RE:Honorius 3
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| Flavius, Weströmischer Kaiser 393–423 n. Chr. | |||
| Band VIII,2 (1913) S. 2277–2291 | |||
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3) Flavius Honorius (Dessau 795. CIL IX 6027. X 6840. 6885. XIV 231), weströmischer Kaiser 393–428. Als jüngerer Sohn Theodosius des Großen und der Aelia Flaccilla (Bd. VI S. 2431) am 9_ Septembej384 geboren (Mommsen Chron. min.T 244. 461181. II 15, 10. 61. Soerat. V 12, 2, fälschlich in das J. 383 gesetzt Mommsen I 297), bekleidete er schon 386 als nobilissiinns puer das Consulat (CIL XIV 231)[1] und wiederholte diese Feier außerdem noch zwölfmal (394. 396. 398. 402. 404. 407. 409. 412. 415. 417. 418. 422). Nach dem Siege Ober den Usurpator Maximus wurde [2278] er aus Constantinopel herbeigerufen, um den Triumph, den sein Vater am 13. Juni 389 in Rom hielt, mitzumachen (Mommsen I 245. 298. II 62. Socrat. V 14. 3. Claud. de VI cons. Hon. 53–76. 424). Wahrscheinlich gedachte Theodosius schon damals, diesem Sohne den italischen Reichsteil zu hinterlassen, und wollte ihn bei dieser feierlichen Gelegenheit seinen künftigen Untertanen zeigen. Am 23. Januar 393 (bei So· 10 erat. V 25, 8 ist τῆ δέκατη τοῦ Ἰανουαρίου μηνός wohl diprch zu flüchtige Übersetzung aus X kl. Febr. entstanden, wie bei Mommsen I 298, 521 steht) wurde er am Hebdomon bei Constanti-nopel zum Augustus ausgeruîen (Philostorg. XI 2. Sozom. VII 24, 1. Mommsen I 298. 498. II 63. Claud. de IV cons. Hon. 169E.). Als Theodosius nach der Besiegung des Usurpators Eugenius schwer erkrankte, betrachtete er es als besondere Gnade Gottes, daß H. und dessen jüngere 20 Halbschwester Galla Placidia, die er aus Con-stantinopel zu sich berufen hatte, noch vor seinem Tode in Mailand eintrafen (Ambros, de obit. Theod. 34 = Migne L. 16, 1396. Rufin, h. e. XI 34. Socrat. V 26, 2. Sozom. VII 29, 4. Philostorg. XI 2. Claud. de III cons. Hon. 110* de VI cons. Hon. 90. Paulin. vit. Ambros. 32). Nachdem er sie in der Kirche der Hut des Bischofs Ambrosius übergeben hatte (Paulin. a. O.), starb er am 17. Januar 395, den westlichen Reiehsteil 30 dem zehnjährigen H. hinterlassend (Socrat. V 26, 4. VI 1, 1. Mommsen I 245; vgl. 246. 298. 463 II 16, 25. 64. Oros. VII 35. 23. II ἴο· dor. h. e. V 25).
395. Staatsrechtlich gab es für den römischen Kaiser keine Vormundschaft; war sie erforderlich, so wurde sie ohne formulierten Reehtstitel durch denjenigen ausgeübt, der beim Tode des vorhergehenden Herrschers als höchster Beamter oder nächster Anverwandter des Kaiserhauses die lei-40 tende Stellung an sich bringen konnte (M o m m-s e n Stilieho und .Manch. Gesammelte Schriften IV 516). Dies war bei H. der Halbbarbar Flavius Stilieho, Sohn eines Vandalen, aber vermählt mit Serena, der Nichte des Theodosius (s. S t i-1 i c h o). Auf Grund der Behauptung, daß ihm der sterbende Kaiser die Obhut seiner beiden Söhne übertragen habe, führte er nicht nur die Regierung des westlichen Reichsteils, sondern suchte auch die des östlichen an sich zu bringen. 50 Wie er zu diesem Zwecke gegen Alarich nach Thessalien zog, aber keinen andern Erfolg gewann, als die Ermordung seines Feindes Rufi-nus, ist schon o. Bd. II 8. 1139Π. erzählt worden. Unterdessen wurden von Mailand aus, wo der kaiserliche Knabe residierte, alle Privilegien der Kirche bestätigt (Cod. Theod. XVI 2, 29) und das Versprechen einer Steuererleichterung, das Theodosius in seinen letzten Lebenstagen gegeben hatte (Ambros, de obit. Theod. 5), durch seinen 60 Nachfolger erfüllt (Cod. Theod. XI 28, 2).
396. Der Kaiser trat sein drittes Consulat an (vgl. Paulin. vit. Ambros. 34), wobei ihm Claudius Clandianus als Gesandter des römischen Senats ein Gratulationsgedicht vortrug. Dadurch empfohlen, wurde der Dichter in der Stellung eines Notars (Dessau 2949«CIL VI 1710) an den Hof gefesselt und weihte seitdem seine Dienste dem stilieho. Dieser reiste nach Gallien}} [2279] und fuhr den Rhein bis zu seiner Mündung hinab, die Verträge mit dessen barbarischen Anwohnern erneuernd (Claud. de cons. Stil. I 188–231. II 188–189. 243. 286. III 13; de IV cons. Hon. 439–459; vgl. in Eutrop. I 377–383. 394. Über die Zeit vgl. Mommsen Gesammelte Schriften IV 522). Die Marcomannenkönigin Fritigil schickte Gesandte mit Geschenken an den Bischof Ambrosius von Mailand und bat ihn um Belehrung im Glauben. Nachdem er ihr brieflich eine Art von Katechismus überschickt hatte, bewog sie ihren Gatten, sich den Römern zu unterwerfen, und machte sich selbst auf den Weg, um den Heiligen in Mailand zu besuchen, langte aber erst nach seinem Tode (4. April 397) dort an (Paulin. vit. Ambros. 36).
