und H. bezeugt auch Apollodors versifizierte Perie-gese (Steph. Byz. s. Ψησαοί' ἔπειτα Ἐρμώναααα καὶ Κήπος [πόλις], τρίτον δὲ τὸ Ψηοσῶν θθνος* dem Vers zuliebe ist die Reihenfolge der Städte verkehrt). Dann zählt die Tab. Peut. (vgl. den Art. Hali) als Stationen der das Liman im Norden umgehenden Straße auf: Sindecae (= Anapa), H., Cepos, Stratoclis, Phamacorium (= Phanagoreia); dazu Geogr. Rav. 368 und 76, der Ermonas an einer von Sindece nach Kimmerion am nördlichen 0 Ausgang des Bosporos gerichteten Straße aufführt (vgl. den Art. Hali). H. war also Kreuzungspunkt der beiden Straßen. Eine ähnliche von Ost nach West orientierte Reihe bei Mela 1112: ,H., Cepoe, Phanagoreia und am Bosporos selbst Cimmerium.* Und bei Plinius VI 18: oppida in aditu primo Bospori H., dem Cepoe Milesiorum, mox Stratoclia et Phanagoria ae paene desertum Apaturos ultimoque in ostio Cimmerium. Das Aphroditeheiligtum Apaturos ist hier mit Phanagoreia zusammengestellt, weil es Plinius mit dem andern, nahe der Stadt gelegenen verwechselt (Strab. C. 495). Strabon nennt es richtig bei H., aber anscheinend im Osten der Kolonie, was wiederum nicht stimmt, da die vom Geogr. Rav. (368 und 76) zweimal von der Karte abgelesene Reihe Apaturos Kepoi Stratokleia offenbar authentisch ist und den Tempel zwischen Kepoi und H. lokalisiert.
Steht danach im allgemeinen H.s Lage einwandfrei fest, so begegnet doch ein entschiedener Widerspruch in den topographischen Zeugnissen dem Versuche, die genaue Stelle der Stadt am Kubanliman aufzufinden. Es scheint, mit einem Wort, unentschieden, ob sie im Westen oder Osten der Kubanmündung, am östlichen Rand der Lagune oder auf der Landenge zwischen dieser und dem Aftanissee stand. Strabon ist freilich so bestimmt in seinen topopraphischen Angaben, daß [897] es schwer fällt, sich bei ihnen nicht zu beruhigen. In der Fortsetzung der angeführten Notiz heißt es: ,von den vier Orten liegen Phanagoreia und Kepoi κατὰ τὴν λεχθεῖσαν νήσον, für den Einfahrenden links, die übrigen (H, und Apaturos) zur Rechten jenseits des Hypanis (Kuban) in der Sindike/ Diese ,Insel· nach der geographischen Auffassung des Altertums, nach der heute üblichen die Halbinsel Taman wird so von Strabon begrenzt: θεμβάλλει δὲ εἰς τὴν λίμνην ἀπορρώξ τις 1( τὸν Ἀ,ντικείτου ποταμου (~ Hypanis, Kuban) καὶ ποιεὶ νήσον περίκλυστὸν τινὰ ταύτη τε τῆ λίμνη καὶ τῆ MaiomÖt καὶ τῷ ποταμφλ Die älteste Beschreibung der νῆσος finden wir in dem anonymen geographischen Gedicht (v. 890–895), und hier wird im strikten Widerspruch zu Strabon H. neben Phanagoreia ausdrücklich auf der Insel angesetzt; auf der Insel freilich auch der Sindische Hafen, der, auf der Nehrung des Limans gelegen, sicher aus ihrem Bereich herausfällt. Macht diese evidente Un- 2( richtigkeit des geographischen Gedichts auch gegen die Bestimmung H.s mißtrauisch, so wird diese doch von anderen mehrfach gestützt, Im Inselverzeichnis Dionys des Periegeten erscheint am Kimmerischen Bosporos eine ἀπειρεσίη νῆσος mit Phanagoreia und der εὐκτιτος H. Steph. Byz. zitiert diese Stelle, aber nicht direkt, sondern nach einem Autor, der gegen die behauptete ,außerordentliche Größe‘ der Insel polemisiert hat. Mela