397. Von dem Eunuchen Eutrop. der nach der Ermordung des Rufinus die Regierung des östlichen Reichsteil leitete (o. Bd. IIS. 1141), war Stilicho gebeten, den Plünderungen des Alarich in Griechenland entgegenzutreten (Claud. de IV cons. Hon. 460; vgl. in Eutrop. II 544. Vgl. Bd. I S. 1287, wo aber dieser Feldzug fälschlich in das J. 396 verlegt ist. Die richtige Zeitbestimmung Birt Claudii Claudiani carmina p. XXXI. Mommsen Gesammelte Schriften IV 522). Noch ehe der Winter ganz zu Ende war, setzte Stilicho sein Heer nach Korinth über (Claud. de cons. Stil. I 173–176; de IV cons. Hon. 461–465; de nupt. Hon. 178. Zosim. V 7, 1) und folgte den Goten nach Arkadien, wo sie eben damals plünderten (Claud. de bell. Poll. 514. 575; de IV cons. Hon. 467–470; de cons. Stil. I 185–187; in Rufin. II praef. 9–12). Da ihre Scharen von einer Seuche heimgesucht waren (Claud. de IV cons. Hon. 467), leisteten sie nur schwachen Widerstand und zogen sich nach einigen Verlusten auf das Pholoëgebirge zurück (Zo-sirn. V 7, 1; vgl. Claud. de IV cons. Hon. 479). Sie hier anzugreifen, konnte Stilicho sich nicht entschließen, hoffte aber, sie zu freiwilliger Ergebung zu veranlassen, indem er ihnen das Wasser abgrab (Claud. de IV cons. Hon. 479–483). Doch mit seinen zuchtlosen Truppen, die sich von der Plünderung des umliegenden Landes nicht zurückhalten ließen (Zosim. V 7, 2. Oros. VII 37, 2), vermochte er die Einschließung der Goten nicht durchzuführen. Sie brachen durch und retteten nicht nur sich selbst, sondern auch ihre reiche Beute nach Epirus hinüber (Zosim. V 7, 2. 26, 1. Claud. in Eutrop. II 215. Socrat. VII 10, 3). Stilicho kehrte nach Italien zurück ohne einen andern Erfolg, als daß seine Soldaten, was Alarich an Beute übrig gelassen hatte, ihrerseits fortschleppten (Zosim. V 7, 2. 3). Dies veranlaßte Eutrop. mit Stilicho zu brechen und die Unterwerfung Afrikas unter das Ostreich, die Gildo ihm anbot, anzunehmen. Über den Krieg, der infolgedessen ausbrach, s. o. Bd. VII S. 1361.
398. Im Winter vermählte Stilicho seine ältere Tochter Maria mit H., obgleich dieser das Alter der Pubertät noch nicht erreicht hatte (Birt p. XXXII). Im Frühling wurde Gildo durch seinen Bruder Mascizel besiegt und bald darauf hingerichtet. Seine Familie blieb erhalten (Hieron. epist. 79, 9 = Migne L. 22, 730), doch über viele seiner Anhänger erging ein hartes Strafgericht (Cod. Theod. VII 8, 7. IX 42, [2280] 19; vgl. Seeck Geschichte des Untergangs der antiken Welt III 356). Da Rom durch das Ausbleiben der afrikanischen Kornzufuhren schwer gelitten hatte, wurden die Beamten, die man dafür verantwortlich machen konnte, auf dem Forum dem Pöbel vorgeführt, um durch dessen Akklamationen abgeurteiit zu werden (Claud. de cons. Stil. III 99–119). Der siegreiche Feldherr Mascizel, in dem Stilicho einen Nebenbuhler fürchten mochte, wurde sehr bald auf sein Anstiften ermordet (Zosim. V 11, 4. 5. Oros. VII 36, 13). Durch die Konfiskation von dem ungeheuren Vermögen Gildos und seiner Werkzeuge (Cod. Theod. VII 8, 7. 9. IX 42, 16. 19. Not. dign. Occ. XII 5. Dessau 795) floßen dem Staatsschätze so große Summen zu, daß Stilicho das große Heer, das er gegen jenen aufgestellt hatte, leicht erhalten und durch neue Werbungen vermehren konnte (Claud. in Eutrop. I 382. 383). Durch die Furcht vor seiner Übermacht wurden auch die Rheingermanen im Zaum gehalten. Als der Frankenkönig Marcomeres Verdacht erregte, konnte man ihn nach Etrurien verbannen und durch einen andern Herrscher ersetzen. Sein Bruder Sunno, der ihn durch einen Krieg rächen wollte, fiel durch sein eigenes Volk (Claud. dew cons. Stil. I 237–245; in Eutrop. I 377-381, und Scoten bedroht, doch gelang es, ihre Einfälle siegreich abzuwehren und den Grenzschutz herzustellen (Claud. de cons. Stil. II 247–255; in Eutrop. I 392. 393). Die Zerstörung heid- 1 nischer Tempel wurde gesetzlich verfügt (Cod. I Theod. XVI 10, 15).
399. Der Gegensatz der beiden Reichsteile wurde dadurch öffentlich zum Ausdruck gebracht, daß das Consulat, das Eutrop im Orient bekleidete, im Occident nicht anerkannt wurde (Claud. in Eutrop. II 123–132; de cons. Stil. II 279–283, 295–304. 385. De Rossi Inscr. christ, urb. Rom. I p. 203ff.). Das Gesetz über die Zerstörung der Tempel wurde am 29. Januar widerrufen (Cod. Theod. XVI 10, 15; vgl. 19); doch muß die Nachricht davon zu spät nach Afrika gelangt sein, da es in Karthago am 19. März zur Ausführung kam (August. de civ. dei XVIII 54. Mommsen Chron. min. I 246). S Bald darauf aber machte sich eine heidnische S Reaktion geltend, die solche Macht gewann, daß gegen Ende des Jahres oder zu Anfang des folgenden sogar der Victoriaaltar, den Symmachus einst erfolglos verteidigt hatte (rel. 3), wieder im Senatslokal aufgestellt wurde (Claud. de cons. Stil. III 202–216. praef. 19; de VI cons. Hom S 597–602. 653). Barbarenhorden verschiedener S Nationalität baten um Ansiedlung im Reiche, die ihnen gewährt und durch ein Gesetz vom 5. April geregelt wurde (Cod. Theod. XIII 11, Λ 10). Die maurischen Stämme der Saturiani und 9 der Subafrenses plünderten in Afrika, wurden. B aber leicht besiegt (Cod. Theod. VII 19).
400. Auch nach dem Sturze des Entropium 9 der im vorhergehenden Sommer eingetreten war 3· (o. Bd. II S. 1146), dauert die Spannung zwischen S den beiden Beiehsteilen fort; denn auch als Sti- I licho in diesem Jahre das Consulat bekleidete, wurde sein orientalischer Miteonsul Anrelianus- w im Occident nicht anerkannt (o. Bd. II S. 2429). [2281] Ein großer Komet, der im März sichtbar wurde, rief abergläubische Unheilsahnungen hervor (So-crat. VI 6, 15. Sozom. VIII 4, 10. Philostorg. XI 7. Claud. bell. Poll. 243- 248. Ioh. Ant. frg. 190 = FUG IV 611. J. Williams Observations of cornets. London 1871, 30).
401. 402. Während das römische Heer die Vandalen, die in Raetien eingefallen waren, bekämpfen mußte (Claud. bell. Poll. 279. 415), durchzog Alarich am 18. November 401 die unbeschützten Alpenpässe und begann jenen Krieg, der o. Bd. I S. 1287f. erzählt ist. Er endete erst im folgenden Jahre. Die Gefahr, in welche die Goten den Hof in Mailand gebracht hatten, bewog H. nach dem festeren Ravenna überzusiedeln, wo er seit dem 6. Dezember 402 nachweisbar ist (Cod. Theod. VII 13, 15; vgl. Procop. bell. Vand. I 2, 9. Claud. de VI cons. Hon. 494).