I 112 läßt auch durch die in seine Vorlage hineingetragenen Mißver- 3( ständnisse hindurch noch deutlich die ,Insel· erkennen und setzt in geographisch einwandfreier Reihenfolge auf ihr die vier Städte H., Cepoe, Phanagoreia und Cimmerium an. Schließlich haben antike Geographen, die nach dem Gipfel der Genauigkeit strebten, statt der einen Insel vor der Kubanmündung gar deren zwei unterschieden. Steph. Byz. (s. Ταυρική): ,der Taurischen Insel (= Krim) liegen zwei Inseln zur Seite, Phanagora und H.‘ Ammian. Marc. XXXII 8, 30: zur Rechten des Bosporos insulae sunt Phaenagorus et PL, studio constructae Graecorum. Hier scheint ein Durchstich, ein Kanalbau angedeutet; wie die örtlichen Verhältnisse lehren, kann er nur von dem Süsswassersee Aftanis zur Bucht von Taman im Süden der Stätte Phanagoreias gegangen sein. Wenn H. auf der Landenge zwischen jenem und dem Kisiltas stand, so wurde durch den Kanal wirklich eine Insel H. von einer anderen Phanagoreia isoliert. Es braucht aber gar kein neuer 50 Kanal gewesen zu sein, sondern nur die Wiederherstellung eines älteren, in der Zwischenzeit versandeten Ausflusses. Denn aus Steph. Byz. erfahren wir, daß schon Hekataios ἡ νῆσος Φαναγόρη καὶ Φαναγόρεια nannte. Diese ist nun hier freilich nicht im Sinne Anunians zu verstehen als die ganze nördliche Hälfte der Halbinsel Tarnans, sondern vielmehr als eine besondere kleine Insel, die nur die Stadt selber enthielt, da unzweifelhaft auch im Norden derselben einmal ein Ausfluß der Aftanislagune zum Bosporos vorhanden war. Zwischen den beiden Ausflüssen oder Kanälenlag Phanagoreia. Außerdem zitiert Steph. Byz. nicht aus dem ionischen Logographen, sondern ans der im 4. Jhdt. vorgenommenen Überarbeitung der γης περίοδος (der abschließende Beweis ist von Sieglin zu erwarten), wie der Zusatz dofaieigt, den der Bosporos, nicht mehr den Phasis als [898] Grenze Europas und Asiens voraussetzt. Der Durchstich im Süden Phanagoreias mag also vielleicht erst im 4. Jhdt. gemacht worden sein; später hat man dann den Kanal wiederhergestellt. Auf jeden Fall setzen auch diese Zeugnisse H. im Westen der Kubanmündung auf der mehrfach erwähnten Landenge an.
Wir sehen, Strabon hat eine Fülle von Widersachern gegen sich, die ebenso bestimmt die Lage H.s auf der ,Insel‘ behaupten wie jener das Gegenteil. Ein zweischneidiges Hilfsmittel zur Entscheidung zwischen beiden Parteien sind leider die Distanzangaben. Nach dem Anonymes sind’s 440 Stadien von Sindike (= Anapa; s. den Art. Gorgipia) bis H. und von hier bis Achilleion am Bosporosausgang 515. Nach Ptolemaios ebenso-viel zwischen Sinda (Anapa) und H. und 270 von hier zum Dorf Korokondame (nahe dem Ausfluß des Limans Kisiltas, gegenüber dem alten Sindischen Hafen). Alle diese Zahlen vereinigen sich sehr wohl auf den östlichsten Winkel des Limans von Vutjazewskoje, das im Altertum ein Teil des großen Sees war, während es seitdem durch das immer weiter vordringende Schwemmland der Kubanmündung abgedämmt worden ist. Die Zahlen lassen sich aber auch auf einen Punkt westlich der Kubanmündung beziehen; die Distanz Bosporosausgang - H. paßt besser auf ihn, weniger gut die Zahl 440, die etwas zu groß erscheint.
Versagt nun auch dieses Hilfsmittel der Zahlen, so bleibt trotzdem kein Zweifel, daß wir Strabon Unrecht geben müssen. Er schöpft an jener Stelle wahrscheinlich aus Theophanes, da nicht mehr der alte Sindische Hafen, sondern die Neustadt Gor-gipia auftritt (s. d.); seine Städteliste am See von Korokondame ist nachweislich nicht frei von Irrtümern (falsche Ansetzung Phanagoreias); es scheint darum, daß er die Verteilung der Städte selbstständig und ohne rechte Ortskenntnis vorgenommen ¹ hat. Dagegen haben Dionys Per. im Inselverzeichnis und Mela aus einem Geographen des 2. Jhdts. geschöpft, aus demselben wohl auch das anonyme geographische Gedicht; er ist wahrscheinlich Demetrios von Kallatis, ein vorzüglich unterrichteter und ortskundiger Gewährsmann. Eine andere gemeinsame Quelle jüngerer Zeit benutzen Steph. Byz. und Ammianus; sie bekräftigt die ältere.
Also war H. gegründet worden im W esten der Kubanmündung, aber wahrscheinlich in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, auf der sog. νῆσος, unweit der älteren Kolonie Milets, Kepoi, auf einem den Herrschern von Pantikapaion gehörigen Boden, der seit den ältesten Zeiten auch ein be-dcutsamer Kult- und Wallfahrtsplatz war, da er das berühmte Heiligtum der Aphrodite Apaturos trug, von dem das phanagorische und andere in den ionischen Städten des Kimmerischen Bosporos (s. den Art Apature) wohl nur Filialen waren. Vielleicht feierten hier die ionischen Städte ursprünglich gemeinsame Apaturien. Die Berühmtheit des Heiligtums dokumentiert sich auch besonden darin, daß Hekataios den See von Korokondame xdlsof Lfxdwvpoc benannte (bei Steph. Byz.) Wenn 310 König Prytanis vor seinem Bruder Emneloecfr τοὺς καλούμενους Κήπους sich flüchtete (Diod. XX 24, 2), so geschah das offenbar, um in dem hier gelegenen Apaturon der Aphrodite ein sicheres Asyl zu finden. Bedenken [899] wir, daß Phanagoreia wahrscheinlich erst im 1. Jhdt. v. Chr. dem bosporanischen Reich einverleibt wurde (s. o. Bd. III S. 766) und bis dahin Pantikapaion selbständig und rivalisierend gegenüberstand, so ahnen wir die Beweggründe, welche zur Kolonisierung H.s geführt haben mögen. Es sollte politisch der Hauptstützpunkt der Spartokiden auf der ,νήσος‘ und kommerziell die wirksame Konkurrentin Phanagoreias werden, wie dieses (Strabon charakterisiert es so gegenüber 10 dem hauptsächlich der Einfuhr dienenden Hafen Pantikapaions) vornehmlich Ausfuhrhafen, Stapelplatz des barbarischen Hinterlandes in weitester Ausdehnung. Gab ihm doch die unmittelbare und ausschließliche Beherrschung der unvergleichlich wichtigen Schiffahrtstraße des Kuban die direktesten und wichtigsten Verbindungen dorthin in die Hand, während es andererseits durch das Flußdelta einen eigenen, schnellen und bequemen Zugang zur Maiotis besaß; noch im 18. 20 Jhdt. war es gewöhnlich, durch das Liman und die Kubanarme ins Azowsche Meer zu fahren. Dadurch wurde die neue Kolonie aber zugleich die gefährlichste Rivalin und die Ursache des schnellen Verfalls des kindischen Hafens, der im 6. Jhdt. durch Ansiedler aller hellenischen Städte der Bosporosregion auf der Nehrung des Kubanlimans gegründet worden war (s. den Art. Gorgipia). Da byzantinische Periploischreiber die Gründungslegende des Semandros und der H. erfanden oder mitteilten (Ps.-Arrian bei Eustathios, offenbar identisch mit dem von Prokop und Leon Diakonos zitierten Periplus), so scheint der Hafen von H. noch unter den Goten und Hunnen-Utiguren geblüht zu haben, neben Gorgipia, das jetzt Eudusia hieß (so besser mit dem Anonymos für Eutysia Prokops; vgl. Suppl.), und Tamatarcha oder Taman, das an Stelle des zerstörten Phanagoreia getreten war.