404. H. feierte den Antritt seines sechsten Consulats in Rom, wobei ihm Claudian das Festgedicht vortrug. Wahrscheinlich wurden bei dieser Gelegenheit die Spiele gegeben, bei denen der orientalische Mönch Telemachios sich zwischen die kämpfenden Gladiatoren stürzte, um sie zu trennen, und dafür von dem erzürnten Volke gesteinigt wurde. Doch hatte dies die Folge, daß die Gladiatorenspiele für alle Zeit abgeschafft wurden (Theodor. h. e. V 26). - Bei dem Konflikt des Bischofs Theophilos von Alexandria und des Johannes Chrysostomos (o. Bd. VI S. 919) suchte jede der beiden Parteien die Autorität des Papstes Innocentius für sich zu gewinnen, und dieser verlangte, daß der Streit durch eine ökumenische Synode entschieden werde (Epist. imper. 38, 8. Sozom. VIII 26, 17. 18. Pallad. dial. 1–3 = Migne G. 47, 8. 12). Als Johannes verbannt wurde, ohne daß man auf diese Forderung Rücksicht nahm, trat der Papst brieflich mit ihm und seinen Anhängern in Kommunion (Sozom. VIII 26. Pallad. dial. 3), und Stilicho benutzte die Gelegenheit, um wieder in die Verhältnisse des östlichen Reichsteils einzugreifen. Er veranlaßt H., einen mißbilligenden und ermahnenden Brief an seinen Bruder zu schreiben, der bei O. Günther Epistulae imperatorum pontificum aliorum. Wien 1895 S. 85 abgedruckt ist. Die Antwort waren nur verschärfte Maßregeln gegen die Johanniten (Pallad. dial. 3 = Migne G. 47, 13. Sozom. VIII 22, 7. 24, 12), von denen viele nach Italien flohen und den Schutz des H. an-riefen (Pallad. dial. 1. 3. 19. 20 = Migne G. 47, 7. 13. 70. 71. Sozom. VIII 23, 4. 24, 11. 26, 11. 19). Als dieser im Verein mit seinen Bischöfen eine Gesandtschaft an Arcadius abschickte, wurde sie unterwegs schlecht behandelt, Monate lang aufgehalten und endlich, ohne zum Kaiser zu-gelangen, heimgesandt (Pallad. dial. 3. Sozom. VIII 28, 1. 2).
405. Diese Beleidigung erwiderte Stilicho dadurch, daß er, als er in diesem Jahre sein zweites Consulat bekleidete, seinen oströmischen Kollegen, den Praefecten Anthemius, der damals die Politik des Arcadius leitete, im Weltreich nicht als Coneuln anerkannte (Const. Sirm. 2. De Rosai Inscr. christ, urb. Romae I 587–540. 558). Dann stellte er die Behauptung auf, Theodosius habe Illyricum seinem jüngeren Sohne [2282] vererben, wollen, und fordert von Arcadias dessen Abtretung (Olymp. frg. 8 = FHG IV 58). Da sie verweigert wurde, trat er mit Alarich in Verbindung, der in dem streitigen Gebiete über die größte Kriegsmacht verfügte (Zosim. V 26, 2. 3). H. ernannte den Goten zum Magister Mi-litum (Sozom. VIII 25, 3. IX 4, 2), und alles war zum Angriff auf das Bruderreich vorbereitet, als gegen Ende des Jahres Radagais mit einer un-10 geheuren Horde gemischten Volkes, unter dem die Goten vorherrschten, in Italien einbrach und dadurch die Kräfte des westlichen Reichsteils einstweilen lähmte.
406. Nachdem Radagais seine Scharen in drei Heerhaufen geteilt hatte, belagerte er mit dem stärksten derselben Florenz. Mit Hilfe des Goten Sarus und des Hunnen Uldin, die er als Bundesgenossen gewonnen hatte, entsetzte Sti-licho die Stadt und drängte die Feinde auf den 20 Berg von Fiesoie zurück. Hier schloß er sie ein und zwang sie durch Hunger, sich im August auf Gnade und Ungnade zu ergeben (s. Rad a-g a i s u s). - Unterdessen war der Vandalenkönig Godigiselus aus den verwüsteten Donauländern ausgezogen, um in Gallien für sein Volk neue Wohnsitze zu suchen (o. Bd. VII S. 1552), wurde aber von den Franken besiegt und fiel mit 20 000 seiner Mannen selbst im Kampfe (Greg. Tur. II 9). Doch sein Sohn Gundericus, 30 der ihm in der Führung seines Volkes nachfogte, besiegte die Franken mit Unterstützung der Alanen des Königs Respendial und anderer Horden, vielleicht der beiden Heerhaufen, die sich vor der Belagerung von Florenz von Radagais getrennt hatten, und überschritt am 31. Dezember den Rhein (o. Bd. VII S. 1936).
407. Die Barbaren, die so in Gallien eingedrungen waren, eroberten Mainz, Worms, Straßburg, Reims und viele andere Städte und durch-40 zogen plündernd das Land bis zu den Pyrenäen (Oros. VII 40, 3. Salvian. de gub. dei VII 12, 50. Hieron. epist. 123, 16 = Migne L. 22, 1057). Doch Stilicho trat ihnen nicht entgegen, weil er nach dem Siege über Radagais seine Pläne auf Illyricum wieder aufgenommen hatte und dessen Eroberung für wichtiger hielt, als den Schutz Galliens. Er hatte Alarich angewiesen, mit seiner Kriegsmacht im Sommer nach Epirus zu ziehen (Sozom. VIII 25, 4. IX 50 4, 4. Zosim. V 26, 1. 29, 1. 5. 7. Philostorg. XII 2), wahrscheinlich um sich dort mit einem italischen Heere, das von Brundisium aus über das Meer setzen sollte, zu vereinigen, und die Goten hatten die Verabredung pünktlich eingehalten. Massenhaft flohen die Einwohner der bedrohten Landschaften nach dem scheinbar sicheren Italien, wo sie Stilicho wie Kriegsgefangene behandelte und als Sklaven oder Colonen an die Grundbesitzer verschenkte (Cod. Theod.X 10, 25). 60 Es wurde verboten, daß irgend ein Kaufmann oder Schiffer, der aus dem Orient kam, in den Häfen des Westens zugelassen werde, weil man in ihm einen Spion des feindlichen Reichsteile fürchtete (Cod. Theod. VII16,1). Den Gewinn IHy-ricums hielt man für so sicher, daß H. schon einen Praefecten für dieses Land ernannt hatte (Sozom. VII! 25, 8. IX 4, 3). Doch die üblenNachrichten aus Gallien verzögerten die EröffnungdesKrieges. Dann [2283] verbreitete sich das falsche Gerücht, Alarich sei gestorben, und verursachte ein weiteres Zaudern (Zosim. V 27, 2). So verging die Jahreszeit, die für die Schifiahrt auf der stürmischen Adria günstig war, ohne daß die Goten in Epirus den erwarteten Zuzug empfangen hätten, und als der Winter kam, empfing Stilicho aus Rom, wohin H. sich im Herbst begeben hatte (Const. Sirm. 7. Cod. Theod. XVI 2, 38. 5, 41. 43. 10, 19. XIV 4, 8. I 20, 1), die Nachricht, daß der 1 Thron selbst durch einen Usurpator bedroht war (Zosim. V 27, 2). Die Germanen waren von den Pyrenäen in die Gegend von Burdigala gezogen (Paulin. euchar. 239) und dann am Ocean nordwärts, so daß man fürchten konnte, sie würden auch nach Britannien übersetzen (Zosim. VI 3, 1). Denn die Piratenflotten der Sachsen, die an beiden Ufern des Kanals plünderten (Hieron. a. O. Mommsen Chron. min. I 654, 62), schienen ihnen die Möglichkeit der Überfahrt zu ge- S währen. Da die dortigen Truppen von H. keine Hilfe erwarten konnten, riefen sie einen gewissen Marcus zum Kaiser aus, erschlugen ihn aber schon nach kurzer Zeit. An seine Stelle trat Grat ί anus, um nach vier Monaten sein Schicksal zu teilen (Olymp. frg. 12 = FHG IV 59. Sozom. IX 11, 2. Zosim. VI 2, 1. 2. 3, 1. Oros. VII 40, 4. Mommsen Chron. min. I 523). Sein Nachfolger wurde der gemeine Soldat Constan-timis, der sich schnell Galliens bemächtigte, die Barbaren horden, die dort umherschweiften, schlug und zu Bündnissen zwang und Sarus, den Feldherrn des H., der gegen ihn ausgesehickt wurde, siegreich abwehite (o. Bd. IV S. 1028). Um die Gnade der Gottheit für sich zu gewinnen, erließ H. am 25. November ein Gesetz gegen die Ketzereien, das zugleich die Rechte des Heidentums nach Möglichkeit auszutilgen befahl (Const. Sirm. 12), und die sibyllinischen Orakel wurden verbrannt (Rutil. Namat. II 52–56).
408. Da Maria, die älteste Tochter Stiliehos und Gattin des H., vor kurzer Zeit gestorben war, heiratete dieser ihre jüngere Schwester Thermantia (Zosim. V 28. 34, 6. Olymp. frg. 2. Mommsen Chron. min. II 69, 408, 1. 71, 415. Philostorg. XII 2. Zonar. XIII 21 p. 39 c). Dies muß in Rom geschehen sein, wo der Kaiser sich bis gegen Mitte Mai aufhielt; denn liier erreichten ihn die ersten noch zweifelhaften Gerüchte vom Tode des Arcadius (Zosim. V 31, 1; vgl. Cod. Theod. XIV 4, 8. I 20, 1), der am 1. Mai eingetreten war (o. Bd. II S. 1153). - Die Usurpation Constantins hatte Stilicho verhindert, den Krieg zur Eroberung Hlyricums zu beginnen, und Alarich verlangte jetzt als Entschädigung für seinen vergeblichen Marsch nach Epirus die Summe von 4000 Plund Gold = S'/j Millionen Mark (Zosim. V 29, 5. 9. Olymp. frg. 5). Sein Heer hatte er nach Noricum geführt, aber um seiner Forderung Nachdruck zu geben, auch die Alpenpässe schon besetzt, die nach Italien führten (Zosim. V 29, 1–5. 30, 1. 31, 5. Sozom. IX 4, 4. Philostorg. XII 2). Sie wurde im römischen Senat zur Beratung gestellt und dort, obgleich sie auf heftigen Widerspruch stieß, durch Stiliehos Drängen zur Annahme gebracht (Zosim. V 29, 5–30, 1). Doeh die Schmach, die dieser durch seine Verbindung mit Alarich dem Reiche [2284] bereitet hatte, erschütterte auch seine Stellung beim Kaiser. Obgleich Stilicho ihn in Rom festzuhalten wünschte, damit er mit den Truppen nicht in persönliche Verbindung trete, bestand H. darauf, jenen nach Ravenna zu begleiten, und machte sich, nachdem er hier eine Revue abge-halteu hatte, nach Ticinum auf den Weg, wo sich das Heer sammelte, das gegen Constantin nach Gallien geschickt werden sollte (Zosim. V 30, .01-31, 1). Doch schon in Bologna empfing er die Bestätigung der Nachricht, daß Arcadius gestorben sei, und beabsichtigte jetzt nach Con-stantinopel zu reisen, um dort die Vormundschaft über seinen kleinen Neffen Theodosius II. zu übernehmen. Stilicho aber setzte es durch, daß ihm diese Sendung übertragen wurde (Zosim. V 31, Sozom. IX 4, 5. 6), Die Mißstimmung des Kaisers darüber benutzte der Höfling Olympius, der ihn auf der Reise nach Ticinum begleitete, 20 um bei ihm den Argwohn zu erwecken, Stilicho wolle seinen eigenen Sohn Eucherius zum Kaiser des Ostreiches machen (Zosim. V 32, 1. 2. Sozom. IX 4. 1. 7. Philostorg. XII 1. Olymp. frg. 2). 4m 13. August (Mommsen Chron.min.1300, 538) brach unter den Soldaten, die Olympius aufgereizt hatte, in Ticinum eine Empörung aus; die Stadt wurde geplündert und eine große Zahl von Beamten als Kreaturen des Stilichos umgebracht (Zosim. V 32, 3–7. Sozom. IX 4, 7. Oros. VII 50 38. 6). Als dieser in Bologna, wo er, die Reise nach Constantinopel vorbereitend, sich noch immer aufhielt, die Nachricht von dem Aufstande empfing, versammelte er die Führer der barbarischen Hilfstruppen zur Beratung. Denn den Römern des Heeres traute er nicht, weil die Reaktion gegen das Übergewicht des germanisch n Elementes, die damals im Ostreiche zur Herrschaft gelangt war (o. Bd. II S. 1151), sich auch schon in Italien geltend machte. Da man noch nicht wußte, ob nicht auch der Kaiser selbst bei dem Aufruhr umgekommen sei, beschloß man, falls dies eingetreten wäre, nach Ticinum zu marschieren und ihn an dem ganzen dortigen Heere fürchterlich zu rächen; andernfalls wollte man sich mit der Hinrichtung der Rädelsführer begnügen. Da erfuhr man, daß H. selbst sich auf die Seite der empörten Truppen gestellt habe, und Stilicho verlor den Mut. Statt nach Tici-num wollte er nach Ravenna gehen, wahrschein-50 lieh in der Hoffnung, daß die Gefahr, diese starke Festung belagern zu müssen, den Kaiser zum Einlenken veranlassen werde. Da er den Bitten der Barbarenführer, sich an ihre Spitze zu stellen, nicht nachgab, zerstreuten sie sich, um, wenn sie bedroht würden, zur Flucht bereit zu sein. Sarus überfiel bei Nacht das Lager der Hunnen, die Stilichos Leibwache bildeten, machte sie nieder und bemächtigte sich der Schatze und Kriegsmittel, die es enthielt, um so zu einem 60 Kampfe gegen H. besser gerüstet zu sein. In Ravenna wurde Stilicho bald darauf gefangen genbmmen (Zosim. V 31, 6. 33, 1–34) und am 22. August (Mommsen Chron. min. I 300, 539. Zosim. V 34, 7) hingerichtet (Zosim. a. O. Sozom. IX 4, 1. 8. Philostorg. XI 3. XII 1. Olymp. frg. 2. Mommsen I 300, 539. 652, 57; vgl. Cod. Theod. VII 16, 1. IX 42, 20–22. Const Sirm. 16). Sein Sohn Eucherius, der mit Galla Placi- [2285] dia, der Schwester des H., verlobt war, mußte bald darauf gleichfalls sterben, weil man behauptete, Stilicho habe ihn zum Kaiser machen wollen (o. Bd. VIS. 882). Thermantia wurde ihrer Mutter zurückgeschickt (Zosim. V 35, 3. 37, 5. 6.), gegen die Anhänger Stilichos eine lange Reihe grausamer Hochverratsprozesse eröffnet (Zosim. V 35, 2. 3. 37, 6. 44, 2. Oros. VII 38, 6) und das Vermögen aller, die unter seiner Herrschaft ein Amt bekleidet hatten, für die Staatskasse eingezogen (Zosim. V 35, 4. 5. 45, 3). Auch wurden alle Schenkungen fiskalischer Güter, die während dieser Zeit erfolgt waren, rückgängig gemacht (Cod. Theod. V 16, 31). Zugleich machte sich der Haß gegen die germanische Herrschaft, unter der das Reich so lange gelitten hatte, darin Luft, daß die römischen Soldaten über die Frauen und Kinder der barbarischen herfielen und sie alle umbrachten (Zosim. V 35, 5). Derselbe Bärbarenhaß machte sich auch am Hofe geltend und führte dazu, daß man die Verhandlungen mit Alarich abbrach, obgleich jetzt seine Forderungen viel bescheidener geworden waren. Die Folge war, daß er gegen Rom zog und es durch Hunger zwang, eine ungeheure Kontribution zu zahlen (o. Bd. IS. 1289). Unterdessen hatte Constantin III. seine Macht in Gallien befestigt und Spanien sich gleichfalls unterworfen. Die Verwandten des H., die Brüder Didymus und Verenianus, die sich gegen ihn erhoben, wurden besiegt, gefangen und bald darauf hingerichtet (o. Bd. IV S. 1029). Zum Magister Officiorum ernannt, beherrschte jetzt Olympius den Kaiser (Philostorg. XII 1. Olymp. frg. 8. Zosim. V 35, 1. Cod. Theod. XVI 5, 42), den er namentlich durch seine Frömmigkeit zu gewinnen wußte (Zosim. V 32, 1.36, 3. August. epiet. 96. 97 = Migne L. 33, 356). So eröffnete er denn auch seine Regierung mit einer Reihe von Gesetzen, welche die Macht der Bischöfe erhöhten (Cod. Theod. I 27, 2. XVI 2, 39 = Const. Sinn. 9), die Ketzer bekämpften (Cod. Theod. XVI 5, 44. Sirm. 14.) und alle, die sich nicht zur Religion des Kaisers bekannten, vom Hofdienst aussehlossen (Cod. Theod. XVI 5, 42; vgl. Zosim. V 46, 3).
409. Da Alarich, durch Nahrungsmangel bedrängt, sehr gern wieder zum Reiche in das Verhältnis eines Magister Militum treten wollte, das ihm in der Form eines Beamtengehaltes einen Tribut, seinen Goten die Kornverpflegung gesichert hätte, hatte er den römischen Senat veranlaßt, sich beim Kaiser für einen Friedensschluß zu verwenden (Zosim. V 42, 1. Sozom. IX 6, 7). Die Gesandtschaft, die zu diesem Zwecke nach Ravenna ging, schien anfangs Erfolg zn haben. Um Mitte Januar wurden ihre Führer Caecilianus und Attalus, der eine zum Praefecten von Italien, der andere zum Comes sacrarum largitionum ernannt (Zosim. V 44. Cod. Theod. IX 2, 5. 6. 31, 1. 36, 2. XI 8, 3. 39, 13. Cod. Inst. I 55, 8. Cod. Theod. IX 3, 7. 37, 4. 16, 12); wahrscheinlich wurde auch Olym-pius abgesetzt (Olymp. frg. 8). Doch bald darauf langte ein Gesandter Constantins III. in Ravenna an und erbat für diesen die Anerkennung des H. Dieser gewährte sie in der Hoffnung, dadurch die Unterstützung der gallischen Truppen gegen Alarich zu erlangen (o. Bd. IV S. 1029f.). Um [2286] dieselbe Zeit kamen auch dalmatische Truppen, die man für besonders tüchtig hielt, zu seiner Hilfe an (Zosim. V 45, 1). Endlich hatte H. schon gleich nach dem Blutbade von Ticinum das freundliche Verhältnis zu dem östlichen Reichsteil hergestellt und erwartete auch von dort Hilfstruppen (Zosim. VI 8, 2; vgl. Cod. Theod. VII 16, 1). Diese Hoffnungen scheinen H. veranlaßt zu haben, die Verhandlungen mit Alarich abzubrechen (Zosim. V 44, 2. 45, 4, Sozom. IX 7, 1). Caecilian wurde schon vor dem April als Praefect durch lovius ersetzt (Cod. Theod. II 8, 25. XVI 8, 19), und Olympius gelangte wieder zur Macht, die er sogleich benutzte, um ein paar Freunden des Stilicho, die seinen Verfolgungen noch entgangen waren, den Prozeß zu machen (Zosim. V 44, 2). Attalus wurde unter Bedeckung von 6000 Mann jener dalmatischen Truppen nach Rom geschickt, um dort die Einziehung 20 der konfiszierten Vermögen zu beschleunigen und so Geld für den Krieg zu beschaffen. Doch unterwegs überfielen ihn die Goten und nahmen fast die ganze Schar gefangen; kaum hundert, darunter Attalus selbst, vermochten sich zu retten (Zosim. V 45, 1–4). Der Bischof von Rom: Inuo-centius, ging nach Ravenna, um im Auftrage des Senats den Kaiser zum Frieden zu überreden; doch ein kleiner Erfolg, den dessen Heere um diese Zeit errangen, bestärkte ihn wieder in seiner Hartnäckigkeit (Zosim. V 45, 5. Sozom. IX 7, 1; vgl. Oros. VII 39, 2). Alarich hatte seinen Schwager Athaulf, der mit einer Horde von Goten und Hunnen in Pannonien zurückgeblieben war, zu seiner Verstärkung nach Italien berufen (o. Bd. II S. 1939). Als H. von dessen Anmarsch erfuhr, wollte er ihn vor der Vereinigung mit Alarich angreifen und zog zu diesem Zwecke seine Truppen bei Ravenna zusammen. Doch ehe der Plan ausgeführt werden konnte, überfiel 40 Olympius mit 300 Hunnen den Athaulf und brachte ihm schwere Verluste bei, warnte ihn aber auch zugleich, so daß er sich der Umklammerung durch das weit überlegene Heer des Kaisers entziehen und glücklich zu seinem Schwager stoßen konnte (Zosim. V 45, 5. 6). Dies scheint es gewesen zu sein, was die Hofeunuchen benutzten, um die zweite Absetzung des Olympius zu erwirken. Er floh nach Dalmatien, wurde aber später ergriffen und totgeprügelt (Zosim. V 46, 501. Olymp. frg, 8. Philostorg. XII J). Der Sieg der Hunnen hatte aber auch die Folge, daß die national-römische Begeisterung, die seit dem Tode Stilichos am Hofe geherrscht hatte, einer größeren Würdigung der Barbaren wich. Bei dem Beamtenwechsel, den der Sturz des Olym-pius zur Folge hatte, wurde ein Gaiso Comes sacrarum largitionum (Cod. Inst. IV 61, 12), ein AUobichus Comes domesticorum equitum (Zosim. V 47, 1), ein Generidus Befehlshaber von Dalmatien. Dieser war sogar Heide und vermochte es durchzusetzen, daß ein Toleranzgesetz erlassen wurde, das H. freilich schon im folgenden Jahre wieder aufhob (Cod. Theod. XVI 5, 51 mit der Anmerkung Gothofreds. Zosim. V 46). Bald darauf stifteten AHobich und der Praefect lovius einen Soldatenkrawall an, durch den auch noch die letzten antigermanisehen Beamten gestürzt wurden (Zosim. V 47) und AHobich die Stellung des [2287] Magister equitum gewann (Zosim. V 48, 1). Die Verhandlungen mit den Goten kamen wieder in Fluß, scheiterten aber durch einen Briet des Kaisers, der für Alarich beleidigend war und ihm durch eine Unvorsichtigkeit des lovius bekannt wurde. Um die Strafe von sich abzuwen-den, veranlaßte dieser H. und seinen ganzen Hof zu dem Eide, niemals mit Alarich Frieden zu schließen (Zosim. V 48 - VI 1. Sozom. IX 7–8, 1). Als dieser seinen Zorn bereute und wieder Unterhandlungen anzuknüpfen suchte, wurden sie zurückgewiesen (Sozom. IX 8, 1. Zosim. VI 6, 1; vgl. Oros. VII 38, 2). Er beschloß daher, sich einen fügsameren Kaiser zu schaffen, zog gegen Rom und zwang den Senat durch Abschneiden der Kornzufuhren, den Priscus Attalus mit dem Purpur zu bekleiden (o. Bd. II S. 2177). - In Spanien erhob sich Gerontius gegen Constantin III. und ließ den Maximus zum Kaiser ausrufen. Die germanischen Horden, die in Gallien geplündert hatten, bemächtigten sich der Pyrenäenpässe und drangen im Herbst auch in Spanien ein (o. Bd. VII S. 1270. 1936).
410. Um die Kornprovinz, auf der die Ernährung Roms und der italischen Heere beruhte, nicht den Barbaren preiszugeben, konnte Attalus sich nicht entschließen, dem Alarich die Eroberung Afrikas zu übertragen, sondern vertraute einer heidnischen Weissagung, nach der jenes Land ohne Waffengewalt in seine Hände fallen sollte. Während Constans, den er als Comes dorthin schickte, Afrika zu gewinnen trachtete, aber von Heraclianus, der dort befehligte, gefangen und getötet wurde (o. Bd. VIII S. 406), zog Attalus mit dem Heere des Alarich gegen Ravenna und versetzte H. in solche Angst, daß er sich bereit erklärte, den Gegenkaiser als Mitregenten anzuerkennen. Da seine Abdankung gefordert wurde, machte er sich schon bereit, nach Constantinopel zu entfliehen, als die Ankunft einer Hilfstruppe aus dem Orient ihm wieder Mut machte und ihn zum Ausharren veranlaßte. Die Nachrichten aus Afrika und das Zurückhalten der Kornzufuhren durch Heraclianus, das nicht nur in Rom, sondern auch im Gotenlager Hungersnot hervorrief, veranlaßte Alarich, die Belagerung von Ravenna aufzuheben, und da Attalus auch später darauf beharrte, keine gotischen Truppen nach Afrika zu senden, setzte er ihn im Sommer ab und suchte wieder Frieden mit H. (o. Bd. II S. 2178). Aber wieder scheiterten die Unterhandlungen, und jetzt zog Alarich gegen Rom, drang am 24. August in die Mauern ein und plünderte die Stadt. Dann führte er sein Heer nach Süditalien, um von dort aus Afrika zu gewinnen, scheiterte aber schon an dem Übergänge nach Sizilien und starb bald darauf an einer Krankheit (o. Bd. I S. 1290). Unterdessen hatte H. sich auch des Allobich durch Mord entledigt (o. Bd. I S. 1587), und Constantin III., den dieser nach Italien berufen hatte, kehrte auf die Nachricht davon nach Gallien zurück, wo ihn bald sein Schicksal ereilen sollte (o. Bd. IV S. 1031).
411. Die Feldherrn des H., Constantius und Ulfllas, bewogen die Truppen des Gerontius in Gallien, su ihnen überxugehen, und zwangen Constantin III. nach langer Belagerung in Arles zur Übergabe, der seine Hinrichtung sehr bald [2288] folgte. In Spanien wurde Gerontius durch seine eigenen Soldaten zum Selbstmorde veranlaßt (o. Bd. IV S. 1031. VII 1270). Doch noch ehe Arles fiel, wurde in Germania inferior der vornehme Gallier lovinus zum Kaiser ausgerufen und zog mit einem großen Heer, das aus Burgundern, Alamannen, Franken und Alanen gebildet war, in das südliche Gallien (Friger. bei Greg. Tur. II 9. Olymp. frg. 17. Oros. VII 42, 6. Mommsen Chron. min. I 523, 79. 654, 68. II 18, 51. Apoll. Sid. epist. V 9, 1. Philostorg. XII 6). Die Feldherren des H. scheinen sich nach Italien zurückgezogen zu haben, da Münzen des lovinus mit dem Prägezeichen von Arles (AR) verbanden sind, er sich also jedenfalls dieser Stadt bemächtigt hat (Cohen Médailles impériales VIII 202, 1). In Spanien teilten die eingedrungenen Barbaren das Land derart unter sich, daß ein Teil der Vandalen Gallaecien besiedelte, die Sueben den Westen bis zum Ocean, die Alanen Lusitanien und die karthaginiensische Provinz, die silingischen Vandalen Baetica (Mommsen II 18, 49).
412. Athaulf, der Nachfolger des Alarich, der bisher in Italien umhergezogen war, trat mit lovinus in Verbindung und führte seine Goten nach Gallien. Doch bald entzweiten sie sich wieder (o. Bd. II S. 1940), wozu namentlich beitrug, daß lovinus gegen den Willen Athaulfs seinen Bruder Sebastianus zum Augustus und 30 Mitregenten erhob (Olymp. frg. 19. Oros. VII 42, 6. Philostorg. XII 6. Mommsen Chron. min. I 300. 467, 1251. 523, 79. 630. II 18, 51. 71. Cohen Médailles impériales VIII 203).
413. Durch Vermittlung des Praefecten Dardanus schloß Athaulf einen Vertrag mit H., was den Untergang der gallischen Usurpatoren herbeiführte (o. Bd. II S. 1940. IV 8. 2180). Der Comes Africae Heraclianus erhob sich gegen den Kaiser und landete mit einer großen Flotte in 40 Italien, wurde aber besiegt und bald darauf getötet (o. Bd« VIII 8. 406). Trier wurde von den Franken geplündert und in Brand gesteckt (Friger. bei Greg. Tur. II 9), die rheinischen Provinzen von den Burgundern in Besitz genommen (Mommsen Chron. min. I 467, 1250). Mit Athaulf kam es zu neuen Zwistigkeiten. Die Halbschwester des H. Galla Placidia hatte in Rom gewohnt, als Alarich es eroberte (Zosim. V 38, 1), und war von ihm als Gefangene fortge-50 fuhrt worden (Olymp. frg. 3. Oros. VII 40, 2. Mommsen Chron. min. I 468, 1259. II 17, 44. 70. Zonar. XIII 21 p. 39 c; vgl. Zosim. VI 12, 3). Athaulf hatte versprochen, sie auszulie-fern, wollte aber vorher die Kornlieferungen, die ihm in dem Vertrage mit H. versprochen waren, abwarten. Diese aber verzögerten sich, wahrscheinlich weil der Krieg mit Heraclian das Ein-, laufen der afrikanischen Kornsteuern verhindert hatte (Olymp. frg. 20. 21). Da plünderten die Goten Burdigala, wo Constantius sie einquartiert hatte (Paulin. euchar. 285–290), und zogen wieder gegen Italien heran. Unterwegs nahmen sie im Herbst Narbo (Mommsen Chron. min. II 18, 55) und griffen Massilia an, wobei Athaulf durch den jungen Bonifatius schwer verwundet wurde (Olymp. frg. 21; vgh o. Bd. III 8. 698). Dies wird die Veranlassung gewesen sein, warum er den Marsch nach Italien aufgab und wieder [2289] mit H. in Unterhandlung trat. Doch stellte er jetzt für die Auslieferung der Placidia immer schwerere Bedingungen, weil er den Plan gefaßt hatte, sie selbst zu heiraten und dadurch zu dem Kaiserhause in verwandtschaftliche Verbindung zu treten (Olymp. frg. 22).
414. Nachdem H. seine Einwilligung gegeben hatte, fand im Januar die Hochzeit mit großem Prunke zu Narbo statt (Olymp. frg. 24. Mommsen Chron. min. II 18, 57. 70, 410. I 468, 1259. 496. 654, 77. Oros. VII 40, 2. 43, 2. Philostorg. XII 4). Den Goten wurde Aquitanien zur Ansiedlung zugewiesen; aber da eine arge Hungersnot in Gallien herrschte (Motmmsen 1654, 72. 73), konnte Athaulf sich damit nicht begnügen, sondern mußte nach wie vor verlangen, daß seine Horden durch afrikanisches Korn ernährt würden. Dieses aber scheint H. selbst nicht in genügender Menge zu Gebote gestanden zu haben, weil Afrika durch die Erpressungen des Heraclianus tief erschöpft war und großer Schonung bedurfte, um wieder zu Kräften zu kommen (Gesetze zur Hebung Afrikas Cod. Theod. VI 29, 11. VII 4, 33. 8, 12. XI 28, 8). Dadurch verfeindete sich Athaulf mit seinem neuen Schwager und erhob den Attalus zum zweitenmal zum Gegenkaiser (o. Bd.II S. 2179). So brach der Krieg gegen II. wieder aus; Tolosa wurde von den Goten erobert (Rutil. Namat. I 496) und Burdigala, obgleich es sie ohne Widerstand aufgenommen hatte, geplündert und verbrannt (Paulin. euchar. 309–327). Ala-nische Horden schloßen sich ihnen an, und da in Trier Münzen des Attalus geprägt sind (o. Bd. II S. 2179), scheinen auch die Franken mit ihnen in Verbindung getreten zu sein. Doch bei der Belagerung von Vasates fielen die Alanen, durch Paulinus bewogen, von Athaulf ab (Paulin. euchar. 331–395), und Constantius besetzte den Hafen von Arelate, der den ganzen Seeverkehr des südlichen Gallien beherrschte, und verhinderte so jede Kornzufuhr in das Gotenlager (Oros. VII 43, 1; vgl. Haenel Corpus legum 238).
415. Durch Nahrungsmangel gezwungen, ging Athaulf nach Spanien, wo er im Sommer zu Barcino ermordet wurde (o. Bd. II S. 1941). An seiner Stelle wählten die Goten Segerich, den Bruder des Sarus, zum König; aber da auch er den Frieden mit den Römern suchte, wurde er schon am siebenten Tage umgebracht (Oros. VII 43, 9. 10. Olymp. frg. 26. Iord. Get. 31, 163. Mommsen Chron. min. III 465, wo regnavil dies VII statt annos VII zu schreiben ist). An seine Stelle trat Valia (Olymp. frg. 26. Oros. VII 43, 10. Iord. Get. 32, 164. Mommsen I 468, 1257. II 19, 60. 276. III 465). Da auch in Spanien eine Hungersnot ausgebrochen war (Olymp. frg. 29. 30), versuchte er einen Teil seiner Mannen nach Afrika überzusetzen; doch in der Meerenge zerstörte ein Sturm ihre Fahrzeuge, so daß alle zu Grunde gingen (Oros. VII 43, 11. Iord. Get. 33, 173).
416. Ein Angriff der Goten auf Gallien wurde durch Constantius abgewehrt (Mommsen I 656, 78). Als daher Valia 600 000 Modii Weisen gegen die Auslieferung der Placidia angeboten wurden, nahm er dies mit Freuden an (Olymp. frg. 31. Oros. VII 43, 12. Iord. Get. 32, [2290] 165. Philostorg. XII 4. Mommsen I 468, 1259. II 71, 414). Ein Vertrag kam zustande durch den er den Römern Kriegshilfe zusagte (Oros. VII 43, 10. 13. Iord. Get. 32, 165. Momm-sen II 19, 60) und dafür regelmäßige Kornlieferungen erhielt (Philostorg. XII 4). Des Schutzes der Goten beraubt, fiel Attalus dem Constantius in die Hände und wurde dem H. zugeschickt, um den Triumph, den dieser in Rom 10 feierte (Mommsen H 78; falsch datiert I 468, 1263; vgl. Philostorg. XII 5), zu verherrlichen und dann nach Lipara in die Verbannung geschickt zu werden (o. Bd. IIS. 2179). Obgleich die Völkerschaften, die in Spanien eingedrungen waren, alle den Frieden mit den Romern suchten (Oros. VII 43, 14), bekämpfte sie Valia doch als Beauftragter des Kaisers (Mommsen II 19. 60. 63).
417. Am 1. Januar feierte Constantius den 20 Antritt seines zweiten Consulats und zugleich seine Hochzeit mit Placidia (o. Bd. IV S. 1101). Bald darauf muß er zur Unterstützung des Valia nach Spanien gezogen sein, da er sich hier durch List des Vandalenkönigs Fredbal bemächtigte und ihn als Gefangenen nach Ravenna schickte (Mommsen II 19, 62a).
418. In Spanien wurden durch Valia die silingischen Vandalen ganz ausgerottet; die Alanen erlitten eine vernichtende Niederlage, bei der 30 ihr König Addai fiel. Das Volk verzweifelte daran, seine Selbständigkeit aufrecht zu erhalten, und vereinigte sich mit den Vandalen des Königs Gunderich (Mommsen II 19, 67. 68. Apoll. Sid. carm. II 363–365. Iord. Get. 33, 173; vgl. o. Bd. VII S. 1936). Die Verwaltung Spaniens wurde wieder durch die römische Regierung übernommen, und ein Comes und ein Vicar hierhergeschickt (Mommsen II 20, 74). Die Goten wurden wieder nach Gallien zurückgeführt und 40 ihnen das Gebiet von Tolosa bis zum Ocean, in erster Linie die Provinz Aquitanica secunda zur Ansiedlung überwiesen (Mommsen I 469, 1271. II 19, 69. Paulin. euchar. 502. Iord. Get. 38, 173). Hier starb Valia, und Theodorich wurde an seiner Stelle von den Goten zu ihrem Könige gewählt (s. Vali a). In Spanien wurde, wahrscheinlich durch die Vandalen, Maximus zum zweitenmal zum Gegenkaiser ausgerufen (Mommsen I 656, 85. Das Jahr ist bestimmt durch 50 einen Kometen, der am 15. September 418 erschienen ist. J. Williams Observations of cornets. London 1891, 31). Ende Dezember starb Zosimus, Bischof von Rom (L. Duchesne Le Liber pontificalis I 226).
419. In Rom erhoben zwei Parteien des Klerus, die eine den Eulalius, die andere den Bonifatius auf den Bischofsthron, und es begannen jene Krawalle, wie sie bei solchen Gelegenheiten üblich waren. Durch den Kaiser ließ Constantius 60 verfügen, daß einstweilen beide Kandidaten sich der Stadt fernhalten sollten, und berief ein Concil zur Entscheidung ihres Streites. Als aber kurz vor dem Osterfest Eulalius ohne Erlaubnis nach Rom zurückkehrte und dort neuen Aufruhr erregte, wurde das Concil abgesagt, und H. bestimmte ans eigener Machtvollkommenheit, daß Bonifatius als rechtmäßiger Papst zu gelten habe (O. Günther Epistulae impexatcrum I 59ff.). [2291] In Spanien besiegte Gunderieh die Sueben (o. Bd. VII S. 1937).
420. Durch Asterius, den Comes Hispaniarum, bewogen, verzichteten die Vandalen auf die Vernichtung der Sueben und siedelten aus dem nördlichen Spanien in das südliche über (Mommsen II 20, 74).
421. Am 8. Februar wurde Constantius zum Augustus und Mitregenten erhoben, seine Gattin Placidia erhielt den Titel Augusta, sein kleiner Sohn Valentinian den Titel nobilissimus puer (Olymp. frg. 34). Doch wollte Theodosius II. ibn nicht anerkennen, und ein Zerwürfnis zwischen den beiden Reichsteilen wurde nur dadurch vermieden, daß Constantius schon am 2. September starb (o. Bd. IV S. UOlf.). Der Comes Domesticorum Castinus unternahm einen Feldzug gegen die Franken (Greg. Tur. II 9). In Spanien fiel der Usurpator Maximus den Feldherren des H. in die Hände.
422. Am 23. Januar feierte H. in Ravenna seine Tricennalien, wobei Maximus in Fesseln zur Schau gestellt und dann hingerichtet wurde (Mommsen I 656, 89. II 75, 422, 2). Castinus erlitt durch die Vandalen in Spanien eine schwere Niederlage (MommsenI 469, 1278. II 20, 77. Salv. de gub. dei VII11,45; vgl.o.Bd. IIIS. 1762). Bonifatius bemächtigte sich Afrikas (o. Bd. III S. 698).
423. Die Liebe, mit der H. seine Schwester nach dem Tode ihres Gatten in fast unanständiger Weise verfolgt hatte, verwandelte sich in offenen Haß. Da ein Teil des Heeres, namentlich die Goten, für Placidia Partei nahmen, kam es in Ravenna wiederholt zu Straßenkämpfen (Olymp. frg. 40), bis H. die Placidia nach Rom verbannte (Mommsen 1658, 90). Von dort floh sie mit ihren beiden Kindern nach Constantinopel (MommsenI 470, 1280. II 155, 1205. Olymp. frg. 40. Philostorg. XII 13). Am 15. August starb H. an der Wassersucht (Socrat. VII 22, 20. Theo-phan. 5915. Olymp. frg. 41, der den 27. August nennt. Philostorg. XII 13. Zonar. XIII 21 p. 40a). - Lenain de Tillemont Histoire des empereurs V. E. Gibbon The history of the décliné and fall of the Roman empire V. E. v. Wietersheim Geschichte der Völkerwanderung II². T. Hodgkin Italy and her in-vaders 12. O. Seeck Geschichte des Untergangs der antiken Welt V. VI.